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Mer Erna Nachte Mitunter mit Sorge an den künftigen Haushalt, w«m fie die ihr ungefähr bekannten Einnahmen des Bräuttgams mit diesem Aufwand verglich.
Von Roderich war als Antwort auf die VerloLuugsänzeige ein Brief an Erna eingetrvffen, den sie niemand zur Einsicht -gab. Es war ein Schriftstück sehr aufgeregten, zerfahrenen Inhalts.
„Es war ja unnröglich, ganz undenkbar, daß dies habe geschehen können — Sylvia dem Philister verkuppelt — wer sie dazu gezwungen habe — und wie Erna es habe geschehen lassen können."
Erna wurde rot und blaß über dem Lesen und empörte sich über des Bruders Auffassungen und Ausdrücke. Ob er in seinem blinden Rausch Wohl die unglaubliche Torheit und Gewissenlosigkeit begangen hatte, an Sylvia ebenfalls zu schreiben? Erna fürchtete es, gewisse Anzttchen schienen es ihr zu vertaten — aber Sylvia machte sie nicht mehr zu ihrer Vertrauten. Sie war der Schwester gegenüber die Verschlossenheit selbst. Die einzige, welche in dieser Beziehung etwas verraten konnte, war Tante Cölestine, aber sie erging sich in so vieldeutigen Reden, war auch leider so wenig glaubhaft, daß Erna kaum hoffte, von ihr die Wahrheit zu hören.
Sie schrieb daher beruhigend an Roderich, gab ihm so viel Aufklärungen, wie sie zu geben vermochte, und wies ihn nun auf seine ehrgeizigen Hoffnungen und Interessen hin, denen er ja freiwillig seine Liebe geopfert hatte.
Roderichs spätere Briefe schwiegen dann über den Punkt, Vielleicht war er mit sich darüber ins reine gekommen. Seine Briefe über sich klangen wechselnd, ost sehr angeregt, oft pessimistisch und enttäuscht. Paris bot ihm nicht ganz, was er erwartet hatte. Der Kreis der Gönner und Freunde dort machte ihn nicht zu ihrem Mittelpunkt, wie er es in Dresden gewohnt gewesen, wo seines Vaters Reichtum ihm einen Hintergrund gab. Es waren da „eingebildete Lassen", „verschrobene Jdeenreiter", „fanatische Sektirer", der Neid gegen bcn Deutschen verhindere jede Geltendmachung, dem echten Genius zollte man auch da keine Ehrfurcht. Hendrichs, der Fischblütige, der es mit allen Kreisen halte, bringe ihn oft zur Verzweiflung.
„Mir ist mitunter so zu Mut, als ginge ich am liebsten wieder nach Hause und machre als geduldiges Pferd in der Tretmühle den Vater glücklich," schrieb er eines Tages jui Erna. „Wenn nicht Sylvias tolle Verlobung vorläge! Sie in den Armen des andern zu setzen geht über meine Kräfte."
So — nun, es war gut, daß der Vater es nicht wußte, wie Sylvia den Sohn, der auf dem Wege war, vernünftig zu werden, vom Elternhause fern hielt. Erna ersehnte übrigens Mehr als irgend jemand sonst das Ende dieser Brautzeit und den Tag der Heirat. Auf Ostern war sie festgesetzt, undVillatte hoffte — wie er aber nur Erna verriet, Sylvia sollte durch den Gedanken nicht gestört werden ■— daß bis dahin seine Ernennung zum außerordentlichen Professor an der llniversität Leipzig erfolgt sei und sie ihr neues Heim in der Nniversi- tätsstadt beginnen könnten.
Sylvia hatte in jüngster Zeit ihre Gesangsübungen wieder vorgenommen, und alle die Sachen, die sie mit Roderich gespielt, hervvrgeholt. Es war das einzige, was sie in alter Weise Mit Leidenschaft betrieb. Zu Ernas Qual musizierte sie mit ihrer Mutter oft die ganzen Morgenstunden hindurch in der joberflächlichen, unsorgfältigen Weise, welche Frau Zernials Spiel charakterisierte. Sylvias Stimme war allerdings freier und ihr Vortrag seelenvoller als früher ; Erna frappierte es oft, welch ein veränderter Geist darin lag. Roderichs Arien, die ihr stets matt und ohne besondere Originalität erschienen waren, gewannen wirklich Feuer, so wie Sylvia sie saug, und Frau Zernial sprach neuerdings nur von Sylvias phänomenalem Talent und ihr'er Glockenstiinme. Bei dieser Art zu üben indes, die nur eine ganz falsche Ausbildung erzeugen konnte, dünkte es Erna recht unnütze Mühe und schlecht verwendete Zeit, die noch überdies den Hausbewohnern ein Martyrium auferlegte.
Billatte war gar nicht musikalisch. Er hörte geduldig in seiner rücksichtsvollen Weise, welche stets anderer Interessen gelten ließ, einen gelegentlichen Vortrag Sylvias an, obgleich auch sein Ohr durch die unterlaufenden falschen Töne verletzt ward.
„Quälen Sie sie nur nicht damit, Mama," sagte er dann wohl zu der Frau, welche er als Schwiegermutter zu achten hatte, „Sylvia soll ja gottlob weder Konzertsängerin noch Bühnenkünstlerin werden nnd wird bald andere Pflichten finden, die ihr zu dem schweren ^Studium nicht viel Zeit lassen."
