Ausgabe 
23.2.1907
 
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Die Stimme brach ihm. Auf seiner blassen Stirn stand der Schweiß in dicken Tropfen. Dem Zusammenbrechen nahe, er­reichte er die niedrige Haustür. Im Flur trat ihm eine stäm­mige, junge Bäuerin entgegen, die mit einem Korbe in der Hand, das Hans verlassen wollte. Als sie den vornehmen Offi­zier mit seiner leblosen Last plötzlich vor sich sah, taumelte sie mit einem gellenden Schreckensruf an die Wand.

Schreien Sie nicht so!" befahl der Freiherr rauh,sorgen Sie lieber für ein Lager, worauf ich die Dame betten kann. Sie ist mit dem Pferde gestürzt."

Sein angstverzerrtes Gesicht weckte das Mitleid und damit die Besonnenheit in der Erschrockenen. Sie raffte sich auf und die Tür öffnend, trat sie ihm voran in die niedere von Stickluft erfüllt- Bauernstube. Und während der Freiherr sich, selber beinah einer Ohnmacht nahe, mit der jungen Frau im Arm, auf dem großen Ledersofa niederließ, riß die Bäuerin eilig die Decke und einen Teil der hochgetürmten Federkissen von dem Bette, über dem an der verräucherten Wand ein Christusbild hing, darunter ein paar geweihte Palmzweige und ein Rosen­kranz aus weißen Perlen.

Hanna war noch immer bewußtlos. Ihr Kopf mit dem unheimlich blassen Gesicht fiel schlaff hintenüber, als ob die Wucht der rotgoldenen halbgelösten Haare ihn hinabzöge. Aus der Wunde an der Schläfe rieselte das Blut langsam in unregel­mäßigen Streifen an der SB eilige hinunter über Joachims Hand, warm, klebrig, ein entsetzliches, schauderndes Gefühl in ihm weckend.

Es waren tausend Stimmen in ihm, die schrieen und tobten vor qualvoller Angst und doch schien wiederum jeder Nerv seines Körpers gelähmt, so daß er untätig dasaß und auf das süße, regungslose Gesicht der heißgeliebten Frau stierte. Da war's ihm, als zuckten die rotbraunen Wimpern kaum bemerkbar. Und mit einem Schlage kehrte ihm das Bewußtsein zurück, daß er irgend etwas tun müsse, um der Verletzten Erleichterung zu verschaffen.

Rücksichtslos riß er die Knöpfe des beengenden Reitkleides auseinander. E r legte das Ohr an ihre Brust. Schwach, aber doch deutlich, hörte er den Herzschlag.

Hanna!"

Es war ein Verzweiflungsruf. Ob er wirklich bis zu ihrem Enipfinden gedrungen?

Sie kniff die Lider leicht zusammen, ein leiser Schmerzens­zug grub sich um ihre feinen Lippen. Langsam öffneten sich ihre Augen. Sie sah verständnislos um sich Vom Antlitz des Geliebten wanderte ihr Blick zu dem entsetzten Gesicht der jungen Bäuerin, die sich scheu herangeschlichen, und blieb dann an der niedrigen Balkendecke hängen.

Kommen's nur jetzt!" flüsterte die Frau teilnehmend, -legen Se ihr lieb's Frauchen aufs Bett. Wir wollen sehen, daß wir! ihr wenigstens die enge Taille ausziehen können."

Ein gequälter Ausdruck ging bei den WortenIhr lieb's Frauchen" über sein stolzes, junges Gesicht. Aber ohne die Bäuerin über ihren Irrtum aufzuklären, stand er vorsichtig auf und legte Hanna, deren Augen sich bereits wieder ge­schlossen hatten, auf die rot und weiß gewürfelten Kissen nieder. Mit äußerster Vorsicht zog die gutmütige Frau ihr die knappe Rcittaille aus: ohne die Augen zu öffnen, jammerte Hanna leise und schmerzlich vor sich hin, doch als die Bäuerin versuchte, ihr eine bunte Barchentjacke anzuziehen, hoben sich ihre Lider und ihr klar bewußter Blick wehrte entsetzt ab.

