. er flieht nicht feige und verdächtigt sich dadurch erst recht, sondern er kämpf bis zuletzt."
„Wir wollen es wünschen, Herr Rat. Kenne ich diesen Witte auch nur oberflächlich, so halte ich ihn doch zu allem fähig. Mich fließ der Mann von jeher ab."
„Das scheint übrigens auf Gegenseitigkeit zu beruhen," scherzte der Rat, um die Sekunde darauf sachlich fortzufahren: „Wir werden selbstverständlich den Mann nicht mehr aus den Augen lassen; sorgen Sie für eine scharfe, unauffällige Beobachtung. Seine Wohnung ist Ihnen bekannt?" und als Walden bejahend nickte, setzte er hinzu: „Gut also, dann setzen Sie sich heute abend noch mit den: zuständigen Polizei-Revier in Verbindung."
Bei einem Glase Vier und einer Zigarre sprachen sie noch eine Weile über die gehäuften Geschäfte des kommenden Tages. Dem Rat entging es nicht, wie die Blicke seines Besuchers immer wieder sehnsüchtig zur Tür wanderten, als hofften sie darauf, durch diese jemand eintreten zu sehen. Endlich erhob er sich gutmütig und ging hinaus, um dein unausgesprochenen Wunsche seines Gastes zu willfahren. Als er die Minute darauf allein zurückkam, schien sein Gesicht ziemlich verdutzt.
„Werde einer aus den Weibern klug!" knurrte er, indem er dem Detektiv gegenüber sich wieder setzte. „Sagen Sie mal, Sie Unglückswurm, was haben Sie denn mit meiner Tochter vorgehabt, weil die Ihnen so gram ist?"
Lebhafte Röte verdunkelte die Wangen des jungen Detektivs; er wich dem forschenden Blicke des Vorgesetzten aus. „Nichts das ich wüßte, Herr Rat!" beteuerte er dann aufrichtig. Dann, nach kurzem Besinnen setzte er stirnrunzelnd hinzu: „Fast vermeine ich, den üblichen Einfluß dieses Herrn Witte zu verspüren. Ich habe Fräulein Hermine gewiß nichts zu Leide getan . . . und doch ist sie schon seit geraumer Zeit so ganz anders, ... sie hat etwas gegen mich, ich fühle es bei jedem Hierherkommen deutlicher . . . und doch weicht sie mir aus, ich komme nicht dazu, sie auch nur nach dem Grunde ihrer Verstimmung fragen zu dürfen ... ich wage kaum mehr mich überhaupt noch bei Ihnen blicken zu lassen."
„Sollte nicht grabe Ihr in letzter Zeit allzu häufiges Sichtbarmachen das Mädel verschnupfen?" gab Hansemaui: zu bedenken; doch als ärgere er sich, überhaupt auf ein derartiges Gesprächsthema sich eingelassen za: haben, fuhr er im selben Atemzuge fort: „Mädchenlaunen! darüber unterhalten wir uns zu gegebener Zeit später einmal, heute machen wir Schicht, denn Sie wie ich müssen früh heraus und der morgige Tag heischt von uns einen klaren Kopf!"
Walden hatte sich bereits erhoben. Sie traten während des Sprechens aus dem Wohnungskorridor in das bereits dunkel liegende Treppenhaus. „Da ist auch drunten die Haustür schon geschlossen. Ich komme mit Ihnen und schließe Ihnen auf!" entschied der Rat. „Gewiß, ich werde meiner Tochter den Gruß ausrichten ... ich sagte Ihnen ja schon, sie fühlt sich müde, darum kam sie nicht mehr zum Vorschein . . . nun sehen Sie mal, sollten Sie Witte nicht Unrecht tun? . . . warum sollte er Mulchen gegen Sie einnehmen? ... er soll ja heimlich mit Selkenbachs Tochter verlobt sein . . . ja, gelt, nun staunen Sie . . . ich will Ihnen 'lvas sagen, mein lieber Walden", meinte er unter der geöffneten Haustür, dem sich Verabschiedenden herzlich auf die Schulter klopfend, „mit dem Weibsvolk ist's so ’ne Sache .. . denen imponiert dienstliche Tüchtigkeit nicht allein . . . so'n Frauenzimmerchen will sich auch persönlich imponieren lassen — und ich meine, da wären Sie just der richtige Mann dazu. Sie müssen nur wollen und Selbstvertrauen haben — und nun gute Nacht!"
Als der Rat ins Wohnzimmer zurückkehrte, fand er Hermine gerade mit Abräumen des Tisches beschäftigt. Er trat auf sie zu und schlug ihr leicht auf die Schulter. „Nun sage einmal, Du Frauenzimmerchen, warum hast Du Dich nicht sehen lassen? Walden hätte Dir so gerne Gutenacht gesagt. Geh, Du springst recht grausam mit dem armen Kerl um. Hat sich einer über Vernachlässigung zu beklagen, ist ers und nicht Du!"
Das Mädchen ging indessen auf feine Anregung nicht ein; sie stand mit ernstem Gesicht, aus welchem jeder Frohsinn gewichen schien. „Was hattest Du Herrn Witte nur alles zu fragen?" erkundigte sie sich. „Das war ungemein peinlich; es klang ioie ein Verhör. Ich saß wie auf glühenden Kohlen und er wurde so verlegen wie ich. Das' war grabe, als hegtest Du irgend einen schlimmen Verdacht wider ihn
„Das bildest Du Dir nur ein . . . mich beschäftigt der heutige Fall ... da brauche ich Licht, Auskunft . . . daß ich die hernehme, wo ich sie kriegen kann, braucht Dich doch nicht zu
wundem, Minchen . . . nein, fei so gut!" unterbrach er sich. „Den Aschenbecher lasse mir freundlichst stehen." Schleunigst nahm er seiner Tochter die metallene Schale aus der Hand, indem er ihren Inhalt nachprüfte. „Nanu, da sind ja nur noch drei Stummel drinuen . . . hast Du etwa einen Zigarrenrest 'rausgenommen, Minchen?"
