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schlimmer wie eilt Verbrechen, nämlich eine Dummheit! Uebrigens entsinne ich mich ganz genau, das Papierröllchen wieder zu den anderen in den Aschenbecher zurückgelegt zu haben."
„Daun waren es auch nur drei. Ich glaube überhaupt nicht bemerkt zu haben . . . um übrigens auf etwas Wichtigeres zu kämmen", wendete der Detektiv sich einein neuen Gesprächs- gegenstand zu. „Haben Sie schon die Morgenblätter durchflogen? Sie haben sich sämtlich der neuesten Sensation bemächtigt."
„Ja, ich habe unterwegs in der Straßenbahn einige Zeitungen darauf angesehen", erwiderte Hanscm-aun kürzer, als es sonst in seiner Art lag, „fast sämtlich bringen sie das Bild des Ermordeten, dabei eine immer unähnlicher, als die andere."
„Jedenfalls hat die Veröffentlichung gewirkt. Draußen im Vorzimmer harren zwei Zeugen, die vernommen zu werden wünschen. Sie wollen durch die Zeitungen aufmerksam gemacht worden sein."
„Wohl der Droschkenkutscher, der draußen sitzt?"
„Ganz recht, Herr Rat. Während der kritischen Stunden hatte er seinen Standort irr der Tiergarienstraßc."
„Dann herein mit ihm!" entschied Rat Hanscmaun in- teressiert.
„Ferner hat sich noch ein dortiger Anwohner gemeldet", bemerkte Walden, schon nach der Tür unterwegs. „Er, glaubt auf seinem Nachhauseweg dem Trunkenen und dessen Begleiter ebenfalls begegnet zu sein."
„llmfo besser", rief Hansemann, dessen Laune sich sichtbar besserte. „Einer nach idem andern — wir wollen hören, was sie Ms zu sagen haben!"
Der Droschkenkutscher wurde zunächst vernommen. Er hatte in der vorverwicheuen Nacht seine Taxameterdroschke in der Kreuzung der Tiergarten- und Friedrich-Wikheüw-Stratze, dem Eingang der Hofjägerallee gegenüber, auf dem dort befindlichen Halteplatz aufgestellt gehabt; es war dies unweit von, der dicht hinter der Hitzigsstraße kommenden Selkenbachfcheu Billa. Vielleicht gegen halb drei Uhr morgens hatte ein „feiner Herr" das Ansinnen an ihit gestellt, ihn und seinen Begleiter, der sich in augenschcin- lich sinnlos betrunkenem Zustande befunden, nach Hause zu fahren. Da der Trunkene gelärmt und sich außerdem leb hast mit seinem Begleiter gestritten hatte, hatte er die Fahrt aü- gelchnt.
„Würden Sie denn die beiden Männer wiedererkennen?" forschte der Rat.
„Don Bezechten hab' ich bereits in der Zeitung, Ivo sie ihn abjemalt haben, wiedeverkannt", versicherte der Kutscher., „Am Halteplatz ist 'ne große Kandelaberlaterne, da konnte ich ihm jerade in die Visage sehen!"
„Das können Sie also beschwören? Sie irren sich nicht?" ; „Jh wo, _werde ick denn. Allemal kann ick das beschwören." Dabei wollte er auch schon die Hand erheben.
„Das hat noch Zeit", meinte Hansemann abwehrend. „Wie stet's mit dem Begleiter? Konnten Sie diesen auch deutlich sehen?"
„Na, et jing. Das war 'n Feiner, so wat wie'n Offizier." Ev drehte verlegen den weißlackierten Hut und wendete sich dann Ünverm-ittelt an Walden, de» er schon die ganze Zeit über ange- starrt hatte. „Sagen Sie 'mal, lieber Herr, waren Sie's nich vielleicht? Ihr wertes Jesicht kommt mich auffallend bekannt vor."
Ueberrascht schaute der Rat seinen Mitarbeiter an, doch in dessen freimütigen Zügen sand er nur ein überlegenes Lächeln. „Nanu, jetzt will der Mann Sie auch tvieder erkennen, genau wie Rokuhl?"
„Er täuscht sich eben gleichfalls. Meine Dutzenderscheinung hat mir schon viel Aerger gemacht!" meinte der Detektiv unbefangen. Er stand auf und zeigte dem Kätscher seine volle Gestalt. „Na, sehe ich dem Unbekannten noch ähnlich?" fragte er jovial. „Ich kann Ihnen nämlich im Vertrauen sagen, daß ich vorvorige Nacht um Halbdrei morgens beinah' ausge- fchlafen hatte."
Der Droschkenkutscher lächelte verlegen. „Nischt für unjnt", meinte er. „Aehnlich sieht der Herr auch noch jetzt aus, aber er wirds wohl nicht jewesen sein. Solche feine Herren jibt's in Berlin Ville."
„Vermutlich wendeten Sie Ihre Aufmerksamkeit auch mehr dem Betrunkeneir zu?" forschte der Rat weiter.
„Allemal, denn de war zu'n putziger K>erl . . . 'ne Lippe Hat er riskiert wie Bismarcken . . . und dabei hat er nicht mehr Achen können ... er war sozusagen unanständig be. . . auselt."
„Haben Sie sich denn gemerkt, Ivas er gesagt hat?"