Nicht!" sagte sie matt,so heiß! Oh, erstickend" ihre sich angstvoll vergrößernden Augen suchten das einzige Keilte Fenster.

Joachim, der beiseite getreten war, verstand sie, ging leise hinüber und stieß kraftvoll die beiden verquollenen Flügel auf. Durch die blühenden Topfpflanzen auf dem Fensterbrett strich ein weicher, kosender Lufthauch und brachte einen Duft mit sich, einen Duft Von Goldlack und Reseden, einen bezwingend süßen, schwermütigen Duft, der die Luft in dem niedrigen Raume noch schwüler und beklemmender machte. In den Kronen der früchte- beschwerten Obstbäume draußen, funkelte das herbstliche Sonnen- gvtd, huschte geheimnisvoll an den Stammen entlang und streute tanzende Lichter über den grünen Grasboden.

Die junge Fran richtete sich jäh empor, nach Lust ringend.

; ;Wasser!" keuchte sie.

; Die Bäuerin stürzte davon.

Joachim aber nahm Hannas schwer atmende Gestalt in seine Urme und preßte sie in leidenschaftlichem, Jammer an sich, (Fortsetzung folgt.)

Ein bayerischer Wosksdichter.

Zu Maximilian Schmidts 7 5. Geburtstag.

Von- Franz Wichmann.

Der echte Volksdichter darf sich von keiner Moteströmung treiben lassen. DasVolk", jene große Allgemeinheit, für di: er dichtet, ist dem launischen Wechsel des Tagesgeschmacks nicht unterworsen. Sein Denken und Fühlen bleibt immer das gleich:, auf dem natürlichen, jedem Menschen eingepflanzten Sittmgesetz basierend. Nach diesem richten sich auch seine künstlerischen Be­dürfnisse. Von der Dichtung verlangt die Masse in erster Linie Schönheit. Unter Schönheit aber versteht das Volk noch immer jene ausgleichende poetisch« Gerechtigkeit, die, meistens im Gegen­satz zur Wirklichkeit, die Tugend siegen und das Laster unterliegen läßt. Wer indessen nur diesen robusten sittlichen Instinkten Ge­nüge tut, erhebt sich nicht über den Kolportageschriftsteller. Vom Bolksdichter im guten Sinne des Wortes verlangt man etwas anderes. Sein Schaffen soll auf den Leser, ohne daß dieser es zu merken braucht, veredelnd wirken. Er muß zugleich belehren und erziehen, »aber ohne zu langweilen oder nach irgend einer Seite Anstoß zu erregen. Nur durch eine ideale Objektivität Welt und Menschen gegenüber ist das möglich, und diese wird um so größer, je weniger der Dichter sich auf den Boden einer bestimmten Richtung stellt. Jede Tendenz außer der moralischen ist für ihn ausgeschlossen, und um sich verständlich zu machen, muß er nicht nur in den innersten Ide en kreis des Volkes :in- gedrungen sein, sondern auch seine Ausdrucksweise kennen, seine Sprache reden können. Das macht ihn ivieder zu einem eigentlichen Heimatkünstler, doch ist die Beschränkung nur eine scheinbare, denn durch die Dichtung wird eben das seiner Heimat Eigentümliche zum Gemeingut der Gesamtheit.

Daß die mannigfachen und hohen Anforderungen, die an einen gediegenen Volksschriststeller zu. stellen find, solche nicht allzu häufig erscheinen lassen, ist begreiflich. In seltener Weste finden wir sie bei dem bekannten bayerischen Erzähler Maximilian Schmidt erfüllt und haben wir mit ihrer Auszählung eigentlich schon eine Charakteristik seines Schaffens gegeben. Doch ter 75. Geburtstag, den ter viel gelesene und oft gefeierte schlichte Poet am 25. Februar dieses Jahre-> mit der Rüstigkeit einer alten zähen Soldatennatur und immer iwch arbeitsfreudig begehst recht­fertigt wohl ein näheres Eingehen auf sein Leben wie auf seine Werke. Denn mag der Dichter in den letzteren noch so bescheiden zurücktreten, so bleiben sie ooch die bezeichnenden Ausflüsse einer aus dem Volke und für das Volk schassenden Persönlichkeit.

