Ausgabe 
23.11.1907
 
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Selbstbestimmung; denn nur dadurch erhebt er sich über die Schranken seiner sinnlichen, psychischen, individuellen End­lichkeit zur Totalität des Lebens. Der bloße individuelle Mensch, auch der Uebermensch, bleibt immer ein Sklave ein Sklave der Natur, ein Sklave der anderen, ein Sklave zum mindesten seiner eigenen Begrenztheit. Frei ist nur der geistige Mensch, der durch die Idee der sittlichen Ver­gesellschaftung zugleich sich und alle zur Totalität erhebt. Die Gesellschaft ist die Verwirklichung der Freiheit. Das zeigt sich auch an den großen Pfadfindern der Mensch­heit, die uns durch Nacht und Dunkel den Tag zum Lichte weisen; denn gerade dadurch vermögen sie ihr Erlösungs- Werk zu vollenden, daß sie ganz und gar über die engen Grenzen ihrer individuellen' Beschränktheit hinausgreifen, indem sie Bürger des Ideenreiches sind. Diese Totalität einer rein geistigen Lebensauffassung, die aber nicht etwa weltfremd ist, sondern in unmittelbarer Fühlung mit der menschlichen Entwickelung steht, wird nun auf die verschie­densten Gebiete geistiger Tätigkeit bezogen, um sich gleichsam als immanentes Gesetz zu erweisen, also auf die Religion und Theologie, auf die Philosophie und ihre etwaige Wieder­erweckung auf den letzten Stufen unserer höheren Lehr­anstalten (wofür Schmidt ausdrücklich eintritt), auf Dicht­kunst, auf die Bibel uswl Uieberall tritt uns reifes Denken, vertiefte Erfahrung und warmherziges Gefühl entgegen, das der Darstellung einen eigenen Reiz verleiht. Auch die Soziologie und Nationalökonomie kommen mit der Geschicht­schreibung zu ihrem Recht; überall betont Schmidt das Ausschlaggebende der Ideen, denen gegenüber alles andere, selbst die Individuen, nur Mittel, nur Vorbereitung sind. Im einzelnen kann man anderer Meinung sein; so in manchem, was Schmidt über die Dichtkunst sagt. Und ob für die Prima der Unterricht in der Geschichte der Philo­sophie das rechte Lockmittel ist, um tieferes philosophisches Verständnis zu erwecken, will uns zweifelhaft erscheinen, mindestens erfordert es einen sehr geschickten Lehrer, iveil sonst nur der reine Ballast des Details den Blick für das relevante Allgemeine beirrt.

Das Buch kann allen tiefer blickenden Menschen warm empfohlen werden. Th. A.

Ver«,Achtes.

* Fast vier Milliarden Mitgift. Die Ameri­kaner in ihrer Geldkrisis suchen jetzt 'ihren Trost darin, den Europäern immer ivieder vorzurechnen, ivie viel köst­liche Millionen mitsamt den edelsten Töchtern ihres Landes den unwiderstehlichen, neun-, sieben- und anch fünfzackigen Freiern der alten Welt in die Arme gesunken. Nach vor­liegenden Berechnungen sind es angeblich nicht weniger als 3780 Millionen Mark, die die noblen amerikanischen Väter ihren europäischen Schwiegersöhnen als Bar­angebinde überreicht haben. Dazu kommen nach den ameri­kanischen Blättern noch die Millionen, die viele amerika­nische Väter ohne Klage aufwenden, um den künftigen Schwiegersohn erst zu sanieren. In einer Liste führen die Amerikaner jetzt nicht weniger als 356 einstige american girls an, die in der europäischen Aristokratie ihr Ehe­glück gesucht haben. May Goulet, spätere Herzogin von Roxburghe, entführte ihrem Vaterland 160 000 000 Mark, Pauline Astor, nachmalige Mrs. Spender Clay, <80 000 000 Mark, Anna Gould brachte dem fanrosen Grafen Boni de Castellane 68 000 000 Mark, Sarah Phelps Stokes, spätere Baronin Halkett, verfügte über eine Barmitgift von vierzig Millionen Mark, ebenso Consuelo Vanderbilt, Herzogin von Marlborough, Mary, Nancy und Margaret Leiter. Belle Wilton und Karoline Astor brachten je 20 Millionen in die Ehe und Marie Sattcrfield, spätere Gräfin Larisch von Moentch, 16 Millionen Mark. Neben altangesehenen briti­schen Aristokratenfamilien und klangvollen italienischen Fürstennamen figurierte auf der Liste auch eine lange Reihe bekannter deutscher Adelsfamilien. Wir finden die sieg­reichen Amerikanerinnen im Fürstenhause Auersperg, als Gräfin Blücher, Gräfin Beroldingen, Gräfin A. v. Bulow, als Baronin Debrowski-Donnersmark, Gräfin Goetzen, Ba­ronin Graffenried, Gräfin Moltke-Huitfeld, Fürstin Hatzfeldt, -Gräfin Hatzfeldt, Prinzessin Isenburg, Gräfin Kranenberg- Wittgenstein, Baronesse Ketteler, Gräfin Koessel, Gräfin Lerchenfeld, Fürstin Lynar, Gräfin Raben-Levetzow, Gräfin Linden, Gräfin Moltke, Baronin Mallzahn, Gräfin Pappen­

