Samstag de» 23. Februar
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Menschenleöen, die lügen.
Roman von H. Ehrhardt. Dertasserin von „9)itttc((oie Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Woher weißt du, daß Marga um Posecks willen erkrankte? Sie war schon überreizt. Es kann nur das Entsetzen gewesen sein, daß ihr Bruder überhaupt einen Menschen tötete."
„Beschönige mein Unglück nicht, Liebling. Ich weiß alles. Und ich verwind's nicht. Nie die Stunde, in der Schmieder mir Posecks Tod meldete und hinzusetzte: ,Er starb mit dem Namen Ihrer Schwester auf den Lippen'." Er schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn. „Er hätte Marga glücklich gemacht und ich Unseliger mußte ihn töten."
Sein Gesichr war tote versteint in Schmerz. Und Hanna ahnte, daß es nicht in ihre Macht gegeben war, diesen Schmerz zu lindern.
„Warum auälst du dich mit Hirngespinsten?" rief sie angstvoll, , „du weißt am besten, daß du seinen Tod nicht wolltest. Laß nur eine Zeit vergehen und du wirst diese traurige Episode vergessen."
„Nie!" Er richtete sich im Sattel auf und nun suchte sein flehender Blick nach Verständnis in den goldig grünen Franen- augen. „Hanna, ich muß es dir sagen, ich will fort von hier — ich werde den Abschied nehmen. Ich hab' mich schon zur Schutztruppe gemeldet nach Südwestasrika. Dort find ich vielleicht Vergessen und ein ruhmvolles Ende. Hier halt ich's nicht mehr aus, ich komme mir vor wie ein Geächteter. Verfolgt mich nicht Posecks Geist, so steht jener entwürdigende Verdacht vor mir, der mich zum Landesverräter stempelte. Alle Menschen auf der Straße sehen mich an, neugierig, scheu — mein ganzes Sündenregister les ich in den Blicken. Die Kameraden sind höflich und nett zu mir, aber ich fühl doch den Zwang heraus, das Mißtrauen, die heimliche Verachtung — Dinge, die all meinem Streben ein Ziel setzen. Und dann — ich kann die alte, gebrochene Frau nicht mehr sehen, der ich den Sohu nahm. Schon ihr allein bin ich's schuldig, St. so bald als möglich zu verlassen."
„Und an mich denkst du gar nicht?"
Hannas Antlitz hob sich geisterhaft bleich von dem tiefen Schwarz des Reitkleides ab.
Seine Brust dehnte sich in einem befreiten Aufatmen.
„Ich denke in erster Linie an dich, mein Süßes!" sagte er bebend vor Zärtlichkeit, „es wird gut für dich fein, wenn ich nicht mehr hier bin, du wirst zu deinem Gatten zurückkehren, er verdient es. Und dein Leben wird wieder sonnig und heiter und sorglos sein, wie es war, ehe ich in deinen Weg trat. Ich habe nur Schatten hineingebracht, Aufregungen, Kämpfe, die du nie gekannt —"
„Und unsagbares Glück."
„Das meinst du nur so. Es war doch Sünde, Hanna, wir hätten's nicht tun dürfen. Lieber offen hätten wir sein, gleich zu Anfang den Mut haben sollen, uns ein rechtliches Glück
zu erkämpfen. Ich kenne den Edelsinit deittes Mannes jetzt, ich weiß, er hätte dich freigegeben, wenn du vor ihn hingetreten wärest und gesagt hättest:,Sieh, ich liebe ihn, laß mich glücklich werden.' Aber du wolltest es nicht. Ich war dir wohl doch mehr ein Zeitvertreib, eine Laune —"
Ein Blick in ihr förmlich entstelltes Gesicht zwang ihn, abzubrechen.
„Joachim, Geliebter!"
Sie schrie es auf, wie zu Tode getroffen. Ihre sehr empfindliche Rappstute stutzte und wollte nicht von der Stelle. Sie waren gerade am Ausgange des Waldes und sahen • im Glanz der Sonne ein kleines Dörfchen vor sich liegen.
Joachim wollte das noch immer wie festgenagelte Pferd am Zügel ergreifen, aber die junge Fran, im Moment sinnlos vor Schmerz und Verzweiflung, hieb mit der Reitgerte aus das zitternde Tier ein. Die Stute, solche Behandlung nicht gewöhnt, bäumte sich ker-zengerade in die Höh' und stürmte dann vorwärts.
Mochte Hanna nun vielleicht gelähmt sein vor Schreck oder gleichgültig der Gefahr gegenüber, die Zügel des Pferdes glitten ihr aus bett Händen und sie stürzte im selben Moment, da die Stute noch einmal aufbäumend sich wieder beruhigte, aus dem Sattel. Regungslos blieb sie am Waldrande liegen. Ihr Kopf war gegen einen Stein gefallen. Aus einer Wunde an der Schläfe rieselte Blut in dünnen rötlichen Faden über ihre weiße Wange.
Joachim, halb tvahnsimrig vor Augst, tvar zur Erde ge- sprungett, kniete neben ihr nieder und drückte fein Taschentuch an die kleine Wunde. Entsetzen in den Mienen, sprengte nun auch Franz, der weit zurückgeblieben war, heran und wollte sich aus dem Sattel schwingen. Der junge Offizier machte eine abwehrende Handbewegnng.
„Sofort in die Stadt zurück I" befahl er heiser, „einen Arzt! Und den Herrn Laudrat benachrichtigen, gnädige Frau scheint schwer verletzt."
Und Franz stob davon, wie von Furien gehetzt.
Joachim warf sich wieder vor der Bewußtlosen nieder, neben welcher die Stute jetzt ganz ruhig nach Grashalmen suchte, als wäre nichts Besonderes geschehen. Hanna lag so unheimlich still da, daß den Manu ein Grauen faßte und er sich hilfesuchend umsah. Das erste Häuschen des Dorfes war nicht mehr iocit entfernt. Wenn er versuchte, die Verunglückte dorthin zu tragen?
Er erhob sich, band die beiden Pferde fest und sich dann zu Hanna nieder. Mit einer Kraft, die man seiner feingliederigen Gestalt nie zugetraut hätte, nahm er die Bewußtlose in seine Arme und schleppte sie über das noch grünende Kleefeld dem nahen Hause zu. Hinter ihm her kam ein großer, blonder Mann gelaufen.
„Jesses, Herr!" schrie er auf, „kann ich helfen? Dort ist ' mein Haus."
Joachim wehrte ab.
„Achten Sie auf die Pferde!" keuchte er, „und wenn der Arzt kommt, weisen Sie ihm den Weg."


