Ausgabe 
22.11.1907
 
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MH

Vorsicht, Kleine, das Ding da braucht immerhin etwas Schonung, Wenns auch nur ein Hautritz und kaum der Rede teert ist!" Dabei hob er die verbundene linke Hand empor.

Nun, nun, zum Erschrecken liegt gar kein Anlast vor!" suchte er sie zu beschwichtigen.Ich sagte dir schon, es hat nichts aus sich."

Aber davon stand doch gar nichts in der Zeitung?" meinte das Mädchen kleinlaut.

Nm das wäre ja noch schöner ... wo stehts denn? Haben diese Teusclsreporter richtig wieder den ganzen Zimt reingebracht!"

Ist es denn wahr, Papa, ist Walden wirklich verwundet worden?"

Na, ja," meinte der Rat gedehnt.Nun brauchst du aber nicht sosort tvieder die Trän:enschleusen auszuziehen... der arnre Kerl hat ne ziemlich schmerzhafte Schultermunde, die ihn Wohl ein paar Wochen lang ans Bett fesseln wird. Aber gefähr­lich i st die Sache weiter nicht. Er ist völlig bei Bewusttsein und hat mir auch Grüste sür dich aufgetragen."

Das Mädchen sah ihm forschend in die Augen; sie zitterte vor nicht zurückzuhaltender Bewegung.Jsts auch wirklich wahr. Papa? Verheimlichst du mir auch nichts?"

Sei so gut!" knurrte der Rat.Zum Lügen bin ich zu alt. Ich tviederhole dir: er hat ein Loch in der Schulter, doch das Wird zuheilen ... im übrigen magst du dich gelegentlich bei ihm bedanken, er hat sich wacker gehalten. Ohne sein beherztes Dazwischenspringen wäre es wohl um mich geschehen gewesen, denn der Kerl hatte mir den Revolver mitten aufs Herz gesetzt und drückte kaltblütig los, als schietze er auf einen tollen Hund . . ."

Schluchzend barg Hermine das Antlitz an seiner Brust.

Na, es ist ja gnädig vorüber gegangen!" tröstete ihr Vater, sie selbst ergriffen liebkosend.Schneid hat der Walden, alle Achtung, das muß man ihm lassen! Wie er den für mich be­stimmten Schuß ausfing und noch im Niederbrechen den heim­tückischen Halunken derart bediente, daß er wohl ans Testament­machen gehen kamt, das war wirUich ein Heldenstück. . . lieber Himmel, möchte sichs doch Herausstellen, daß wir dem Jungen Unrecht getan haben... ich sage dir's offen, mir wars nicht anders, als suchte er den Tod... ein Sohn hätte nicht opfer- chütiger sür seinen Vater eintreten können."

Kannst du wirklich noch an seinen Worten zweifeln?" fragte ihn Hermine vorwurfsvoll. Wohl senkte sie unter seinen Blicken den Kopf, doch mit entschiedenem Ausdrucke fuhr sie fort:Ich kann es nicht. Ganz sicherlich geschieht ihm bitteres Unrecht."

Sieh einer mal den beredten Advokaten!" meinte ihr Vater und bedrohte sie mit dem Finger.Scherz bei Seite," fügte er ernster hinzu, wünschte es einer, das alte rückhalt­lose Vertrauen wieder zu ihm gewinnen zu können, so bin ich vs! In solchem Falle ist's beinahe gut, daß er heute nacht stvas abgekriegt hat, denn das gibt ihm ein Anrecht auf mil- derv.de Umstände" er winkte mit den AugenDu ver­stehst mich wohl, lvas, Minchen" .... und als sie verwirrt und errötend zu ihm aufschaute, meinte er lachend:Ich spreche natürlich vom Präsidenten der, woran dachtest! du denn? Man kann feine Handlungsweise einen unbedachten, vom Herzen diktierten Streich nennen und nachsichtig beurteilen . . . man kann aber auch gewisse Strafgesetzbuchparagraphen hervorholen und . ... na ja, Kinding, ich werde ihm schon den Daumen halten, ist das wirklich alles, was er ausgefressen hat. Nun aber sei so freundlich, tische Kaffee und 'was zu präpeln auf, beim ich bin ganz erschrecklich hungrig und dabei nur auf einen Sprung gekommen, ich muß nämlich gleich wieder fort und für dich habe ich auch eilten dienlichen Auftrag."

Für mich?" erstaunte sich das Mädchen.

Schieb nur ab und laß mich nicht Hungers sterben!" drängte sie ihr Vater zur Tür hinaus.Nachher wirst Du schon alles hören!"

Wie sie dann einander gegenüber beim Frühstückstische saßen, dem Hansemann alle Ehre antat, bemerkte er:Die Sache ist nämlich die: Aus diesem Kundt ist kein Sterbenswort heraus« zukriegen, nicht einmal seine Wohnung. Ich habe durch Stun­den neben seinem Lager gewartet- bis er wieder zu sich kam und vernehmungsfähig war. Ich stellte ihm alles vor, wies auf seinen Zustand hin, sprach von Zeit und Ewigkeit . . . das war nicht anders, als ob »trat einen Stier ins Horn kneift, er spürt nichts davon. Mittlerweile wurde er prompt wieder bewußtlos und die Aertzte gaben ihn» wenig Lebensdauer mehr. Da meine ich nun, man muß Eilenburg jun. ausfindig machen. Marie weiß ganz entschieden seine Adresse. Ich möchte nun nicht gern in schroffer Weise Vorgehen . . . weiß der Kuckuck, die Sache liegt so Konisch, daß wir überall mit Herzenscücksichten zu !pechite^t haben. Es geht ja auch um ihr Lebensglück. Da meine

ich nun. Du wärest die richtige Vermittlerin... als Freundin kannst du frisch von der Leber zu ihr fpcechen. Unterrichtet über die Sachlage bist du auch .... sie wird sich nicht weigern, dir alles zu sagen, was sie weiß. Man hätte da zu­gleich auch auf ihren hochgeachteten Mann Rücksicht genommen."