heim, Gräfin Bernhard Pourtalss, Gräfin Jacques Pour» talßs, Gräfin Otto Pourtales, Baronin Rothenberg, Prin­zessin Radziwill, Baronin Stnmm, Prinzessin Salm-Salm, Baronin Schweinitz, Baronin Schwartzenburg, Gräfin Franken Sierstorpf, Gräfin Trackenberg, Gräfin Wartens­leben und Gräfin Waldersee.

Juristisch. Anwalt (mit seiner jungen Frau das Standes­amt verlassend):So, mein Herz, nun ist unsere Liebe rechts­kräftig."

Enfant tcrrible. Frau A. zur Frau B.:Ich möchte »teilt seidenes Kleid gern färben lassen, weist aber nicht wie." Söhnchen:Mama, kannst du es nicht mit derselben Farbe färben, mit der du deine Backen färbst?"

Literarisches.

Gedanken über Geschlechts-Probleme. Bon Otto Weininger, herausgegeben und eingeleitet von Robert Saudek. (Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock, Berlin W. 30). Preis geh. Mk. 1,20. Der Name Otto Weininger gehört zu den heißumstrittenen der letzten Jahre. Leidenschaftlich und heftig ist die Lehre des früh durch Selbst­mord geschiedenen jungen Forschers bekänipft und angegriffen worden. Andererseits hat der große Weiberhasser und vier- oder fünffache Ehegatte August Strindberg seine eigenen literarischen Schöpfungen als ein ahnendes Stammeln bezeichnet, neben dem MeiningersTat" alsbefreiendes, bewußtes Erkennen" stehe. W.'s Ideen beschäftigen sich bekanntlich zumeist mit dem psychischen Wesen des Weibes. Was der Leser, dem fach- psychologische Kenntnisse mangeln, nur mit Mühe dem W.'scheu Hauptwerke.Geschlecht und Charakter" entnehmen könnte, das findet er hier übersichtlich geordnet in der Diktion einer klaren, allgemein verständlichen Prägung. Gedanken über denGenius", dasWeib", das Verhältnis der Geschlechter, die Liebe und die Urwurzeln der Frauenfrage sind in dein kleinen Büchlein, neben tieftrcffenden Apcrcas über das Wesen des Verbrechers und über psychologische und ethische Probleme enthalten. Das Geleitwort stammt von Robert Saudek.

Goldene Worte.

Hoheit, wenn sie auch wie anders irrt, trägt eins Art vo!t Heilkraft in sich, die Fehl und Wunden schließt.

* Shakespeare.

Die kleinste Sache kannst dir gut verrichten, Die kleinste schlecht. Aus lauter kleinen Dingen Besteht der Tag, bestehen alle Tage, Besteht das Leben. Darum ivarte nicht 2)iit deiner Weisheit, deiner Redlichkeit, Bis große Dinge mit Posaunen kommen.

An jedes ivende du dem ganz' Geinüt, Die ganze Seele, alle Lieb' imb Treu'.

* L. S ch e f e r.

Ten besten Beiveis von Weisheit lieiert eine stäiidig gule Geistesstimmung. * Montaigne.

Gleich entfernt uont Geiz und vom Verschwenden, Floß, was du gabst, Natur, aits sparsam fingen Händen.

--------------- Lessing.

Köttigspromenade.

Man dari die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise mit einander verbinden, daß man wie der König auf dem Schach­brett stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht.

Auslösung in nächster Nummer.

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Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Man soll bei gutem Winde ait den Sturm denken.

Redaktion: P. Wit tko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu llniversiiätS-Buch- und Steindrlickerei, R. Lange, Gießen.