Ausgabe 
23.11.1907
 
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Loge des Kaisers vorüberkommen, da schweigt die Musik, aus ihren Kehlen aber dringt zu ihm hinauf der Ruf, mit dem die Fechter ihren Herrn zu grüßen pflegen: Ave, Caesar, moi ituri te salutant. Wre viele von ihnen werden nach einer Stunde noch am Leben sein? Manchen blutigen Leichnam wird man dann in die Totenkammer schleifen. Aber der Tod hat für sie, die ihm so oft ins Ange gesehen haben, seine Schrecken verloren. Ohne zu zucken, ohne zu klagen, nehmen sie ihn hin aus des Gegners Hand.

Mcht geringer an Heldenmut ist eine andere kleine Schar, die nach ihnen zum martervollen Tode schreitet. Christen sind's, die sich weigern, ihren Glauben abzu­schwören und den Göttern zu opfern. An Pfähle ange­schnürt und in Netze eingesponnen, in den Händen das hölzerne Kreuz, so stehen sie da, die Augen gen Himmel gewendet, und ihre Lippen flüstern: Ave, Jesus, morituri te salutafit. Dann fallen ausgehungerte Bestien über sie her, rind bald ist der letzte Seufzer verstnnrmt. Das Volk aber rast vor Wergnügeri.

Moritrlri, dem Tode Geweihte sind auch wir. Unab­wendbar steht das Geschick vor uns, und fast so lange wir denken können, wissen wir: auch wir müssen sterben.

Aber nie wird uns das so deutlich klar, nie drängt sich das Gefühl unserer Vergänglichkeit so übermächtig auf, wie am Totensonntag.

In der Arbeit des täglichen Ledens, die unsere Kraft rrnd unser Denken ganz in Anspruch nimmt, in den Zer­streuungen des Vergnügens, die nicht zum Selbstbesinnen kommen lassen, mag der Gedanke an das einstige Ende nnr selten auftanchen, und mancher hält ihn mit Gewalt von sich fern. Wozu sich das Leben mit Todesgedanken ver­bittern ? Wenn man alt und krank ist, dann ist Zeit dazu. Als ob es nur den Alten und Kranken bestimmt wäre, zu sterben.

Wer wenn morgen die Glocken ernst und dumpf von den Türmen läuten, und wenn Scharen schwarzgeklei­deter Menschen mit Kränzen und Blumen in den Händen nach den Friedhöfen wallen, da wird ioohl mancher ernst werden und daran denken, daß auch er üt dem Zuge des Todes mitgeht, daß auch er zu den Morituri gehört. Sie alle, die morgen die Toten besuchen, werden in wenigen Jahren oder Jahrzehnten an ihrer Seite liegen.

Bereitet uns dieser Gedanke nicht Angst und Schrecken? Weggerissen werden mitten ans beut Leben, fort von un­vollendeter Arbeit, aus den Armen der Liebe, von dem -Becher der Lust, vielleicht gar bald, ist das nicht ein ent­setzlicher Gedanke?

Du sprichst: Nein, beitu das ist ja aller Menschen Los, das ist Bestimmung der Natur, und was natürlich, was unabwendbar ist, das muß man hinnehmen und sich damit abfinden, Ja, das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Wie kann man's? Was nimmt dem Tode den Schrecken? Sollen wir auch, wie jene Gladiatoren, in stumpfem Gleichmut dem Tode entgegengehen? So stirbt der Rohe, der Wilde. Ein Weiser, ein Christ, stirbt also nicht. Als Sokrates den Giftbecher trank, erfüllte Heiter­keit seine Seele, und Lobgesänge ertönten noch von den Lippen der Christen, wenn Bestien sie zerrissen oder die Flammen sie umhüllten. Sie glaubten fest, daß der Tod sie nicht töten könne. Wer an ein ewiges Leben glaubt, der hat den Tod überwunden. In allen Wirrsalen und Enttäuschungen des Lebens ist dieser Glaube eine wunder­bare Kraft, die uns unter der Last des Daseins nicht erliegen läßt. Und ist nicht für jeden, der morgen an Gräbern seiner Lieben steht, voll süßen Trostes der Ge­danke an ein Wiedersehen, der Glaube, daß seine teueren Toten nicht für «pvig ihm verloren sind, daß morgen nicht das Fest der Toten begangen wird, sondern das Fest der Lebenden?

Ern deutscher Kaufmann Lehnsherr in Beueznela.

