Ausgabe 
23.2.1907
 
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sie weiteren Kreisen bekannt zu machen. So entstanden seine ersten volkstümlichen Erzählungen:Das Fräulein von Lichtenegg", Der lateinische Bauer" undTie Christkindlsingerin", die, 1863 veröffentlicht, als interessante Kulturbilder aus dem bayerisch- böhmischen Waldgebirge sogleich allgemeine Aufmerksamkeit er­regten. Der gesteigerte Erfolg, den bald danachBirgitta" und Glasmacherleut" fanden, zeigten dem jungen Dichter deutlich, daß er erst jetzt sein wahres Talent entdeckt hatte, und so blieb er, sich in weiser Beschränkung als Meister zeigend, fortan aus­schließlich diesem neuen Gebiete getreu. .

Man könnte jede der Erzählungen Maximilian Schmidts mit einem Museum in Buchform vergleichen. Alle erdenklichen Berufe und Industriezweige, soweit sie in den bayerischen Bergen zu Hause sind, werden ums da vorgeführt; das Leben der Jäger, Wildschützen, der Schmuggler, der Fuhrleute, der Fischer, Berg­leute, Schiffer und Bildschnitzer lernen wir, in allen seinen Einzel­heiten kennen, und als Dekoration wird gern die Geschichte frü­herer Zeiten hereingezogen, wie sie in Sagen und Sitten auf die Gegenwart noch fortwirkt. Auf diese Weise werden ganze Land­schaften und Bevölkcrungsgruppen erschöpfend behandelt, ja manch­mal wie die originelle Sekte der Choden für das große Publikum geradezu erst entdeckt, und das alles geschieht in so anziehender poetischer Gewandung, daß man während des Lesens die große Bereicherung des eigenen Wissens kaum merkt. Für die Jugend ist diese Art von Belehrung gewiß nicht zu unter­schätzen, und in voller Würdigung der wissenschaftliches Bedeu­tung, die Schmidts Werke auf geographischem und ethnographi­schem Gebiete znkonnnt, hat das bayerische Kultusministerium durchaus recht gehabt, die Anschaffung derselben allen Schul- und Volksbibliotheken wann zu empfehlen. Auch für den Philo­logen können die Erzählungen Schmidts als ausgiebiges und untrügliches Nachschlagebuch hinsichtlich des Dialektes gelten. Während Auerbach seine Bauern noch ein unnatürliches Ldonversa- tionsdeutsch reden ließ, Karl Stieler den Norddeutschen manch: Konzessionen machte und Hermann von Schmid sich mit dialek­tischen Anklängen begnügte, bringt unser Dichter nach dem Muster von Reuter und Hebbel die Mundart seiner Bauern in unver­fälschter Reinheit, erleichtert aber im Gegensätze zu dem platt­deutschen Dichter das Verständnis dadurch, daß er die Erzählung selbst in hochdeutscher Sprache führt. Der Dialekt bleibt aus­schließlich auf den Dialog beschränkt, ist aber hier, je nach der Verschiedenheit der geschilderten Gegend, ein mit feinsten Nuancen wechselnder; und wer alle Schriften des Dichters gelesen, kennt nicht nur die bayerische Mundart, die es als abstrakten Begriff nicht gibt, sondern die zahlreichen vberbayerischen wie niederbayeri­schen Dialekte. Das kulturhistorische Arrangement wenn man so sagen darf tritt uns immer gleich zu Anfang jeder Erzählung entgegen. Dieser besteht fast immer in einer kurzen Beschreibung von Land und Leuten, der sich harmonisch eine stimmungsvolle Schilderung der Landschaft anschließt. Doch ist Schmidts treffliche Naturmalerei nie phantastisch und überschweng­lich, sondern steht immer auf festem, realem Boden. Durch ge­schickte Hervorhebung alles Charakteristischen erhalten wir stets ein überaus anschauliches Bild, gleichviel ob uns die Urwalbzanber seiner Heimat, die seereichen Vorberge der Alpen oder die majestä­tische Hochlandswelt geschildert werden. Ebenso wahrheitsliebend wie der Natur gegenüber, verfährt der Dichter mit seinen Menschen. Auch diese werden uns mit plastischer Genauigkeit innerlich wie äußerlich vorgeführt und Freunde der Kvstümkunde können in seinen Romanen die ausgiebigsten Studien über alle altbayerischen Volkstrachten, mögen dieselben noch bestehen oder von neuerer Mode fdjon verdrängt sein, machen. In einer Zeit des sich immer mehr entwickelnden Fremdenverkehrs, bei dem ja der Al­pinismus eine besonders hervorragende Rolle spielt, muß deshalb auch auf den Wert der Schmidtschen Werke als Reisebücher hin­gewiesen werden, die zu der praktischen Nüchternheit eines Baedeker, Meyer, Grieben u. a. die angenehmste und unterhaltendste Er- Sänzung bilden.

