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tet mit einem vorwurfsvollen: „WÄ, Herr Gräf, ich bin doch orni wie ne Ksycheumpus!" unter allgemeiner Heiterkeit abzulehnen suchte.
Als zweites Pasar ritten Aschoff nnd Frau von Bvrgwardt an. Dann kam Hans von Schmieden, der jeelenvergnügt mit feiner allerliebsten Partnerin plauderte. Fröhlich lachte Ina ihrem Vater zu. ,
(Fort-setung folgt.)
Der Rhythmus.
Bon Fri edri ch Ni etzsche. *)
Wie die Menschen selbst in dem, was sic zur Erleichterung des Daseins erfinden, neue Mühsal und Arbeit auf sich laden,, und wie ernst das Leben aussieht, wenn Man auf dre Geschichte femev heitersten Züge blickt, davon gibt die Poesie und überhaupt dre kunstmäßige Behandlung der Sprache einen Beweis. Der milde Glanz, den die Dichter über die Welt wie einen 'Staub von Schmetter-, lingsflügeln zu legen wissen, ist ihr uicht wie von ungefähr! angeflogen. Tie Summe von Arbeit, welche die Menschen allem auf so etwas, wie der Rhythnius ist, verwendet haben, zeigt, wie schwer es sich lebt und wie ungeheuer der Trieb fein muß, diesem Gefühl der Schwere wenigstens für Augenblicke zu entfliehen. Ware das Leben zu allererst nur ein Problem der Er- kenntnis und lüge seine Schwere vor allem darm, daß es rätselhaft wäre, so könnte es, mit Schopenhauer zu rede», „fast als ein Hochverrat gegen die Vernunft erscheinen, wenn einem Gedanken, oder seinem richtigen und reinen Ausdruck, auch nur die leiseste Gewalt geschieht, iu der kindischen Slbsicht, daß nach einigen Silben der gleiche Wvrtklang wieder vernommen werde, oder auch, damit diese Silben selbst ein gewisses Hopsasa darstellen". Aber weil das Leben die Empfindung! so unregelmäßig erregt iiud deshalb schmerzhaft ist, so „folgen >vir jedem regelmäßig wiederkehrend en Geräusch innerlich und stimmen gleichsam mit ein. Dadurch werden nun Rhythmus und Reim teils ein Bindemittel unserer Aufmerksamkeit, indem wir williger dem Vortrag folgen, teils entsteht durch sie in uns ein blindes, allem Urteil vorhergängiges Einstimmen in das Vorgetragene, wodurch dieses eine gewisse emphatische, von allen Gründen unabhängige Ueber- zeugmrgskraft erhält". f
Ter Zauber iin Rhythmus liegt in einer ganz elementaren Symbolik, vermöge deren wir im Regelmäßigen und Geordneteil ein höheres Reich, ein Leben über oder außer diesem nn- regelmäßigen Leben verstehen; ivas an uns es in der Gewalt hat, sich rhythmisch zu bewegen, das folgt dem Andrangen jenes symbolischen Gefühls und betvegt sich ebenso oder suhlt mindestens eine starke Innervation dazu., ,
Je erregbarer und ursprünglicher ent Mensch ist, um >o mehr wirkt der Rhythmus auf 'ihn — wie diu Zwang zum Nachbilden des Rhythmus uns erzeugt jenes „blmde, allem Urteil vorher gängige Eiustimmen". Es ist ein Zwang, der gewöhnlich mit Lust verknüpft ist, aber er kaiiir so plötzlich nn den Seelen reißen und sie überwältigen, daß er mehr noch entern schmerzhaften Krampfe gleichtommt. Selbst dieses schuierzhafte, »olgen und Sichfortziehenlassen wird aber für den, welcher mitten in der Not des Lebetts steht, noch als Reiz, Abztehuug, Entrückilng, Vergessen gelten Birnen — dessen sind sich tue Dichter und Musiker aller Zeiten bewußt gewesen; sie glaubten den Druck des Daserns zu erleichtern, selbst wo sie Schmerzen machten. Und so , nahmen sie selbst das Leben schwer und erfaßten ihre Küust mtt emem ungemeinen und verzehrenden Ernst, so daß nun wieder die Betrachtung ihrer jahrtansend alten Geschichte zum Ernste mahnt und zum Bilde des Lebens den letzten Strich hinzntnt: ist doch in ihm nichts tragischer, als daß gerade die Erleichterer und Beglücker des Lebens an ihm tiefer zu leiden, harter zu tragen hatten, als alle die Weltervberer und Weltvermchter.
