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Früher hatte das süße Gesicht und das Helle Lachen der vergötterten Nichte das gar nicht erst in den Vordergrund treten lassen, sie hatte ihn umschmeichelt und er hatte inmter ein wenig verliebt mit ihr getändelt und sie verwöhnt wie eine junge Frau. Er hatte schon manchmal bereut, nicht den Versuch gemacht zu haben, sie wirklich als solche für immer in Balldorf festzuhalten, obgleich seine Verhältnisse nicht im Einklang standen mit ihren großen Ansprüchen.
Er brauchte momentan sogar Geld verteufelt nötig. Er hatte stets über seine Verhältnisse gelebt. Von der Landwirtschaft verstand er als einstiger Offizier herzlich wenige seine Beamten hatten immer völlig freie Hand gehabt und trotzdem er noch Glück mit solchen gehabt, waren die Erträgnisse des Gutes doch von Fahr zu Jahr geringer geworden. Es ging so nicht mehr lange werter. Entweder mußte er ein ganz anderes Leben beginnen oder eine Frau nehmen, die ihm ein beträchtliches Vermögen in die Ehe brachte. So leicht war eine passende Partie nicht für ihn zu finden, der verwöhnte Frauenkenner beanspruchte nebenbei noch sehr viel mehr, all jene Eigenschaften, die Marga von Tressenberg in sich vereinigte.
Er hatte eigentlich ein fabelhaftes Glück. Das Schicksal bot ihm ja geradezu Gelegenheit, sich noch eine junge, hübsche und reiche Frau zu erobern. Zwar stand der alte Tressenberg im Rufe eines verbissenen Geizhalses, aber er war unbestritten in glänzenden Verhältnissen, da mußte f.r wohl der einzigen Töchter eine anständige Mitgift geben.
Zuerst wollte er sich an Hanna wenden.
Ehe er am nächsten Tage weiterreiste, Hütte er eine längere Unterredung unter vier Augen mit seiner Nichte. Sie hörte ihm ganz ernsthaft zu, aber als sie dann in ihrem Boudoir allein war, mußte sie hell auflachen. Sie fand diese späte Heiratsabsicht des Onkels sehr komisch.
Vor ihrem Manne, den sie natürlich in das Geheimnis einweihte, spielte sie mit viel Geschick die zärtliche Nichte, die nicht recht wußte, sollte sie »em Onkel noch ein Eheglück gönnen oder die armen, enttäuschten Verwandten bedauern, die seit Jahren in der Hoffnung auf den Erbonkel und zum Teil von dessen Güte lebten.
„9iit, laß dir darum noch keine grauen Haare wachsen, Lieb!" tröstete der Landrat gutmütig, „wart' erst ab, ob deine Freundin ihn nimmt. Das scheint mir nicht gerade wahrscheinlich. Außerdem hatten wir doch einstmals Walter
Ihr Mann warf einen bezeichnenden Blick zur Seite, wo Isa Bauer und die kleine Roessel mit Leutnant Schmieder und dem Grafen Scherrentin plauderten, und legte lächelnd den Finger an die spöttischen Lippen.
„Pst, es sind junge Mädchen da."
Fran von Klast nickle gleichmütig mit dem Kopfe.
„Dacht' ich mir's doch. Wenn Herr von Eppen schon leise spricht, ist es allemal etwas ganz tolles. Aber, Rittmeisterchen, das müssen Sie mir unterwegs erzählen — so schön's hier ist, jetzt heißt es scheiden"
Sie erhob sich seufzend aus ihrem bequemen Stuhl, damit das Zeichen zu allgemeinem Aufbruch gebend. Sie waren abends noch zu einer kleinen Gesellschaft bei dem Oberstabsarzt ihres Regiments geladen.
Fast in der Tür prallten die Fortgehenden, denen nur Schmieder und P-oseck sich nicht angeschlossen hatten, mit dem Freiherrn von Trestenberg zusammen, der wie alle Stammgäste des Hauses zu dieser Stunde ohne Anmeldung eintrat. Es entstand noch ein kurzer Aufenthalt.
„Sie sind heute abend auch dein» Oberstabsarzt, Baron?"
„Ja, gnädige Frau!"
„Also auf baldiges Wiedersehen!"
„Auf Wiedersehen!" Tressenberg verbeugte sich und sah auf Isa, die bei der plötzlichen Begegnung tief erglüht war und deren Erscheinung in einem mattgrauen Tuchkostüm heute wieder besonders reizvoll wirkte. Trotzdem bemerkte der junge Offizier, daß sein Herz bei ihrem Anblick ganz ruhig blieb, daß er ihr gut war, wie einer Schwester, aber daß er sie nicht mehr begehrte. Es war nur die Sehnsucht des Einsamen gewesen, die ihn zu ihr gezogen, der leichte Glücksrausch des Menschen,, der arm an Liebe gewesen und sich plötzlich geliebt sieht. Es war eine Täuschung gewesen oder ein Mißverständnis, ihm war es gleich — er liebte sie nicht mehr.
