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mit „Hier!" geantwortet tou.be. Es war nun ein Bild für Götter, als der betreffende Jüngling mit einem verlegenen „Hier!" seinem Versteck entstieg.
Ich hatte ein kleines Gedicht auf Benno verfaßt, das unglücklicherweise abgefaßt wurde. Mit einer Stunde Arrest kam ich noch davon. Als ich aber eine Woche später während der Pause einen derben Scherz mir leistete, bekam ich wegen dieser zwei Fälle das concilium abeundi und in meinem Zeugnis einen Tadel wegen meines sittlichen Verhaltens während der letzten Woche. Ich kann sagen, ich atmete auf, als ich die frische Luft verspürte, die am Gießener Gymnasium weht, als ich nicht mehr bis Mitternacht zu arbeiten brauchte und dennoch erkannte, daß meine neuen Mitschüler weit mehr konnten und wußten, als die in N. Ich war beseligt, als ich den idealen Geist erkannte, der bei ihnen vorherrscht. Und mit Freuden sah ich, daß man hier auch dem Körper sein Recht ließ, daß man von dem Grundsätze ausging: Mens sana in corpore sano. Wie glücklich war ich, als ich zum erstenmal einen der allmonatlichen Spaziergänge mitmachte, die uns statt des Schulstuben- und Bücherduftes einmal den erquickenden Waldozon atmen ließen! Zum Schluß rufe ich dem Gießener Gymnasium ein aufrichtiges „Flvreat, ccescat, vi- vat" zu! __
Der Kauf auf Probe.
Der Bauer N. kaufte vom Pferdehändler S. ein Pferd „auf Probe". Es war ausgemacht, das Pferd dem N. einstweilen auf Probe zu überlassen. Die Uebergabe hatte stattgefunden. Das Pferd gefiel N. über alles Erwarten gut; er fand es preiswert, gut und zweckentsprechend; und er freute sich, einen solchen guten Kauf gemacht zu haben. Da überlegte er sich die Sache plötzlich anders. Seine Frau nämlich wollte von dem Kaufe nichts wissen; und N. — so erzählt die „Dtsche. Dorfztg." — stand ein bißchen oder ein bißchen viel unter dem Pantoffel seiner besseren Hälfte. Die also wollte nicht. Da half nun nichts. N. nahm das Pferd und brachte es dem darüber höchlichst aufgebrachten Händler zurück; und da er kein „Pantoffelheld" heißen wollte und sonst keinen Grund gegen das Pferd — selbst beim besten Willen nicht — ins Feld führen konnte, so verweigerte er auch noch jede Angabe des Grundes. Er übergab das Pferd und entfernte sich unter den Scheltworten des Händlers eiligst. Dieser strengte alsbald einen Prozeß gegen unfern Nachbar an, auf Annahme des Pferdes und Zahlung des ausgemachten Kaufpreises, verlor ihn aber.
Wie kam denn das? Es handelte sich nur um einen „Kauf auf Probe". Was ist das? Ein „Kauf auf Probe", der auch „Kauf auf Besicht", „nach Gefallen" heißt, ist ein bedingter Kauf. Die Bedingung ist die Billigung des Kaufgegenstandes seitens des Käufers. Die Billigung steht aber in seinem freien Belieben. Während dieser also völlig frei ist, ist der Verkäufer fest gebunden; sobald es dem Käufer beliebt, muß der Verkäufer den Kaufgegenstand liefern. Er muß dem Käufer die Untersuchung des Knuf- gegenstandes gestatten; ja, es kann ausgemacht werden, daß dem Käufer der Gegenstand einstweilen zur Probe übergebeu werde. Der Käufer kann allerdings die Billigung nicht beliebig lange hinausschieben; sondern er muß, sofern eine Frist nicht vereinbart ist, eine vom Verkäufer gesetzte angemessene Frist sich gefallen lassen. Wenn nach Ablauf dieser Frist die Rückgabe nicht erfolgt oder die Annahmeerklärung nicht abgegeben ist, so ist der Verkauf stillschweigend endgültig zustande gekommen. Ist dagegen der Kaufgegenstand dem Käufer nicht übergeben oder von diesem innerhalb einer gesetzten oder vereinbarten Frist zurück-f gegeben worden, so gilt die Nichterklärung des Käufers umgekehrt als Mißbilligung; das heißt: Aus dem Kaufe ist nichts geworden. — Der Käufer muß den Kaufgegenstand, wenn er ihn untersucht oder übergeben erhalten hat, mit aller Sorgfalt behandeln. Verletzt oder beschädigt er ihn
schuldhaft, so braucht er ihn zwar immer noch nicht zu behalten; aber er ist dem Verkäufer schadenersatzpflichtig. — Unser Nachbar kannte seine Paragraphen; deshalb ge-, wann er auch seinen Prozeß.
Literarisches.
— Johannes Raff, Der letzte Streich der Königin von Navarra (Hohe Liebe). Trauerspiel. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 3.— Mk. — Die in dem Titel erwähnte Königin ist die Verfasserin der berühmten übermütigen Erzählungen. In dem Stück ist sie eine alte Frau, deren Freude an Abenteuern einen grotesken Gegensatz zu ihrer überreifen Erscheinung bildet. Der Streich, um den es sich handelt, ist gegen Heinrich Graf Foix gerichtet, einen Vetter der Königin, der, nachdem er in dem übermütigen und wenig skrupellosen Getriebe des Hofes eine besondere Rolle gespielt hat, sich in die Einsamkeit seines Schlosses zurückzieht, um ganz der Liebe zu seinem Weibe Simone zu lebeu. Es ist dieses eine sehr hochgespannte, seelisch vertiefte Liebe. Die Königin besucht den Grafen, zwingt ihn mit seiner Frau an ihren Hof, und hier, in der intriganten, leichtfertigen, böswilligen Atmosphäre, wird das Verhältnis des Grafen zu seiner Frau von Stürmen der Eifersucht erschüttert und zerstört. Das Stück endet tragisch, aber mit der Versöhnung und Klärung aller Mißverständnisse. Eine Nebenhandlnng zwischen der Königin und ihrem Geliebten ist kunstvoll mit der Intrige verknüpft. Das Stück ist in Versen geschrieben, voll Leidenschaft und entschieden originell in der seelischen Analyse. Die Sprache ist in hohem Maße dichterisch, voll Schwung und dialektischer Kraft.
Hausittschristeu aus Ortschaften des Kreises Kirchhain. (Origiiialbeitrag dcs Gieß. Anz.)
9. Ich setze meinem Gott fein Ziel, Gibt er mir wenig ober viel. Wohl dem, der sich genügen läßt, Der lebt in Fried' ausS allerbest.
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10. Wer sein Glück sucht aus der Straße, Seine Gesundheit in der Apothekerflasche, Sein Recht oui den Kanzleien, Dem Hel! der liebe Gott von allen dreien.
Goldene Worte.
Der bloß niedergeworsene Feind kann wieder auistehen, erst der versöhnte ist wahrhaft überwunden. Carriöre.
Laßt Euch nicht das Lob betören, Laßt Euch nicht den Tadel stören. Uhland.
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Wie die einzelne h e i m atliche M undart ein steter Jungbrunnen bleibt, aus dem unserer hochdeutschen Schriftsprache immer neues Leben zuquillt, so bleibt auch die engere Heimat mit ihrer Slammeseigenart der stete Nährboden, aus dem sich unser ganzer deutscher Volkscharakter zu immer neuer Krall, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vielseitigerer Einheit emporgestaltet. Flaischlen.
Bilderrätsel.
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer. Römer.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


