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noch flache Marschgegenden, die durch hohe Deiche gegen Ueberflutungen geschützt sind.
Leider mußte hrer unser „Delphrn" kehrt machen und bald landeten wir in St. Pauli. Hatten wir auf der Hafen- fahrt den Welthandel Hamburgs angestaunt, so konnten wir jetzt bei dem Gang durch die Stadt und besonders bei der Besichtigung von Börse und Rathaus- den Reichtum und Glanz der alten Hansastadt bewundern. Die kostbare Ausstattung, der reiche Decken- und Wandschmuck, die wertvollen Bilder, Gemälde, Leuchter, Skulpturen geben Zeugnis von dem Kunstsinn und Reichtum Hamburgs. Die Sankt Michaeliskirche, das Wahrzeichen der Stadt, das im Sommer 1906 durch Feuer zerstört wurde, wird jetzt wieder ausgebaut, die Bürgerschaft hat dazu 31/2 Millionen Mark bewilligt. , ,
Um 5 Uhr erfolgte vom Hauptbahnhof mittels Sonder- zuas die Abfahrt nach Kiel. Ermüdet von den Besichtigungen herrschte anfangs bei der drückenden Schwüle in den engen Wagenabteilungen eine etwas gedrückte Stille, doch wir hatten zum Glück einen feuchtfröhlichen Bayer bei uns, der durch seine humorvollen Einfälle bald eine heitere Stimmung herbeiführte. Während der Norddeutsche immer bescheiden von „trinken wir noch e Treppche" spricht, vertröstete er uns stets auf das nächste „Moaßl", das wiederum auf der folgenden Station „eingenommen" werden sollte. Tas landschaftliche Bild Holsteins war nicht sehr abwechselungsreich, ohne nennenswerte Höhenunterschiede. Charakteristisch sind die Erd- wälle mit Hecken, die die Aecker einschließen, die sog. Knicks. Schwarzweiß gefleckte Rinder trabten schwerfällig und weit zerstreut auf den saftigen Weiden dahm, auch Heide uud Moor bekamen wir zu Gesicht. Je naher wir Kiel kommen, desto welliger wird das Gelände, Buchew- wülder bieten in ihrem dunklen Grün freundliche Ab'- wechslung, bis unser Auge beim Einlaufen in den Kieler Lahnhof von den gewaltigen Werftanlagen, besonders von den gedeckten Hellingen der Germaniawerft gefesselt wird.
In Kiel wurden wir von einer Matrosenkapelle empfangen, unter deren Vorantritt es in flottem Marsche durch die Stadt zur „Hoffnung" ging, wo das Abendessen eingenommen wurde. Stadtrat Freyse übergab namens der Stadt jedem Lehrer als Geschenk des Magistrats ein Buch mit Ansichten von Kiel und dem Kriegshafen.^ Spat am Abend erfolgte per Schiff die Fahrt durch die Föhrde nach der Wiker Kaserne, um dort Nachtquartier für drei Tage zu beziehen. Nicht genug kann der freundliche Empfang, den uns Deckoffiziere, Maate und Matrosen hier bereiteten, hervorgehoben werden, und dies gab auch Anlaß zu lebhaften, „anhaltenden" Einzugsfeiern in den Kantinen. Am frühen Sonntag fand die Fahrt in die Föhrde statt. Sie bot eine schöne Gelegenheit zur Besichtigung des gesamten Hafens mit den Kriegs- und Handelsschiffen, Verkehrs- danipfern und Booten. Vor uns am Ausgang der Föhrde winkt der Friedrichsorter Leuchtturm. Doch unser Schiff wendet sich westwärts und wir gelangen bei Holtenau durch ein gewaltiges Schleusentor in den Kaiser Wilhelm- Kanal. Von uns Landratten wurde besonders die gewaltige Hochbrücke bewundert, die bei Levensau den Kaiser Wrl- helm-^Kanal überspannt. Sie hat 163 Meter Spannweite, 42 Meter Höhe vom Wasserspiegel und kostet 3 Millionen Mark. Wir konnten es nicht unterlassen ihr einen Besuch vbzustatten und genossen von der Höhe einen schönen Fernblick über den Kanal. Doch zu bald rief wieder der grelle Ton der Schiffspfeife zum Einsteigen und bald näherten wir uns wieder der Kieler Föhrde. Zur Linken erblickten wir den Leuchtturm mit Gedächtnishalle, sowie das Kaiser Wilhelm-Denkmal und nach kurzer Fahrt die Festung Frie- drichsort mit ihren umfangreichen Anlagen von Kasernen, Werkstätten und Festungswerken. Nach gemeinsamem Mittagessen erfolgte die Abfahrt zur Besichtigung des Artillerie-Schulschiffes „Schwaben" unter Führung des Kapitänleutnants Ruete. Tie Schwaben ist ein Linienschiff von 11800 Tonnen und 18 Knoten Geschwindigkeit, besitzt 660 Mann Besatzung und ist ausgerüstet mit schwerer, leichter und mittlerer Artillerie und Torpedolanzierrohren. In Trupps zu 10 wurden wir von Deckoffizieren und Maaten durch ein Gewirr von Gängen, Treppen, Winkeln, Schotten geführt; zuletzt wurden auch die Panzertürme und Ge- sechtsmasten bestiegen. In den Heiz- und Maschinenräumen erhielten wir einen Begriff davon,, welche ungeheure Kraftanstrengung notwendig ist« um einen solchen Panzerkoloß
