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Schülerwanderungen, welche seither gewöhnlich 1—3 Tage gedauert haben, eignen sich jedoch nur für kräftige, den Anstrengungen gewachsene Kinder. Daneben besteht jedoch das Bedürfnis, schwächlichen Kindern einen längeren ruhigen Landaufenthalt zu bieten. Für Kinder dieser Art müßte für billiges Geld ein Aufenthalt in waldreicher Gegend beschafft werden. Für die Beschaffung müßte man die zurzeit von den Wohltätigkeitsvereinen und Städten eingerichteten Ferienkolonien als Muster nehmen. Es könnte dadurch recht vielen Kindern die Wohltat eines solchen Aufenthalts zngeführt werden, für die Eltern wäre die Geldfrage nicht so drückend, da der Ausenthalt mit verhältnismäßig geringen Mitteln durchgeführt werden könnte. Zur Erleichterung der Bestreitung der Kosten wäre es empfehlenswert, wenn die Schulleiter Spareinlagen, z. B. wöchentlich 50 Vfg. bis 1 Mk. annehmen würden, die eigens für diesen Zweck bestimmt sind. Die Kinder könnten sich nach Wahl den Odenwald oder den Vogelsberg erwählen. Ein solcher Aufenthalt wäre nicht nur ein Gewinn für die Gesundheit, auch die Heimatkunde und das Heimatsgefühl würden geweckt. Zur Ausführung eines solchen ilnternehmens müßten sich weiter entweder Lehrer aus den Städten oder auch auf dem Lande bereitfindcn lassen, aus Liebe zur Sache gegen angemessene Vergütung den Aufenthalt mit den Kindern zu teilen und die, Aufsicht zu führen; um zu erfahren, ob und wie viele Schüler sich an einer solchen Ferienkolonie beteiligen würden, müßten in den einzelnen Schulen schon jetzt dahingehende Unifragen ergehen, damit die nötigen Quartiere bereitgestellt werden könnten.
Da die Unterkunft entweder in größeren Räumen oder auch einzeln in Familien geschehen würde und die Verpflegung in einfacher, aber guter Kost gereicht würde, so dürften die Tages- kosten ca. 2 Mk., keineswegs den Betrag von 2.50 Mk. übersteigen. Wenn der Plan in diesem Jahre noch zur Ausführung gelangen sollte, müßten die Vorarbeiten unverzüglich begonnen werden. Entsr der Aufgabe, die sich der hessische gemeinnützige Verein zur Vermittelung von Land- und Kuraufenthalten gestellt hat, ist er bereit, als Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage aufzu- tretcn.
Hygiene des Geistes in der ersten Kindheit.
In der Frankfurter Zeitschrift „M o d e v o n h e u t e" plaudert ein Arzt über die Hygiene des Kindergeistes. Daß die lieben Eltern ihren Stolz darin setzen, ein recht kluges und gescheites Kind ihr eigen zu nennen, in er will ihnen das verdenken? In unser er intellektuellen Zeit werden nun einmal Vorzüge des Geistes über alles geschätzt, mlfo muß es auch richtig sein, seine Ausbildung so srüh wie möglich in die Hand zu nehmen. , Deshalb wird nach gutem alten Brauch dem Kinde allerlei beigebracht, schon wenn, es die ersten sprachlichen Schwierigkeiten überwunden, d. h. wenn es einigermaßen gelernt hat, seinem Denken verständlichen Ausdruck zu verleihen. Da lehrt es der eine ein Sprüchelchen, der andere ein Berschen, der dritte ein Liedchen u. s. f., und wenn es dann diese Dinge herplappert, in der Regel mechanisch, ohne einen Sinn damit zu verbinden, dann strahlt das, Antlitz des Vaters und der Mutter vor Wonne und es erntet die mehr oder wenig aufrichtig gemeinten Huldigungen der Freunde und Verwandten des Hauses ein. Je näher dann das sechste oder siebente Lebensjahr und damit der große Moment des Eintritts in die Schule heranrückt, ein desto höherer Aufwand von Zeit und Mühe wird verwandt, um das Maß des Wissens zu steigern. Jetzt wird bereits gröberes Geschütz ausgefahren: der Knabe oder das Mädchen soll doch nicht als ein kleiner Dümmling dem Lehrer oder der Lehrerin überliefert werden, sie sollen zeigen, daß sie schon bis zehn und darüber zählen, vielleicht schon einen oder den anderen Buchstaben lesen oder gar schreiben können. — Ist dies Verfahren nun wirklich so ganz einwanossrei? Ob vom pädagogischen Standpunkt, sei dahingestellt; vom medizinischen gewiß nicht. Das Organ, mit dessen normaler Beschaffenheit die Seelentätigkeit nm: einmal untrennbar verknüft ist, das Gehirn, kommt ebensowenig fertig zur Welt, wie irgend ein anderes. Von Geburt an wächst es vielmehr uno entwickelt sich allmählich, und mit diesem Wachstum uno mit dieser Entwicklung Hand in Hand gehen seine Verrichtungen, die stetig vollkommener werden. Nun ivird aber jeder scharfe und kühle Beobachter zugeben müssen, daß das Kind, wenn man es ruhig gewähren läßt, doch schon nicht zu unterschätzende geistige Leistungen vollbringt. Welch ein Unterschied zwischen dem ersten, dem sogenannten dummen Vierteljahr und dem acht- bis zehnmonatlichen Säugling, der seine nächste Umgebung schon kennt uno deutliche Zeichen des Bewußtseins verrät! Und dann wieder das etwa zweijährig's Kind, das schon einen gewissen Wortschatz besitzt, der sich mit jedem Jahr wesentlich steigert, bis das 5—7jührige, wenigstens im besseren Hause, über eine ganz ansehnliche Sprachgewandtheit verfügt. Läßt man diese Entwicklung ungestört, die sich gewissermaßen automatisch, wie durch Zuhören und.Nnchahmen vollzieht, so hat das Kind wahrlich seine Pflicht getan. Jedes Mehr ist vom Nebel, es bedeutet eine Ueberarbeitung des Gehirns, dem eine weise Schonung nvttut, damit s den Anforderungen der Schule nicht unterliege.