Man kann sagen, daß Schmidt in den bayerischen Alpen auch nicht den entlegensten Talwinkel unerforscht gelassen und überall Neues, Interessantes ans Licht zu ziehen gewußt hat. Nachdem es ihm in seiner wälderischen Heimat zu enge geworden, wandte er sich seit den 80er Jahren diesem weiteren Gebiete zu. Gleich der erste Versuch, den er mit bem großen, sarbenfrisch hingewvrfenen Hochlandsroman:Ter Schutzgeist von Oberammergau" machte, war da ein Treffer, denn das Interesse an dem weltberümhten Pas- sronsdorf trug seinen Namen weit über die Grenzen seines baye­rischen Vaterlandes hinaus in die Kreise, die ihn bisher kaum gekannt hatten. Rasch lolgte nun die lange Reihe jener erzählenden Kichtungen, die uns bald an den Chiemsee, den Ammersce, den Starnbergersee, bald in die Jachenau, das Jnntal, ins Berchtes- gadner Land, an den Wetterstein und auf den Gipfel der Zugspitze führen. Ter wachsende Erfolg trieb Schmidt auch an, seine derb humoristischen GedichteAltboarisch" herausgegeben und mit ern­steren Stücken, fast durchweg dramatischen Bearbeitungen seiner betiebtesten Romane,'sich neuerdings dem Theater zuzuwenden. Tas Ensemble des Gärtnerplatzthieiaters in' München, sowie die späteren Bauerntruppen vermittelten die Kenntnis vonAustrag- stüberl",Leonhardsritt,"Torspsarrer" undFischerrosl von St. Heinrich" dem ganzen deutschen Publikum und es hat den Anschein, daß sie sich aus dem Repertoire aller besseren Volksbühnen

bauernd behaupten werden. Was ihnen überall zum Siege verhilft, ist in erster Linie der frische, keck zugreifende Humor, der mit zahlreichen Episoden und Figuren in des Dichters sämtlichen Er­zählungen zutage tritt. Diese seine fröhliche Laune, der auch mehrere kleinere Humoresken entsprangen, ist nie versiegt, wie in den großen Alpenromanen, so tritt sie uns auch in den späteren Geschichten aus dem Bayerischen Walde,Chodenmädchen",Maut­ner Flank" undAm goldenen Steig", entgegen, und neuerdings sprudelt sie noch mit astter Frische in der vollendeten Volks­erzählung 'Regina", die sich in den Dienst edelster Humanität stellt und ein ebenso schönes wie belehrendes Bild von der segens­reichen Tätigkeit des roten Kreuzes im Krieg und Frieden ent­wirft.

Damit kommen wir auf ein weiteres bedeutsames Element in Schmidts literarischem Schaffen, mit dessen berixenter Würdigung wir unsere Betrachtung beschließen wollen. , Es ist dies der päda­gogische Wert seiner Schriften, der sich keineswegs in rein sach­licher Belehrung erschöpft, sondern seinen eigentlichen Schwer­punkt auf ethisch-moralischem Gebiete hat. Schmidt ist gewiß kein philiströser Sittenprediger. Ebensowenig, wie er sich einer politifcyen oder anderen Partei anschließt, spricht er jemals ein Tendenz in dür­ren Worten aus. Aber das Leben seiner Helden, der ganze Inhalt ihrer Handlungen lehrt immer eine solche in überzeugender Weise. Pflichttreue, Selbstvertrauen und Gottesglaube sind die höchsten Güter der Menschheit, die allein zu irdischem Glück führen. Mit diesen Worten könnte man des Dichters Lebensphilosophie kurz zusammen­fassen. Schwarzseher sind seine Freunde nicht. Kopfhängerischer Pessimismus, Nörgelei und Zweifel führen bei ihm stets zu schlimmem Ende. Aber es gibt ein Radikalmittel gegen die;: bösen Feinde die Arbeit. Als der Prophet ihres Segens tritt Schmidt überall auf. Aus den tragischsten Situationen zeigt sw noch einen rettenden Ausweg und nur wer arbeitet, feine Pflicht erfüllt, der darf auch mit Zuversicht beten. In der Ueberzeugung, daß Gottvertrauen und Glaube im Verein mit eigener Tätigkeit den Menschen das Heil finden lassen, daß auch der Swlecytest: noch durch einen Faden mit dem Himmel zusammenhängt und, wenn er nur selbst dazu tut, auch zur Erlösung reif wird, liegt ein bedeutsames religiöses Element, das diese schlichten Dorf­geschichten gleichsam adelt und sie zur gesündesten geistigen Kost für die weitaus größeren Kreise des deutschen Lesepublikums macht.

