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Ich habe an jenem Abend gar nicht geraucht, einfach, weil ich beim Umkleiden mein Zigarrenetui vergessen hatte und grundsätzlich nur meine eigene Sorte rauche. Ich bin sogar imstande, dies zu beweisen," fuhr er fort, „der Zufall wollte, daß ich zum Rauchen aufgefordert wurde... bei Selkenbachs nämlich. Da ich mein Etui in der Fracktasche nicht hatte und gerade in lebhafter Unterhaltung begriffen war, beauftragte Fräulein Selken- bach den Hausmeister, das Etui aus meinem Ueberrock zu holen. Tort war es indessen auch nicht: es kam auch nicht zum Vorschein, als ich persönlich die Taschen durchsuchte. Einfach, weil ich es vergessen hatte. Ich rauchte also nicht. Das können Zeugen beweisen."
Hansemann suchte seine Betroffenheit zu verbergen. Was Witte da sagte, klang glaubhaft; der Rat selbst wußte, daß der andere nur seine geliebten „Russen" schmauchte. Konnte er Nachweisen, daß er in jeiter Nacht sein Etui nicht bei sich gehabt, so konnte er auch seine Sondersorte Zigaretten nicht zur Hand gehabt haben. Wer aber htate dann den Stummel in die Droschke praktiziert? Da war der alte böse Verdacht wieder gegen Walden da! —
„Wo und wann lernten Sie den Herrn Kundt kennen" fragte er im nächsten Moment.
Ein erstaunter Blick traf ihn. „Ich höre diesen Namen zum erstenmal. Mr ist Herr Kundt?"
„Ein recht interessanter und dabei vielseitiger Mann," bemerkte der Rat nun. „Jedenfalls ist er intim bekannt mit Ihnen, denn er wollte Sie gestern abend in Ihrem Atelier aufsuchen und trat zur Tür mit recht burschikosen Worten Ijerein; als er meiner ansichtig wurde, ergriff er leider das Hasenpanier. Interessiert es Sie sonst, mögen Sie ruhig erfahren, daß dieser Kundt, der übrigens gerade in Ihren, sowie Schauspieler- und Ofsizierskreisen sich bewegt, unter vielleicht einem Dutzend verschiedener Namen operiert und auch häufig genug sein Aeußeres wechselt."
„Wenn Sie von einem solchen Besucher erzählen, muß es ja wahr sein, Herr Rat," bemerkte der Maler immer noch nachdenklich mit dem Kopfe schüttelnd. „Nun ist ja mein Bekanntenkreis ein unbegrenzt großer. Unsereiner wird bald kardial, zumal man fast ausschließlich mit kongenialen Naturen verkehrt. Natürlich sind bji auch zwanglose Besuche in der Tagesordnung. Man klopft kaum an. Bisweilen wimmelts in einem Atelier wie in einem Bienenkorb, wird mirs zu Lunt und ich will arbeiten, daun jage ich die ganze Blase hinaus, einerlei wer gerade hernmsitzt. Wie sah denn der Herr aus, von dem Sie sprechen?"
„Als ich ihn gestern sah, hatte er gerade einen blonden Voll- Lart gewählt, trug sich elegant . . . modefarbenen kurzen Ueber- rvck, weichen Filzhut, Brille auf .der Nase. . . kurzum, gefällige Boheme der Künstler- oder Gelehrtenkreise; diesen Eindruck sollte es jedenfalls erwecken."
„Ein paar ganz merkwürdig blitzende Augeit, sie gehen einem durch und durch!" fiel Witte rasch ein, „Reine Teufels- «ugen, geradezu unheimlich interessant!"
„Aehnlich drückte ich mich gestern selbst aus!" bestätigte der Rat. „Nun, haben Sie Ihr Geständnis aufgefrischt."
„Das kann nur Baron Menken gewesen sein . . . den lernte ich mal an irgend einer Stammtischrunde kennen" — er nannte ein halb Dutzend von Künstlern, bevorzugte Min- und Bierlokale — „übrigens gar nicht mein Fall, kolossal aufdringlich, gerade wie eine Klette. Doch ich werde den Burschen nicht los . . . und da erinnere ich mich auch," unterbrach er sich hurtig, die Hand an der Stirn. „Menken war vorgestern bei mir. Ich u. lag noch im Bett ... in jener dreimal verwünschten Nacht war ich erst gegen Morgen heimgekommen und hundsmüde . . . da bat er mich, ob ich ihm nicht ein Päkchen aufbewahren wollte... er ist so 'ne Art Antiquitätenhändler, was weiß ich. Er murmelte ein langes und breites davon, seine Wohnung fei n utueit und nächster Tage würde er sichs wieder holen. Ich murmelte, er möge sich zum Teufel scheren und drehte mich auf die andere Seite. Möglich, daß der Menken das Kästchen mit den geldgesüllten Ziuwuben unter altem Gerümpel vergraben hat ... der konnte wissen, daß bei mir grundsätzlich nie aufgeräumt wird. . . doch Ivie sollte Menken zu dem vielen Gelde kommen, der sie ja meistens auch abgebrannt."
„Nun, ich werde Ihnen Gelegenheit geben, sich mit dem Manne Binnen Stundenfrist über diese Angelegenheit zu unter» Mten: er ist heute nacht von Herrn Walden festgenommen worden und befindet sich nun in der Charite."
