Ausgabe 
22.7.1907
 
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Venus in Dresden, nebst manchem anderen.*) Angesichts dieser Bilder könnt Ihr träumen von einem paradiesischen Einssein mit der Natur und könnt aus dieser Jdealnatur Kraft ziehen und Euch stählen für das Leben. Dann werden Euch auch die ungezählten Deutungen dieser Bilder lachen machen: sie sind reiner Inhalt, der Gegenstand ist an ihnen ganz Nebensache.

Bei Giorgione hat man noch den Eindruck, daß er wie der seinem Geiste verwandte Dürer in der Melancholie zuerst die dargestellte Menschengestalt als Ausdrucksmittel der eigenen Stimmung sah. Anders Rembrandt in der Landschaft mit den drei Bäumen. Und anders auch Böcklin. Was' er empfindet, setzt sich unmittelbar in Landschaft um, die Menschengestalt wird erst von ihr, d. h. als ein Teil der Natur geboren. Die Landschaft bleibt immer die Hauptsache, aus'ihr muß man den Inhalt erschließen und nach ihr sind Böcklins Bilder die Namen zu geben. Sie ist der leibhaftige Stimmungsausdruck. Darin überragt Böcklin alle Zeiten, und die deutsche Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist durch ihn vor dem Michel­angelo der sichtbaren Welt, Menzel, gerettet worden. Böck­lins Bilder haben einen Inhalt, der für alle Zeiten als das Höchste dessen gelten wird, was die Landschaftsmalerei geben kann. Dem modernen Menschen verflüchtigt sich der Inhalt in Stimmungen, die keine Einzelgestalt festhalten kann. Sie schwingen wie Töne in Licht, Luft und Farbe, d. h. allen Werten hin, wodurch die landschaftliche Um­gebung zu uns spricht. Trotzdem ist in Böcklin das, was Giorgione wollte, aufs neue' in Erscheinung getreten, die erfüllte Sehnsucht des Menschen nach der erlösenden Ein­heit mit der Natur. Was der Frühling flüstert, der Wald schweigt und die Woge rauscht, das ist nur das Echo des Menschengemütes und klingt in Böcklins Schöpfungen ähn­lich wieder wie bei Giorgione. Es sind die verwandten Regungen dieser beiden Menschenseelen, die sich durch die landschaftlichen Gestalten dem Beschauer mitteilen.

*) Jetzt am besten zugänglich in der TafelserieDas Museum". (Schlug folgt.)

VermißeWes.

** Palmerchens Bratgans. Den verwogensten Gänse- caub, den man sich denken kann, haben einstmals Gießener Studenten bei dem Superintendenten Palmer am Kirchen­platz ausgeführt. Hatten da dasPalmerchen" so nannte man den geistlichen Würdenträger wegen seiner klemm Figur und seine Eheliebste eigenhändig ein Prachtexemplar des beliebten Bratenviehs sorgsam mit Stricken und Ketten an dem Haken vor einem Fenster des zweiten Stockwerks verankert. Ganz sicher, der leckere Vogel war so gut befestigt, daß sie Studenten ihn nicht würden herunterholen können! In der Tat, während der ersten Nacht war alles Arbeiten der Mufensöhne mit Feuer­haken und Stangen gänzlich erfolglos, und mit zufriedenem Hohn­schmunzeln hörte das geistliche Ehepaar vom warmen Bette aus die Missetäter abziehen. Ja, diese schienen so entmutigt worden zu sein, daß sie in der folgenden Nacht gar nicht wiederzukommen wagten. Wenigstens glaubte es Frau Palmer so deuten zu müssen, als wahrend der ersten Nachtstunden.alles ruhig blieb. Aber nur nicht zu früh triumphiert, Frau Superintendentin, geborene Bechtold! Kaum liegen die beiden im tiefen Schlafe des Gerechten, da werden sie durch ein mörderisches Läuten der Hausglocke aufgeschreckt.Um Gottes willen, was ist das? Palmer, Palmer, steig 'mal auf und sieh, was das zu bedeuten hat!" Der Mann Gottes, noch ganz schlaftrunken, streckt den Kopf mit der Schlaf- mütze zum Fenster heraus:Wer ist da? Was ist denn los?" Aufgeregte Stimmer: von unten:Herr Superintendent, Herr Superintendent, eben wollen sie Ihnen Ihre Gans abschneiden!" Entsetzt stürzt Palmer auf das Fenster zu, vor dem das mackelige Tierchen hängt. Seine Gattin wie der Blitz hinter ihm her. Hastend, tastend nesteln sie den kostbaren Braten los.Haben Sie sie?" fragt man von unten.Ja, Gott sei Dank!" stöhnt der vom Frost halb erstarrte Kirchengewaltige. Da spürt er auch schon einen Schlag auf der Hand, daß er mit unwillkürlichem Aufschrei das Gänslein aus den frostklammen Fingern fahren läßt.Danke schön, Herr Superintendent!" rufts von unten. Und während das jählings zu kulinarischer Askese verdammte Ehepaar noch versteinert dasteht, sind die nächtlichen Gesellen schon lautlos und unerkannt mit ihrer Bente davongehuscht.

* Aus der Sammelmappe eines -Arztes werden der Täglichen Runschau folgende Aufzeichnungen persönlicher Er­lebnisse mitgeteilt: Bei einem Patienten sah ich einen mir völlig Mrbekannten Bogel.Was ist das für ein Vogel!" fragte ich.

