Ausgabe 
23.3.1907
 
Einzelbild herunterladen

178

Lachen, Roderichs unmutige Zurechtweisungen. Er intonierte selbst mit seinen unzulänglichen Stimmitteln die Melodie.

Erna saß über ihre Arbeit gebeugt und blickte nicht mehr auf. Ihre Seele lag in ihrem Ohr, aber sie lauschte nur noch dem Klang des Trittes auf dem knirschenden Kiessand unten, der sich noch immer nicht wieder in Bewegung setzte, bis die letzte Strophe der Arie verhallt war. Dann klang der feste Männertritt näher, er mußte die Biegung bei den Rosenbeeten erreicht haben, sie fühlte mehr als sie sah den dunklen Schatten, den seine Gestalt jetzt auf den Rasen warf, und sie erhob erst den Kopf, als seine wohlbekannte Stimme das:Guten Abend, Frau Kommerzienrätin! Guten Abend, Fräulein Erna!" rief.

Er küßte der Mutter die Hand und reichte ihr seine Rechte, sie blickte in fein offenes, hübsches, ihr so liebes Gesicht.

Guten Abend, Herr Doktor!" Es kam sehr ruhig von ihren Lippen, sie rückte ihm den Sessel, der schon sein gewohnter Platz war, wo die Strahlen der untergehenden Sonne ihn nicht belästigten, und man redete vom heißen Tag und ob es wohl Noch ein Gewitter geben werde.

Die Fenster des Mufikzimmers waren geschlossen worden, die liebenden schienen dasselbe verlassen zu haben. Nach einer Weile trat Roderich heraus, Hut und Stock in der Hand, eine Mappe von Juchtenleder unter dem Arm.

Er war in eleganter Abendtoilette, trug das volle, wellige Haar hoch über der Stirn emporgekümmt, einen wohlgepflegten Schnurrbart über der schön geschwungenen Oberlippe, wahrend das Kinn glatt rasiert wir. Seine dunklen Augen blickten hoch­mütig und selbstbewußt, man sah es bent ganzen Menschen an, daß er viel Sorgfalt auf seine Person verwandte und mit sich selber voll zufrieden war.

Fährst du noch in die Stadt, Roderich? Ich dachte, du bliebest heute abend bei uns", sagte die Mutter, während Rode­rich den Gast, den Doktor Villatte, äußerst gemessen und kühl begrüßte. Dann wandte er sich nachlässig zur Mutter.

Ich werde bei der Frau Klopp-Wengstern erwartet, wo ich den ersten Akt meines Dramas: ,Die Nihilisten' zu lesen ver­sprach du weißt, unsere ersten literarischen Größen und Kritiker finden sich in dem Salon dieser Dame zusammen ich bedaure also, Herr Doktor" Die höfliche Neigung zu dem Fremden war gemessen und kühl.

Bitte, genieren Sie sich meinetwegen nicht." Auch die Ant- wort des Philologen klang steif und formell.

Wo hast du denn Sylvia gelassen?" fragte die Kommerzien­rätin,du hast sie wohl etwas über Gebühr ermüdet."

Welch ein Ausdruck, Mama! Ich denke, es ist ihr die größte Freude, wenn ich sie zu diesen Proben heranziehe. Sie hat einiges Interesse und eine kleine Dosis Verständnis, wenn ihr Können auch nicht ausreicht."

Na, freue dich, Roderich, wenn du jemals eine Sängerin findest, die deine absonderlichen Passagen und Tonsprüngc leistet oder ihre Stimmittel daran verschwendet", bemerkte Erna lächelnd in ihrem sarkastischen Ton.Sylvias Ausdauer in der Richt- tung ist bewundernswert."

Ueber des jungen Doktors Stirn flog eine Röte, in seinen lebhaften Augen blitzten Zornfunken auf.

Roderich hielt es nicht der Mühe wert, der Schwester zu antworten, er zuckte nur die Achseln und feine Miene sagte: Was nützt es, mit den Minden von der Farbe zu sprechen." Er verabschiedete sich mit flüchtigem Gruß und schritt langsam, in stolzer Haltung die Terrassenstusen hinab an das Flußuser, wo er das nächste Dampfschiff benützen wollte. Doktor Villatte sah ihm mit einem schwer zu beschreibenden Gesichtsausdrnck nach, ihm war'der Sohn dieses Hauses, in dem er sonst so gern einkehrte, gründlich unsympathisch. Jetzt aber wandte er sich mit erleich- teitern Atemzug zu den Damen, die Wolken wichen von seiner Stirn. Er nahm ein Blatt aus feiner Tasche, eine neue Broschüre über die Arbeiterfrage, welche er Erna einhändigte. Sie unter­hielten sich gern über diese zeitbewegenden Strömungen, der junge, lebhafte Gelehrte fand in ihr eine stets interessierte Zu­hörerin, wenn er sich über Tagesfragen aussprach. Sie hatte ein klares und gesundes Urteil, war immer maßvoll und ge­recht Eigenschaften, die nach seiner Meinung bei ihrem Ge­schlecht selten zu finden waren.

Ihr Antlitz hatte sich, seit er zu ihr redete, auffallend belebt, sie sah warm, hübsch, klug und bedeutend aus, während sie ihre Ansichten entwickelte.

