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Königin Mkioüa von England.
Aus ihren Briefen und Tagebüchern.
Ein Teil der Archive der Königin Viktoria von England ist auf Anordnung des Königs Eduard der Oeffentlichkeit erschlossen worden. Für die Geschichte der reichverzweigten Familie der Königin Viktoria, sowie für die allgemeine politische Geschichte von ganz Europa ist diese Veröffentlichung von hohem Werte.
Königin Viktoria verfuhr mit ihren Schriftstücken von Anbeginn in ganz methodischer Weise; sie gewöhnte sich frühzeitig daran, ihre Privatbriefe auszuheben, und nach der Thronbesteigung wurden alle ihre amtlichen Schriftstücke ebenso behandelt und in Bänden geordnet. Der Prinzgemahl richtete ein aus gearbeitetes System sachlicher Zusammenstellung ein und bezeichnete und registrierte viele der Dokumente mit eigener Hand. Das Ergebnis war, daß diese Papiere eine Sammlung von Staatsdokumenten bilden, die wahrscheinlich einzig in der Welt dasteht. Die Papiere, die sich auf das Leben der Königin bis 1861 beziehen, sind in chronologischer Reihenfolge gebunden und umfassen fünf- bis sechshundert Bände. Aus diesen ist eine Auswahl getroffen worden, die nun in zwei Bänden von zusammen etwa. 1400 Druckseiten vorliegt.
Wir entnehmen dem Werk zunächst einige Dokumente, die die Person der Königin selbst und ihre Beziehungen zu Deutschland betreffen.
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Königin Viktoria, im Mai 1819 als einzige Tochter des Herzogs von Kent, dritten Sohnes Georgs III. und dessen Gemahlin, einer Schwester König Leopolds I. von Belgien, geboren, verlebte ihre Jugend in größter Zurückgezogenheit im Kensington-Palast unter der Obhut ihrer früh verwitweten Mutter, die, im Verein mit der die Erziehung der jungen Prinzessin leitenden Herzogin von Northumberland bestrebt war, vor allem die — wenn man es so bezeichnen kann — hausfraulichen Talente ihrer Tochter zu entwickeln und sie in Unkenntnis über die große Stellung zu erhalten, die sie dereinst einzunehmen bestimmt war. Diese Unkenntnis war tatsächlich eine so vollkommene, daß, als nach deni Tode Georgs IV. und der Thronbesteigung ihres bejahrten Oheims Wilhelm IV. man es für angezeigt hielt, von ihr eine genealogische Tafel des englischen Herrscherhauses entwerfen zu lassen, sie diese Aufstellung mit den Worten übergab: „Ich kann nicht recht sehen, wer nach Onkel Wilhelm kommen soll — es sei denn, dgß ich selbst es wäre!"
Am 20. Juni 1837 finden sich im Tagebuch der jungen Prinzessin, die nunmehr Königin ist, folgende Aufzeichnungen:
„Ich wurde um 6 Uhr von Mama geweckt, die mir mitteilte, daß der Erzbischof von Canterbury und Lord Conyngham da wären und mich zu sprechen wünschten. Ich stand auf, ging in mein Boudoir (nur mit einem Schlafrock bekleidet) und empfing sie. Lord Conyngham, der Oberhofmarschall, machte mich dann mit der Tatsache bekannt, daß mein armer Onkel, der König, nicht mehr sei, daß er 12 Minuten nach 2 Uhr diesen Morgen verschieden und ich daher Königin sei. Lord Conyngham kniete nieder und küßte meine Hand, indem er mir zugleich die amtliche Anzeige von dem Ableben des armen Königs übergab. — Da es dem Allmächtigen gefallen hat, mich in diese Stellung einzusetzen, werde ich mein äußerstes tun, nm meine Pflicht gegen das Land zu erfüllen. Ich bin noch sehr jung und in vielen Dingen wenn auch nicht in allen Dingen unerfahren, aber ich bin sicher, daß nur wenige mehr wirklichen guten Willen und ernstlicher den Wunsch haben können, das richtige zu tun als ich."
Auf dem Heimwege von London, wo er seit den März- teigen als Flüchtling weilte, sendet der Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm L, der Königin Viktoria folgenden Dankbrief:
Brüssel, 30. Mai 1848.