Das ist ein Paster, Herr Doktor."-Ein Paster? Was ist denn das?"Ein Paster von einem Stieglitz und 'ner Kanarien- Sie." Der Mann meinte einen Bastard.Ich möchte ins Krankenhaus, Herr Doktor. Ich habe den Feigentanz (Veits­tanz)." Paul M., ein -tjähriger Knirps, begrüßt mich stets, wenn ich durch seine Straße komme, mit Handschlag und einem Guten Tag, Doktor!" Eines Tages erwidere ich üt Gedanken seinen Gruß nicht, worauf er mir nachrnft:Nanu, du bist wohl tücksch mit mich?"Herr Doktor, ich möchte mich mal unter­suchen lassen, ich birr so unapp'titlich. Mich schmeckt keen Essen." In einem Hause stand vorn an der Tür:Bitte hiirten Rum." F., ein fauler Mensch, ist nicht imstande, seine Frau zu er­nähren und muß Armenunterstützung annchmen. Seine Fran ist erkrankt, der Armenarzt wird gerufen und kommt. F. sitzt, als der Arzt eintritt, vor einem Napf Bratkartoffeln und hält es nicht für nötig, dem Arzt guten Tag zu bieten, lieber diese Un­gezogenheit zur Rede gestellt, entgegnet er lakonisch:Ick habe mehr zu duhn; ick muß mich für meine Familie erhalten."

Literatur.

Die Frau". Monatsschrift für das gesamte Frauen- leben unserer Zeit. Herausgegeben von Helene Lange. Die beiden Hefte Mai und Juni bieten wieder reiche Auswahl an Lesestoff. Tr. Gertrud Bäumw behandeltDie neue Ethik vor hundert Jahren", Tr. Maria RaichDie Stellung der deutschen Philosophie der Gegenwart zur Fraueufrage". Ern werterer Ar­tikel ist der Niederländischen Gesellschaft für Bolkswohl gewid­met, an deren Spitze seit kiirzem eine Frau als Präsidentin steht; sie hat ihr Amt mit einer, zu regerer Beteiligung mahnenden Ansprache angetreten, toorin sie u. a. sagt:An Euch, junge Frauen in unseren Zweigvereinen, einerlei, ob rhr schon Mtt- glieder des Nut seid oder nicht, wende ich mich. An Euch, die Ihr Karen Kopfes und wannen Herzes jugendfrisch, lebt rn der wogenden Gegenwart. Vielleicht fühlt Ihr Euch tu Euren Heimen glücklich und zufrieden, riingeben von Euren preunden, Euerm Birchern, voll von Liebe zu allem Griten rmd Schonen. O, bringt dann auch etwas von dem, was Euch dasftLeben lieb macht, Euern minder bevorrechteten Brüdern und Schwestern! Habt Ihr eine Mutter, die Euch die himdcrterlei Dinge lehrt, die eine Frau wissen und können muß, geht dann Eurerseits hinails und bringt, was Ihr gelernt hat, der, deren Mutter weniger im ©lüde sitzt» weniger gebildet, minder mnsicatig ist, als die Eure! Genießt Ihr die Natur, einen herrlichen Sonnen­untergang, die Stille des Waldes oder das Unendliche der Herde oder des Meeres, v nehmt dann die jungen Menschen einmal mit hinaus, die es nicht gelernt haben zu sehen, was Ihr seht, deren Seele aber doch empfänglich ist für eben dieselben Eindrücke, wie Euere. Nehmt sie mit, begeistert sie mit Euerer Begeisterung, öffnet ihre Augen und Herzen für das Herrliche, das Heiligende in der Stimme der bÄrtur. Lehrt sie das Große rn dem Kleinen erkennen, das Anbetungswürdige in dem Einfach-Natürlichen, den Schatz der Poesie, der sich birgt in der Tier- und Pflanzen­welt Wenn Ihr im Winter abends eint Herd Euch in ein schönes Buch vertieft, dann gedenkt auch der, vielen, die ofme eigene Schuld aus einem schönen Buche, das sie aus der Bolksbtb.wthek entlehnten, nicht so viel entnahmen als Ihr, es nicht so ge­nießen konnten. Geht dann mit Eurem Buche zu ihnen, oder laßt sie zu Euch kommen und Rest es und l>esprecht es mit ihnen: sie werden nicht die einzigen sein, die dabei gewinnen. Uno wenn Euer Leben schön ist durch Liebe und Freundscyaft, geht damr hinaus zu denen, die anders fühlen und denken als, weil sie anders erzogen und geführt worden sind.' Die be­herzigenswerten Worte derVolkswohl-Praftdenttu gelten wohl nicht nur für die Niederländische Gesellschaft. Die schone Literatur ist wieder gut vertreten mit einer Novelle von ^na Rex, der Künstlerin in Kleinmalerci, die sich damit einen großen Kreis dankbarer Leser geschaffen hat; auch ihre neueite Ar bett äertfl.Aus dem Tagebuch einer alten Küstenbewohnerm" steht auf der Höhe und geht zu Herzen, bei aller Schlichtheit der Handlung und Darstellung.

Charade.

Die Erste man im Haushalt nicht entbehrt, Wird stets gebraucht und überall begehrt;

Will einmal etwas gar nicht recht gelingen, Möcht' dir die Zweite von den Lippen dringen.

Das Ganze zeigt dir einen Grenzfluß an, Den man im Süden Deutschlands finden kann. a.

Auflösung in nächster Nummer/"

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Rüssel, Brüssel.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brüht'schen Universitäts-Buch-- und Stetndruckerei. R. Lange, Gießen.