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„Sherlock Kolms" an der Arbeit.
Vor etwa fünf Jahren rief in dem Pfarrdorfe Wyrley im Norden Englands eine Reihe von Verstümmelungen auf der Weide befindlicher Pferde und Kühe eine außerordentliche Aufregung hervor. Für geraume Zeit verging kaum eine Woche, ohne daß einem Pferde in der Nacht der Bauch aufgeschlitzt und an Kühen gleich schreckliche Verstümmelungen vorgekommen wären. Von dem Täter konnte man keine Spur finden. Nach einiger Zeit aber liefen bei der Polizei der Bezirksstadt anonyme Briefe ein, welche den Verdacht vmf Herrn Georg Edalji lenkten, der als Rechtsanwalt in Birmingham praktizierte, wohin er täglich Morgens mit der Bahn fahr und von wo er am Abend wieder gegen sechs Uhr nach Wyrley zurückkehrte. Er wohnte daselbst mit seinem Vater, dem Vikar des Ortes, zusammen. Der Rev. Edalji war ein geborener Parse, der aus Indien nach England gekommen war, daselbst Theologie studiert hatte und in die englische Staatskirche eingetreten war. Sein Sohn studierte mit Auszeichnung auf der Universität in Cambridge und wurde schließlich, wie gesagt, Rechtsanwalt. In dem Dorfe und in dem Psarrbezirke selbst gab es einige Leute, die damit nicht einverstanden waren, daß man ihnen einen „Farbigen", als den sie den Parsen bei seiner dunklen Hautfarbe hielten, zum Seelenhirten eingesetzt hatte, und dieses Gefühl machte sich in anonymen Zuschriften Luft, die Beschimpfungen und Drohungen enthielten. Als Georg noch ein Knabe war, enthielt einer dieser Briefe die Drohung, daß er seinen Verfolgern nicht entgehen werde, und daß sie nicht ruhen würden, bis er ruiniert sei. Als nun der Verdacht der Polizei auf den jungen Rechtsanwalt hingelenkt war, scheint auch bei dem Inspektor die Voreingenommenheit gegen den „Farbigen" eingezogen zu sein und dies erstreckte sich balo auf die ganze ihm unterstehende Polizeimannschaft. A ls einmal nachts wieder einem wertvollen Pony in einem abgelegenen, von Hecken umgebenen Felde der Bauch ausgeschlitzt und das Tier tot auf- gesunden worden war, wurde ein Verhaftsbesehl gegen ihn erwirkt und am Abend fand sich die Polizei in dem Pfarrhause ein, nahm eine Durchsuchung vor, wobei der Rock und dir Hose, die Edalji am Vorabend getragen, mit Beschlag belegt wurden; mau führte ihn als Gefangenen ab. Es wurde von dem Polizeiinspektor sestgestellt, aber nicht im Pfarrhause, daß der Anzug feucht sei und daß sich aus demselben einige Haare von der Farbe des getöteten Pferdes und an dem Aermelrand zwei kleine Blutflecken sanden. Die Untat mußte gegen drei Uhr morgens vollführt worden fein. In der Nähe des Tatortes hielten drei Detektivs Wache. Das Pfarrhaus war auch die ganze Nacht von Detektivs umgeben. Edalji behauptete, von einem eiustündigen Spaziergang auf der Norfstraße um zehn Uhr nach Hause gekommen zu sein; er schlief mit seinem Vater in demselben Zimmer, und dieser bestätigte, daß sein Sohn die ganze Nacht im Bette geruht habe und erst um sieben Uhr morgens aufgestanden sei. Die Dienstboten erklärten gleichfalls, daß das Haus verriegelt und verschlossen gewesen und daß niemand dasselbe während der Nacht verlassen habe. Die Polizisten, die das Haus bewachten, gestanden auch zu, d aß niemand nach zehn Uhr aus- oder eingegangen sei, und die Detektivs, die auf dem Felde wachten, hatten auch den Täter nicht bemerkt.