Wenn wir die Geschichte jener erstaunlichen Entdeckertage aufschlagen, als neue Kontinente aus den Ozeanen stiegen und Europa zuralten" Welt ward, so finden wir verhältnismäßig wenige Ruhmesblätter, auf denen die Taten von Deutschen ver­zeichnet stehen. Das Deutschland des 16. Jahrhunderts lag eigent« ltch kaum am Meere; hat doch unser neues Reich sich die Türen, die auf die hohe See hinaussühren, erst selbst und kräftig öffnen müssen. Mittelbar aber und an einzelnen Punkten; haben dentsche Männer auch in jener Epoche eingegrifsen und nicht unwichtige Resultate erzielt. Erst kürzlich haben sich Archive ausgetan, die ihren Anteil ins rechte Licht rücken; besonders war die Rolle, die das reiche Augsburger Handelshaus Welser in der Okkupationsgeschichte Südamerikas spielte, zu berücksich­tigen. Wildenbruch hat bekanntlich seineRabenstei­ne r i n" auf dieses Kolonialunternehmen der Welser anfgebant. Professor Dr. Günther von der Münchener Technischen Hochschule erläuterte die Beziehungen der Welser zu Augsburg in einem Vortrage am Berliner Institut für Meereskunde. Dem Bar­tholomäus Welser wurde int Jahre 1631 Venezuela zu Lehn gegeben; und das kam so: Bekanntlich krankten die römischen Kaiser deutscher Nation an einem immerwährenden Geld­bedürfnis, das schließlich bei dem eroberungslustigen Karl V. zur offenkundigen Kalamität ausartete. Die Bankfirmen Fugger und Welser mußten erhebliche Tonnen Goldes vorschießeu, um ihn über Wasser zu halten, und es war den splendiden Gläubigern nicht zu verdenken, wenn sie auf eine redliche Gegenleistung pochten. Columbus hatte aus seiner dritten Reise die Orinoco- Mündung gefunden, und den Ort nach der Aehnlichkeit und wegen der Pfahlbauten der Indianer Venezuela, d. h. Klein- Venedig, getauft. Dieser Landstrich war also in spanischem Besitz und zur Verfügung Karls V. Kurzerhand übertrug der Kaiser daher die Regentschaft dieser exotischen Provinz auf den Chef des Hauses Bartholomäus Welser. Der tat, was damals üblich war und auch nicht anders sein konnte: er mietete ein Fähnlein Landsknechte nnd schickte sie, wie wir jetzt scherzhaft sagen, über den großen Teich ans die Suche nach demDorado". Das Dorado (Eldorado) bedeutet nämlich gar nicht das Goldland, sondernder Goldene" oder der Goldmensch. Auch Humboldt berichtet davon, daß sich in Venezuela bei gewissen Gelegenheiten ein märchenhafter Herrscher am ganzen Körper mit Goldstaub bestreuen ließ, den er hernach im Bade wieder abspülte. Nach Ansicht der geldnotleidenden Europäer mußte eine solche Verwendung des edlen Metalls einen sträflichen Unfug darstellen, und man war aufs lebhafteste bemüht, der Person dieses goldlackierten Fürsten habhaft zu werden. Di« Landsknechte Weisers suchten aber vergeblich. Sie verabsäumten auch wohl, was wichtiger gewesen wäre, Siedelungen vorzubereiten, indes gerieten sie sehr bald mit der spanischen Kolonialregierung in Konflikt. Nach den neuesten Publikationen über diesen Gegen­stand trifft aber der Vorwurs eines inhumanen Vorgehens gegen die indianische Bevölkerung nicht zu, vielmehr waren die Quertreibereien der Spanier, die zuletzt widerrechtlich einen Statt­halter nach Venezuela entsandten, hauptsächlich schuld an dem Mißerfolg der Deutschen. Welser schickte schließlich 1535 Philipp von Hutten, einen nahen Verwandten Ulrichs von Hutten, hinüber. Doch weder ihm noch dem ältesten Sohne Weisers, der 1545 drüben eintraf, gewissermaßen als Regent in Person, gelang es, den Hader zu schlichten. Beide Anführer wurden eines Tages von den Spaniern gefangen genommen und hingerichtet. Zwar traf den Statthalter für diese Tat bald darauf die gerechte Strafe; doch kann man es verstehen, wenn der alte Welser nach allem die Lust verlor, weitere Verluste an Gut und Blut anzuhäufem Nach einem langwierigen Entschädigungsprozeß trat er 1552 seine Rechte an die Spanier ab. So verflog der Traum eures deutschen Venezuelas. Dr. Alfred K i n d..

Zur Wiedergeburt des Idealismus.

Philosophische Studien von Ferd. Jakob Schmidts Leipzig, Dürrsche Buchhandlung. 1908. 8°. 325 S.

Nach verschiedenen Anzeichen zu schließen, scheint es, als ob in weiten Kreisen eine starke idealistische Strömung zum Durchbruch gelange und sich allem Pessimismus itnb Skeptizismus zum Trotz, der unser Volksleben zu vergiften droht, durchsetzen wolle. Als ein solches erfreuliches Symp­tom betrachten wir auch das vorliegende, mit warmen Pathos, aber ohne eigentliche Rhetorik geschriebene Bucy, das die verschiedensten Lebensgebiete umfaßt. Denn das ist die unerbittliche Forderung einer gründlichen Reform, daß die neue Erkenntnis nicht nur unser Denken kläre und vertiefe, sondern vor allem unseren gesamten inneren Men­schen durchdringend heilige. Diese Läuterung des Menschen im Schmelztigel des Ewigen, des Geistes, vermag nnreber Idealismus zn schaffen, der eben die überragende Macht der Ideen als selbstverständliche Voraussetzung zugleich und auch als letztes Ziel der Entwickelung betrachtet. Das höchste Ziel des Menschen, erklärt mit Recht der Verfasser, und zugleich sein wahrer Begriff ist die Freiheit der universellen