Fran Zernial warf bei solchen Reden den Kopf in den Nacken und machte — nach Ernas Meinung —. ein ganz impertinentes Gesicht. Die Abneigung zwischen ihr und dem Schwiegersohn war jedenfalls gegenseitig.
„Siehst du," sagte sie dann später zu Sylvia, „jetzt spricht 8ev Herr Bräutiganr schon von dm Pflichten, während man zu Anfang die angebetete Götttn nur auf den höchsten Thron setzen wollte."
Sylvia verzog ihr hübsches Gesicht in einer ihrer Umgebung wohlbekannten Weife.
„Ach, wie langweilig ist das alles!" sagte sie.
„Ich habe eine Ahnung, du und Armand, ihr werdet euch immer zanken."
Sylvia fand in der Tat das Leben jetzt furchtbar langweilig. Sie hatte es gewußt, daß es nach Roderichs Abreise so werdest Würde. Der Brautstand hatte auch nichts daran geändert. Billatte verstand es nicht, sie zu unterhalten. Sie iv^r allemal froh, wenn er sich wieder an Erna wandte, welche ja für alle die gelehrten Tinge ein Ohr und ein Verständnis hatte. Es war ihr so gleichgültig, ob sie irgendwo wieder einen neuen Planeten entdeckt hatten oder ob Bismarck eine Rede gehalten und wieviel Sozialdemokraten in den Reichstag gewählt worden waren. Sie gerieten ordentlich ins Feuer, in Debatten dabei, auch manchmal über die sogenannte Frauenfrage — wie viel die Frauen leistest könnten und sollten. Sie hatte neulich — seit langer Zeit zum erstenmal wieder — laut herauslachen müssen, als Erma gegen die Nealgymnasim für Frauen eiferte und ganz rot dabei int Gesicht wurde. Es stand Erna schlecht, wenn sie rot wurde. Und Armand hatte da lächelnd seine Hand ans ihrm Arm gelegt und gemeint:
„Sie tonnen nicht mitreden, Erna, Ihnen gab die Natur alles, was die Fran zu ihrem Beruf bedarf, den klaren Ber-, stand, das logische Denken und die praktische Tüchtigkeit. Es gibt aber viele Ihres Geschlechts, die das alles erst üben und lernen müssen."
Armand hatte hübsche, schlanke weiße Hände, das machte sein Aussehen vornehm — Sylvia verweilte mit ihren Gedanken bei diesen Händen und erwog dann in einem müden, gleichgültigen Denken, ob Armand sie wohl für unwissend halte. Nun, es machte nicht viel aus — in ein Realgymnasium konnte er sie ja nicht mehr stecken.
Einigemale hatte sich in Villattes vertrauendes Herz eine Sorge geschlichen. Bei dem Auswahlen und den Beratungen über die junge Einrichtung entwickelte Sylvia nach seiner Meinung zu wenig Bescheidenheit. Der Kvmmerzienrat hatte sehr großmütig und liberal die Anweisung gegeben, Sylvia reichlich auszustatten, und die kleine Prinzessin ging nun in den Möbel- magazinen, den Teppichlagent und Modemagazinen umher und wählte nur die allerteuersten Luxusgegenstände.
Frau Friederike erhob in ihrer umständlichen und schüchternen Manier zuweilen einige Bedenken, ob es nicht für die Verhältnisse zu großartig, für des Kommerzienrats Annahmen etwas zu teuer sei. Frau Zernial schnitt solche Reden mit rücksichtsloser Schärfe ab.
„Tas ist wieder deine enge Zaghaftigkeit, Friederike. Was das wohl bei deines Gatten Mitteln ansmacht! Ihr habt es ja doch noch viel eleganter in eurem Hause, und daran ist Sylvia gewöhnt."
Billatte hatte dann Sylvia allein genommen und ihr fteuM lich bedeutet, daß es ihm peinlich sein würde, wenn sie irgend^ wie die vom Pflegevater ausgesetzte Summe überschreite.
„Und überdies," hatte er hinzugefügt, „ich bin derselben! Meinung wie Mama Walldorf, es paßt nicht in unsere Verhältnisse. Wir werden kein großes Haus machen, dazu reichest meine Mittel gar nicht. Wir ivollen uns ein behagliches Nest für uns einrichten, wo es sich warm darin wohnt. Du hast noch keine Erfahrung, meine kleine Sylvia, und kennst noch nicht das Sprichwort: Was du nicht brauchst, ist eine schwere Last."
Sylvia sah bann mit dem scheuen Blick eines gescholtenen Kindes zu ihm auf, der ihn stets im Ungeroiffen darüber ließ/ ob sie überzeugt und mit ihm einverstanden fei. Dieser Blick/ diese andauernde Verschlossenheit ihres Wesens beängstigten ihn allmählich.
Sylvia aber dachte: „O, mein Gott, Mama Hat recht, er ist ein Philister!" Und sie schauderte Beim Gedanken au das behagliche Nest für sich und ihn allein.
Das Wetter war noch immer schlecht, bis über Wetyft nachten hinaus. ,
Tie Reitpferde waren abgeschafft; seit Roderich fort war, fehlte es den beiden Mädchen an geeigneter Begleitung, UM Erna, der das Reiten sonst Vergnügen gemacht, gab es aus, um Sylvia mit gutem Beispiel voran zu gehen. Sylvia aver sprach täglich davon, wie fehr sie eS entbehre.
(Fortsetzung folgt.)