Vielleicht liegt dies darin, daß sie etwas wollen,, was dem Charakter des Daseins widerstrebt, daß sie an den Pfeilern der düsteren Notwendigkeit zn rütteln sich nnterfangen: sie tonnen über den Charakter des Daseins nur auf kttrze Zeit sich und andere täuschen — diese Täuschung ist 'ja dias Wesen der Kunst — aber dafür rächt sich an ihueii auch fortwährend das böse Gewissen und Wissen aller Mnstler, wie sie den Dingen eine Larve mit reinerem freieren Zügen aufsetzen wollen, die immer wieder herabfatleNj muß. Ja wenn Plato Recht hätte! Wenn der Mensch ent schönes Spielzeug in der Hand der Götter tonte! Wenn das säen Ms eine Kette edler Spiele und Feste angeordnet werden könnte! Wenn das Tjasein nichts aV ästhetisches Phänomen wäre! Dann würde der Künstler nicht nur der verünftigste, .weiseste Mensch sein, er fiele nicht nur mit dem Philosophen in Ems zusammen, er würde auch das leichteste Leben haben und dürfte mit gutem Gewissen wie Plato sagen: die menschlichen Tmge
. *) In deil „Süddeutschen Monatsheften" veröffentlicht Erlist Holzer (Ulm) die Niederschriften der Vorlesungen, die Nietzsche als Professor der Philologie in Basel gehalten hat. Tie Arbeiten sind umso interessanter, als in der Ntetzscheliteratur der Philologe Nietzsche von den« Philvsophen ganz überschattet ist Und ft^on in der oben gegebenen Pivbe spurt man denn auch das Wesen und die Idee des TichterphilosopHeu.
Im „L i t e r a r i führuugeti des Müu — über „Schauspiel-Musik".
V6Nm;?ehLss.
— Wie unsere Diene Amerika Entdeckte, vast rüber teilt W i l h e l M B ö l s ch e, der Meister populärer a.ar- stellung wissenschaftlicher Probleme interessante Vermutungen imd Tatsachen mit in einem Aufsatz, deu wir «m iinbm
9.nnh lind Meer "(Stuttgart, Teutiche Verlags-Anstalt) finocn. Durch scharffinnige Zusammenstellung und S^stung des spät- licken Materials kommt Boffche zu dem Reiultm, daß inneres heutige Honigbiene erst durch die „Bleichgesichter nach üord- amerika gekommeii ist ■— gab es doch kein emheiMiseaes Wort
Mocks oder Sonia in der Sprache der nordamerikani>chen! JndimtE die sokar heute noch die Biene selbst älsche.whiw man's ffy, des weißen Mannes Fliege, bezeichnen. Daß abeU europäische Bienen tatsächlich söhnt fett dem 17. Jahrhundert künstlich in Nordamerika etngefuhrt Worden sind, laßt sich fetzr sogar mit Jahreszahlen beweisen. In das, eiigltsche Nordamerika geschah es, mit frühestem Datum, bereits 1638. Mehr als ein Jahrhundert später, erst .1763, meldet em anderes festes Datum dann, daß die Engländer sie nach Florida selbst gebracht haben. Fast 'um die gleiche Zeit fithrten die Spanier!
