Ausgabe 
23.3.1907
 
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Klekven in Z-rpan.

Von Dr. Phil. Ichikawa, Lektor am Orientalischen Seminar zu Berlin.

Keinem Europäer wird es gelingen, Verständnis für die japanischen Verhältnisse zu gewinnen, der sich nicht zunächst da­rüber klar wird, daß in Japan die Idee der Verleugnung des Ich" gegenüber der Gesamtheit, der kritiklosen Verehrung, des blinden Gehorsams eines Individuums gegen ein anderes Wesen eine Rolle spielt, die mit der westlichen Auffassung von der Freiheit und Gleichheit der Menschen in starkem Widerspruch steht.

Nach der japanischen Sittenanfchauung schuldet der Diener dem Herrn, das Kind den Eltern, die Frau dem Manne, der Untertan dem Herrscher unbedingte Unterwerfung. Vom frü­hesten Kindesalter an gilt deshalb als die Hauptaufgabe der .zjehung, der Jugend das Prinzip des Gehorchens beizubringen, tinxntlich gilt dies für die Mädchen, die nach der späteren . rmählung nicht nur dem Manne, sondern auch der Schwieger- .:iter aufs Wort parieren müssen. Ohne dies würde es gar .acht gehen, da nach japanischer Sitte alle Kinder, solange sie unvermählt sind, im Elternhause verbleiben, die Söhne sogar, nachdem sie sich verheiratet haben.

Da nun die Schwiegermütter in Japan manchmal gewisse Eigenschaften besitzen, die man ihnen auch in anderen Ländern nachzusagen pflegt, so kommt es dort wohl vor, daß sie mit ihren Schwiegertöchtern ohne deren Verschulden nicht in der er­wünschten Harmonie leben. Aber nach den landesüblichen An­schauungen bekommt die Schwiegertochter in solchem Falle fast immer Unrecht. Ihr Ungehorsam gegen die ältere gilt als Ehe­scheidungsgrund und als eine Schande für die Ahnen, so daß eine aus solchem Anlaß verstoßene Frau häufig im elterlichen Hause nicht wieder ausgenommen wird.

Deshalb ist es sehr wichtig, daß die junge Frau schon früh­zeitig daraufhin erzogen wird, sich vor der späteren Schwieger­mutter aus Ueberzeugung zu ducken. Wenn sie das einwand­frei zu tun vermag, fo wird der außerdem von ihr geforderte Gehorsam gegen ihren Mann ihr als eine leichte und ange- nehme Pflicht erscheinen.

Tie allgemeinen Verhältnisse in Japan liegen außerordent­lich günstig. Unter den Gründen hierfür steht vornan, daß dem Japaner die Würde des Ehemanns als eins der höchsten Güter erscheint. Er verheiratet sich vornehmlich, weil ihn von Jugend an gelehrt wurde, daß es seine Pflicht ist, für die Fortsetzung der Ähnenverehrung in der nächsten Generation zu sorgen. Auf den Reichtum und die Vornehmheit oder nun gar die religiösen Ueberzeugungen seiner Frau kommt es ihm dabei nicht so sehr an, als darauf, daß, sie aus einer gesunden Familie stammt, und selber gesund ist. Die Mitgift braucht schon deswegen keine ausschlaggebende Rolle zu spielen, weil bis jetzt wenig­stens die Ansprüche der Männer wie der Frauen in Japan inbezug auf Kleidung und Ernährung noch recht bescheiden sind. Die Woh­nungsfrage erledigt sich durch das Prinzip des Zusammenlebens im Hause der Eltern des Mannes.

Unter diesen günstigen Umständen kam es früher öfters vor, daß die um die künftige Ahnenverehrung besorgten Eltern ihre. Sühne schon im 15. Lebensjahre sich 'verheiraten ließen. Heute setzt das Gesetz 17 Jahre für den Mann und 15 Jahre für die Frau als das jüngste Heiratsalter an, wobei die Verlänge­rung der Ausbildung auf den Schulen und die Veränderung der Lebens- und Erwerbsbedingungen wesentlich mitsprechen.

