1907 — Mr. 74
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Dem Irrlicht nach.
Jtonmu von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Nach Tische stand man in einzelnen Gruppen plaudernd Herum, mährend der Kaffee in kleinen, goldenen Tassen gereicht wurde. Man bewunderte den neuen Anbau, die Spiegel strahlten das glänzende Bild zurück. Die Palmen schienen an allen Enden zu winken, man wähnte in einem Blumengarten zu wandeln.
Erna ging unter den Gästen hin und her, mischte sich bald unter diese, bald unter jene Gruppe. Viilatte fragte sich mittlerweile, ob es eine Einbildung von ihm sei, die wieder aus feinem in Täuschungen befangenen Innern quoll, aber er glaubte frit bemerken, daß Erna dem Freiherrn, der sich ihr wiederholt zu nähern versuchte, auswiche.
Deut armen, so sehr an Einsamkeit gewöhnten Billatte wurde dieser Trubel auf die Dauer unendlich quälend. Er schlenderte langsam durch einige Räume, welche leerer waren, und gelangte so Lis an das Wanzenhaus, aus dem es feucht und frisch ihm entgegenwehte. Da schimmerte eine Wand von blühenden Kamelien in köstlicher Farbenpracht, dazwischen die hohen Palmen mit den breiten Fächern, ein bunter Hyazinthen- flor und süß duftende Maililien. Er trat hnrein, und schritt auf dem schmälet!, mit weichem Smtd gefüllten Wege weiter bis zu einer hinter einem dichten Lorbeerbaum stehenden kleinen Bank. Hier war er allein und unbeobachtet, und atmete tief auf.
Wie hatte er sich auf dieses Wiedersehen der teuren Menschen gefreut, hatte sich stark genug geglaubt dafür, und — nun war alles so ganz anders, als er es sich vorgestellt. Sylvias Bild verfolgte ihn hier nicht — das war , das einzige, was er fürchten zu müssen gemeint — aber auf diese gewaltigen Veränderungen war er nicht gefaßt gewesen. Ein paar Jahre gestalten so viel um, man sollte sich nie einbilden, das Alte unverändert zu finden.
Erna geleitete unterdes ein Mar alte Damen zu einem bequemen Sofa abseits von dem großen Schwarm, wo sie ein wenig nicken konnten, und gewahrte dabei, wie der Oberst sie nicht aus den Augen ließ- und jedenfalls auf den Augenblick wartete, wo sie sich umwenden und ihren Weg zu den übrigen Gästen zurück nehnten werde. Eine jähe Angst packte sie, wenit sie nur heut noch ausweichen, noch Zeit gewinnen konnte.
Es war das Wohnzimmer, in dem sie die beideit alten Damen installiert, das kleine Kabinett nur trennte sie vom Wintergarten, der Freiherr, so rücksichtsvoll und ritterlich wie er war, würde die inüben Schläferinnen nicht zu stören wagen und ihr hierher nicht folgen wollen. Daher lenkte sie ihre Schritte nach dem Pflanzenbaus, sie ahnte nicht, daß Billotte "'ihr dahin Vvrangegangen war.
Rasch, als ob sie etwas holen oder suchen wolle, ging sie vorwärts, und stand plötzlich Billatte gegenüber, der beim Ton herannaheitder Schritte von seinem Ruhesitze emporge- fahreu war.
„Billatte!" stieß sie unwillkürlich hervor und ward dunkelrot.
Er war keines Wortes mächtig, denn er sah, was sic in ihrer Aufregung twch nicht gewahrte, die hohe Gestalt des Freiherrn mn Eingang des Pflanzenhauses. Er war ihr doch gefolgt.
Blitzarttg schossen die Gedanken durch Billottes KVpf.
So wie sie beide da beisammen standen, sah es aus wie ein Stelldichein.
Der Oberst trat auch offenbar stutzend und schwer vevi stimmt zurück.
„Ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe," sagte er,
Erna faßte sich zuerst.
„Stören? In wie fern?" fragte sie ruhig, und bei aller Freundlichkeit klang in ihrer Stimme ein Anflug von Stolz, der dem Frciherrn nicht entging. „Was wir beiden alten Freunde uns zu sagen haben, dazu haben wir Gelegenheit genug, nicht wahr, lieber Professor? Aber wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Oberst, dort ist noch ein Stuhl, die Luft ist hier frischer, als in den Räumen drinnen."
Sie setzte sich neben Billatte, und sprach dann über die neue Anlage, die Wärmevorrichtungen, und Ivelche Freude die Mama an den hier so trefflich gedeihenden Blumen habe.
So sehr sie sich aber auch mühte, es gelang ihr nicht, eine behagliche Stimmung hervorzurufen.
Billatte wünschte sehnlich, sich zu entfernen, er fühlte, wie sehr er hier überlästiger Dritter war, aber er fand keinen geeigneten Borwand. Erna richtete geflissentlich das Wort an ihn, und der Oberst stand finster und schweigsam zur Seite.
Da hörte Erna des' BatcrS Stimme, die ihren Namen rief, sie sprang wie erlöst auf und eilte mit einem flüchtigen: „Die Herren entschuldigen", dem Ausgang des Wintergartens zu.
Der Kommerzienrat war sehr ärgerlich über sich selbst, als er gewahrte, wie die beiden Herren hinter seiner Tochter aus dem Pflanzenhause traten, daß ei' sie zu so ungelegener Zeit abgerusen hatte. Dieser gute Professor war übrigens ein wenig unbequem, was brauchte der sich da zu beit beiden zu gesellen, aber diese Gelehrten haben für solche Dinge gar kein Einsehen.
Er erteilte Erna den kleinen Auftrag, der ihn veranlaßte, sie zu suchen, und entfernte sich dann rasch wieder. Es fand sich vielleicht noch ein günstiger Augenblick für den armen Oberst: Billatte nahm er jetzt selbst in Beschlag.
Es war leerer geworden in den Gesellschaftssälen, einige Familien hatten sich bereits empfohlen. Der Oberst war jetzt neben Erna, an ein Ausweichen war nicht mehr zu denken.
„Fräulein Erna, Sie sind heute verändert gegen ntich," sagte seine leise, in starker Erregung vibrierende Sttmme, dicht an ihrem Ohr. „Darf ich um die Ursache wissen? Ich bitt mir keiner Schuld bewußt."
Erna wandte sich voll zu ihm. In dein entscheidenden Augen- blick kehrte ihr der Mut tvieder; sie mußte sich demütigen, offen ihr Unrecht bekettnen, nur nicht größeres begehen.
„Ich zürne nicht Ihnen, Herr Oberst, nur mir," sagte sie- uttd es traf ihn ein so guter, ehrlicher, demütiger Blick aus