Im „Literarischen Echo" lesen wir interessante Aus- sührnngen des Münchener Musikschriftstellers Dr. Edgar Jstel über „Schauspiel-Musik". Der Gedanke, in einem Schauspiel die Musik als selbständiges Elemeiit zu verwenden (als gelegentliches Stimmungsmittel kemlt sie schon Shakespeare), tauchte zum ersten Male Ende des 17. Jahrhunderts auf, als sich Fran von Maintenon zu einer Aufführung von Racines „Esther" in St.- Cyr von I. B. Moreau 1689 eine ans Chören, Rezitativen und Vorspielen bestelmide Musik schreiben ließ; doch besteht hier noch kein engerer Zusammenhang zwischen dem gesprochenen Ä-ext und der Musik. Diesen Schritt tat erst Jean-Jagues Rousseau nut bet Erfindung des „Melodrams" (das Wort in seiner jetzigen Bedeutung stammt von ihm), d. h. jener Zwischengattung, bet der Musik und Deklamation fortlaufend einander ablösten, wobei die Musik die Aufgabe hatte, den Inhalt des Textes vorzubereiteil oder zu illustrieren. Rousseaus „Pygmalion", jenes „kleine, aber merkwürdig epochemacheiide Werk" (Goethe), zu dem er selbst und etwas! später auch der deutsche Komponist Georg Benda (1722—1 luo) die Musik schrieb, war das erste eigentliche Melodram. Benda war es dann, der deut Melodram die seither übliche Form tn der Weise gab, daß er Musik und Textworte auch gleichzeitig ertönen, ließ, nicht nur abwechselnd. Bendas berühmtes Melodram „Ariadne auf Naxos" kaun demnach als das erste musikalisch-dramatische Werk gelten, das ganz mit der alten Operuschablone gebrochen hat. Sein Erfolg war für seine Zeit ungeheuer und hat über em halbes Jahrhundert hindurch augehaltcn. Zu seinen Nachahmern gehörten Beethovens Lehrer Neese, fermer Zumfteeg und der als Lehrer Webers und Meyerbeers bekannte Abt Vogler tn Darmstadt. Das einzige Melodrama Mozarts, eine „Semiramts", ist leider verschollen. Auch der junge Goethe zollte der neuen Kunstform mit feinen Monodrama „Proserpma" den Tribut, das leider nur minderwertige musikalische Bearbeiter gefunben .hat. Goethe gehörte übrigens itachmals (ebenso wie öerbcr, spater Deck und zuletzt Richard Wagner) zu den offenen Gegnern des Melodrams. Und doch war sein „Egmont" die Veranlassung für Beethoven, bte erste Schauspielmusik großen Stils mit Verivendung melodramatischer Wirkungen zu schreiben, die übrigens gelegentlich auch in der Oper („Freischütz", „HanS Heiling" u. a.) nicht gescheut wurden. Auch Webers „Preziosa"-Mnsik gehört hierher. Besonder» zahlreiche Komponisten hat aber der „Faust' herausgefordert (Fürst Radziwill, Robert Schumann, Lindpaiutiler, Lassen ujto.Y Schu- manu schuf außerdem die Musik zu Byrons „JKmtfteb ' Mendelssohn hatte die glückliche Jufpiration seiner „Sommernachi»traum.- •
Musik, während seine Schauspielmusiken zu „Antigone nnd „Oedi- pus" von Sophokles allzu „liedertafelmaßig" Wirkern Zu dem einzigen Schauspiel seines frühv erstorbenem Bruders. Mikael Beer, deni „Strnensee", hat Meyerbeer die Musik komponiert. Die Aera Richard Wagners war dem Weitergedeihen der Schauspielmusn nicht günstig, erst-die neueste Zeit hat wieder eme größere Anzahl von Werken dieser Gattung hervorgebracht: EdwardsGr.iegs Musik zu Ibsens „Peer Gyut", Engelbert Humperdincks Musch zu Ernst Rosmers „Köuigskinder", dann die meist auf VeranlannngMax Reinhardts komponierten Musiken zu „Oedtpus von Max Schü lings, zu „Käthchen vou veübronn . von H"'is Psitzner, zu „Wintermärchen", „Sturm" nnd „KauMann von Beuedig von Humperdinck. An Gegnerschaft hat, es dieser Verbindung von Musik und Drama allerdings auch tu unserem Tage mcht ge fehlt, doch scheint es, daß einstweilen diese Modestrommig sich noch siegreich behanptct.
sind großen Ernstes' nicht wert. — Och wist freilich dann eine! Kunst haben würden? Ob der Mnstler entstanden sein würde, wenn der Meiisch selbst ein Kunstwerk wäre? Ob nicht gerade das Dasein der Kunst beweist, daß alles Dasein ein unästhetisches, böses und ernstes Phänomen ist? Man erwäge doch einmal, was ein wirklicher Denker, Leopardi, sagt: Es wäre doch wahr-, lich zu wünschen, daß die Menschen keine Kunst nötig hätten.
Schauspiel-Musik.


