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liebes fauf "bett Kurfürsten von Hessen erinnere ich mich, das da- inals noch aktuell war. ®itt Vers lautete:
Ter Kurfürst von Hi-Ha-H essen
Ter tat sein Volk vor Liebe fri-frM Freches Volk halt mäuschenstill Wenn dich dein Fürst karbatschen will M,ausesall wide wnm bum bum Mausefall widebum.
Ein Spottlied ouf die Versuche, die Republik in Deutschland einzuführen, bewies, daß wir von dieser nichts wissen wollten, während bei seiner Entstehung im Jahre 1848 einzelne Teile g,anz ernst genommen worden sind. Es lautete zu meiner Zeit: Treiunddreißig J-ahre währt die Knechtschaft schon Nieder imit die Hunde von der Reaktion Blut muß fließen knüppeldick, Vivat hoch die Republik.
Bis dahin wurde das Lied nach der MeLdie des Barrikadenmarsches gesungen, weiter hatte es seine eigne Weise:
Rautsching sching Rautsching schlug Rivala raväla Rautsching sching Die Revolution, die Revolution! Tie Re- die Re- die Rebellion, Tie Re- die Re- die Rebellion, Die Re- die Re- die Re- die Re-, Tie Re- die Re- die Rebellion, Ruridirallala re. rc.
Ter Anfang des Liedes wird noch heute gesungen, aber gerade die charakteristischen Stellen, sprachlich tote musikalisch, habe ich in neuerer Zeit nicht mehr gehört. _
In der Fidelität gab es auch bei uns die üblichen Studentew- scherze, wie Biermessen, Biergerichte, komische Vorträge, Bierreden, Anstichlieder, diese letzteren nicht in der Fülle tote heute.
Ich erinnere mich nainentlich, daß wir die Aufschrift auf der Verpackung des damals weit verbreiteten Leichten Kanasters von Georg Heinrich Schirmer — einige Fabrikanten haben sich erlaubt, mein Siegel nachzuahmen — als Anstichlied gesungen haben nach der Melodie „Steiner Mann wollt 'ne groß' Frau haben", das sich sehr komisch machte, das aber'heute vollständig vergessen ist.
An mir selbst ist die solenne Fuchstaufe vollzogen worden. Der Name „Eberhard", auf den ich wegen meines ver- verhältnismäßig großen Barbes getauft wurde, erwies sich aber gegenüber anderen Kneipnamen wie: Amans, Calicmir, Canino, Barkas, Ddännche, Fk>h, Adam, Hutch, . Igel, Spatz, Strammer rc. als zu langstielig und würdevoll und ich wurde daher von Einigen Eber, meist aber nach 'm einem Bornamen Fridderich genannt. Sv werde ich noch heute von meinen alten Freunden
Tast wir auf der Kneipe keinen Durst litten, wird wohl feder glauben. Wir hatten auch einige unter uns, die recht viel vertragen konnten. Jur allgemeinen aber war es mit dem Trinken damals nicht schlimm. Aus'Bi^rehrlichkeit wurde kein so großes Gewicht gelegt wie heute. Wir hatten keine besondere Tafel, auf welcher hierüber Buch geführt worden wäre. Tas Spinnen lassen, als Vorrecht des Aelteren dem Jüngeren gegenüber, gab es nicht, lieber den Durst zu trinken, konnte niemand gezwungen werden. Ter Bierkonsum hatte damals lange nicht den Umfang wie heute und als Selbstzweck Ivar er in unseren Landen noch in den Kinderschuhen.
Ich für mein Teil Hatte eine glückliche Statur. Ich konnte ziemlich viel vertragen und mußte immer bei den Letzten sein. Wer es widerstand mir, über die Grenze hinauszugehen, und dazu ließ ich mich auch 'nicht durch einen Komment zwingen.
Ich habe infolgedessen nur die Lichtseiten des Kneipens kennen gelernt.
(Fortsetzung folgt.)
Böcklin und Goethes Psalm an die Natur.
Bon Hofrat Prof. Dr. I. Stzygowski*)
Ist Böcklins Toteninsel eine Allegorie auf den träumenden Menschen? Soweit wären wir ungefähr: die Antike allegorisierte die Natur in der menschlichen Gestalt, wir könnten anfangen, den Menschen durch die Landschaft begreiflich zu machen. In alten, uralten Zeiten waren es die Naturkräfte, die der Menschheit unergründliche Rätsel aufgaben, so daß sie sich Götter erschaffen mußte, um einen Halt in diesem beängstigenden Dasein zu gewinnen. Heute sind wir bei der Herrenmoral angelangt. Das größte Rätsel ist uns der Mensch selbst, die Natur schreckt die klarblickenden Köpfe unter uns nicht mehr. Also wollte Böcklin das große Fragezeichen, Mensch genannt, durch das Meer, den
*) Aus dem soeben im Berlage von Quelle u. Meyer in Leipzig erschienenen Werke „Die bildende Steift der Gegenwart" (XVI u. 280 S. mit 68 Abb. In Büttenumschlag geh. M. 4.—. In Originalleinenband M. 4.80), dessen Lektüre wir unseren Lesern wärmstens empfehlen.