Die Erziehung des Mädchens ist ganz darauf gerichtet, sie zu einer tüchtigen Hausfrau, einer freundlichen, gehorsamen, treuen Gattin und zu einer liebevollen Mutter zu machen, ein Standpunkt, der gewiß in jedem Lande den Männern will­kommen sein würde, wenn er sich anderwärts ebenso durchführen ließe, wie in Japan.

Die Keuschheit gilt entgegen den vielfach im Auslande ver­breiteten irrigen Anschauungen als das wertvollste jungfräu­liche Gut. Ilm sie zu schützen, verlangt die Sitte, daß Knaben nnd Mädchen nicht in demselben Raume beisammen sein sollen, wenn sie älter als sieben Jahre sind, wobei allerdings die Idee mitspricht, daß sonst leicht Knaben ihre schönste männliche Tugend, die Tapferkeit, einbüßen könnten! Dem freien Ver­kehr zwischen beiden Geschlechtern werden vielerlei Schranken auferlegt;Gelegenheit macht Liebe", sagt man sich. Ein junges Mädchen soll so viel wie möglich im Hause bleiben nnd nicht ohne Begleitung ausgehen. Das Zusammenleben der Familien erschwert Heimlichkeiten jeder Art; der europäische Tanz gilt nicht für anständig.

Begeht trotz aller Vorsichtsmaßregeln ein junges Mädchen einen Fehltritt, so gilt dies als das größte Unglück für sie und als ein schwerer Schimpf für die Ahnen. Meistens bleibt ihr nur ein Leben der Schande offen. So viel steht fest, daß der

*) Der nachfolgende Artikel, der uns einen interessanten Einblick in die vvN den unsrigen vielfach weit abweichenden! japanischen Familienverhältnisse gewährt, gründet sich auf einen Teil der Ausführungen eines Vortrages über die japanische Ehe- fchließung, den Herr Ichikawa vor der Deutsch^-Ostasiatlschen Ge­sellschaft zu Berlin gehalten bat.

Japaner bei der Wahl seiner Braut die Tugend über die Schön­heit stellt, und das will etwas ganz Besonderes sagen bei einem Volke, das die Schönheit der Natur über alles liebt und in einer schonen Frau die Blume der Menschheit sieht.

Die Wahl der Frau wird meistens nicht durch den Bräutigam besorgt, sondern durch die Eltern. Der Bräutigam hat bis zum Hochzeitstage eigentlich gar keine Gelegenheit, seine Braut näher kennen zu lernen. Die Liebe des Brautpaares nach europäischen Begriffen spielt somit bei der japanischen Eheschließung keine Rolle. Wer nun aber glaubt, daß die Ehen in Japan des­wegen weniger glücklich sind, der irrt sich. Dem Manne als dem stärkeren Teil ist die Pflicht vorgefchrieben, seine Gattin zu beschützen, sie stets freundlich und faust zu behandeln. Er bringt ihr als der Mutter seiner Kinder die größte Hochachtung ent­gegen und läßt ihr in der Kindererziehung sowie in der Führung des Haushalts die weitestgehende Freiheit. Schelten, Schimpfen ober Mißhandlungen von Ehefrauen kommen in Japan fast nie­mals vor.

Tie Frau ihrerseits geht ganz und gar in ihren ehelichen, mütterlichen und häuslichen Pflichten auf, unter denen, wie gefugt, die Treue und der Gehorsam gegen den Gatten obenan stehen. Sie fühlt sich aber keineswegs als Sklavin, sondern ver­steht es recht gut, ihren Willen auf vielen Gebieten ihrem Herrn und Gebieter gegenüber durchzusetzen. Und meist weiß die japanische Frau sehr gut, was sie will, trotz ihrer äußeren Demut, trotz ihres Lächelns und der Zierlichkeit, die die Europäer so leicht dazu veranlaßt, sie für oberflächliche Wesen und für eine Art von bunten Schmetterlingen zu halten.

