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Weilmachtsmärchen,
Von Kur d Laß Witz.
Nachdruck verboten.
< Schluß.)
Die Schritte des Mannes waren längst verklungen, und noch immer schwieg die Tanne. Denn sie dachte nach, und das ging nicht so schnell. Endlich aber sagte sie zum Rauhreif:
„Ich habe doch recht. Du meintest, der einsame Mensch könne dieses Fest nicht feiern. Dieser Mensch aber ist einsam, und er feiert es doch. Er richtete den Baum auf in seinem Herzen, und er ging davon wie ein Festesfroher, denn er traute auf die Verheißung des Sterns."
„Und ich habe doch auch recht," antwortete der Rauh- reif milde und setzte Kristall an Kristall auf den dunkeln Tannennadeln. „Jener Mann war eben nicht einsam. Das gerade ist die Verheißung dieser Nacht, daß der Mensch nicht verlassen ist. Du darfst nur das. Zusammensein nicht so ängstlich deuten wie das Beieinanderstehen der Bäume im Walde. Die Menschen haben noch ein andres Zusammen als durch den Raum und durch die Wirkung des Natnr- gesetzes. Einsam ist nur der, der ohne Menschenliebe ist, ob das nun die Liebe des Dichters sei, oder die Liebe von Eltern und Kind, oder von Freunden, oder zu irgend der Geringsten einem, dem das Wunder des Menschenseins gegeben ist. Solch ein Armer kann den Baum nicht aufrichten. Wer aber nach der Menschenliebe sich sehnt, dem werden die Lichter glänzen. Denn ivas sonst nur dem Dichter gewährt ist, das gab die heilige Nacht einem jeden, erfüllt zu sehen sein Vertrauen, zu erleben der Liebe Macht in tiefster Menschenbrust. Und das ist die Freude, die ins Menschenherz zieht in der Weihenacht. Darum traute der Mann auf den Stern."
Die Tanne besann sich und sprach dann leise:
_ „Das wäre ein großes Wunder, das den Menschen in dieser Nacht geschenkt ist. .Hat es denn nicht immer die Liebe 'gegeben? Haben die Menschen itidjt immer darauf getraut? Warum knüpfst du dies Geheimnis an die heilige Nacht?"
„Freilich", erwiderte der Rauhfrost, „immer siud Menschen gewesen, die das Gute taten itnt der Liebe willen, viele doch aber nur um des Gebotes willen. Und dann fragt der Mensch nach des Gebotes Ursprung und Erfolg, worauf er seine Zuversicht stütze. Sonst gleicht seine Tat enern Samenkörnchen, die der Gunst der Winde anvertraut sind, ob sie einen Boden finden, darin sie wurzeln können. Außer dir liegen die Bedingungen, ob dein Geschlecht gedeihe; über dir schwebt das große Gesetz des Lebendigen, Und du bist ihm ait§ geliefert, wie es mit dir verfahre. Du weißt nicht, was das Gesetz will, denn du bist sein Werk."
„Mn gut, was kümmert es mich ?"
| „Aber den Menschen kümmert es. Wohl mag er dem Gesetz folgen, das von ihm das Gute fordert, aber es konnte ihm nicht genügen, daß es außer ihm lag als ein Gebot. Denn er verlangt nicht nur das Leben, er verlangt Freiheit und Würde. Und die konnte er nicht eher gewinnen, bis in der Menschheit das Flammenwort aufblitzte: das fordernde Gesetz, das bist du selbst; du willst es und du allein trägst die heilige Verantivortung für seine Erfüllung; bis die Stunde kam, da das Gesetz Mensch ward. Es muß der Mensch geboren werden, in dem die Fülle der Gottheit lebt, daß er freiwillig auf sich nimmt, das Gesetz zu erfüllen bis in den Tod. In allen Menschenherzen muß die klare Mahnung geschrieben sein: Das Recht des Lebens erwirbst du nur, indem du für die Menschheit lebst. Das ist deine Freiheit und deine Würde."
„Und das geschah in der heiligen Nacht?" fragte die Tanne.
„Auch von der Zeit mußt du dir das Wesen der Men- schon freier denken als dein Blühen und Früchtetragen. Sein Ziel ist dem Menschen gewiesen W jeder Zeit und überall, wo das hohe Wort in ihm redet: Ich bin frei, denn ich nehme das Gesetz auf in meinen Willen. Aber das ist eine Tat, so groß und gewaltig, daß sie dein kleinen Menschen nicht so leicht gelingen kann. Es ist eine Idee, die ihm bewußt werden muß."
„Höre auf, Rauhreif!" rief die Tanne. „Du wehst hier nicht durch die Seele eines tiefsinnigen Menschen, du wehst iit der Mitternacht um Tannenzweige. Was soll das mir?"
„So denken auch der Menschen viele: Was soll das mir? Was tue ich mit einer Idee? Und darum, damit sie wirken kann, die Idee, in allen Menschen, zu allen Menschen, muß sie gewandelt werden in ein Gefühl. Sie muß lebendig werden in Menschenherzen, in Sehnsucht, Hoffnung und Vertrauen. Dieses Gefühl ist die Liebe zur Menschheit. Und lebendig wird es den Menschen an den erhabenen Beispielen, die in ihrer Geschichte auftauchen. Aus ihnen strömt in die Gemüter oie Gewißheit: Es ist möglich! Aus ihnen quillt die Hoffnung: Es wird gelingen. Von ihnen verbreitet sich das Vertrauen: Dein Ringen ist nicht vergebens! Es gibt eine unendliche Liebe zur Menschheit, der der Sieg gehört über alle Not des Lebens. Es gibt eine unendliche Zukunft. Erringe sie!"
„So ist es dies," fragte die Tanne, „woran die Men- schen in oieser Nacht sich mahnen?"
„Sie knüpfen das Fest der Menschenliebe an das erhabenste Beispiel, damit ihnen immer aufs neue erweckt werde der Ruf: Ihr gehöret einander!"
„Nun denn," begann die Tanne imd; langem Schweigen, „so will ich das Fest den Menschen lassen. Mir ist es zu groß."
„Du hast wohl recht," sprach der Nauhreif leise. „Doch mußt du nicht glauben, daß es zu groß sei für die Men-


