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eigener Mann! Jmimö toller, immer wilder wirb eilen die Ge- I danken. Tie letzten fünf Jahre, die Jahre ihrer Ehe, flogen an ihr vorüber. Ja, sie hatte sich gewöhnt an den Mann. Sie f war nicht gestorben, wie man's in Büchern liest, aus unglücklicher Liebe- Sie hatte ehrlich versucht, ihm gut zn sein. _ Und sie wäre es geworden, wenn er ihr nur ein wenig geholfen hätte- Nur ein wenig daran gedacht hatte, wie jung sie war und wie lebensfroh. Er freilich, er hatte seine eigene Jugend vergejsen. Halt sie abgetan, tote man ein abgetanes Kleid fortwirft- Und doch war's noch nicht allzulange, daß er selbst ein wilder, toller Bursche gewesen- — Sie hatte oft genug davon erzählen hören. — Wer von da hatte er seine Geringschätzung der Weiber und seinen Argwohn- — Und weil in ihm alles ausgebrannt war, leer und finster, da sollte sie auch WM und Menschen gering schätzen-
Es wallte auf in ihr- Alles bäumte sich tn ihr auf gegen ihn, gegen seine Art- Sie wollte leben, sich freuen an jedem Tag! Er sollte ihr nicht alles finster machen, alles verleiden, alles nehmen! Sie war nicht seine Magd, die sich alles gefallen ließ, und sie würde schon einen Weg finden- Ihre Mutter mußte ihr helfen- Die 'war ja schuld, schuld an allem.
Die hatte sie so lauge überredet, so lange ihr die gute Partie vorgestellt, so lange gebeten, geweint, gezankt, bis die Tochter endlich müde geworden war, nachgegeben hatte- Was weiß Man auch groß vom Heiraten, wenn man achtzehn Jahre ist!
Sie schauerte zusammen- — Trunten gingen wieder die Schritte ihres Mannes- Dm machte sich jetzt zurecht für die Frühfahrt- Wenn er nur erst fort wäre. ■— Wenn es nur erst Seit wäre, daß sie zu ihrer Mutter laufen könnte- — Sie wußte nicht recht, was ihre Mutter für sie tun sollte- — Aber nur erst fort, fort ans dem Haus- —
Sie fuhr plötzlich aus einem unruhigen Halbschlaf in die Höhe- Es war heller Tag. Im Haus war alles still. Sie stand auf mit schweren Gliedern, ganz zerschlagen- — Mühsam zog sie sich an, schleppte sich die Treppe hinunter- Unten war alles aufgeräumt, sauber- — Er hatte sein Bett gemacht, Frühstück gekocht wie alle Tage- Und sie wußte — wie er da nichts versäumte, nichts vergaß, so würde er auch seine Drohungen wahr machen- Sie sah nach der Uhr. Es war schon fast acht. Sie hatte ein paar Stunden geschlafen- Um halb zehn kam er wieder zurück- Hastig trank sie einen Schluck Wasser. Den Kaffee rührte sie nicht an- Sie ging nach der Haustür. — Fort, nur fort- Sie drückte die Klinke nieder, aber die Tür ging nicht auf- — Sie zog, sie riß, umsonst. —
Ach, er hatte sie eingeschlossen. — Sie stand eine Weck wie vernichtet- Eingesperrt wie eine Verbrecherin. Die Fenster waren freilich niedrig, sie brauchte nur einen Sprung zu tun- Aber er rechnete sicher darauf, daß sie nicht aus dem Fenster springen würde, der Leute wegen- — Was sie sich um das Geschwätz kümmerte! Mochten sie doch die Köpfe zusammenstecken und über sie klatschen, ihr war alles egal- —
Sie ging in die Kammer und suchte ein paar Sachen für sich und das Kind zusammen- Sie kam nicht mehr zurück zu ihm- Daß er die Tür verschlossen hatte, das zeigte ihr klar genug, was sie von ihm zu erwarten hatte- Sie ließ sich nicht einsperren tote ein böses Kind oder eine Verbrecherin-
Sie knüpfte das Bündel zusammen und stieg aus bem Fenster- Sie sah nicht einmal die Gasse entlang, ob auch niemand daher- käme- Fort, nur fort, das war ihr einziger Gedanke. Wie gejagt lief sie durch die morgenstillen Straßen zn ihrer Mutter- Die alte Frau war gerade aufgestanden und gab dem Kind sein Frühstück. Der Junge strampelte seiner Mutter entgegen. „Mamma! Mamma!"
Sie riß ihn hastig an sich. „MeiDubche, mei lieb Bubche!" Und da kam ihr Leid über sie mit Bergeslast- Sie fiel auf einen Stuhl nieder und weinte laut, herzzerreißend auf. Er- fchrocken stand die alte Fran daneben-
„Maria — Joseph! Greta, was is? Was is bassiert?"