Allergnädigste Cousine! Ich folge dem Antrieb meines Herzens und ergreife, ohne lange damit zu warten, die Feder, um Ihnen meinen wärmsten und tiefgefühlten Dank für die so unendlich huldreiche und liebevolle Weise aus- zudrücken, in welcher Sie und der Prinz*) mir während meines Aufenthaltes in London entgegengekommen sind. Es
*) Prinzgemahl Albert.
tvar eine traurige Zeit, als ich damals ankäm. Durch den Anteil aber, den Sie an meiner Lage nahmen, allergnädigste Cousine, wurde sie nicht nur erträglich, sondern geradezu in eine verhältnismäßig ehrenvolle und wertgeschätzte umgewandelt. Diese Ihre Huld hat zweifellos zu der Meinungsänderung beigetragen, die zu meinen Gunsten einge- treten ist, und somit verdanke ich Ihnen, dem Prinzen und Ihrer Regierung den glücklichen Ausgang meines Mißgeschickes. So ist es gekommen, daß ich jetzt England nut schwerem Herzen verlassen habe, ohne zu ahnen, was mir die Zukunft bringen wird, denn ich weiß nur, daß ich die kräftigende friedliche Ruhe nötig habe, die mir während meines Aufenthalts in England und durch die gewonnenen Einblicke in seine Institutionen in vollem Maße dargeboten wurde. Indem ich den Prinzen herzlich grüßen lasse, dem ich sobald als möglich schreiben werde, bleibe ich, allergnädigste Cousine, Ihr treuer und dankbarst ergebener Vetter Prinz von Preußen.
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Der bevorstehenden Verlobung der Prinzeß Royal Viktoria mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen geschieht zum ersten Male Erwähnung in einem Schreiben des Prinzgemahls Albert an den Earl of Clarendon, datiert: Balmoral, 21. Sept. 1855:
.... „Ich will Ihnen streng vertraulich mitteilen, daß Prinz Friedrich Wilhelm uns gestern mit Genehmigung seiner Eltern und des Königs von Preußen seinen Wunsch nach einer Verbindung mit der Prinzeß Royal zu erkennen gegeben hat. Wir haben diesen Antrag, soweit er uns persönlich berührt, angenommen, haben aber gebeten, daß das Kind nicht vor seiner Konfirmation damit bekannt gemacht werden solle, die im nächsten Frühjahr stattfindet, wo er es dann mit ihr selber ausmachen und von ihren eigenen Lippen die Antwort entgegennehmen möge, die nur von Wert ist, wenn sie von der hauptsächlich beteiligten Person ausgeht. Eine Ehe würde nicht möglich sein, ehe die Prinzessin ihr 17. Lebensjahr vollendet hat, was nach zwei Jahren der Fall sein wird. Die Königin ermächtigt mich, Ihnen zu sagen, daß Sie dies Ereignis Lord Palmerston mitteilen möchten, wir bitten aber, daß es unter den obwaltenden Umständen streng geheim bleibe. Was die Welt darüber sagen mag, dem können wir nicht abhelfen."
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Einen Tag später (22. September) schreibt die Königin selbst darüber an ihren Onkel Leopold L, König der Belgier, der ihr jederzeit Vertrauter und Ratgeber und Freund gewesen ist:
„Am Donnerstag, 20., nach dem Frühstück, sagte Fritz Wilhelm, er wolle gerne mit uns über einen Wunsch reden, dessen seine Eltern, wie er wisse, niemals gegen uns Er- wähnung getan hätten, nämlich zu unserer Familie zu gehören. Es sei lange sein Wunsch gewesen, er habe die Zu- stimmung und Billigung nicht nur seiner Eltern, sondern auch des Königs erhalten — und da er Bicky „so allerliebst" finde, könne er nicht länger warten, seinen Antrag zu stellen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, mit welcher Freude wir unsererseits seinen Antrag annahmen. Aber das Kind selber soll nichts davon vor ihrer Konfirmation wissen, die nächste Ostern stattfinden wird: dann wird er wahrscheinlich herüberkommen, da er ihr selber seinen Antrag zu stellen wünscht, den sie — ich habe wenig oder vielmehr keinen Zweifel — freudig annehmen wird. Er ist ein lieber, vortrefflicher, reizender junger Mann, dem wir unser liebes Kind mit vollem Vertrauen geben können. Was uns so sehr an ihm gefällt, ist, daß er wirklich von Vicky entzückt ist."
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Am 27. Januar 1859 wird der Königin der erste Enkel, der jetzige Kaiser Wilhelm II., geboren. In einem Schreiben aus dem Buckingham-Palast vom 2. Febr. heißt es darüber:
„Liebster gütigster Onkel! . . . Nehmen Sie meinen wärmsten Dank für Ihren lieben Brief vom 28. entgegen. Ich wußte, wie Sie sich über das Wohlbefinden unserer lieben Vicky und die Geburt Unseres ersten Enkels freuen würden. Alles geht aufs beste; Vicky erholt sich ebenso schnell wohl, wie ich früher, und der liebe kleine Knabe nimmt zu UM entwickelt sich . . . Die Freude und das Interesse daran ist hier fast ebenso groß, wie in Preußen, und das sreut mich."
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Zum vorläufigen Schluß ein amtlicher Bericht des britischen Botschafters Lord Clarendon an die Königin Viktoria