Sie gewahrten es beide nicht, daß sich über ihnen ein Fenster geöffnet hatte, und Sylvia von dort aus dem scheidenden Roderich, der sich unten an der Pforte noch einmal nmzuwenden geruhte, Winke und Kußhände nachwarf.

Jetzt aber stockte Doktor Villatte plötzlich in seiner Rede, und

ein glühendes Rot färbte sein Antlitz. Eine Blume war ihm in den Schoß gefallen, er blickte auf. Da neigte es sich über ihm, dieses süße, lachende, sinnbestrickende Gesicht, und machte possierliche Geberden.

Hu! Diese beiden Ernsthaften!" rief Sylvia von oben; habt ihr die Welt noch immer nicht eingerichtet?"

Der junge Doktor hatte sich erhoben und grüßte hinauf, mit lachender, verklärter Miene.Guten Abend, Fräulein Sylvia, kommen Sie und helfen Sie einrichten. Ich habe eine Ahnung, als verständen Sie es besser als wir."

Sylvia schlug das Fenster zu und nickte, und es währte leine Sekunde, da stand sie unten in ihrer ganzen sieghaften, berückenden Schönheit. Ein leichtes Kleid von zarter Elfenbein­farbe umschloß ihre zierliche Gestalt, eine dunkelrote Rose steckte int Goldgürtel, der die Taille umspannte. In losen Locken ringelte sich goldbraunes Haar um die schneeweiße Stirn, die großen, lachenden Augen von unbestimmbarer Farbe blitzten in übermütiger Laune. Sie reichte dem Doktor die Hand, aber flüchtig, mit schon wieder sich abwendender Miene und schlang dann stürmisch ihren Arm um den Hals der alten Dame.Mein süßes Mütterchen, wir können dock, heute hier auf der Veranda zu Abend speisen, es ist ja so himmlisch draußen. Ich habe Auguste angewiesen, daß sie hier decken soll."

Die Kommerzienätin strich liebkosend über das Lockenhaupt der Schmeichelnden, ein viel weicherer und zärtlicherer Ton, als vorhin war in ihrer Stimme, als sie einwarf:Aber Kind» es wird hier zu eng sein, und du weißt, der Vater"

Roderich ist ja abwesend", rief sie dazwischen.

Nun ja, aber Papa, der Herr Doktor, Erna, du und ich" Wir sind unser fünf, da ist Platz genug, wenn wir uns auch ein wenig zusammen drängen, nicht wahr, Herr Doktor?"

Der Herr Doktor war es durchaus zufrieden, er sah lächelnd auf die anmutige Bittstellerin, und ein enger Platz neben der­selben schreckte ihn nicht. Ihr fröhlicher Ton, in dem sie aus-- gerufen:Roderich ist abwesend", hatte ihm ein behagliches Gefühl verursacht.

Erna stand auf und nahm den Schlüsselkorb.Es ist eilte Torheit, Sylvia", sagte sie kalt und herb,der Tisch ist viel zu klein, der Raum im Ganzen zu knapp, abgesehen von der Er­kältung, welche sich Mama unfehlbar durch das Sitzen in später Abendluft zuziehen würde".

Sylvias hübscher Mund verzog sich zu übellaunigem Schmollen.

Natürlich, ich vergaß Erna mit ihren unvermeidlichen Bedenken. Doch da kommt der Papa. Rede einmal ein gutes Wort mir zu Gefallen", rief sie dem aus dem Salon heraus- tretenden Kommerzienrat entgegen.Erna ist wieder schwer­fällig, und will es uns nicht gönnen, hier draußen den Tee zu nehmen."

Was ist los, kleine Hexe?" Der stattliche, wohlrnsierte Herr mit der goldenen Brille, dem man seine fünfundsechzig Jahre kaum ansah, strich der ihm entgegen Stürmenden die Locken aus der Stirn, küßte sie und begrüßte mit warmem Händedruck den Doktor.

Ah bah! dummes Zeug", sagte er dann, als er begriffen, um was es sich handle.Pfusche meiner Erna nicht in ihre Haushaltungsangelegenheiten hinein. Sie kennt mich und weiß, daß ich mein behagliches Abendbrot haben will, du Kobold bringst nur Wirrwarr und Unruhe. Wir wollen ein gutes Glas trinken, vom besten, Doktor, beim hellen Lampenlicht, unbelästigt von Mücken und Zugluft. Höre, Erna", er hielt seiner Tochter Hand und beugte sein volles, joviales Gesicht zu ihr nieder, ihr besondere Order zurauuenü.Du verstehst, mein Mädchen, der gelb gelackte, na, ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann."

Erna nickte mit heiterer Miene und ging, des Vaters Befehle auszuführen.

Uff! war das ein heißer Tag!" rief der Hausherr, und ließ sich in den Sessel fallen, daß die Federn desselben krachten. Hab' mir die Ruhe und das Wohlsein hier redlich verdient; hübsch, Doktor, daß Sie gekommen sind, und nun, was gibt es Neues?"

Roderich ist in die Stadt gefahren, er liest bei der Frau Klopp-Wengstern den ersten Akt seiner »Nihilisten'", sagte Frau Friederike.

(Fortsetzung folgt.)