Die meistgelesenen Bucher des letzten Jahres.
(Oktober 1905 bis Oktober 1906.)
Wiü tastljührlich hat das „Literar. Echo" von den bedeutendsten Leihbibliotheken deutscher Städte jetzt wieder Tabellen eingesordert, die die meistgelesensten Bücher des Jahres namhaft machen. In diesen Tabellen wurden nur solche Werke ausgenommen, die insgesamt mehr als dreimal genannt worden sind. Als meistgelesene Bücher wurden danach angeführt:
Frenssen, Hilligenlei 121 mal
Viebig, Einer Mutter Sohn .... 83 „ Böhme, Tagebuch einer Verlorenen . 83 , Herzog, Tie Wiskottens 69 v Heer, Der Wetterwart ..... 43 „ Stilgebauer, Götz Krafft . .... 38 „ Seestern, 1906 36 „
Ompleda, Herzeloide 32 „
Als meist gelesene Autoren ergeben die Tabellen in nahezu derselben Reihensolge:
G. Frenssen. .....
C. Viebig ......
M. Böhme R. Herzog I. C. Heer ......
G. v. Ompteda E. Stilgebauer „Seestern" (Tr. F. Grautoff)
. 128
. 91
. 84
. 71
. 48
. 46
. 38
. 36
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Von den oben angeführten Büchern 'waren die von Stilgebauer und Böhme schon in der vorjährigen Statistik enthalten, und zwar an der ersten mrd zweiten Stelle. Die übrigen Werke kommen zum ersten Male vor, auffallenderweise jetzt erst auch der Roman von I. C. Heer der schon Ende 1905 an der 10. Auslage hielt (heute 19. Auslage). Von den andern hier zum ersten Male vorkommenden Büchern haben die noch int Jahre 1905 erschienenen von Frenssen und Grautoff ,(Seestern) das 100. Tausend überschritten, Clara Viebigs Roman hielt beim Abschluß dieser Statistik an -bler 18., derjenige Rudolf Herzogs an der 16. Auslage, von Omptedas „Herzeloide" liegt die elfte Aflage vor.
Von den Erfolgbüchern der letzten Jahre kehrte „Jörn Uhl" noch 9mal. „Buddenbrooks" nur noch 4 mal wieder. Den ziemlich stark „lancierten" Roman „Im Lande der Jugend" von Traugott Tamm, der kürzlich am Bauernfeldpreis beteiligt wurde, nannte keine einzige Leihbibliothek, ebensowenig scheinen Handel-Mazzetsts „Jesse-Maria" (8)und F. W. van Ocstarens Jesuitenroman „Christus nicht Jesus" (2) das Interesse der Leihbibliotheksleser erregt zu haben. Beyerlein wuroe nur 4 mal mit „Jena oder Sedan", 1 mal mit „Similoe Hegewalt" verzeichnet. Von solchen Romanen, die die literarische Kritik zumeist als wertvoll bezeichnet hatte, brachte es beispielsweise Adam Karrillons „Michael Hehl" nur auf eine Erwähnung, desgleichen seine Mühle von Hu st er loh", der „Rosendoktor" von Ludwig Finckh auf4, Hegelers „Pietro der Cvrsar" auf 4, Ernst Zahns „Clari-Marie" auf 4, Max Geißlers „Moordorf" auf 2, Anselm Heines „Mütter" auf 2, Paul Kellers „Waldwinter" auf 2, Specks „Zwei Seelen" auf 1, Thomas „Andreas Vöst" auf 2.
Charade.
(Nachdruck verboten.)
Eins, zwei und drei freut ungemein Tie Hausfrau, wenn es echt und fein. Wer solches zum Geschenke bringt. Der achte wohl, daß nichts zerspringt.
Das Vierte ist bald schlank und schmächtig, Bald stark und in den Formen mächtig. Am Rathaus tst's oft hoch gestellt, Beim Schachtonrnier es niemals fehlt.
Aus jenen Drei'« errichtet, stand Das Ganze im Chinesenland, Wo es als Zierde eigner Art Zu Nanking einst bewundert ward. n.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Diamanirätsels in voriger Nummer: K alt Saale
Klavier Stier
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Redaktion: Erast Heß. — Roratwnsdruck und Verlag der Brüh l'scheu Unwersttäts-Buch» imb Steindruckeret, R. Lang«, ®t«ßÄ