Am besten hat der Dichter die von ihm gepredigte Arbeits­freude selbst durch fein überreiches produktives Schaffen betätigt Wir können nur hoffen, daß es noch lange nicht abgeschlossen ist, daß Maximilian Schmidt seine Lebenswanderung bald auf 80 -jahrr erweitern möge, und wenn wir zu feinem 75. Geburtstage noch einen ehrlich gemeinten Wunsch hinzufügen wollen, so kann es nur der fein, daß seine ebenso belehreiiden und veredelnden tote spannenden und unterhaltenden Werke von Jahr zu Jahr mehr zum Gemeingut des gesamten deutschen Volkes iuerben.

Ferienkolonie» für selbstzahlende Kinder.

Bisher haben die größeren Städte und Wohltätigkeitsvereine Mittel bereit gestellt, um kränkliche oder der Erholung bedürf­tige Kinder von minderbegüterten Eltern in der Ferienzeit in waldreiche Orte unter Aufsicht von Lehrern und Lehrerinnen unterzubringen. Dies hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, die Kinder kamen gestärkt, mit neuer Lebenslust und oft mit erheb­licher Gewichtszunahme in das Elternhaus zurück.. Diese Wohl­taten können jedoch mangels Mittel nur einem geringen Teil der erholungsbedürftigen Kinder zugesührt werden. Es gibt jedoch sehr viele Kinder in der Stadt und auch auf dem Lande, die ebenfalls einen Aufenthalt in waldiger Gegend nötig,haben, deren Eltern auch für eine solche Kur die Kosten, wenn sie nicht allzu hoch wären, bestreiten könnten, die aber selbst den Aufenthalt nicht teilen können, weil sie durch Berufsgeschäfte oder andere Gründe verhindert sind.

Der hessische gemeinnützige Verein zur Vermittlung von Land- nnd Kuraufenthalten in Darmstadt hat unter Berücksichtigung: dieses Umstands in seinem Verzeichnisse der Sommerwohnungen auch viele Adressen von Familien (Pfarrer und Lehrer) bekannt gegeben, bei denen Kinder ohne Begleitung gut und zu angemessenen Preisen aufgehoben sind, wo sie gleich­altrige Spielgenossen treffen und auch, wenn erforderlich, Nachi- hülfestunden erhalten können. Auch ist in Jugenheim a. d. Bergstraße auf Anregung des Vereins ein Heim,Heimgarten genannt, errichtet worden, das Kinder ohne Begleitung aufnimmt und unter der Leitung einer Lehrerin und einer geprüften Kran­kenpflegerin steht.

Diese günstigen Gelegenheiten werden icdoch noch nicht in dem Maße benutzt, wie sie es verdienen; mancher Familienvater, zumal wenn er mehrere Kinder hat, kann auch die Mittel hier­für nicht erschwingen, weil sie im Vergleich zu seinem Ein­kommen immer noch so hoch sind, auf der anderen Seite haben diese, erholungsbedürftige Kinder aufnehmenden, Familien auch nur für eine beschränkte Anzahl Kinder Platz, weil die Schul- serien in Hessen und den benachbarten Städten (Mannheim, Frank- surt a. M.) meist auf einen Zeitraum fallen.

Der Odenwaldklub hat das besondere Verdienst, im vorigen Jahre die Schnlerwanderungen ins Leben gerufen zu haben. Diese