Trotzdem wurde Edalji unter Anklage gestellt, und als ihm der Prozeß gemacht wurde, von den Geschworenen schuldig befunden und von dem Richter, der „diesen scheußlichen Verbrechen gegenüber" keine mitbetuben Umstände zuließ, zu siebenjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Das Urteil rief in den weitesten Greifen eine peinliche Ueberraschung und große Entrüstung hervor, und eine viele Tausende Unterschriften zählende Petition wurde eingereicht, blieb aber wirkungslos, obzwar sie von den maßgebendsten Persönlichkeiten, die Edalji genau kannten, mit unterzeichnet war. Die Zweifel über die Gerechtigkeit des Urteils blieben aber bestehen, und der Fall tauchte immer wieder von Zeit zu Zeit in der Presse auf; nachdem Edalji drei Jahre seiner Strafe verbüßt hatte, wurde er plötzlich vor einigen Monaten auf die Weisung des Ministers des Innern hin aus der Haft entlassen, ohne daß irgend welche Gründe dafür abgegeben wurden. Edalji ist natürlich damit nicht gedient und seinen Freunden auch nicht; der berühmte Verfasser der Detektivgeschichten von „Sherlock Holmes", Sir Conan Doyle, hat sich nun der Sache angenommen und selbst die Untersuchung angestellt, die überraschende Tatsachen zutage gefördert hat. Es ist so gut wie sicher, wie er feststellt, daß die anonymen Briefe, die Edalji verdächtigen, von derselben Hand geschrieben sind, die das gleiche tat, als er noch ein Knabe war und seinem Vater gedroht wurde, er würde ruiniert werden; ein weiterer Umstand ist, daß zngestandenerweise der beschlagnahmte Rock nur ganz schwach feucht war, wie es nach einem
Abendspaziergange der Fall fein kann, und daß bann in diesem Rock eingewickelt ein Stück der frisch ausgeschnittenen Pferdehaut nach der Polizeistation geschafft und dann dem Gerichtsarzt der Rock zur Untersuckmng übergeben wurde, was das Vorhandenfein der zwei Blutflecke und der Pferdehaare, was die Hauptbeweisstücke gegen Edalji bildeten, sehr natürlich erklärt.
Dazu kommt noch ein weiterer höchst wichtiger Umstand: die große Kurzsichtigkeit Edaljis, die es ihm in der stockfinsteren Nacht bei der Schwierigkeit des Weges, der über einige Bahnlinien, Hecken und Stacheldrahtzäune führte, ganz unmöglich machte, den Platz zu erreichen und unbemerkt zu bleiben. Die ganze Presse hat die Sache aufgenommen und sieht man der weiteren Entwickelung der Dinge, bei denen die Polizei schwer kompromittiert erscheint, mit Spannung entgegen.
Are Kuße, ein Urvolk in den Wäldern von Palembang auf Sumatra.