Aber sie fonute nicht erzählen, sie mußte sich erst ausweinen- Das Kind drückte sich ängstlich an sie- „Mamma, Mamma!" jammerte es- —
Endlich erzählte sie- Alles, was geschehen war. Unter dem Erzählen wurde sie wieder ruhig- Es war ja jetzt vorbei, sie ging ja nicht wieder zu ihm- Tie alte Frau hörte unruhig zu- In ihrem Gesicht, das von Sorgen und Mühen hart und faltig geworden war, arbeitete es- Und nachher brach sie los: „Fvrtlaase? Dei'm Mann fortlaafe ? Bei mich komme? Biste net recht gescheit, Greta? Meinste, mer wär nor for'n Spaß verheirat, solang's einem bei'm Mann basst? Määnste, weil der Worringer entöl grob worde is, weil de uff der Mrb warst, dq kenntste jetzt em durchbrenne wie ä Zigeunern? — Määnste,
du kenntst bei mir bleiwe — mei Tochter die ihr'm Mann forfe gelaafe is? Is das der Dank bafor, baß ich dich so gut verheirat hab, daß de daher kimmst wie ä Narr, mit fliegende Soor, und wie ä Mäcid, die aus'm Dienst läuft mit'm Bündel unner'm Arm? Määnste, ich wollt erlerne, daß dä Worringer kimmt int dich Widder holt mit Bvllezei un Gericht? Odder denkschte, des is so ääner, bä sei Fraa mir nix dir nix etoeglaafe läßt?"
Greta Worringer hatte wie erstarrt zugehorcht. — Aber jetzt schrie sie laut auf: „Wibderhole! Mich widderhole!? Mich kann kanner widderhole! To müßt unse Herrgott im Himmel komme-"
(Fortsetzung folgt.)
Küne Sonderfahrt zur Wasserkante.
Nachdruck verboten.
Am 26. Juli trafen in der „Alsterlust" zu Hamburg auf Einladung des deutschen Flottenvereins 294 Volksschullehrer aus allen Teilen Deutschlands zusammen, um von dort aus eine Studienreise in den Shamburger Hafen, nach Kiel, den: Kaiser Wilhelm-Kanal, Helgoland, Bremerhafen und Bremen anzutreten. Bei dem Eröss- nungskommers hob der Leiter der Sonderfahrt, Dr. Gerhardt aus Berlin, als Zweck hervor, den deutschen Lehrern solle ein Anschauungsunterricht über Deutschlands Interessen zur See gegeben werden, damit durch sie das Verständnis für die Seeinteressen im dent- schen Volke geweckt und gefördert werde. Bereits in-der Frühe des nächsten Morgens begannen die Besichtigungen Hamburgs. Am neuen Bismarck-Denkmal hielt Dr. Gerhardt eine Ansprache, in der er dem Altreichskanzler als des Deutschen Reiches Schmied feierte. Erhebend klang aus den geschulten Lehrerkehlen das Lied „Deutschland über alles" von dem Hügel hernieder auf den Elbstrom, ein unvergeßlicher Moment für alle Teilnehmer. Sodann bestiegen wir an der St. Pauli-Landungsbrücke den geschmückten Dampfer „Delphin", um eine Hafenrundfahrt anzutreten. Ter neue Ozeandampfer „König Wilhelm II." der Hambnrg- Amerika-Linie, der soeben erst seine Probefahrt abgelegt hatte und nun feine erste Ozeanreife antreten soll, wurde eingehend besichtigt. Er ist ein Toppelschraubendampfer, der 2200 Perforien fassen kann, ist 150 Meter lang, 21 Meter breit und hat einen Tiefgang von 11 Meter. Er verkehrt zwischen Hamburg und Mexiko und kehrt innerhalb acht Wochen wieder zurück. (Bei dem Gang durch die riesigen Kaischuppen erhielten wir einen Begriff von Aus- uno Einfuhrhandel, der hier bewältigt wird.) Ein buntes Ge^ wirr von Dampfern und Segelschiffen, Fischerkuttern und Elbkähnen aus Böhmen, Passagier- und Frachtdampfern zog au unseren Augen vorüber. Besonderes Interesse erregten Krupps Riesenkrahu, der 180 000 Kilo Tragfähigkeit behüt, die riesigen Trocken- und Schwimmdocks der Firma Blohm und Boß und die bewegte Geschichte des „Kaiser Friedrich", der nun schon acht Jahre unbenutzt im tzawn liegt, weil die Schichau-Werft den Kontrakt nicht einhcelt. Fast hätte er als russisches Kriegsschiff die Schlacht bet Tsuchima mitmachen können, wenn den Russen nicht die Kaufsumme von 8 Millionen zu hoch gewesen wäre. Aus den Afrika- und Jndienfahrern kletterten mit katzenahn- licher Gewandtheit Neger und Araber im Takelwerk umher. Erstaunlich ist die Leistungsfähigkeit einer Getreidehebemaichine, die in der Stunde 80 Tonnen — 1600 Ztr. Getreide verlädt, wiegt und reinigt. Weiter ging die Fahrt an der überdachten Kriegsfchifsbauhalle vorbei; tosendes Hämmern und Klopsen herrschte auf dem neuen Panzerkreuzer Scharnhorst, der Ende August in die Kriegsmarine eingestellt wird und den großen Kreuzer Friedrich Karl ersetzen soll. Auf der unvergleichlich schönen Fahrt elb- abwärts bis nach Blankenese sahen !oir Hunderte von Segel- und Dampfschiffen, vom Ozeanriesen bis zum Fischkutter herab, sodaß wir hier einen Anschauungsunterricht über bas Thema „Deutschlands Seeinteressen" genossen, wie er besser und übersichtlicher nicht denkbar ist. Nachdem wir die Riefeuspeicher und Fischhallen bei St. Pauli und Altona passiert hatten, gestaltete sich die Fahrt immer malerischer, und eine Reihe von lieblich an den Elbhöhen gelagerten Ortschaften zog an uns vorüber. In herrlicher^ Lags zeigte sich endlich Blankenese mit dem Süllberg. Prächtige Parkanlagen mit vornehmen Villen fesselten das Auge. Rechts und links hört nun das hohe Elbuser auf, und der allmählich breiter werdende Strom durchfließt nur


