Ausgabe 
24.6.1907
 
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Montag den Z4. Auni

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Jun Ken unter der Asche.

Roman von M. Proßnitz (M. Nöreiiberg).

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

(Fortsetzung.)

Vorsichtig hatte Anna unterdessen ihre Herrin entkleidet und ihr die schweren Haarflechten gelockert. Aufgelöst fluteten sic über das spitzcnbesetzte Kissen, in tvelches Dagmar müde ihren Kopf drückte. Ermattet die Augen schließend, zog sie fröstelnd die seidene Steppdecke hölier empor. Leise ließ die Jungfer die Fenstervorhäuge herab. Gedämpft fiel das Licht der rosa Ampel in das Zimmer, mit seinem weichen Schein alle harten Linien verwischend.

Haben Bawnest sonst noch Befehle?"

Nein, Anna, ich danke."

Achtsain ruckte das Mädchen die Zitrvnenlinwuade zurecht, daun ging es mit leisem Gutenacht hinaus.

Kaunr wiar die Tür zu, so öffnete Dagmar die bisher ängst­lich geschlossen gehaltenen Augen. Und sie hatte recht daran getan, diese Fülle vou Kummer vor ihrer getreuen Anna zu verbergen, der in dem starren Blick l!ag, den sie jetzt, ohne eigent­lich zu sehen, durch das Zimmer schweifen ließ. An dem halb verwelkten Rosenstrauß blieb er endlich haften, und als hätte der ihr von neuem die ganze Tragweite ihrer Begegnung mit Uchdorf klargemacht, schlug sie plötzlich mit unterdrücktem Weinen ihre schlanken, edelgeformten Hände vorS Gesicht.

Ein hartes, stoßweises Schluchzen schüttelte ihren Körper. O Gott, wie arnr und verlassen sie sich fühlte, wie grenzenlos allein' Nie in fall den Jahren seit sie hier am Hose war, meinte sie sich so einsam, so verlassen gefühlt zu haben. Sie weinte herzbrechend. , . , , ,

Langsam kehrte endlich ihre Ueberlegnng wieder, uud damit auch ihr unbestechliches, ehrliches Urteil, das da ernst und ein­dringlich sprach:

Ter Jugendtraum ist jetzt aus. Deu mußt du zu Grabe tragen. Deine Liebe zn Uchdorf ist tot, muß auch tot sein, denn du wirst tun, tvas dein Verstand dir rät. Du wirst die Hand des Kammerherrn annehmen und ihm eine gute Frau, eine teil­nahmsvolle Gefährtin zn werden suchen. Ruhig wie ferne achtungsvollen Gefühle für dich sind, iverden es die deinen auch fein. Hörst du? Ruhig und verständig!"

Dagmar holte tief Atem. Ein Zug Unbeugsamer Ent­schlossenheit trat in ihr Antlitz. Rasch erhob sie sich und eilte tat den Toilettentisch. Mit bebenden Fingern ergriff sie die ziselierte Truhe. Ein scharfer Kniack das Kunstschloß sprang auf.

Ohne hinzusehen griff Dagmar in das Kästchen. Wozu auch? Das war nicht nötig. Sie wußte ja, der oberste der beiden Briefe war der von Uchdorf. Fort Mit diesem letzten Erinne- rnugszeichen an vergangenes Glück. Morgen begann ein neuer Lebensabschnitt! _ w

Mit zitternder Hand ergriff sie das Schreiben. Einen Augen- Uick Merte sie, vpn dM Mwidershchlicheu Verlangen gepackt.

noch ein einziges Mal die wenigen Zeilen zu lesen, gleich darauf hob sie energisch das Haupt. Fort mit dem weichest Empfinden, das tvar und mußte aus sein.

Mit abgewjandtem KVpf, ohne einen Blick auf beit Brief zn werfen, ließ TagMar ihn in die glimmenden Kohlen des KaminS fallen. Hell fliackerk das Feuer em!por, um gleich daraus ebenso dunkel toeiter zu glimmen wie vorher.

Ta erst tvandte Dagmar den Blick, und während sie mit fester Hand den Feuerhaken in das Aschenhäufchen stieß, sprach sie hart:

Vorbei!"

2. Kapitel.

Gedankenvoll saß Dagmar wenige Tage später tat ihrem! Schreibtisch und drehte eine ihrer Verlobungsanzeigeti zwischen den Fingern, tvährend sie sich nochmals die Stunde vergegen­wärtigte, da Beltlingen nm ihre Hand anhielt. Hier an diesenk Schreibtisch war es gewesen, wo er ihr in einfachen, würdigen Worten seinen Namen bot.

Ernst und still hatte sie ihm darauf die Hand hingestreckt, die er ergriff, um sie ritterlich an seine Lippen zu führen.

So bist du also mein, Dagmar, mein fürs Leben!"

Schweigend duldete sie es, daß er sie tat seine Brust drückte. Ein Gefühl sicheren Geborgenseins kam über sie. Es ivar doch süß, von starken Armen beschützt zu werden! Unwill­kürlich lehnte sie sich fester an seine Schulter, tvas ihn mit freudigem Stolz zu erfüllen schien.

Mit ruhiger Selbstverständlichkeit führte er sie alsdanii zuM Sofa. Hand in Hand ließen sie sich dort nieder. Mehr und Mehr fühlte Dagmar ihre getvohnte Sicherheit zurückkehreu, während sie die tiötigsten Schritte besprachen, die sie jetzt tun mußten, Vorschläge und Atwrdnungen ihres Verlobten, denen Dagmar sich bereitwilligst fügte. .

Scherzend hielt Beltlingen plötzlich mit seiner Rede tnne.

TagMar, verwöhne mich nicht frühzeitig durch Nachgiebigkeit !" Sie lachte leise auf.

Nun, wenn ein wenig Eigeiisinn deine schlechteste Eigenschaft ist, das wäre nicht allzu arg."

Ta umfaßte er sie plötzlich und drückte einen heißen Kuß auf ihre Lippen.

O, du holdes Geschöpf! Gottlob, daß die Angst von mir genommen ist, ein anderer könnte dir lieber fein. Ter Ge­danke hat mich oft genug gepeinigt. Tu ahnst ja gar nicht, wie eifersüchtig ich sein kann!" .

Er küßte sie von neuem. Wie belaubt durch seine plötzlich hervorbrecheude Leidenschaft saß Dagmar da. , Ihr Herz klopfte unruhig und schtver. Ta siel ihr Blick auf die ziselierte Truhe/ deren vergoldetes Wappen just ein verirrter Sonnenstrahl hervor- hob. Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust und während sie sich leicht emporrichtete, antwortete sie mit einem schönen Lächeln i

Sei unbesorgt, mein Freund, ich bin eine echte Rolfsen, und deren Wappenspmch lautet:In Treuen fest!" Dessen sei eingedenk, trenn dich jemals wieder die Eifersucht Plagen will.

Ich vertraue deinem Wort," hatte er voll tiefem Ernst erwidert.