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„Das tun Sie ungesäumt," entschied Hansemann lebhafter, alZ cs sonst in seiner Art lag. „Fahren Sie sofort nach dem Präsidium zurück und nehmen Sie die Bildkarten an sich- Ich werde inzwischen die Fahrt nach der Tegelerstraße fortsetzen und auf dem Rückweg wieder hier vorsprechen. Richten Sie es ein, daß wir hier uns wieder treffen — noch eins!" rief er dem- eilig sich entfernen Wollenden nach, „es wird gut sein, von deut Toten eine Photographie zu nehmen, so lange die Züge noch lebensähnlich sind-"
„Ich werde Auftrag erteilen", gab Walden, der in seinem Eifer, die gewonnene Spur auszunützen, förmlich verging, zwischen Tür und Angel zur Antwort-
„Bewahre", fiel der Physikus ein, „das besorgen wir sofort- Ich habe meine große Camera immer zur Hand hier- Ich bürge Ihnen dafür, lieber Rat", wendete er sich an diesen, „schärfere Aufnahmen mit und ohne Schurrbart bringt auch Ihr offizieller Photograph nicht fertig."
„Abgemacht", entschied der Rat: er winkte Walden zu- „Dann gehen Sie nur - . . besser noch. Sie machen einen Umweg über die Turmstraße. . Turmstraße. . schon des Begleiters wegen, denn ist der Tote hier zu Lebzeiten ein Verbrecher gewesen, so war's sein Spießgesell natürlich erst recht!"
Bald nach dem Fortgang des Detektivs 'brach auch Rat Hansemann auf, um die unterbrochene Fahrt nach der Tegelersiraßc sortzusetzen-
Nach der Straße zu erwies sich das Haus in der Tegeler- straße 219 als typische Mietskaserne; fünf Stockwerk hoch, in der Mitte des Erdgeschosses ein geräumiges hohes Einfahrtstor- Der Torweg inündete in einen engen, durch ein ebenso hochragendes Gartenhaus verdunkelten Hof; durch das erstere führte eine weitere Einfahrt, die in einen weiten, freien Hinterhof auslief. Auf diesem standen zahlreiche Fuhrwerke der verschiedensten Art; ein Zeichen dafür, daß der Geschäftsbetrieb des Fuhrherrn eilt aust- gedehnter war- Zu beiden Längsseiten dieses Hauses liefen niedrige, flachgedeckte Stallgebäude und Wagenschuppen.
In den Einfahrten und auf dem Vorderhofe, wo eben ein Leiermann seine munteren Weisen erklingen ließ, tummelten sich zahlreiche Kinder- Auch auf dem rückwärtigen Hofe herrschte reges Getriebe. Ta waren eine Anzahl Kutscher mit Ein- und Ausspannen beschäftigt; andere wieder nahmen die dampfenden Pferde in Empfang und führten sie den Ställen zu- Eine Reihe schwerer Lastwagen passierte gerade die Hausflure, davor mächtige, wohlgenährte holsteinische und belgische Arbeitspferde gespannt, welche allein schon die Wohlhabenheit ihres Besitzers zu verbürgen schienen-
Dem scharfen Blick des Polizeirats entging nicht, daß der tiefgestreckte Hinterhof sich bis zum nächsten Straßenzuge dehnte und von diesem nur durch einen hohen Bretterzaun geschieden wurde- In dem einen Schuppen nahm er eine Anzahl Droschken wahr- Um diese waren gerade Arbeitsmänner beschäftigt, wuschen die Räder, spritzten den Staub von den Lederteileu, schmierten die Achsen und polierten die Wagenfenster.
Sofort lenkte Hanfemann seine Schritte der Aroeitergruppe zu. Prüfend musterte er die verschiedenen Wagennummern. Dabei mußte er sich mit seinen Begleitern durch verschiedene enge Zugänge schlängeln und geriet mehr als einmal in Gefahr, von einenr der sprühenden Wasserschläuche unliebsam benetzt zu werden-
Rokohl war diensteifrig einige Schritte vorausgelaufen und hatte die Nummern der einzelnen Droschken ebenfalls aufmerksam gemustert. Nun ließ er einen triumphierenden Ausruf hören und machte den Rat durch eifrige Gebärden auf einen gedeckten Einspänner aufmerksam, der ganz in der Ecke des Schuppens, wie unbeachtet, stand- „Da haben wir die Droschke schon, Herr Rat!" rief er eilt über das andere Mal- „Es stimmt alles — überzeugen Sie sich nur — da haben wir die Nummer 3683 — jawohl das ist der Wägen, ich kenne ihn ganz gen.au wieder-"
Dabei wollte er auch schon geschäftig den Wagenschlag öffnen, wurde daran aber von einem hochgewachsenen, schwarzbärtigen Manne, der etwa eilt beginnender Fünfziger sein mochte, doch in seiner kraftstrotzenden und von blühender Gesundheit zeugenden Erscheinung einen bedeutend jüngeren Eindruck machte, verhindert- Helles Befremden sprach aus den ernsten, sympathischen Zügen des umverfehens hinter der Wagenburg aufgetauchten Mannes, der in gewöhnlicher Arbeitstracht, die Hosen in den langschäftigen Stiefeln, eine lange Pfeife im Munde, sich darbot-
„Was soll's denn? Was wollen die Herren hier?" fragte er kurz angebunden.