Die Europäer meinen öfters auch, daß die Ehen in Japan nicht so glücklich sein können wie in Europa, weil man nie sieht, daß ein Ehepaar Arm in Arm geht oder daß es sich öffentlich küßt und liebkost. In Japan gilt solch ein Zärtlichkeitsbeweis nicht für schicklich, während man andererseits in dem Darreichen der Mutter­brust an die Kinder, auch vor den Augen von Fremden nichts Anstößiges sieht. Die Sitten sind eben verschieden in den ver­schiedenen Ländern in dieser Beziehung, das hat aber mit dem wahren Glück der Ehe nichts zu tun. Dieses ist aber in Japan unstreitig im allgemeinen sehr groß, wie sich schon daraus ergibt, daß Ehebrüche feitens der Frau überhaupt kaum jemals vorkomuien. Die Treue gegen den Mann geht sogar so weit, daß wenigstens in früheren Jahren das Wiederheiraten einer Witwe zu den größ­ten Seltenheiten gehörte.

Ein Schatten fällt nur in die Ehe, wenn diese unfruchtbar ist ober wenn die männliche Nachkommenschaft ausbleibt. In diesem Falle ist es dem Manne erlaubt, sich noch eine Nebenfrau zu nehmen, um die Fortsetzung der Ähnenverehrung zu sichern. In­dessen pflegt er nicht häufig Gebrauch von diesem Vorrecht zu machen, weil durch das Zusammenleben der beiden Frauen unter einem Dach der häusliche Frieden leicht gefährdet wird. Er zieht es meistens vor, den Pflichten für die Zukunft durch.Kinderadoption zu genügen.

Das Bild, das ich itou dem ehelichen Leben in meinem Vaterlande gegeben hübe, ist somit sehr erfreulich, und es fragt sich nur, inwieweit die geschilderten Verhältnisse auch in. der Zukunst noch weiter bestehen bleiben werden. Da muß ich allerdings sagen, daß mit be.nr Einzug der westlichen individualistischen Auffassung mit dem Anwachsen der Industrie, der größeren Wert­schätzung des Reichtums und der Steigerung des Komforts sich allmählich eine Aenderung anbahnt.

Das Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dache wird mit der Zeit aufhören. Die häusliche Existenz der Frau toirb bedroht durch die Nachfrage der Fabriken nach! Arbeiterinnen; und mit der steigenden Bildung der Frauen, die sie in den Schulen genießen, entwickelt sich in ihnen auch ein starker Drang nach größerer, äußerer und innerer Freiheit. Immerhin ist in Japan von einer Frauenbewegung noch nicht die Rede.

Vorläufig kann man sagen, daß die konservativen Anschau­ungen in bezug auf - die Ehe heute noch ziemlich uneingeschränkt! herrschen. Und mir Japaner find davon überzeugt, daß sie eine der wichtigsten Quellen unserer nationalen Kraft nusmachen, und daß die westlichen Ideen, so gern wir sie auf anderen Gebieten uns zu eigen gemacht haben, in bezug aus die Ehe keinen Fortschritt für nufer Vaterland darst-ellen.

Reber der Hirsche Not

im Prättigäu (Graubünden) schreibt derFreie Rätier": Wildhüter T-avatz und Landjäger Hartmann tragen jetzt im Auftrage der Regierung den notleidenden Hirschen Nahrung zu. Kürzlich begaben sie sich mit Heu ins Salginertobel. Bald entdeckten sie eine frische Hirschspur hinunter gegen den Bach, sanden aber nichts, auch keine Spur vom Bache weg. Nun wurde der Flußlauf bergwärts verfolgt und richtig, mitten im Wasser lag ein Spießer, der zwar noch lebte, aber nicht mehr die Kraft besaß, das User zu er­klimmen. Tas arme Tier wurde nun aus seiner mißlichen Lag« befreit, nach Bussereien verbracht und dort einem Bauer in Verpflegung gegeben, wo es die gereichte Nahrung gern annimmt und sich wohl erholen toirb. Am