„Na, besonders scheene war det nu jerade ooch nich . : . . Mn List 'n Fatzke, Aujust, hat er in einem fort jeschrien . . ."
„Das paßte wieder auf mich, zumal ich August heiße," warf Walden lächelnd ein.
Auch fein Vorgesetzter nahm das Zusammentreffen humoristisch und drohte lächelnd mit dem Finger. „Sie machen ja nette Geschichten, Walden", scherzte er. „Narr gut, daß ich Sie besser kenne, denn was sollte ich von solchen Indizien halten!"
„Sie haben recht, Herr Rat. Da sieht man wieder einmal, wie leicht man in Ungelegenheiten kommen kann, ohne sich es träumen zu lassen!"
„Also August hieß der Begleiter des Betrunkenen", wendete sich Hansemann wieder an den Zeugen, „und ausgeschimpf wurde er auch?"
„Aber derbe ... der kam überhaupt nich aus'm Gequassel . . . und was er jeklaut hätte, jinge niemanden nischt an int Aujusten am wenigsten ... der sollte sich doch bei Jott nich uff btt hohe Pferd setzen ... ob det vielleicht wat anneres wäre, wat er ihm uff getragen hätte . . . und lauter so 'ne Kaleika."
„Was hat er ihm denn ausgetragen?" erkundigte sich der höchlichst interessierte Rat; auch Walden schaute den Zeugen in offenbar großer Spannung an.
Doch der Kutscher drehte wieder unter einem breiten Ver- legenheitsgrinsen seinen weißlackierten Hut. „Ufsgeschriebcn habe ick mir det nich," entgegnete er. „Ick war ohnehin fuchtig, weil die Beeden mich nich von die Pelle rückten und ick hätte inzwischen mehr wie 'ne Fuhre kriegen können . . . und so mußte ick mir mit die Bande 'rumärgeru."
„Hat denn der Begleiter August nichts gesagt?"
„Der quatschte auch, aber von bie-moralische Seit«. Gustav, sagte er, du bist 'n großer Lump ... tu mir den cenzigen Gefallen und hart den Schnabel, Du machst Dir sonst unglücklich und Deine Familie zu . . . haste denn jar keene Schande im Leibe, daß Du Dir so bcsäu . . . seist. Denke Dir doch die Blamage vor mir. . ."
„Hat er so berliniert!" erkundigte sich Hansemann.
„Nee, det beforje ick nsf cejene Rechnung", bemerkte der Zeuge trocken, „indem mir det sozusagen een natierliket Be- diersnis is, mir in de beliebte Muttersprache zu bewcjeu . . . wat der Aujust war, der sprach wie'n Leutnant, nur seiner . . . überhaupt 'n pickfeiner Mensch", fetzte er mit einem erneuten Augenblinzeln auf Walden hinzu, „wenn Sie's ooch nich waren, lieber Herr, aberst verdienen tun täten Sie's ... ick sage Ihnen, det Kerl äst" u war wie frisch aus der Pelle, rein wie abjeleckt."
Die Beamten lachten; daun wollte der Rat wissen, was jener August, der dem biederen Droschkenkutscher ossenbar als Ideal edler Männlichkeit verschwebte, weiter gesagt habe. Das waren nur Beschwichtigungsversuche gewesen, daneben Vorwürfe, aus denen hervorgegongen war, daß August auf den Trunkenen lange Zeit hindurch gewartet und nun sehr entrüstet war, ihn in solch stark bezechtem Zustande zu treffen.
„Sie wollen doch auch gehört haben, daß die Rede auf einen Diebstahl kam? oder nicht?"
„Weiter haben sie nischt ertvühnt, nur mächtig jcschumpsen hat det Männereu mit de ansjchenden Beenerkcrs . . . immerzu de Ticrgartenstraßc 'ruf, so lange ick es hören konnte."
(Fomcfung folgt.)
Ms Meiner Schrttz.it.
Eine heitere Plauderei als Nachtrag zum!
. Gießener Ghmnasial-Jubiläum.
Wann hört man wohl, daß ein Schüler gern in die Schule geht? Nun, ich kenne einen solchen früheren Schüler. Das bin ich nämlich selber. Gern in die Schule gegangen bin ich eigentlich aber nur die letzten drei Jahre, da ich dem Gießener Gymnasium angehörte. Hub weil ich nun so gern hier ins Gymnasium ging, fühle ich nnchz Ihrem Wunsche, werter Herr Redakteur, allerdings verspätet uachkymnienb, dazu berechtigt, wie so mancher andere — schließlich hätten es ruhig noch mehr fein dürfen —: einige Sachen zu den Erinnerungen beizutragen, die Sie in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichten. Soweit wären wir nun, aber — die Zeit, die ich in der hiesigen Anstalt weilen durste, ist noch nicht lange vorüber, so daß ich es nicht wage, mich darüber auszulassen. Ich glaube, dieser Grund hat noch viele andere auch davon abgehalten. Ich würde ja Namen allerdings nicht nennen, aber ich bin überzeugt, daß jeder sofort wüßte, was und wen ich meine, und in Gedanken sehe ich schon tuschelnde Gruppen mit den „Familienblättern" in der Hand, heimlich in „jenem