Schmidts äußerer Lebensgang bietet keine sensationellen Er­eignisse. Am besten hat er ihn selbst in dem humorvoll ge­schriebenen zweibändigen Buche:Meine Wanderung durch siebzig Jahre", die zugleich mit der reich illustrierten, 32 Bände starken Ausgabe seiner gesammelten Werke im Verlage von Enßlin & Laiblin, Reutlingen, erschien, geschildert. Bon schwäbischen Eltern stammend, wurde ter Dichter 1832 im niederbayerischen Markt­flecken Eschlkam geboren. Sein Vater, ter als Offizier in den Befreiungskriegen gekämpft, saß als Zollbeamter im Herzen des damals noch als eindeutsches Sibirien" verschrieenen Bayrischen Waides. Die wilde Romantik de» Wildschützentums und Schmugg- lerwesens, die heute noch an der böhmischen Grenze ihre Blüten treibt, umgab den aufwachsenden Knaben, dem eine feingeoildete, phantasiebegabte Mutter zugleich Sinn und Freude an ter um­gebenden, urwüchsigen Natur erweckte. Diese ersten unvergefsenen Eindrücke, die ihn später zum hervorragendsten Dichter seiner Heimat machen sollten, begleiteten den jungen Schmidt auch auf die Schulen und Erziehungsanstalten zu Kloster Metten, Passau und Hof, loohin der Vater 1846 als Hauptzollamtsverwalter versetzt wurde. Nachdem er dort das Realgymnasium besuchst bezog er in der Absicht, Ingenieur zu werden, das Polytechnikum in München. Doch er hatte vom Vater nicht nur den sonnigen Humor, sondern .auich dessen soldatischen Geist ererbt, und so trieb es ihn bald, die militärische Laufbahn einzuschlagen. Im Kgl. Kadettenkorps ausgebildet, machte er als Leutnant den Feld­zug von 1866 mist erwarb sich im Treffen zu Helmstadt den Militärverdienstorden, war während des Deutsch-ftanzösst'chen Krie­ges! a'ls Adjutant in der Festung Ulm tätig und nahm bald hernach als Hauptmann den Abschied, um fortan das Schwert mit ter Feder zu vertauschen. Von da an floß sein Leben ruhig als das eines g!anz seiner schriftstellerischen Arbeit ergebenen Privatmannes dahin, der in München seinen dauernden Wohn­sitz nahm, die Sommermonate aber stets, um Land und Leute eingehend zu studieren, im Bayerischen Walde oder in teu ober- bayerischen Alpen mit seiner Familie verbrachte.

Schmidts literarisches Schaffen hatte bereits in seiner Leut- nantszeit begonnen. Wie er schon als Kind seine ersten poetischen Versuche für die in den Ferien zu Eschlkam mimenden Stu­denten gemacht, so wandte er sich auch jetzt zunächst mit Keinen Sing- und Lustspielen dem Theater zu. Begünstigt durch das Wohlwollen ter kunstsinnigen Könige Max II. und Ludwigs 11. gelang es ihm sogar, zwei Stücke auf te» Münchener Hoftheater zu bringen, bis ihn eine 1859 in den Bayerischen Wald untere nommene Reise plötzlich ganz neue Bahnen eiuschlagen ließ. Was en icjrt Sagen, Sitten, Gebräuchen und Liedern ter Walüler schon in der ersten Jugend kennen gelernt, brachte ihn auf den Gedanken, seine originelle Heimat poetisch $u verherrlichen nno