in Bewegung zu fetzest. Unseren Führern', den' „seÄ befahrenen Wasserratten" schien es inniges Vergnügen zu! bereiten, die erstaunten und verwunderten Gesichter der Landratten zu beobachten, die , noch nie so etwas gesehen. Unermüdlich hagelte es Fragen auf die Führer ein, und man kann es nicht rühmend genug hervorheben, mit welch ritterlicher Liebenswürdigkeit die §erreit unsere Wißbegier zu befriedigen verstanden. Gegen 5 Uhr gelang es den Schiffspfeifen endlich, die Landratten aus dem Schiffsrumpfe herauszubugsieren. An Deck wurde noch eine gemeinschaftliche photographische Aufnahme gemacht, etliche der unsrigen hatten sich dabei als kühne Reiter auf die 28 Zentimeterrohre geschwungen. Ein eigentümliches Gefühl überkommt einem, wenn man 'den Friß auf eine solche schwimmende Festung setzt und die vielen Riesenkanonen, die Panzerungen und Türme sieht, und unwillkürlich dachte ich an die Worte: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am — deutschen Meer," besitzt doch unsere Marine noch mehr solcher Schiffe wie die Schwaben, die bereit sind, die Wacht am Meere zu halten; aber unsere Begeisterung sollte doch beim gemeinsamen Essen einen! starken Dämpfer erhalten. Kapitänleutnant Ruete wies mit hohem Ernst auf die Kriegsmarine anderer Völker, besonders auf die „Dreadnought" der Engländer hin. Er gab dann die verschiedenen Vergleichszahlen in Größe und Geschützzahl an und betonte, daß das Gefechtswort eines Schiffes für uns erst aus Vergleichen mit den Schiffest anderer Marinen hervorgehe. Wir hingen an dem jetzt uns überlassenen Sonntagnachmittag noch lange den ernsten' Worten des Seemanns nach.
(Schluß folgt.)
Eins ländliche Kleintinderschule.
Rödgen b- Gießen, 20. Auch
• Wie schon erwähnt, wurde die hiesige Kleinkinder^ schule feierlich eingeweiht- Die Feier begann bei, herrlichem! Sommerwetter nachmittags 3 Uhr mit einem Gottesdienst, in der buchstäblich bis auf den letzten Stehplatz,gefüllten Kirche- Nicht allein die Gemeindcglieder selber beteiligten sich zahlreich an der Feier, auch aus der Unigegend hatten sich Viele eingesunden, u- a. auch Freiin Marie von Riedesel zu Lauterbach, die Mitinhaberin des Patronates über die hiesige Pfarrstelle- ^-ie beiden übrigen Inhaber des Patronatsrechtsl: Frau Alice Fnhii- drich, geb- Freiin von Nordeck zu Rabenau, und Kammerherr von Schützbar gen- von Milchling waren leider verhindert. L-er allezeit hilfsbereite Posauuenchor von K'leinlinden begleitete den Gemeindegesang, Lehrer Rabenau von hier trug mit semer Masts ein trefflich eingeichtes mehrstimmiges Loblied vor- Den Schluß des Gottesdienstes bildete die Einführung der neuen schul-! schwester Elfriede Strack aus dem Mutterhaus Cecilienstist m Halberstadt- Aus deut Elisaüethenstift in Darmstadt, war em« Schwester leider nicht zu bekommen. — Man gmg m geordnetem Zug unter Vorankitt des Posaunenchors nach dem nahen Neubau. Mächtig schallte hier, unter Posaunenttang der Lobgesang der Gemeinde durch das stille Wiesental: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!" Es folgte die schlup el- Üebergabe- Der Schöpfer des schönen Baues, Baurat Drehm vost Gießen, wurde leider fern gehalten- An seiner stelle rwergab Kreisstraßenmeister Mohr den Schlüssel mit segenswunichen an den Vertreter des Kreisamtes Gießen, Regierungsrat xr- M e r ck, der seiner Freude Ausdruck gab, daß hier em „Werk sozialer Fürsorge" so gut gelungen sei, und versicherte, daß die Kreisbehörde zu solcher Arbeit stets gern und, willig dm Hand biete- Mit dem Gelöbnis, daß man solche Mithulfe stets gern annehme, empfing den schlüssel der Ortsgeistliche Pfarrer Groth und gab ihn weiter an Bürgermeister stein, um damit zu bekunden, daß man bei der Wohlfahrtsarbeit im neuen Heim die Mitarbeit des Gerneiuderats nicht entbehren möchte- Mit einer solchen Zusage gab der Bürgermeister den Schlüssel weiter an Pfar«r Euler aus Gießen, den^Stell- vertteter des Dekans- Er eröffnete das Haus nut dem segens- ivunsche: „Gott segne unseren Eingang!" Im Nu ivar oer geräumige Saal gefüllt, viele standen auch auf der Straße und im Hofe, um die nun folgende Ansprache des -Pekan-stellver- treters zu hören- Er führte ans, daß ReArveit, die indem neuen Heim zu tun sei, sich in. den Wtenft der H errnat--o,e- strebungen stellen wolle- Pflege an,den Kindern und, wills Gott, auch an den Kranken solle von dustM,Hause aus getrieben werden; an ihrem Teile solle diese, Arbeit nrrihelien, daß man auch auf 'hem Torfe sich wohl und dahernr fühle- solche Arbeit und alle, die dabei mithelfen, belahl der Redner dem schütz« Gottes- Teir Dank gegen Gott, den vorher schorr das von den Schulkindern gesungene „Niederländische Dankgebet" zum Ausdruck gebracht hatte, faßte das Schlußgebet des Ortsheistlichen noch einmal zusammen, und er klang aus im Gemeindelied: „Nun danket alle Gott!" — Tie Kollekte betrug 58-55 Mk.