„Warum nicht gar!" Die Gefragte lachte verwundert auf. „Du willst doch nicht gar eine Stummelsammlung einrichten? Das wäre ja großartig, Papachen."
„Laß lieber Deine schlechten Witze unterwegs", brummte Hansemann nervös. Dabei war er im Begriffe, die noch vorhandenen. drei Zigarettenflnulmel sorgsam seiner Brieftasche einzuverleiben, sehr zum Befremden seiner kopfschüttelnd ihn dabei beobachtenden Tochter. Dann begann er eifrig unter dem Tische und auf dem Teppich zu suchen.
„Ganz genau weiß ich, daß vier Stummel da waren, ich habe mit Witte darüber gesprochen", ereiferte er sich. Dann sann er nach. „Sollte Walden einen davon mitgenommen haben? Doch nein, das scheint ausgeschlossen. Er stellte den Aschenbecher dort auf den Nebentisch und kam ihm während unserer ganzen Unterhaltung nicht mehr zu nahe. Nur den mitgebrachten Zigarettenstummel steckte er wieder zu sich."
„Wovon sprichst Du eigentlich, Papa?" erkundigte sich Hermine unter gesteigertem' Kvpfschütteln.
„Bon nichts, was dich anginge!" Das klang ernstlich unwirsch; er sah es selbst ein, zog die Verletzte an sich und streichelte deren Wangen. „War nicht bös gemeint", beschwichtigte er. „Doch die Geschichte mit dem vierten Stummel will mir nicht aus dem Kopf ... ich muß einmal unters Sofa leuchten."
„Papa, Herr Witte rauchte doch als er fortging. Ich entsinne mich, seine Zigarette war bereits ziemlich kurz —"
„Es waren vier Reste im Aschenbecher!" beharrte der Rat hartnäckig. Doch all sein Suchen blieb umsonst; er mochte das ganze Zimmer wiederholt ableuchten, der vermißte Zigarettenrest kam nicht wieder zum Vorschein.
Zehntes Kapitel.
Am nächsten Morgen war das X.'sche Geschäft in der Friedrichstraße kaum geöffnet worden, als auch schon Kommissar Thom- men den prunkvollen Juwelierladen betrat. Trotz der frühen Morgenstunde war der Seniorchef der Firma bereits zugegen; er empfing den ihm persönlich gut bekannten Beamten mit freundlichem Händedruck und nötigte ihn nach dem hinter dem Laden befindlichen Privatkabinett.
„Wenn Ihr Herren von der Polizei so früh vorsprecht, fo hat das immer seinen Grund", meinte er lächelnd. Da braucht das Ladeupersonal nichts zu hören, nicht wahr?"
„Sie haben es erraten", entgegnete Thommen, sich in einem der bequemen Lederstühle zurechtrückeud. „Wir haben da einen schweren Jungen abgefaßt und ihm verschiedene Beutestücke abgesagt, die auch rekognosziert worden sind. Leider hat er ungleich mehr in den Schmelztiegel wandern lassen . . . ioie wir ihm auf die Bude rückten, hatte er gerade noch das Ding hier in der Hand." Damit zog er das ihm am Vorabend von Rat Hansemann behändigte Schmuckfragment hervor.
„Es liegt Vevdacht vor, daß der Bursche auch bei Geheimrat Selkeubach eingebrochen ist". — Kommissar Thommen schaute zwingernd den Juwelier an, der erwartungsvoll ihm gegenüber faß — „da Ihr Geschäft das erste in Berlin ist, so meinte ich. Sie müßten auch die Selkenbach'sche Kundschaft haben. Damm komme ich zu Ihnen."'
„Die Geheimrätin und ihre Tochter zählen sogar zu den bevorzugtesten Kundinnen", bestätigte der Seniorchef. „Doch ivas haben Sie da? Lassen Sie sehen!" Ein Ausruf der lieber» raschung entrang sich seinen Lippen, als er das Schmnckfragment betrachtete; er nahm eine Lupe zur Hand und beschaute es angelegentlich. „Wie ich mir dachte", fuhr er fort, „das ist ein Brillant vorn reinsten Wasser, vielleicht zwei Karat schwer!"
„Der Geheimrütin und ihrer Tochter nach meinem Laienverständnis ebenfalls ziemlich kostbar", versetzte der Kommissar. „Nun hält man bei solchen Herrschaften nicht gern voreilig Nachfrage. Selkenbach weiß vielleicht nicht einmal um seinen Verlust, ist er wirklich von unserem Manu bestohlen worden. Wir können uns aber auch irren und das Ding da stammt gar nicht von einem im Selkenbach'schen Hanse verübten Beutezug. Deshalb dachte ich, am besten ist es, ich gehe vor die rechte Schmiede. Es mag gewagt sein. Ihnen znznrnnten, ans dem winzigen Ding das festzustellen, ob der Schmuck, zu dem das Bruchstück gehört, in Ihrer Werkstatt gefertigt wurde oder nicht." (Fortsetzung folgt.)


