Ausgabe 
24.6.1907
 
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Mitft'innutigern Lächeln totiitbfe sie ihr schönes Gesicht zu ihm hin und duldete seine Liebkosungen. Und wieder durchfuhr es sie mit leisem Schreck. Wie heiß er noch zu Kiffen weiß!

An alles das dachte die Sinnende jetzt. Wie int Fluge war ihr die Zeit seit jenem Ballabend vergangen. Kaum, daß sie Jur Besinnung kam in all dein Trubel, den naturgemäß das Besuche machen und empfangen mit sich brachte. Demr wenn die Herzogin sie auch in liebenswürdigster Weise wiederholt vom Dienst entband, so blieb ihr trotzdem tvcnig Muße, ihren Emp­findungen nachzuhangen.

Tagmär und ihr Verlobter wareit überein gekommen, daß sie noch bis zu ihrer! Vermählung die Stelle als Hofdanre bei- bchalkrn follte. die Herzogin sich! in gütiger Weise bereit erklärt hatte, die Stelle der Brautmutter zu vertreten, so nahm Dagmar dankbar dies Anerbieten an.

Mit lebhaftem Eifer betrieb mm die hohe Frau die Besorgung vvit Dagmjars Ausstattung. Eine ungewohnte und liebe Ab- wechslung, wie sie scherzend meinte.

Ter Kammerherr war stolz aus diesett Beweis fürstlicher Huld. Seiner Eitelkeit schmeichelte der schlecht verhehlte Neid der Gräfin Lindstrom auf seine Braut ebenso sehr, wie die Aus­zeichnungen, welche der Herzog Dagmar in reichem Maße zuteil werdeit ließ, bereit Schönheit und Anmut er stets bewuitdert hatte.

Ter gegen Veltlingen geäußerte Wunsch des Herzogs war es auch, der den devoten KdmMerherrn veranlaßt hatte, seine Braut zur Teilnahme an einer Quadrille zu bewegen, welche die Leibulanen in ihrer neuerbauten Bahn reiten Ivollteu.

Freundlich hatte Dagmar sich bereit erklärt, deut Wunsch ihres Verlobten zu folgen, wenn er wenigstens dabei den getreu- lichen Zuschauer abgeben wolle. Das versprach ihr Veltlingen natürlich mit Freuden, anscheinend beglückt, daß sie auf etwas so selbstverständliches Wert zu legen schien.

Heute sollte die erste Probe fein. Tagmär richtete sich plötzlich erschwcken auf. Sie zog hastig die winzige, goldene Uhr hervor, ein Geschenk Bettlingens, deren Deckel ihre beider­seitigen Wappen zeigte. Himmel! Es war die höchste Zeit zum Umkleiden. Sie schellte eilig der Jungfer.

Als Tagmär nach kurzer Zeit int Reitanzng in ihren Salon trat, fand sie Veltlingen dort bereits ihrer harrend. Ein stolzes Leuchten ging über fein Gesicht, während- sein Blick ihre schöne Figur überflog. Selten schien ihm das vollendete Ebenmaß ihrer Gestalt mehr zur Geltung gekommen zit sein, als in diesem glatten, schwarzen Tuchkleid, dessen tadellos sitzende Taille ihre schönen, schlanken Formen ohne jegliche Indiskretion so geschickt hervorhvb.

Ter Käinmerherr sah Dagmar mit so unverhohlener Bewuit- derung an, daß sie unter sanftem! Erröten den Blick senkte, was ihrem herben Wesen einen außergewöhNlichcit Reiz verlieh.

Hingerissen trat der sonst so Ruhige auf sie zu und ehe sie sich dessett versah, preßte er seine Lippen voll Verlangen auf ihren Mund. Leise erschauernd ließ sie es geschehen. Da hielt ev plötzlich inne.

1 ,-Küsse mich wieder, Tag mär, mein süßes- sprödes Glück!"

Mit einer überaus anmutigen Bewegung schlang sie zagend die Arme uM seinen Hals. Schüchtern streiften ihre Lippen feine Stirn.

Gewaltsam zwang Veltlingen seine Aufregung nieder, hatte er doch mit sicherem Blick erkannt, wie sehr seine plötzlich her­vorlodernde Leidenschaft DagMär erschreckt hatte. Scherzend drückte er seine Braut auf einen Stuhl.

Setze dich bis der Wagen gemeldet wird, mein Herz. Damit dich nachher die Pwbe nicht zu jehr anstrengt."

Sie sah dankbar zu ihm empor, von diesem und jenem plau­dernd. JKit scheinbarer Aufmerksamkeit hörte Magnus ihr zu, ^vch während seine Ohren sich unbewußt an dem' melodischen Klang ihrer Stimme erfreuten, verwünschte er im tiefsten Grunde seines Herzens die acht Wochen, welche ihn noch von seiner Hochzeit trennten.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ die Plaudernde plötzlich verstummen. Bescheiden trat Anna herein.

Baroneß, DettMann fragt an, ob Baroneß den Hoswagen befehlen? Um zwölf beginnt doch die Probe?"

Fragend sah Tagmär zu ihrem Verlobten auf, der sich ärgerlich an die Zofe wandte:

-Ist Mein Coups denn nicht da?"

Nein, Herr Baratt."

Das verstehe ich nicht. Ich habe Franz doch Bescheid ge- sagt. Zum KNcknck noch Mal, wo steckt der Kerl?"

Begütigend legte Dagmar ihre Hand auf Wettlingens ArM.

