Mttwoch den 24. April
1907
MU
h
a LpTiufe
s
MMj WDMW MMAWVM
Ä
Dem Irrlicht nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Villatte war zu Erna getreten und hatte sich auf das kleine Tabouret neben dem Kredenztisch, wo xr frither oft gesesscn, niedergelassen. Ernas Hände zitterten plötzlich, während sie den Kaffee eingoß, die Tassen klirrten leise aneinander.
„Fräulein Erna, nun bin ich auch Ihr Bruder geworden, nicht wahr?" sagte er in gedämpftem, bewegtem Ton. „Wollen Sie Sylvia und mir Ihre Liebe und Freundschaft erhalte,:? Wir bedürfen ihrer sehr."
Erna mußte ihn anblicken. Liebe und Freundschaft — Gott wußte, daß die in ihrem Hetzen für ihn und für sie lebten —sie war treu, wo sie einmal liebte, liebte sie immer.
„Daran glaube ich auch so fest, wie an Gottes Allmacht," entgegnete er mit strahlenden Augen, „und Sie wissen es, Sylvia ist noch solch ein kleines, kindliches', unselbständiges Geschöpf. Sie sind anders, Erna, Sie stehen hoch über uns, wie unsere Vorsehung, wie unsere Weisheit, die allezeit besonnen bleibt und immer das rechte trifft. Sie haben Sylvia bisher geleitet zu allem Guten, bleiben Sie ihr, was Sie ihr waren, lassen Sie sie nie aus Ihren: Herzen."
Erna schüttelte abwehrend den Kopf; seine Seele war so voll, er hätte heute die ganze Welt umarmen mögen, er ahnte nicht, was er von ihr forderte. Sie zwang sich zu einem Lächeln, das ihi: befriedigen konnte.
„Sylvia hat jetzt Sie," sagte sie zögernd, „da braucht sie niemand sonst."
„Doch — doch — sie braucht Sie, Erna. Ich — nun, Sie werden es mir zutrauen — mein ganzes Leben gehört fortan ihr. Sie soll nichts entbehren, wenn ich es schaffen kann, und schaffei: werde ich es allein. Für sie sorgen darf niemand als ich. Das .Sorgen für andere ist ja mein Lebenselement, ich habe es gekonnt und gedurft von früh auf, für die Eltern, für die Brüder — was ist das für eine Freude gewesen — und nun gar für sie! Zch habe es dem lieben Gott heiß gedankt, daß er mir so mein Glück schuf."
Er sprach noch immer im Flüsterton in seiner tiefen Erregung, die nun zu Erna ausströmte. Es' war unter dem Bann der äußeren Formalitäten und gesellschaftlichen Anforderungen alles ü: ihm verschlossen geblieben, er hatte ja nicht einmal zu der Braut sich ansfprechen können. Aber Erna verstand ihn immer, sie war die erste, der dieser warme Strom entgegenquoll.
„War das eine Freude, ein Ersatz?" fragte Erna sich. Gott zeigte ihr wohl, daß cs einer sein solle. Würde Sylvia diese Reden verstehen? Sie, die unter Roderichs Egoismus so schwer gelitten haben mußte. War sie imstande, Vergleiche anzustellen? Dam: mußten ihr die Augen airfgehen über solchen Kontrast.
„Sic sind ein selbstloser Mensch, Villatte," sagte sic, „es gibt wenige von Ihrer Art. Im allgemeinen sind die Menschen froh. Wenn sie nur für sich allein zu sorgen haben. Und ich
will cs Ihnen nicht verhehlen, das Glück, das Sic sich so rühmen, haben Sic recht ausgiebig gefunden. Sylvia ist eilte verwöhnte kleine Prinzessin." _
„Ja, das mag sein," meinte er, und es flog Ivie en: leichter Schatten über seine Stirn, „den Reichtum dieses Hauses kam: ich ihr freilich nicht bieten. Sie wird kein Reitpferd und teilte Equipage zu ihrer Verfügung haben, und manchen andern Luxus nicht. Aber daran hängt dozch das Glück nicht, und es wird auch ihr nicht daran hängen."
Sein von der Gasflamme beschienenes' Gesicht sah zu ihr auf, der Ausdruck keimender Sorge spiegelte sich darin.
„Nein, nein, Sylvia wird keine törichten Dinge verlangen," beeilte Erna sich hinzuzufügen, „sie wird und muß immer dankbar erkennen, wie gut es ihr geworden ist in der Welt!"
„Ja, sehr gut," wiederholte er. „Ihrer Eltern Liebestat darf sie nie vergessen. Was wäre wohl ihr Los geworden unter der Obhut ihrer eigenen Eltern?"
Er erhob sich mit sinnendem Ausdruck, Frau Zernial war zu Sylvia hineingegangen, diese mußte erwacht sein. Die Nähe dieser Mutter gab ihm jedesmal einen Stich. Hoffentlich blich Sylvia nicht lange unter ihrem Einfluß. Menn er die Professur in Leipzig erhielt, was in nächster Zeit zu erwarten stand, würde er verhüten, daß sie der Tochter folgte. Es war traurig, sh zu denken, aber sentimentale Schwäche war hier nicht am Platz. Die erste:: nüchternen, praktischen Erwägungen gewannen Raunt in seiner Seele.
8. Kapitel.
Es waren die letzten schönen, sonnigen Oktobertage gewesen, als diese Ereignisse sich abspieltcn, dann wurde das Wetter rauh und stürmisch. Der Novemberhimmel war einförmig grau, es wurde kaum hell in tblen kurzen Tagen. Im Walldorfschen Hanse ging alles wieder im alten Gleise und doch war so viel verändert, an: meisten und ausfallendsten Sylvia. Ihr fröhliches Lachen, ihr Singen und Trällern auf Gängen und Treppen schien für alle Zeiten verstummt zu sein, und jeder im Hause vermißte es. Die bräutliche Würde machte sie ernst.
Nur ihre Heinen tyrannischen Launen waren nicht gcschwnudeit, sie übte sie noch und mit unliebenswürdigerer Wirkung.
Ter gute, liebevolle Bräutigam mußte sie fühlen, obgleich sie sie au ihm noch zum geringsten Teil guslicß. Er flößte ihr trotz feiner Milde und Nachsicht doch ungemeffeiteit Respekt ein. Erna wunderte sich oft, wie sie ihm cntgegcnlächeltc, gc-, duldig und freundlich war, wenn kurz vorher Ausbrüche übelster Stimmung erfolgt waren.
Aber eine kühle, jeder leidenschaftlichen Regung ermangelnde Brant war sie. Villatte vermißte scheinbar nichts. Er sah sie nicht zu allen Zeiten, er sah sie nur unter dem Zwang einer gewissen Beherrschung,! und ihre keusche Zurückhaltung fesselte ihn. Die meisten Stunden wurden unter Beratungen über die Aussteuer und die Toiletten verbracht. Sylvia war immer sehr empfänglich für das letzte Fach gewesen, jetzt ging sie ganz darin auf. Sie entwickelte einen anerkenneuswerteit Geschmack aus dem Gebiet und überraschte stets durch ihre Erscheinung.


