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leben entnommen wurde. Nicht der Kleinbürger- oder der Arbeiterstand sind das „Volk"; welchen Teil immer einer aus der Allgemeinheit hebt und ihn uns in lebendiger Gestaltung vorführt, der schreibt ein Volksstück. Gerhart Hauptmann hat unter allen lebenden Dichtern die vorzüglichsten deutschen Volksstücke geschrieben, ohne ihnen diese Bezeichnung zu geben. „Die Weber", „Hanneles Himmelfahrt", diese feinste seiner Dichtungen, „Der Biberpelz", „Florian Geyer", „Fuhrmann Henschel", „Der rote Hahn", „Rose Bernd", diese alle sind wahre und wahrhaftige Volksstücke von so schlichter als echter und tiefer Kunst.
Auch ivir in Hessen haben drei starke Volksdichter: Adam Karillon, Wilhelm Holzauier und Alfred Bock. Jndeß bewegen sich alle drei ausschließlich oder doch im wesentlichen, zum mindesten mit besonderem Glück auf dem Gebiete des Romans oder derNovellel Holzamers Volksschullehrerstück „Um die Zukunft" hat freilich in Leipzig vor Jahr und Tag einen Achtungserfolg errungen, und wir haben bisher immer gehofft, es einnial auch auf unserer Gießener Bühne zu sehen.
Diese drei haben über Hessen hinaus längst Beachtung und Anerkennung gefunden. In engeren Heimatkreisen errang sich noch mancher andere Volksschriftsteller Erfolg, dieser oder jener auch auf den Brettern, die unverbürgtem Gerüchte zufolge die Welt bedeuten sollen.
Ein Hesse aber wars, der eines der bedeutendsten Volksstücke deutscher Sprache geschrieben hat, Ernst Elias Niebcrgall. Georg Fuchs hat vor einem Jahrzehnt in der Wiener „Zeit" den „Datterich" als „die beste deutsche Komödie" gepriesen.
Mit einem neuen Versuche, die Hess. Volksstücklsteratur zu bereichern, ist nun der Pfarrer von Reiskirchen, Karl H. Gombel, hervorgetreten. Unter dem Titel „Die alte und die neue Welt" hat er ein „Volksschauspiel aus Oberhessen" unlängst im Druck erscheinen lassen.
Die Handlung ist geringfügig und locker gereiht. Ein junger Bahnarbeiter, der Sohn einer braven Bäuerin, ist aus dem Staatsdienst entlassen worden aus Gründen von unerheblichem Belang. Er hat aber obendrein einer schweren Fundunterschlagung sich schuldig gemacht und das unredlich erworbene Geld einem dunkeln Ehrennianne, dem Dorfgastwirte, anvertraut. Nun kommt in dieses Vogelsbergdorf der Verlierer des Geldes als Geschäftsreisender, ein einstiger Mitschüler des Dorflehrers und Liebhaber der Wirtstochter, in deren Händen er zufällig den einst verlorenen Geldbeutel bemerkt. So gelangt er hinter all die Heimlichkeiten, führt aber mit Hilfe des Lehrers ein allseits glückliches Ende herbei, indem er vom Wirte die Hand von dessen Tochter sich erzwingt.
Die Fabel des Stückes ist, tute man sieht, konventionell, und was die Technik, vornehmlich die Szenenführung anbelangt, so hätte der Verfasser sich wohl bester vor der Niederschrift mit einem Theaterpraktiker beraten. Nach seiner Angabe hat das Stück zwei Aufzüge, aber nicht weniger als sechsmaligen Szenenwechsel würde eine Aufführung des nur 32 Druckseiten zählenden Stückes veranlassen. Und doch könnte eine kundige Hand leicht ein paar Szenen zusammenziehen, die Szene in der Lehrerwohnung als von geringem Belang streichen und nur im Wirtshanse und in der Wohnung der alten Annemarie alle Vorgänge sich abspielen lassen. So könnten z. B. die beiden ersten Szenen gleich sehr wohl ins Wirtshaus verlegt werden. Der Lehrer zeichnet draußen vor dem Fenster und der Bauer Schwer schaut ihm drinnen zu.
Auch hätte die Ver- und Entwickelung sich dramatischer gestalten lassen, durch anfängliche bloße unbestimmte Andeutungen des Vergehens. Die Szene von der Auffindung des Geldbeutels wäre dann in den Vordergrund gerückt und hätte die Spannung geschaffen, um zum Schluß mit der Lösung des Knotens auch die Lösung der Freveltat der beiden Männer zu bringen.
Doch dem Verfasser war einzige Hauptsache die Milieuschilderung, rind sie macht denn auch den Eindruck sicherer Lebensivahrheit. Redlich ist die Charakterisierung der Dorf- bevölkerrmg und von organischer Einheitlichkeit» Vorzüglich
ist die Behandlung des Dialekts. Die besten unter unseren Dialektdichtern, Hebel, Reuter, Groth, schrieben, streng genommen, garnicht im Dialekt, indem sie nur die Wortformen den Mundarten entnahmen, das Wesentliche, die Syntax, aber nicht. Gerhard Hauptmann versuchte als erster die syntaktischen Elemente gleichfalls im Geiste der Mundart zu gestalten, und Gombel tut es ihm nach. Und ergiebig erweist sich dabei in den Wirtshausszenen die Quelle seines Humors. Die Charakteristik der wesentlichen Persönlichkeiten ist wohl gelungen, am besten die des ideal gesonnenen, verständigen Lehrers, eines Mannes von tiefer und weiter Bildung und Gemütstiefe, die wir ja glücklicherweise in Hessens tüchtigem Lehrerstande nicht selten antreffen, sowie der beiden Bösewichte, von denen der eine, der junge Arbeiter, im Grunde gar keiner ist, und von dessen wackeren Mutter.
