Ausgabe 
24.12.1907
 
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ginnen. AVer die Welt mit ihren vielen gegeneinander streitenden materiellen und geistigen Interessen nahm den Kampf auf gegen die Lehre des Heils. Sie wollte nichts wissen von jener besseren, glücklicheren Zeit. Sie verfolgte Und verspottete den Träger der frohen Botschaft. Sie schlug ihn ans Kreitz. Die Mächtigen dieser Erde sahen kein Heil für sich in dieser neuen seelenerhebenden Macht, Tod und Verzweiflung, Verfolgung und Mißhandlung be­zeichnen den langen düsteren Weg, der allen bereitet wurde, die sich zu der Religion der Liebe bekannten. Das Wort, daß die Menschen Brüder seien, daß es ihre Bestimmung sei, sich nicht zu befehden, sondern einander zu lieben, es ward wohl vernommen, aber es ward nicht befolgt, und wenn wir heute das Weihnachtsfest feiern, des wollen wir -och alle eingedenk sein, daß wir noch weit, sehr weit von jenem glücklichen Zustande entfernt sind, der vor mehr als 1900 Jahren in Bethlehem als neue himmlische Bot­schaft verkündet wurde, ja, daß wir weit von diesem Zu­stande heute entfernt find, !vo Christi Lehre in sich scharf befehdende Konfessionen gespalten, wo ein totes Schein- Und Form-Christentum an die Stelle lebendig sprudelnder religiöser Ueberzeugung getreten, und wo ein unschöner Kampf um die Macht über die Seelen entbrannt ist, der mit wahrer Religion nichts nrehr als den Namen gemein hat.

Recht hat der Prophet des Alten Testamentes Jeremias in seiner Einschätzung der menschlichen Natur, wenn er K:Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, kann es ergründen?" Die Leidenschaft regiert noch immer auf dieser Erde. Sie bestinimt noch ebenso wie zu -en Zeiten unserer ältesten Vorfahren unsere Handlungen und Entschließungen. Sie schmiedet Sklavenketten um unsere Arme. Sie hält uns, mögen wir auch mit festem Blick die Wahrheit und Größe der herrlichen Idee erkannt haben, die uns allein befreien kann, wie mit ehernen Ketten <nt dem Boden fest, auf dem wir wurzeln, und macht uns, oft zu eigenem Verdruß, unfähig, das als schön, gerecht und wahr Erkannte um seiner selbst willen zu realisieren. Wo ist das Volk, das von sich sagen könnte, es lebe entsprechend den Worten des Heilandes, der die Welt von allem Uebel erlösen wollte? Wo ist die Gesell- K, die sich des rühmen dürfte? Wo ist der einzelne ch, der nichttrotzig oder verzagt" den Geboten der Heilsbotschaft vielfach widerspräche? Alle menschlichen Ein­richtungen, jeder noch so unantastbare sittliche Areopag hat sich auf die Dauer zur Verwirklichung des Zustandes der Heilsbotschaft nicht als genügend erwiesen, und immer wieder sind denen, welche der Leidenschaft, der Selbstsucht, der Habgier, dem Chauvinismus, dem Herrschaftsgelüste einen Damm errichten wollten, infolge menschlicher Schwach­heit die Zügel aus der Hand entglitten. Die Not des täg­lichen Lebens war mächtiger als jedes ethische Gebot. Die große materielle Frage, die sogenannte soziale Frage ist ssine für die Menschheit ewige Frage, die mit jeder neuen Generation von neuem auftaucht, in jedem Volke, in jeder Berufsschicht verschiedene, aber dauernde Formen gewinnt, Und die Aufgabe der Menschheit besteht zunächst darin, Mit deut Riesen, der sich soziales Elend nennt, zu ringen, Mn den Menschen, wenn sie der täglichen nie rastenden, ihre ganze Empfindung absorbierenden Sorge um ihre ma­terielle Existenz sich entledigt haben, Ramn und Lnft zu schaffen, an der Veredelung ihres Innenlebens zu arbeiten.

Das ist das Wesen des neuen Bundes) daß alle Menschen in den großen Bund ausgenommen werden sollen, alle Menschen ohne Unterschied des Standes, die Besitzenden Und die Minen zugleich. Sie alle soll die gleiche Liebe nm- sasscn. Sie alle sind mitberufen. Niemand hat ein Anrecht daraus, mehr zu gelten als ein anderer. Fürwahr, es liegt «ine gewaltige sittliche Kraft in dieser Lehre des Heils; sie drängt die Nationen aus die Bahn dessen, was Bis- inarck unter Praktischem Christentum als die Aufgabe des sozialen Staates bezeichnete, als er seine sozialreforma­torische Gesetzgebung großen Stils im Reichstage einführte; Und sie wird die Nationen weitersührcn, wie der leuchtende Stern jene Weisen aus dem Morgenlande geleitet hat, - sie den Weg finden zu dem wahren Heile der Völker Und der gesamten Menschheit.

