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HauZ, wo reiches Wissen im Wohlgeruch Entstehung fand" — so nannte das Gießener Gymnasiuin einer meiner -Mitschüler — stehen und die einzelnen Persönlichkeiten rekognoszieren. Nun möchte ich aber doch so gern meiner Zuneigung zunk Gießener Gymnasium Ausdruck geben! Und da ist es mir denn in den Kopf gekommen, in heiteren Worten der traurigen Zeit zn gedenken, da ich aus einem auswärtigen, preußischen Gymnasium schwitzen mußte. Ich glaube, das wird das beste Lob für die hiesige Anstalt sein, wenn nicht hier wirklich Lob — mindert.
An dem hiesigen Gymnasium sind jetzt Mützen eingeführt worden, grüne Mützen! Hält man diese Farbe am Ende gar für charakteristisch für den Peimäler? Ich sehe eben auS meinem Erkerseusterchen auf den Seltersweg: Natürlich, alles grünt, Mützensalat. Ter Seltersweg ist ja hier Promenade, auch für den Pennäler. Und er darf ja hier so lange auf der Straße bleiben, wie er will. Das !var in N. zum Beispiel anders. Im Winter durfte Punkt 6 Uhr abends kein Gymnasiast mehr auf der Straße fein! Um diese Maßregel strenger durchzuführen, hatte jede Woche ein anderer Lehrer die Aufsicht. Der schlich dann abends von 6 Uhr ab durch die Straßen und spähte. Etwaige Ungehorsame wurden mit Arrest bestraft. Auswärtigen Schülern passierte es öfters, daß der Herr Direktor persönlich auf der Bude erschien, um sich von dem Flciße seines Zöglings zu überzeugen. Da hat es dann, besonders bei den Primanern, manche Ueberraschung gegeben. Ueber- haupt war der Direktor gar väterlich, zu väterlich für seine „Untertanen" besorgt. Er duzte den längsten Pri- ihenter gerade so wie den kleinsten Sextaner. Seine Kleidung war stets eine Musterkarte sämtlicher Oele und Fette des Welthandels. Aus seinen Nockärmelu hingen immer die Fransen herunter wie Rattenschwänze, die, wenn er Reden schwang, in drohende Bewegung gerieten. Etwas Unangenehmes hatten seine Drohreden, die stets von dem verhaltenen Gekicher der Korona begleitet waren, dadurch, daß immer die zwei vordersten Bänke samt den darauf sitzende» Leuten total naß wurden. Und wie redete der gute „Hannes". Wenn er Respekt einflößen wollte, fing er stets im reinsten Hochdeutsch zu reden an, um aber immer tiefer und tiefer in seinen Dialekt hinabzusinken. So hielt er einmal vor einer Schulfeier folgende Ansprache: „Uni) morgen, meine lieben Schüler, an diesen so festlichen Dag, do zieht err Euer Sunndachse Hose a. . ." usw. Seiu Duzfreund war ein alter Professor, den !vir nach seinem Bornamen „Benno" benannten. Benno war entsetzlich kurzsichtig und infolgedessen ebenso mißtrauisch. Die meisten lasen ihm den Xenophon direkt aus der Uebersetzung vor. Wie oft wurde irgend ein Reklambändchen unauffällig aus der Bauk fallen gelassen, um sich daran zu ergötzen, Ivie der alte Benno mit raubtierartigem Sprunge nach dem vermeintlichen Spicker haschte. So streng übrigens Benno war, die Freiheit ließ er uns, in den Spucknapf zu spucken. „Dann das Spocken auf die Ärde äst ärstens onanständig vud zwoiteus gesondheitsschädlich." Das wurde, außer zum Spicken während der Exe auch zu mancherlei Ulk benutzt. Wir spuckten genau au fdieselbe Art wie Benno. Erst die linke Hand in die linke Westenöffnung, dann einen Blick gen Himmel, einige gravitätische Schritte, ei» sehr vernehmliches Räuspern, ein noch vornehmlicheres Spucken. Jedesmal, wenn Benno klatschte, klatschte alles in die Hände, Um das Geräusch des Ausplatsches zu verstärken. Benno hatte die unangenehme Gewohnheit, vor den: Uebersetzen die Vokabeln abzuhören. Wer eine einzige Vokabel nicht wußte, bekam „einen Fünfer angekroidet". Im Wiederholungsfälle wurde er „oingeschröben". Da kam selten einer frei durch. Denn Benno setzte die Sache so lange fort, bis der Betreffende hereinfiel. Die Strafe besorgte Benno dann mit den Worten: „Es sall nir oin Verrrgnögen soin!" Die Kreide legte Benno gewöhnlich auf die vorderste Bank. Mit affenartiger Behendigkeit wurde diese sofort von einem auf dieser Bauk Sitzenden in Bennos stets weit offenstehende Rocktasche praktiziert. Wenn nun Benno