Jedenfalls ist nichts Schablonenhaftes in dem Stücke, vielmehr besitzt die oberhesfische Dorfbevölkerung in Gombel einen Schilderer von schöner Aufrichtigkeit, der sich in das Leben seiner Bauern mit warmem Herzen und natürlichem Humor versenkt heet. P. W»
Koetße -md der KssOsKreis-
D i e n e u e r w o r b e n e Autographensa m m l u n g i m Freien Deutschen Hoch stist zu F r anks u rt a. M.
Nachdruck verboten.
Frankfurts hochherziger Bürgersinn hat sich wieder seines altbewährten Rickes würdig gezeigt, als er es ermöglichte, auf d Wege der Sammlung die für das Goethemusenm und das Freie deutsche Hochstist wichtigsten Stücke aus der großartigen Ämo- grapheusammlung des 1904 verstorbenen Berliner Kunstmcicens Alexander Meyer-Cohn zu erwerben. Nunmehr ist im Goethemuseum aui kurze Zeit eine Ausstellung dieser neuer- worbenen Schätze inszeniert. Von denr mehr als hundert Nummern umfassenden Bestands der Schenkung seien hier folgeitde erivähnt.
Vor allem ist au§ denr Nachlaß von Goethes Jugendfremrd Friedrich Heinrich Jacobi ein Briefwechsel urit Goethe (95 Briefe und zwei Gedichte) höchst wertvoll. Die beiben Dichtungen sind das bekannte, später „W a n d er e rs S t ur ml i e d" („Wenn du nicht verlassest, Genius . .") benannte und das von ihm selbst als Erotikon bezeichnete „D i e Morgen klag e". Aus dem nämlichen Nachlasse stammt auch noch das Manuskript „Zum Schäkespears Tag", jene Rede des jungen Dichters, bic wohl als ein Teil der „Liturgie", der „mit großem Pompe" im Goethehause begangenen Feier des „Williamstages" (14. Oktober 1771) zu betrachten ist. Es ist fast als das Programm des Stlirni und Drang aufzuiassen. Auch das concerto dramatico von 1772 ivar in Jacobis Besitz. Der Titel lautet:
Concerto dramatico composto d al Sgr. Dottore Flamminio detto Panurgo seeondo Auszusühren in der Darmstädter Gememscha't der Heiligen.
< Mr dramatische Scherz in Versen, zutveiken sehr derb, unter «m Einfluß Mercks und Jacobis entstanden. 71 eigenhändige und 14 von Schreiberhand geschriebene- mit Goethes Unterschrift Versehene Briefe geben Wer das schwärmerische Freimdesvcrhält- ms mit Jacobi, das bis an die Schwelle des Greisenalters fortbauerte, beredten Ausschluß. — Ans der Frankfurter Zeit sind uns noch Briefe von Goethes Baier, des Seniors Fresenius!, des Seelsorgers der Familie Goethe, der die Eltern traute und den jungen Wolfgang taufte, des' Legations- rats Jo h. Friedr. Moritz, eines Familienfreundes, der auch mt Goethehause selbst wohnte, und Anderer erhalten. Auch ein« höchst wertvolle Empsehlungskarte des G a st h a u s e s z u m W e t - den Hof an der Zeil, ein alter Kupferstich, der uns das Bild des großelterlichen Hauses väterlicher Seite aufbewahrt hat, ist der Sammlung einverleibt.
Der Kreis der Sturmer und Dränger ist in einer großen Zahl von Handschriften und Briesen vertreten. Eine getreue Silhouette Klingers, ein Bries des Jugendfreundes Wagner, eine Originalsilhouette Joh. Gottfr. Herders, Schreiben Bür- gers, der Gräfin Auguste Stolberg u. a. m. geben über diese Mauserungsperiode foieS Genies Ausschluß. Auch die Nniver- sitatszeit wird durch eine Reihe von ANtographen illustriert. So ein Stammbuchblatt der S c s c n h e i m e r Friederike vom 4. Oktober 1807, Briefe des M a x e Brenta n o - R o ch e, seiner Lehrer, des Geheimrats I v h. Ries e, des H. Chr. Senckenberg, des Malers Nothnagel, ferner ein.Bücherzeichen in Seide mit RothnagelschKm Kupferstich, der „schönen Seele" Susanne von Klettenberg einst gehörend. Tie> schöne Zeit in Wetzlar, in der der Liebesroman des Werth:r entstand, wird uns durch Briefe Ioh. Friedr. Icrusalems, Originals des jungen Werther, und durch das Bild dessen Balers,