Eben erschien Thommen, der vor einer Weile, ohne daß der Rat es wahrgenommen, vom Nuntius hinausgerufen wor
den war, wieder im Zimmer und winkte iHv in eine Fenstern nische.
„Nun?" erkundigte sich Hansemann, als sie außer Hörweite des Gefangenen standen.
„Draußen ist Fräulein Selkenbach und will Sie durchaus! sprechen, Herr Rat," wisperte der Kommissar.
„Verweisen Sie die junge Dame doch an. Kollegen Kneist, Mich geht die Sache ja weiter gar nichts an."
„Tas sagte ich ihr auch. Sie meinte indessen, es handle sich nicht um ihren Vater, sondern sie mußte im Interesse von dem da" — er nickte unvermerklich mit dem Kopse nach dem ihnen den Rücken kehrenden, gelassen sitzenden jungen Maler — „durchaus mit Ihnen sprechen. Sie ist ganz außer sich und sieht schrecklich verheult aus. Daß wir den Menschen verhaftet hätten, wäre ein Verbrechen, fauchte sie mich an. Mich wundert nur, daß Sie ihr Geschrei nicht bis hierein gehört haben."
„Nehmen Sie sie in Ihr Bureau. Drücken Sie mein Bedauern aus, sie nicht persönlich empfangen zu können und lassen Sie sich kurz berichten, was sie herbeigeführt hat. Aber nicht lange aushalten, denn wir müssen fort, und ich habe Sie dabei nötig!"
Mit undurchdringlichem Gesicht wendete Hansemann sich zu dem Gefangenen zurück. Diesen schien inzwischen der eigene Gedankengang völlig in Anspruch genommen zu haben; er saß mit gefurchter Stirn und blickte kaum auf, als der Rat ihm gegenüber wieder Platz nahm.
„Mir scheint," begann et daun, wie aus innerem Drange heraus, „daß dieser Walden seine besonderen Gründe hat, nnrich- richtiges Verdachtsmaterial wider mich zu beschaffen. Gestern früh erst bestritt er die Identität Schuhmachers, obschon er diesen ungleich besser als ich kannte. Nun kommt die Geschichte mit dem Zigarettenrest dazu, der in der Droschke einfach nicht gesunden worden sein kann, weil dies unmöglich ist. Ich rauchte an jenem Abend nicht und kein Mensch im weiten Berlin besitzt außer mir solche Papyros."
Der Rat sah ihn starr an. „Sie beschuldigen einen preußischen Beamten der Beweissälschung? Wissen Sie, daß Sie eine Anklage erheben, die erwiesenensalls mit Zuchthaus geahndet wird.... unbegründeter Weise jedoch den leichtfertigen Verleumder ins Gefängnis bringen dürfte?"
Doch Witte hielt seinen ärgerlich flammenden Blick ruhig aus. „Ich verleumde nicht, noch klage ich an. . . ich stelle einfach den wahren Sachverhalt fest." Gereizt durch das ungläubig verächtliche Lächeln des anderen setzte er mit scharfer Betonung hinzu: „Hielte ich es nicht unter meiner Würdv, den Angeber zu spielen, könnte ich Ihnen über die Beziehungen, die Ihr Musterbeamter mit Gustav Schuhmacher unterhalten, manch Erbauliches berichten."
„Sie sind ja bereits mitten in der Angeberei!" unter-, brach ihn Hansemann schroff. „Ich muß Sie beim Wort neuntem Heraus mit den Tatsachen, soll ich Sie nicht als Verleumder bloßstellen!"
Ter Wiedereintritt Thommens verhinderte ihn indessen am Msiersprechen. Aergerlich über die neuerliche Störung erhöh sich der Rat und trat zu dem Kommissar.
„Herr Rat, mit dem verrückten Huhu werde ich nicht fertig, da müssen Sie sich schon selbst bemühen. . ."
„Aber ich kann doch nicht, Mensch. . . Sie sehen doch, ich hin beschäftigt. . . ."
„Hilft Ihnen nichts, Herr Rat, die ist eine von den Obsti- nantschen, die wankt und weicht nicht, eher heult sie mir die schönste Ueberschweimnung in mein Bureau. Es wird ja nicht lange dauern, inzwischen kann ich ja den ’n bißchen befummeln." Er nickte verstohlen nach Witte.
(Fortfekung folgt.)
Woriluri.
Sunt Totensonntag.
Eine schwüle, drückende Luft lastet mit bleierner Schwere . auf dem alten Rom.. In dem schönen Tal zwischen Cälius und Esquiliuus mit sauftabfalleuden Hügeln liegt das slavische Theater, das weltberühmte Kolosseum. Ganz Rom ist da versammelt, und mehr als achtzigtauseud Schaulustige füllen die Marmorbänke, und der Hof selbst ist gekommen, dem Schauspiel beizuwohneu. Jetzt knarren die großen Gitter der Arena, und geführt von dem rotbärtigen Bogt treten die Fechter herein und ziehen im Takte eines Kriegsmarsches in ihr herum. Ihre Schwerter und Rüstungen blitzen im Sonnenglanz, und als sie an der


