Montag de» 23. September
1907
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Mf der ngenen Spur.
Kriminalv"^ an von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
4. Kapitel.
In einer der Sezierabteilungen des Erdgeschosses war der Kreisphysikus noch in reger Tätigkeit begriffen und die Erschienenen hatten sich eine kleine Weile zu gedulden-
Tann gesellte sich der Arzt mit gefurchter Stirn zu ihnen-
„Wir haben es mit einer auf die Einatmung von Chloroform zurückzuführenden gewaltsamen Todesursache zu tun," empfing er den Polizeirat- „Tie ohnehin durch den voraufgegangenen überreichen Alkoholgenuß geschwächte Herztätigkeit erwies »sich als geeigneter Nährboden für die Ausführung des Verbrecherischen Vorhabens-"
„Ein Verbrechen liegt also vor? Ter Unbekannte kann nicht einer akuten Alkoholvergiftung erlegen sein?" erkundigte sich Hansemann.
„Nicht daran zu denken- Wir haben es zweifellos mit einer absichtlich und mit Vorbedacht ausgeführten Tötung zu tun; sie siel dem Täter umso leichter, als sein Opfer sich in dem Zustande völliger Willensunfreiheit befunden haben mag- Er dürste kaum zum Bewußtsein der an ihm vollzogenen verbrecherischen Prozedur gekommen, sondern hinübergeduselt sein-"
Im Sezierraum war der Tote noch auf der Marmorplatte ausgestreckt- Man hatte über ihn, da die Gehilfen des Gerichtsarztes noch am Werke waren, eilig ein nur den Kopf unbedeckt lassendes Laken auggebreitet Nach einem langen forschenden Blicke auf die entsteltten Gesichtszüge erklärte Rokohl im Tone vollster Bestimmtheit, daß er sich nicht irren könne und der Tote mit dem Trunkenen von verwichener Nacht identisch sei- Er deutete auf die breite Narbe am linken oberen Stirnrand. „Die bemerkte ich heute Nacht schon; sie fiel mir gleich aus. Ueberhaupt kam mir die Stimme des Mannes bekannt vor, ich muß sie schon öfter gehört haben-
„Ja, Sie sagten es schon, daß er sehr gesprächig war", meinte der Rat-
„Er schrie Wien Zahnbrecher- Ter ganze Potsdamer Platz war voll von seinem Geschrei - . . nun entsinne ich mich auch, er sagte n paarmal August, damit muß er wohl seinen Begleiter gemeint haben-"
„Nun, nach Ihrer Schilderung dürfte er wohl kaunt einen Menschen zu erkennen imstande gewesen sein", warf Walden ein, dessen Züge beim Erblicken des Toten wieder farblos geworden waren, und dem es augenscheinlich, etwa aus Ekel oder einem anderen Gefühl, nur mit Anstrengung gelang, nach außen hin kalte Selbstbeherrschung zur Schau zu tragen-
Betrunken war er, das steht fest", meinte Rokohl zurück, sich bei seiner Antwort an den Rat wendend- Ich sage auch nicht, daß er den Begleiter gemeint hat - . . jedenfalls sprach er von einem August und redete viel davon, er habe das Geld intus und die Sache sei in Richtigkeit - . . mir kam die Sache so vor, Herr Rat, als habe der Trunkene hoch gespielt - ..
vielleicht auch mit seinem Freunde falsch gespielt und Tritten! viel Geld abgenommen."
Ter Kreisphysikus war vorgetreten und tippte Rokohl Beim! Arme- „Sie sagten, der Mann sei der Stimme nach Ihnen bekannt- Schauen Sie einpral scharf zu, vielleicht kennen Sie ihn nun besser." Dabei tastete er mit der Hand über das Totenantlitz und als er sie wieder entfernte, hatte er den fuchsigen Schnurrbart der Leiche zwischen den Fingern-
Alle, der Rat mit eingeschlossen, ließen einen kurzen Ausruf großer lleberraschung hören.
„Nanu, was ist das für 'n Künde?" meinte Hansemann frappiert, „trug 'nen falschen Schnurrbart — nein, so 'was!"
„Schauen Sie nur, tote geschickt", rief der Arzt- „Mit unsichtbaren Federktammern an den Nasenlöchern befestigt- Nur durch einen Zufall kam ich dahinter, die Täuschung ist zu vollkommen-" Während des Sprechens hatte er versuchsiveise den Schnurrbart wieder auf der Oberlippe des Toten befestigt- Nun nahm er ihn wieder ab und schaute den Schutzmann fragend an- „Wie ist es? Kömmt Ihnen der Mann nun bekannter vor?"
Nokohl schüttelte mit dem Kopse- „Was so 'n Bart nicht ausmacht!" meinte er verwundert- „Kaum mehr zum Wiedererkennen. Doch ohne Bart habe ich ihn nie gesehen."
„Umso bekannter will mir der Mann erscheinen", äußerte Walden, sich räuspernd- Er to-enbcte sich an den sich aufmerksam ihm zukehrenden Rat- „Ich glaube mich nicht zu irren. Ter Mann war zu Lebzeiten ein gefürchteter internationaler Einbrecher — ein sogenannter schwerer Junge, welcher von den verschiedensten ausländischen Behörden gesucht wird- Wir haben sein Bild mit der Ersuchung um Fahndung schon vor Jahr und Tag fast gleichzeitig von Newhork und London, erst neulich wieder von der Pariser Polizeidircktion zugeschickt erhalten-"
Hansemann hatte sich mit dem auf einem Nebentische ausgebreitet liegenden Kleiderbündel des Toten zu tun gemacht; nun blickte er interessiert auf. In Paris dürfte der Mann kürzlich allerdings gewesen sein; wenigstens ist im Frackfutter eine! Pariser Bazarfirma aufgenäht- Da wissen Sie vielleicht auch den Namen des Mannes?" setzte er mit einem erwartungsvollen Blick auf Walden hinzu.
Dieser schüttelte verneinend mit dem Köpfe- „Das hat nicht viel auf sich, Herr Rat," meinte er, „ist unser Mann mit dem gesuchten Verbrecher wirklich identisch, so hat er bei Lebzeiten eilt Dutzend Namen geführt- Seine Spezialität war übrigens, erinnere ich mich recht, das Ausrauben von vornehmen Häusern- Besonders gern arbeitete er an Plätzen, wo große Gesellschaften stattfanden- Ta er immer in elegantem Frackanzug auftrat, konnte er, zumal an solchen Orten die Dienerschaft alle Hände voll zu tun hat, unauffällig genug operieren und unverdächtig zu solchen Räumen gelangen, wo er Wertsachen vermutete- Dte etn- gesandtcn Bildkarten sind übrigens dem Verbrecheralbum einver- leibt Ich hatte erst kürzlich Gelegenheit, mich wegen einer von auswärts gelangten Nachfrage mit den Bildnissen zu beschäftigen. Darum sind sie so scharf mir in der Erinnerung geblieben. Ich werde noch heute mich davon überzeugen, ob die Aebnlichkeit wirklich zutrifft-"