Das Weihnachtsfest ist in der Form, in der es bei Uns geleiert wird, das schöne Fest der deutschen Fa- wilie. Wenn der Lichtzauber des Tannenbaumes entzündet wird, und Bei der strahlenden Fülle, die durch das Zimmer flutet, tausend fröhliche Hoffnungen in Erfüllung gehen,

die der traute Kreis der Lieben heimlich gehegt und ge­pflegt hat, dann zieht das Glück in die Familie ein und alles jubelt auf in dem beseligenden Bewußtsein, einander wohlgetan zu haben, einander zu lieben. Aber aus einem schönen Fest der Familie werde das Weihnachtsfest, das Geburtsfest des Heilands, das schöne Fest der Liebe, zu­gleich ein Geburtsfest der Völkerliebe, der Bruderliebe der Menschheit. Möge der Samen der Eintracht, der seit Jahrhunderten auf felsigem Boden ruhte und nicht Wurzel zu fassen vermocht hat, lebendige Kraft entfalten in dem Leben der Völker, in den Neigungen aller, die Einfluß ausüben auf äußeres und inneres Volkstum. Möge der friedliche Lichterglanz des Weihnachtsbaumes ein leuchteri- des Panier werden für die Erringung einer schöneren, glücklicheren und besseren Zukunft, und mögen all die Schranken, all die Hemmungen und Hindernisse, die jetzt noch das Verständnis von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk erschweren, immer mehr fallen und schwinden, damit wir vorwärts kommen auf der Bahn, die uns gewiesen ist, damit Einhalt geboten wird den vielen Nöten dieser Welt, in der das menschliche Herz sich nicht zurechtfindet, und ein Zustand auf Erden erreicht werde, überqnellend an innerem Glück und reiner menschlicher Freude.

vermife-ts».

* S a n f t e Sitten i m B a l l s a a l. Die Gesichter der Tanzlehrer verklären sich, Mütter atmen erleichtert auf und Friede, Ruhe, Sanftmut herrscht wieder im Ballsaal. Vorbei sind die Zeiten, da selbst in den feinsten Kreisen die Paare sich im tollsten Wirbel drehten, da das brutale Stampfen des Cake-Walks und die frivolen Gliedcrverrenkungen des Mat- chiche das ästhetische Gefühl aufs empfindlichste verletzten. Zurück kehren die verschwundenen, ersehnten Sitten einer schöneren Epoche, da die Paare so zierlich im anmutigen Menuettschritt, zur stilvoll eleganten Gavotte antraten, in Pavane nnd Lancier eine seelische Schönheit der Haltung entfalten konnten. Die Tanzlehrer Englands vor allem haben sich darüber geäußert, daß sie nun paradiesische Zu­stände iin Tanzsaal voraussehen und daß die alte Kultur, das anmutige Spiel harmonisch geschlungener Figuren Me I echte Tauzesfreude wieder erwecken werde Neben dem Walzer können Lanciers und Quadrillen als die beliebtesten Tänze dieser Saison gelten. Auch das so lange gemiedene Menuett taucht wieder «nf und ivird mehr und mehr geübt.

* Tas kleinste Kin d der Welt. Unser Bericht­erstatter aus Chicago schreibt uns: Bor einiger Zeit wurde hier ein vollständig gesundes, normal entwickeltes Kind ge­boren, das wahrscheinlich eins der kleinsten Babys der Welt ist. Der Vater, ein Chicagoer Zivilingenieur, un8 die Mutter, die auf den Baby-Ausstellungen als Kind vielfach Preise erhielt und auch jetzt noch als Schönheit gilt, sind vollkommen normal entwickelte Menschen. Das Miniatur-Baby wog bei bei1- Geburt wenig mehr als ein Pfund, seine Länge betrug zirka 30 Zentimeter und die wohl- entwickelten Glieder waren so puppenhaft klein, daß die Mutter ihren Trauring bequem über das Fäustchen streifen konnte.

* Der Rom an der Ex s ult a n i n. Aus Paris wird uns berichtet: Die Zeitungen brachten die lakonische Notiz, daß die frühere Sultanin der Moheli beim Kolonialminister um eine Audienz uachgesucht habe. Hinter diesem kurzen Worte birgt sich eine romantische Geschichte; Prinzessin! Salima könnte heute noch als Sultanin ihre Stainmes- genossen beherrschen, wenn sie nicht die schlimme Liebe ihrem Fürstentum aus freiem Willen vorgezogen hätte. Ns die Franzosen vor nunmehr 21 Jahren das Protektorat Über die Comoren übernahmen, gab es auf der Insel Moheli eines Tages eine große Aufregung: die Franzosen führten die kleine Sultanin Salima aus ihrem Heimatlande. Zit­ternd, in ihre weißen Seidenschleier gehüllt, folgte das Kind den Fremden auf das große Schiff. Man führte sie nach Reunion, in eine französische Klosterschule. Dort sollte sie erzogen werden, um dereinst als aufgeklärte Herrscherin in ihr Heimatland zurückzukehren und wieder den Thron zu besteigen. Aber Salima hat Moheli nie wiedergefehen. In Clery, einem kleinen franz. Landstädtchen, der jetzigen Residenz der einstigen Sultanin, hat ein französischer Journalist, Mad. Paule ausgesucht; denn so heißt sie jetzt,