Bericht in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
Es war im Jahre 1827, als nach Europa zum erstenmal die Kunde drang von einem Volke, das in nahezu wildem Zustande in den Wäldern Sumatras Hause und an die äußerste Grenze dessen heraureiche, was man noch als „Mensch" bezeichnen könne. Dieses Nrvolk, die Knbe, hielt sich in derartig tierischer Scheu von jeder Berührung mit der Außenwelt fern, daß sogar beim Tauschgeschäft die Händler sie nicht zu Gesicht bekamen. Der Knbe legte seinen Tauschgegenstand an einem bestimmten Orte nieder und entfernte sich dann schleunigst, den harrenden Händler durch Anschlägen an einen hohlen Baum vom vollzogenen Rückzug benachrichtigend. Dieser begab sich dann an ben. Tauschplatz und legte seine Gegengabe nieder, um sich ebenfalls wieder zurück- zuziehen. Fand letztere Gnade vor den Augen der Knbe, so nahm er sie an sich, und das Geschäft war abgeschlossen. Andernfalls nahm er sein Eigentum wieder zurück und verschwand im Dunkel des Urwalds. Kein Wunder, daß über dieses Urvolk die abenteuerlichsten Angaben weitergegeben wurden. Wenn sie auch durch die Forschungen des Engländers Forbes etwas eingeschränkt wurden, so war es doch auch ihm nicht möglich, dem scheuen Menschenschlag näherzukommen und genaueres über sein: Lebensweise zu berichten. Auch Hofrat Dr. B. Hagen, Direktor des Museums sür Völkerkunde in Frankfurt a. M., der am Abend des 18. Januar über die Kube berichten konnte, hatte trotz langjährigen früheren Aufenthalts auf Sumatra keine Kunde von ihnen zu erlangen vermocht. Erst als er vor zwei Jahren den bereits im Jahr 1895 mißlungenen Versuch zur Ersorschung des Kubelandes und -Volkes wiederholte, kam ihm ein günstiger Zufall zu Hülfe. Die holländische Regierung führte nämlich gerade wieder einen langwierigen Kleinkrieg gegen ihren bereits früher niebergetoerfenen Wibersacher, den Sultan von Djambi. Da dieser die Kube als Kenner des Urwalds zu Pfadfindern benutzte, entzog ihm die Regierung dieses wertvolle Material, indem sie das ganze Volk, soweit erreichbar, zusammentrieb und gewaltsam kolonisierte. Vier Monate später kam der Berichterstatter dort an und hatte nun die seltene Gelegenheit, diese „zahmen" Kube sowoW, als auch ihre interessanteren wilden Brüder eingehend zu studieren.
Das Verbreitungsgebiet der Kube wird durch die beiden Flüsse Musi, an dessen Mündung die Hafenstadt Palembang, und Tyambi eingefchlossen. Das ganze Gebiet ist 250 Km. lang und 200 Km. breit. Die gesamte SeelenzaHl des Volkes beträgt etwa 3000, von denen 2000 bereits angesiedelt sind. Die übrigen sichren ein Waldleben primitivster Art. CH rakteristische anthropologische Kennzeichen sind die starke zentrale Wölbung der Stirne (Kreuzgesicht), die Platte Nase, schmale Ober- und etwas vorsprcngende Unterlippe, sowie der fast vollständige Mangel an Gesichtsbehaarung. Trotz ihrer bedeutenden Intelligenz leben fit in einem Zustand der Unkultur, der seinesgleichen nicht hat. Bon religiösen Anschauungen sindet man, abgesehen , vielleicht von einigen Zauberformeln zur Gesundung Kranker, keine Spur. An Kleidung kennen sie nur den Rindenschurz. Eine ständige Wo ha nung ist ihnen fremd: einige abgebrochene Zweige werden aus den Boden gelegt, und die Schlasstütte ist fertig. Den ganzen Tag über sind sie im Urwald unterwegs, um allerlei Egoares zu suchen. Bon Getreideanbau (Reis) und Halten von oaustteren haben sie keine Ahnung. Trotz des Häuschen Borwmmens wuder Tiere ist ihre Bewaffnung äußerst armselig. Em zwölf ^uß langer Wurfspeer scheint mehr die Stelle unseres Spazurstotts em» zunehmen, als zur Wehr zu dienen. Da sie vor Wasser die größte Scheu empfinden, so sind sie auffallend stark von Hautkrankheiten heimgesucht. Selbst ihre Ursprache tft ihnen völlig m Vergessenheit geraten und dafür das Malansche emgedrungen. Auch nehmen sw an den Berührungspunkten mit der Augenwelt nach und nach malayische Kultur und muhammedamsche Religion an. Geld ist ihnen unbekannt, ihr Handel (Guttapercha, Kautschuk, Rotang) beschränkt sich auf Tausch. Ihre Geschälte vermittelt ein Malaie, der ihr ganzes Verttauen genießt und sie rücksichtslos ausbeutet. Als hervorstechendste Charaktereigenschaft fallt neben ihrer lächerlichen Furchtsamkeit die fabelhafteste Gntmiitigkett auf.


