Mttwoch den 23, Januar
1907
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Menschenkeöen, die lügen.
Roman von H. E h r h a r d t, Veriasserin von „Mittellose Mädchen'
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Mein Kompliment, Hanna t" sagte er, näher tretend, und die schöne Nichte auf die Stirn küssend, „du hast deine Leute vortrefflich gezogen, sie kamen durch mein plötzliches Erscheinen keinen Moment aus der Fassung, ich konnte sofort in einem Fremdenzimmer Toilette machen--Nun,
was sagst du dazu, kleine Hexe?"
„Ich freue mich, Onkelchen, aber überrascht bin ich eigentlich gar nicht. Ich kenne doch deine Art, du mußt immer ein bißchen in der Welk herumfcchren, sonst ist dir nicht wohl."
Er lachte. Dann ließ er «rcü beit Anwesenden vorstellen. Ms er die junge Baronesse entdeckte, lvar die Ueberraschung auf seiner Seite. Er druckte ihr herzlich die Hand.
„Hanna steigt abermals eine Stufe höher in meinen Augen I" sagte er mit galanter Anzüglichkeit.
Marga errötete leicht unter dem wohlgefälligen Blick, der ihre blühende Gestalt streifte und stammelte etwas von Hannas Güte, sie einzuladen. Sie fühcke eine seltsame Beklemmung in sich aufsteigen, die sie schnell verwand, da der Rittmeister sich bald in angeregtem Gespräch mit der übrigen Gesellschaft befand, die er interessant von seinen weiten Reisen unterhielt.
Tressenberg, der noch weniger als seine Schwester von der Welt gesehen hatte, war ziemlich bald aufgestanden und hatte, gewiß gelangweilt, das Zimmer verlassen. Im Rauchzimmer stand er hinter den Skat spielenden Herren und kibitzte. Erst, als die Töne des wundervollen Bechstein- slügels lockend durch die Räume klangen, schlenderte er wieder nach jener Richtung. An der Tür des Musikzimmers lehnte er sich gegen die Wand.
Drinnen setzte soeben Hannas bestrickend süße Sopranstimme ein. Sie sang die schwermütige und zugleich leidey- schaftliche Schumannsche „Frühlingsfahrt". Alles lauschte in atemlosen Schweigen und stürmischer Beifall lohnte ihr.
Walter von Poseck war kaum fähig gewesen, sie zu begleiten, war es doch das erste Mal, daß er sie singen hörte seit jenen unvergeßlichen Sommertagen. Ihre Stimme hatte an Tiefe des Ausdrucks gewonnen, wohl durch die Liebe, welche unterdes in ihr Herz eingezogen war. Eben trat ihr Mann heran. Er nickte seiner Frau zärtlich zu und klopfte den Freund auf die Schulter.
„Famos, Alterchen! Meine Frau wird ja glücklich sein, dich wiederzuhaben, nicht, Liebling? Heut hilft kein Leugnen, denn der Onkel ist als Zeuge zur Stelle, daß du einmal behauvtet hast, niemand als Poscck könne dich ordentlich begleiten."
Hanna sah unbefangen fröhlich drein.
„Aber ich leugne ja gar nicht, Schatz, ich behaupte es
sogar noch heut. Und haben wir dir dein Lieblingsliedi etwa nicht schön vorgetragen?"
„Ganz vollendet, Frauchen, dank dir auch schön."
Hanna wollte sich abwenden, um zu ihren Gästen zurück- zukchren, da sagte der blonde Offizier bittend:
„Bin ich wirklich schon entlassen, Frau Hannu? Keine Zugabe?"
Sie lächelte ihn verheißungsvoll an.
„Wenn es Ihr Lieblingslied gilt, ja!"
Seine ehrlichen Augen leuchteten freudig auf.
„Darf ich wirklich? Dann singen Sie mir noch das Lied, das ich als erstes von Ihren Lippen hörte: Ich kam vom Walde hernieder."
Und schon griff er die ersten Akkorde der Begleitung..
Der Landrat trat, scherzend mit dem Finger drohend, beiseite.
Er freute sich an dem guten Einvernehmen der beiden Menschen, die feinem Herzen so nahe standen.
Als Hanna ihr Lied zu Ende gesungen, widmete sie sich noch ein wenig den älteren Herren, die ihren Skattisch verlassen hatten, um die schöne Hausfrau singen zu Horen.
Rittmeister Kronau hatte sich zu Marga gep'tzt und sprach eifrig in sie hinein. Er hatte wirklich ein faible für sie von Hannas Hochzeit her.
Die anderen Herren benutzten die Abwesenheit des jungen Mädchens, um Frau von Klast durch ein paar stark gewürzte Skandalgeschichten zu erheitern. Sie vertrug so was, man nahm vor ihr kein Blatt vor den Mund, nannte alle Dinge beim rechten Namen. Sie tat desgleichen und sprach ungeniert über die heikelsten Angelegenheiten. Dabei war ihr Lebenswandel tadellos und ihren Mann vergötterte sie geradezu.
Der Oberst verabschiedete sich nun, er ging immer am frühesten fort.
Er war sehr solide, eine einfache strenge Soldatennatur, die noch aus der alten Schule der ernsten Kriegsjahre hervorgegangen war.
Tie anderen gingen nach einer halben Stunde auch, es war unterdes zwölf Uhr geworden.
Joachim von Tressenberg fand lange keinen Schlaf in dieser Nacht.
Es verfolgte ihn allerlei. Die Anwesenheit seiner Schwester, die ihn täglich mit der Landrätin zusammenführen würde, beunruhigte ihn bei längerem Nachdenken immer mehr. Es war lächerlich, aber er hatte Angst vor dieser Hanna Gerhardt. Er witterte die nahende Gefahr.
Noch ein anderer schlief nicht viel in dieser Nacht und bas war Ernst Kronau. Bis zum Morgengrauen lief er in seinem luxuriösen Zimmer auf und ab'. Er kämpfte mit einem großen Entschluß; er wollte heiraten. Seit Hanna das Haus verlassen, war es mit seiner Schwester nicht mehr zum Aushalten. Sie war eine wandelnde Trauerweide.