Hermine sah zuerst bedenklich darein; es war ihr anzn- merken, wie weh es ihr tat. die so lange entbehrte Jugend­freundin unter derartigen Verhältnissen, noch dazu als Trägerin einer solchen Mission, Wiedersehen zu sollen. Doch der Hinweis darauf, daß eine glückliche Durchführung ihrer Ausgabe von vielleicht unberechenbaren Folgen für Waldens zukünftiges Ge­schick sein konnte, gab bei ihr den Ausschlag. Sie erklärte sich bereit, sich sofort fertig zu machen und die junge Fran des Fuhrherru anfziisuchen.

Na, siehst du wohl!" schmunzelte der Rat, indem er sich sig deine Schlagfertigkeit bewiesen, daß es nicht wundern sollte, fielest du nun in der Praxis ab. Du wirst schon den rechten Ton finden, um dir ihr Vertrauen zu erschließen!"

---Knapp eine Stunde später saß Rat Hansemann wieder in seinem Arbeitszimmer und hatte Befehl zur Vor­führung Wittes erteilt. Mit Thommen, der auch aus der Zeitung seine Kenntnis Pon dem aufregenden Vorfall in den Aurornsälen geschöpft, hatte er sich bereits besprochen und ihm über seine gegen Walden gerichteten Ermittelungen vor­läufig strenges Stillschweigen aufer.egt.Das ist das mindeste, was wir dem jüngeren Kollegen schuldig sind. Ich hege die Zuversicht, daß dieser Tag nicht zu Ende gehen wird, bevor wir Licht in die ganze Geschichte gebracht haben. Walden be­teuert seine llnschuld und ich habe gute Gründe, ihm zu glauben« Er kann uns auf der anderen Seite nicht durch die Lappen gehen, denn er liegt in der CHariti fest. Also lassen wir vorläufig Walden und dessen mutmaßliche Beteiligung aus dem Spiel und wenden wir uns den übrigen Akteuren zu. Nachher werden wir gemeinsam der SchulMacherschen Wohnung einen Besuch abstatten. Bei dem Verhör mit Sßitte bleiben Sie natürlich auch zugegen."

Da öffnete sich auch schon die Tür und der junge Maler wurde ins Zimmer geführt. Er sah bleich und übernächtig beteilt Dunkle Ringe lagen um seine Augen; doch seine Hal­tung drückte Stolz und Selbstbewußtsein aus.

(Forliekung folgt.)

Aer Einfluß der Alutsv wtrndjschafl der Eltern auf hte Kirrster.

Ehen zwischen Blutsverwandten gelten von altersher im Volke als höchst bedenklich. Die Kinder, die aus solchen widernatürlichen" Verbindungen hervorgehen, haben nach der herrschenden Anschauung die verhängnisvolle Anwart­schaft auf allerhand geistige und körperliche Gebresten, und ihre Geschlechter sind, so glaubt man allgemein, dem baldigen Untergang geweiht. Aus welche Erfahrungen sich diese pessimistische Auffassung eigentlich stützt, ist nicht recht klar. Es scheint fast, als stehe der Heiratskandidat, der vor der Ehe mit einer Verwandten zurückschreckt, im Banne einer ihm von der Natur selbst eingepflanzten Abneigung, eines abwehrenden Instinkts, wie er ja auch sonst manchmal in unseren Beziehungen zu den Mitmenschen, z. B. in un­serem Ekel gegen die Sekrete selbst der nächsten Angehörigen, auffällig zutage tritt. Aber schon ein Blick in die Geschichte der alten Kulturvölker lehrt uns, daß die Blutsverwandt­schaft der Eltern mindestens nicht in allen Fällen für die Kinder von so üblen Folgen begleitet ist. Bei den alten Aegyptern, den Persern und den Peruanern waren die Geschwisterehen bekanntlich gerade in den vornehmen Kasten eine sehr häufige Erscheinung, die diesen mit einem starken Rassengefühl ausgestatteten Völkern zu irgend­welchen Bedenken nie Anlaß gegeben hat, und die Königin Kleopatra, von deren Geist und Schönheit sich der verwöhnte Machthaber der vornehmen Weltstadt Rom betören ließ, stammte gar aus einem Geschlecht, in dem nicht weniger als acht Generationen hindurch eine Geschwisterehe auf die andere gefolgt war. Vorurteilsfreie Forscher, die sich mit dergleichen ethnologischen Fragen eingehender beschäftigt haben, sind auch sonst noch zu manchen Ergebnissen gelangt, die die Vermutung nahelegen, daß die Inzucht unter Um­stünden durchaus nicht im Sinne der Entartung wirke, sondern im Gegenteil durch Summierung oder gar Poten«