ärgerlich zu suchen anfing, hieß es: „Herr Professor, Sie haben die Kreide in die Tasche gesteckt!" „Das iist nächt wahr! Dommer Jonge! Wällst do oinen ölten erfahrenen Mann belögen?" Das Hin- und Herreden dauerte so lange, bis Benno mit einem erstaunten „Warrhastig" die Kreide ans Licht zog. Der Benno-Geschichten sind zu viele, als daß ich sie hier alle mitteilen könnte. Nur noch eine will ich hier berichten. Ein Mitschüler, der auf der vordersten Bank saß, verspürte plötzlich ein intensives Kitzeln am Fuße. Ungeniert — das war man in der Bennostunde überhaupt — zog er Schuh und Strumpf aus und juckte drauf los. Indessen nahm der Nebenmann Schuh und Strumpf und gab beides mit dem Kommando „Weitergeben" nach hinten. Beide Kleidungsstücke waren in wenigen Sekunden an der hintersten Wand gelandet. Ratlos suchte der arme Meier nach seinen verhexten Sachen. Der alte Benno verspürte gerade einen heftigen Frost und befahl: „Meier, machen Se mal bätte das Fünfter zo!" Meier hinkte zum großen Gaudium der ganzen Gesellschaft ans Fenster. Der kurzsichtige Benno konnte sich die Ursache unserer großen Heiterkeit nicht erklären und erzählte nur wütend daheim seiner „Bärta" (das war seine bessere Hälfte), wie er sich „wäder geirgert" habe.
Die Physik versuchte uns ein Probekandidat beizu- bringen. Diese Stunde war einfach unbezahlbar. I. war ein langer, dürrer Mensch. Er hatte ein gelbes Chinesen- g-esicht. Seine schwarzen Borsten trug er in einer Länge von 20 Zentimeter als Igelfrisur. Er sah sehr possierlich ans, wenn er oft seine Backen dick aufblies. Das trug ihm den Ehrennamen „Bläser" ein. Einstmals hatte ein Zirkus, der das Nest mit seinen Darbietungen beglückte, unsere jugendlichen Herzen höher schlagen machen. Zu dieser Zeit stand einmal einer unserer Mitschüler, Hermann hieß er, hinter der Tür des Physiksaals. Es war vor Beginn dcS Unterrichts. Herniaun rief ununterbrochen aus: „Großartig! Noch nie dagewesen! Wally, die ungarische schwarze Stute, in allen Gangarten der hohen Schule geritten von Fräulein Alma Nardelli!" Dies setzte der Nichtsahnende fort, als I. schon läng sterschienen war und er hörte es auch nicht, wie er wütend rief: „Hermann, Junges. Willst du wohl schweigen!" Ununterbrochen schallte es aus der Ecke: „Wally, die ungarische Stute. Die sa- mose Reiterin Alma Nardelli!" Das währte so layge, bis der verdutzte Hermann von der Anwesenheit Sr. Heiligkeit durch deren höchstpersönliche Berührung überzeugt wurde. — Bläser trug einen runden Hut mit einer großen Delle in der Mitte. Als wir nun einst alle zusammen wegen einer Untat Klassenarrest hatten, vertauschten wir auf gemeinsamen Beschluß hin unsere Mützen sämtlich mit schwarzen Hüten, die wir in runde Form brachten. So ausstafsicrt erschien die ganze Klasse zum Arrest. In diesem Gedränge vermeinte ich nun meinen Freund, der eine Klasse höher ging, stehen zu sehen. Dem wollte ich diesen Scherz mitteileu. Ich gab meinem vermeintlichen Intimus einen freundschaftlichen Rippenstoß und begann: „Du! Langer! Die hawe sich all' ihr' Hiet' so gemacht, wie de Bläser!" Weiter kam ich nicht. Erstaunt sah ich in die Höhe, als I. selbst, — ihn hatte ich mit meinem Freund verwechselt — ausrief: „Was? Junger! Hinein in die Klasseee!"
Ein Zufall wollte es, daß wir zwei Lehrer namens Weber hatten. Bei dem älter» Herrn Weber hatten wir Turnen. Einst fragte er uns, bei wem wir die nächste Stunde hätten. „Beim jungen Herrn Weber!" kam es zurück. Da ergriff Weber bleiches Entsetzen. Mit weitgeöffneten, verglasten Aijgen starrte er uns an: „Dann bin ich also der alte Herr Weber!" Sprachs und stolzierte wütend hinaus. — In der Turnhalle waren mehrere Schränke zum Aufbewahren der Geräte. Einem von uns kam während einer Turnstunde der unglückselige Einfall, in einen Schrank zu kriechen. Wir machten sorgfältig zu und alles schien gut zu gehen. Da — plötzlich nahm Herr W. sein Büchlein vor und fing an, die Namen vorzulefen, worauf militärisch