Er dachte mit keinem Gedanken mehr an ihre Schönheit, als er Hanna Gerhardt gegenüber saß Die junge Frau trug ein duftiges, blaßgrünes Reformkleid und sah halb wie eine Nixe, halb wie ein bildhübsches, unschuldiges Backfischchen aus' in dem losen, fließenden Gewände, das sich weich um ihren schlanken Körper schmiegte.
Schmieder ließ unter halb gesenkten Lidern keinen Blick von ihr und Walter von Poseck hatte sich neben sie auf ein niedriegeS Taburett gesetzt, das es aussah als läge er ihr
für sie bestimmt — er hat sich ihr auch gestern abend schon Auffallend gewidmet."
„Ach, das ist nur seine angeborene Liebenswürdigkeit."
Hanna empörte sich direkt bei dem Gedanken, daß ein Mann, der sie geliebt, sich unter ihren Augen für eine andere ernstlich interessieren könnte.
Sie war aber schließlich doch der Meinung ihres Mannes, daß Marga in ihrem Hause erst einige Wochen ihr Leben und ihre Jugend recht genießen sollte, ehe Ernst Kronau mit der schicksalsschweren Frage an sie herantrat.
XI.
Nun waren diese Wochen des Vergnügungsrausches ver- tzangen. Marga von Trestenberg war unter heißen Dankes- tränen in ihre öde Heimat zurückgekehrt, ahnungslos, welche kleberraschungen ihr dort bevorstanden. Der hastenden Gesellschaftssaison in St. folgte eine stillere Zeit, m der Hanna Gerhardt als willkommene Abwechslung gemütliche Tee- stunden in ihrem Boudoir eingerichtet hatte. Von fünf Uhr nachmittags ab ging man zwanglos da aus und ein. Noch immer führte der Winter ein strenges Regiment mit plötzlich wiederkehrendem Frost und starken Schneefällen, da war es doppelt behaglich in den warmen, eleganten, blumendurchdufteten Räumen.
An einem frostigen Märztage Hütte sich nur ein kleiner 'Kreis um den einladenden Teetisch in Hannas Salon versammelt.
Frau von Klast rekelte sich schon seit einer Stunde auf ihreni Stammsitz, einem zierlichen Schaukelstuhl, der Hausfrau gegenüber, die ebenfalls in nachlässiger Haltung in einem Sessel lehnte.
Der Rittmeister von Klast saß neben dem dicken Eppen, der ihm gedämpft irgend etwas erzählte.
„Sprechen Sie doch lauter, Herr Rittmeister!" mahnte die neugierige kleine Frau, sich energisch hin und her wippend, „es ist doch sicher eine schauderhaft interessante Geschichte,"
zu Füßen.
Sie war einen Moment aufgestanden, um ihrem neuen Gaste eigenhändig eine Tasse Tee aus dem Samowar einzuschenken und reichte sie ihm hinüber. Trefsenberg durch- lubr es wie ein glühender Strom, als die weichen, schlanken Finger Anfällig 'die seinen berührten und die durchsichtig feine Tasse schwankte einen Moment in seiner Hand. Dre Landrätin bemerkte es natürlich, ignorierte es aber ebenjo selbstverständlich. Sie ivaudte sich lächelnd wieder Poseck zu, der soeben sagte:
„Es ist doch recht schade, daß die Theatergeselljcqaft schon weggeht, gerade jetzt, wo die Saison aniänat, tot zu werden."
Hanna nickte. . ,
„Es waren sogar immer riesig amüsante Abende! Wenn ich denke, wie ich in Maria Stuart' über den kleinen Grafen gelacht habe, der damals geradezu geistreich witzig war. Der arme Schiller hat sich entschieden im Grabe umgedreht."
„Wird er wohl schon öfter getan haben", bemerkte Schmieder ttocken, „ich selbst, habe in meiner früheren ost- preußischen Garnison mal über eine Aufführung des ,Don Carlos' Tränen gelacht und das will bet mir schon etwas! heißen."
„Ja, Sie haben sich fabelhaft in der Gewalt, Herr Leutnant!" Hanna warf ihm einen Blick zu, den man bei jeder anderen kokett genannt haben würde, „das merkt man so recht, wenn Sie der Damenwelt gegenüber kühl wie em Eisblock bleiben. Die kleine Naive hat sich auch, scheint's, vergebens die Augen nach Ihnen ausgeblickt."
Der schöne Offizier blickte flüchtig zu Tressenberg hinüber und sagte dann ruhig:
„Ich habe keine Lust, die chronique skandaleuse um einen neuen Fall zu bereichern. Voriges Jahr hat sich die hübsche, kleine Naive einer anderen Truppe die Pulsadern aufgeschnitten wegen so einer Liebelei, besser, man hält die Finger davon, was Treßenberg?" (Forts, folgt.)


