Ausgabe 
23.10.1907
 
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aus Berlin, 5. November 1861, über die Regierungsmaximen König Wilhelms I.:

Ihre königliche Hoheit*) ist über die Lage der Dinge hier sehr beunruhigt und, wie Lord Clarendon glaubt**), mit Recht, denn der König hat sich zu einem bestimmten von ihm einzuschlagenden Weg entschlossen. Er sieht in jedem Körn­chen Widerstand gegen seinen Willen Demokratie und Revo­lution. Seine Minister sind reine Bureaugehilfen, die sich damit begnügen, die Verordnungen des Königs niederzu­schreiben, und es gibt niemanden, bei dem Seine Majestät Rat suchte, oder der überhaupt fähig wäre oder den morali­schen Mut hätte, ihn zu erteilen. Der König wird stets fromm sein Wort halten und niemals die Institutionen, deren Aufrechterhaltung er beschworen hat, beseitigen, sie sind ihm aber so gräulich und stehen so im Widerspruch mit seinen Gewohnheiten und Ansichten und eingewurzelten Anschauungen über die Rechte der Krone, daß Seine Majestät niemals wenn er es vermeiden kann die Folgeerschei­nungen einer Volksvertretungs-Regierung annehmen oder überhaupt zugeben wird, daß sie eine solche sei. Das ist all­gemein bekannt, und in den mittleren Klassen der Bevölke­rung bringt es eine ungemütliche und grollende Gesinnung hervor; so wie Lord Clarendon beurteilen kann, liegt keine Gefahr einer Revolution vor, da die Armee zu stark ist und die Erinnerungen an 1848 zu frisch sind, um Gewalt­taten zu erlartben. Lord Clarendon hatte am Sonntag die Ehre einer Audienz beim Könige. Seine Majestät war sehr freundlich und gütig, aber augenscheinlich unwohl und reizbar. Lord Clarendon hielt es daher weder für klug noch nützlich, ihm manches zu sagen, was die Königin ge­wünscht hatte, daß es der König von Lord Clarendon hören möchte. Er berührte die Sache der konstitutionellen Regie­rung, und Seine Majestät sagte:Ich habe geschworen, unsere Institutionen aufrecht zu erhalten, und ich erkläre Ihnen und ich wünsche, daß Sie Ihre Regierung, davon benachrichtigen, daß ich sie aufrecht erhalten will."

*) Die Kronprinzessin Viktoria.

** ) Tie Verfasser der amtlichen Berichte an die Königin sprachen von sich selbst in der dritten Person.

* Die Kasernenliteratur bespricht Direktor Pro­fessor Dr. Erich Liesegang in den Blättern für Volksbiblio- theken und Lesehallen. Wie ihm von militärischer Seite mitgeteilt wurde, überläßt das preußische Kriegsministerium die Sorge für die Kasernenliteratur im allgemeinen den Regimentskommandeuren. Hierbei ist wohl die Anschauung maßgebend, daß der Bildungsstand und die Art des Ersatzes bei den- einzelnen Regimentern so ungleich sind, daß eine einheitliche Regelung sich als undurchführbar erweist. Es gibt indessen viele Militärs, die diese Auffassung beanstan­den und geltend machen, daß die Verschiedenheiten im Bil­dungsstande der Regimenter unseres Volksheeres nicht größer sind als anderswo unter ähnlichen Voraussetzungen mit ihrem so verschiedenartigen Publikum und sehr wohl überwunden werden müßten. Wie dem nun auch sein mag, ohne Zweifel würden gewisse leitende Gedanken und An­regungen, wie sie von einer über reiche geistige Hilfskräfte verfügenden Zentrale leicht gegeben werden könnten, dem Obersten die Sache wesentlich erleichtern. Es wäre zu wün­schen, daß der Kriegsminister dieser so unendlich wichtigen Frage gegenüber ein wenig aus seiner Zurückhaltung hervor­trete, zumal der Bezug der Schriften gerade für die Sol­daten bei Massenanschaffungen und Masseneinbinden sich außerordentlich viel niedriger stellt.

Lrter.'«Vischss,

DerDaheim-Kalender für 1908, der in vornehm-künstleriseher Ausstattung im Verlag von Welhagen u. Klasing, Bielefeld und Leipzig, erschienen ist, hat wie­derum einen wesentlichen Ausbau erhalten. Von praktischem Wert ist der darin neu eingeführte Daheim-Ratgeber. Auf unzählige Fragen des Erwerbslebens, der Gesundheitslehre, auf Rechtsfragen, Fragen militärischer, seemännischer, haus­

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Aphorismen.

Es gibt gar viele Narren in der Welt. Noch größere aber sind die, welche jene bekehren wollen.

Tie meisten Mensche», die behaupten, alles je: nur und Trug, betrügen sich selbst am meisten.

Ein junges Mädchen läßl sich nicht gern Backfisch tteime», iniö wie gern wäre sie ein Jahrzehnt später ein Backfisch I 0. K.

Rätsel.

Bald macht ich dich mit Ehrfurcht nennen, Bald füllest du mein Herz mit Grans, Bald als den besten Freund erkennen Muß ich dich in des Lebens Braus.

Du bist berühmt in der Geschichte, In den Annalen oit genannt! Stolz saßest einst d» Gerichte, Das Zepter führte deine Hand, lind deine Sprache, deine Sitleit, Trugst du durch alle Lande hin, Wir schaun noch jetzt, wo du gestritten, Die Spuren mit erstauntem Sinn. Dock als du deine Macht verloren, Bist du von Neuem aufgetaucht; Ei» neuer Herrscher ward geboren, Doch gar zu schwärzlich angehaucht. Ich wende mich zum dritten, hellen, Mit seiner bunten Farbenpracht, Aus dem des Frohsinns Sprudel quellen, Die Schönheit mir entgegenlacht.

Drum er von diesen großen Namen Am allermeisten mir gefällt; In seinem kunstgeschaffnen Rahmen Er spendet Gutes nur der Welt.

Ich liebe ihn. Er gibt das Reine, Er bietet uns das Beste dar;

In seiner Gabe goldnem Scheine Winkt mir die Freude hell und klar.

A. Ammann.

. Auflösung in nächster Nummer.^

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Eisblum.

Redaktion: V. Wittko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.