| Felsen, die Bäume auszulösen suchen? Soll sein „Bild i zum Träumen" durch das Meer etwa die Tiefe und Unendlichkeit des Gemütes, durch die Felsen die Starrheit des Willens, sollen die Bäume gestaltgewordene Gedankenregungen andeuten? Es dürfte nicht lange dauern, so wird man Landschaften unter solchen Gesichtspunkten malen und betrachten. Böcklin aber ist in seinen Bildern von dieser Umkehrung aller alten Weltanschauung unendlich weit entfernt. Ihm ist noch immer die Natur das große Rätsel, und der Mensch mehr als je zuvor ein Teil von ihr. Wenn er Landschaften malt, so führt ihm die Freude an der Schönheit dieser Welt, die tiefe Ehrerbietung seines Gemütes vor der Größe und dem Geheimnis aller Erscheinung den Pinsel, und seine Menschen sind Symbole, leibhaftige Teile dieses Naturganzen, durch die nur der tiefe Sinn dessen, was aus der Natur zu seinem Gemüte und umgekehrt von diesem zur Natur spricht, lebendig und greifbar gemacht - werden soll.
Für Böcklin ist die Natur nicht Stückwerk, er malt nicht ein Stück, wie er es sieht — Standpunkt Zola-Liebermann —, sondern was aus der Tiefe seines Gemütes nach Ausdruck ringt, dafür findet er in der großen allumfassenden Natur Ausdrucksmittel. Das Prinzip, das in Böcklins Kunst waltet, ist dem Zolaschen Grundsatz gerade entgegengesetzt: er malt ein Stück Temperament, gesehen durch die Natur, und bietet Symbole seines Gemütes, nicht Allegorien.
Was Böcklin in der Toteninsel vor uns hinstellt, ist also nicht ein Ausschnitt aus der Natur, ein Stück Meer allein, eine Insel und Bäume, sondern, und das ist das Entscheidende: Böcklins Gemüt, gerade zu stiller Melancholie neigend, zeigt uns in dem Bilde die ganze große Natur als Träger seines schwermütigen Sinnens über Zeit und Ewigkeit. Das Kommen und Gehen der Menschen ist Epi- sode) das Bleibende ist die Ruhe der Ewigkeit. Die Zeit selbst ist es, die leise durch die Wipfel streicht. Böcklin sieht wie das Kind. Ahnungslos überträgt er die Regungen seiner Seele in die Außenwelt, die mit ihm lachen und weinen, still sein oder jubeln muß. Und immer wieder fragt er Bäumen und Menschen, Tieren und Blumen die Wunder des eigenen Innern ab. Glücklich der Mensch, der nie aufhört, so zu sehen: darin steckt der Künstler. Aus dem unbewußten Schauen wird ein Betrachten, ein liebendes Umfangen, ein Forschen nach dem Geheimnis, das alles Leben umfängt, ein Fragen nach den Zügen, die sein Wesen ahnen lassen. Wer der Natur so nahe gerückt ist, der allein lebt voll und ganz; er allein kennt den Wert des Lebens, er allein weiß es für eine Ewigkeit — nach Menschenbegrifsen festzuhalten.
Böcklin verstand es, diese Ahnungen durch die Malerei Gestalt annehmen zu lassen. Traumverloren hielt er Zwiesprache mit der Natur, über das Viele der alltäglichen Erscheinung hinaus hat er, unbekümmert um das Geschwätz der Menschen, die Rätsel festzuhalten gewußt, auf deren Ahnung es ankommt, wenn uns Lebensfreude zuteil werden soll. In der Toteninsel steht Böcklin, der Germane, unmittelbar neben Phidias, dem Hellenen, dem Bildner des Reliefs der Hegeso.' Beide schaffen „Bilder zum Träumen", zum Träumen von Zeit und Ewigkeit. Das ist der wahre Inhalt auch des Grabreliefs. Die Gestalt ist nur das Instrument, auf der diese Saite erklingt. Der Grieche spricht durch die Menschengestalt, der Germane durch die Landschaft. Und dabei ist auch der Gegenstand an sich völlig verschieden: ein Genrebild und daneben eine Insel!
Es hat schon vor Böcklin Künstler gegeben, die das Bild dessen, was rätselhaft hinter der Natur und ihrem Geschöpf, dem Menschen, steht, zu geben wußten. Der bedeutendste war Giorgione, der bessere Teil der Seele jenes Tizians, der in der himmlischen und irdischen Liebe ein Traumbild sondergleichen schuf. Es ist nur aus dem Vermächtnis des jung verstorbenen Visionärs zu verstehen. Leser, denen diese Zeilen sympathisch sind, und die gern selbst sehen möchten, was nns die bildende Kunst int Rahmen meiner Anschauung Großes hinterlassen hat, mögen nicht versäumen, sich Giorgiones Naturidyllen zu verschaffen. Der Kunstwart sollte sie möglichst vollständig seinen Meisterbildern einverleiben. Es gehören hierher das Wunder voll Castelfranco (eine Madoima), das ländliche Konzert im Louvre (der Schlüssel zum Verständnis der himmlischen und irdischen Liebe), dann die sog. Familie des Giorgione im Palazzo Giovanelli in Venedig, und die