„Sind Sie der Fuhrherr Gottlieb Küake?" wendete sich Hansemann, statt einer Antwort an ihn-
Der Hüne, lächelte. „Der ist wohl bald ein Vierteljahr- hundert tot- Die Firma lautet noch so. Uebernahm jie von der
Wttwe und bin der gegenwärtige Besitzer- Was wünschen dis Herren? Es ist vorn am Tor ein Anschlag, der Unbefugten das Betreten dieses Hofes untersagt."
„Polizeirat Hansemann", stellte dieser sich vor- „Ich bennds mich im Dienst und das Verbot geht darum wohlckaum auf mich."
Tas ernste Gesicht des Fuhrherrn umwöltte sich noch mehr. „Sehr wohl", stieß er hervor- „Ich weiß zwar nicht, was Sie zu mir führen kann- Wenn die Herren mir indessen nach meinem Kontor folgen wollen." —• Er deutete mit der Hand nach dem Hause und wollte voranschreiten-
Hansemann hielt ihn indessen zurück. Wir befinden uns gerade hier am rechten Ort!" meinte er im selben unverbindlichen Tone, denn die geruhige Sicherheit des andern wirkte ausreizend bei ihm. Er deutete auf den Einspänner. Es handelt sich um diese Droschke und deren Kutscher. Dieser ist in verwichener Nacht von dem Schutzmann hier am Potsdamer Platze wegen Fahrkontravention ausgeschrieben worden. Doch das wissen Sie bereits, da Sie ja das Fuhrwerk selbst kutschiert haben."
„Ich?" Der Fuhrherr trat einen Schritt zurück. „Sie scherzen wohl? Sehe ich wie ein Droschkenkutscher aus?" Er ließ ein kurzes, trockenes Baßlachen hören.
„Das ist der Mann nicht, den ich ausgeschrieben; der war kleiner und schmächtiger, er trug auch keinen schwarzen Voll- bart", ließ sich Rokohl auf einen fragenden Blick des Rats vernehmen.
„Sie sagten aber doch, er gab sich für den Fuhrherrn Gottlieb Kuake aus?"
„Allerdings, Herr Rat. Da die Inschrift auf dem Tarif stimmte, hatte ich keine Veranlassung, die Angaben des Mannes in Zweitel zu ziehen. Ich wurde zudem beim Aufschreiben unterbrochen. Der Trunkene kam gerade mit seinem Begleiter und da —"
„Schon gut!" schnitt ihn Hansemann, der verhindern wollte, daß der Schutzmann mehr ausplauderte, kurz das Wort ab. „Es ist wenigstens die von Ihnen angehaltene Droschke?"
„Das kann ich beschwören. Nicht nur die Nummer stimmt. Es ist auch dasselbe rotbraune Polster." Damit wollte er den Schlag öffnen, wurde aber von neuem von dem immer noch den Weg versperrenden Fuhrmann zurückgehalten.
„Die Herren sind sicherlich im Irrtum", meinte dieser nun von oben herab. „Die Droschke da wird von einem meiner ältesten Kütseher gefahren, Graßnick heißt der Mann. Er ist schon, seit einigen Tagen krank. Seitdem steht die DrvsckM unbenützt, tote die Herren auch wohl unschwer aus ihrer Verfassung erkennen mögen."
Wie der Fuhrherr dabei jedoch den Blick selbst über die Droschke gleiten ließ, verfinsterten sich seine Züge plötzlich und aus diesen sprach grimmiger Unmut. „Da hört aber doch alles auf!" ereiferte er sich, die Hände zusammenschlagend. „Wie sieht der Wagen aus, bespritzt und beschmutzt heda, Sie — Meinecke!" schrie er mit lauter Stimme einen der Arbeiter an. „Kommen Sie 'mal sofort hierher!"
„Herr Eilenburg!" beeilte sich der Angerufene zu erwidern, indem er schleunigst herbeikam. „Ja so, Nummer 3683?" Er kraute sich verlegen hinter dem Ohr. „Darum habe ich Sie auch fragen wollen, Herr Eilenburg. Wir haben die'Droschke doch gereinigt, als Graßnick krank wurde — das ist beinahe schon eine Woche her. Wie ich heute morgen zur Arbeit kam, fand ich sie dort auf dem Hofe." Er deutete nach einem int Bretterzaun befindlichen Schiebetor, welches den Durchlaß zur rückwärtigen Straßenflucht bildete. „Ja, es ist so, Herr Eilenburg", bestätigte er, als er dem ungläubig fragenden Blicks seines Dienstherrn begegnete. „Ich hab' es nur noch nicht sagen wollen. Mer ich habe schon manchmal Kutscherfuhrtverk dort neben dem Tor gefunden — und immer schmutzig . . . heute morgen gar, da Mißte ich kaum, was denken. Der Ali aus dem zweiten Stall — Sie wissen ja, Herr Eilenburg, eins von den ausrangierten Chargepferden, die wir voriges Jahr vom dritten Trainbataillon gekauft haben, stand ganz schweißig vor der Krippe, als sei er die ganze Nacht unterwegs gewesen."
Verständnislos schüttelte der Fuhrherr mit dem Kopfe. „Das! begreife ein anderer", äußerte er, um sofort in hellem Unmut hinzuzusetzen: „Das ist ja eine heillose Wirtschaft! Wer in Deubelsnamen hat sich unterstanden ohne mein Vorwissen die Droschke zu fahren?"
„Von uns war's niemand, Herr Eilenburg, das können Sie sicher glauben . . . die Mester hätten uns ja in Stücke gerissen . , , da wagt sich keiner nich ’rntt!" meinte Meinecke treuherzig.
(Fortsetzung folgt.)