-Las schämt doch nicht, Magnus. Dann gehen wir die paar c chrttte. Bei dein herrlichen Wetter ist mir das sogar viel

lieber," und während das Mädchen eilig die Sachen holte, trällerte sie scherzend:

Meitt Herr Marquis, ein Mann wie Sie

Sollte das besser verstehheheheu . .

Er nickte ihr versöhnt zu, aber eine kleine Falte blieb doch noch auf seitier Stirn.

Ich werde Frattz meine Attsicht sagen!"

Ms Anna mit dem pelzgefütterten Umhang zurückkam, ttat Tagmär rasch an den Schreibtisch, auf welchem drei herr­liche la Fifance in einem! kostbaren venetianischen Glas, ihre dust- schwerett Häupter senkten. Vorsichtig zog sie die schönste Rose heraus, und befestigte sie .an ihrem Reitkleid. Mit zufriedettem Lächeln hatte DLagnus ihr zugesehen.

Wettn die Rose selbst sich schntückt . . tneinte er galant.

Schutückt sie atich den Garten," gab Dagmar mit bezeich­nendem Blick neckend zurück.

Wird der Gärtner doppelt gern

Solche Rose warten,"

vollendete er schlagfettig, mit leisem Selbstgefühl ihren Arns drückend, während sie die Treppe hinab schritten.

In der Reitbahn herrschte bereits reges Leben, als Veltlingen und Dagmar einttaten. Die breite, die ganze Längsseite der Baht: einnehmende Tribüne, zu welcher wenige Stufen hinauf führten, war dicht vott Zuschäuern besetzt. Sie bestanden größtenteils aus Damen und $>errett der Leibulauen oder solchen Personett, die ir­gend welche Beziehungen zum Hof hatten. Es war ein lebhaftes Reden und Winken, Lachett und Scherzen. Neckereiett und ernst­hafte Ratschläge flogen zwischen den Sfteitent und Zuschauern hin und her.

Der alte Grjaf Rehnen, der Vater der hübschen Ina, welche Hans von Schmieden sich zur Partnerin erkoren hatte, schien sich ein besonderes Vergnügen daraus zu machen, dann und wann den jüngeren Offizieren eine Bemerkung zuzurufeu, die zwar sttts ein deutlicher Beweis von dem allbekannten, treffenden Witz des Grafen waren, die Angeredeteit jedoch manchmal wenig zu er­freuen schien. Dem etwas schwerhörigen, wie die böse Welt be­hauptete, nur zeitweise schwerhörigetr Grafen, war das offen- bar ganz egal. Er kümmerte sich wenig um Liebe oder Haß der ihm entgegengebracht wurde, im Vollbewußtseitt des Sltt- sehetts, das er als einer der einflußreichsten Großgrundbesitze« der Provinz genoß.

Augenblicklich lehttte er sich behaglich auf seinen Stuhl zurück. Sein glattes, rotes Gesicht sah höchst zufrieden aus, währettd seine kleinen, scharfen Augen unter bett halb gesenkten Lidern mit raschem Blick die Reiter und Reiterinnen musterten. Ta gewahrte ev bett Kämmerherren, der langsam die Treppe zuri Tribüne empor-, stieg.

Tag, Veltlingen, wo bleibt beim bie schöne Brau?" be­grüßte er mit seiner lauten knarrenden Stimme den Gutsnach- barn.Tnckwitz guckt sich schon die Augen nach ihr aus. Was ja auch ganz natürlich ist," fuhr er mit leisem Spott, nach einem Blick auf Veltliugens plötzlich verfinstertes Gesicht, fort,beim ehe alle Teilnehmer versammelt sind, kann die Chose da unten doch nicht gut beginnen. Mir scheint der brave Duckwitz üben Haupt Regiefieber zu haben, trotzdem er von Hannover her den Rummel kennen sollte. Er wär ja wohl zwei Jahre auf Reit­schule?"

Gewiß, Hevr Graf," bestätigte der Hauptmann von. Borgwardt mit verstohlenem Vergnügen. Er war dem ob seiner Reitkunst reichlich eingebildeten Duckwitz nicht gewogen, der sich mit ziem­licher Deutlichkeit um die Gunst des Adjutanten bemühte.

Ach du liebe Zeit," mokierte der Graf sich ungeniert weiter, Ihre arme Gattin reitet mit dem langen Aschoff. Ter hätte ich auch neu ändern Partner gegönnt! Sehn Sie mal, der Mensch mag ja sonst neu ganz guter Kett sein, aber ich hab tut mal was gegen die Glasftttzen. Klemmen Sie ner Intelligenz nett Mvuokle ins Auge und sie sieht dumni aus. Na Aschwff steht der Scherben!"

Tie Umstehenden lachten verstohlen. Der Graf war wirklich unbezahlbar, aber Gnade Gott demjenigen, dem er fein Wohlwollen entzog! Seine Meinung sprach er aus und noch dazu recht unverhohlen!

Ich bttte die Herrschaften paarweise int Abstand von sechs Schritt anzureiten!" schallte plötzlich die Stimme des Oberleut­nants von Tnckwitz durch die Bahn.Herr Rittmeister und Baro­neß habeit vielleicht die Güte zu führen?"

Habeit wir?" hneiute Sprenger gemütlich zu Dagmar, welche lächelnd ihr Pferd antrieb. ;

Natürlich konnte sich Echaf Rehnen nicht versagen, als sie die Tribüne pafsiettett, dem dicken Rittmeister ein schertzeitdes? Hiev wird wohl nach Gewicht numeriert?" zuzurufen, was.