Ausgabe 
22.3.1907
 
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Ich bin schwindelfrei", sagte Sylvia und warf ihre Locken zurück. Ihr reizendes Kindergesicht glühte rosig, sie schmiegte sich in vertraulichster Anlehnung an Roderich und versicherte ihn, daß es himmlisch gewesen sei da oben.Ich hatte ganz gut Raum dort", berichtete sie,saß auf der Brüstung und las. Es wehte eine köstliche frische Brise, während es hier unten zmn Ersticken war."

Roderich erschütterte.

Erzähle es mir nicht noch nachträglich", sagte er,es über­läuft einen eine Gänsehaut, du bist wahrhaftig schwerer zu hüten als ein Baby."

Willst du dir nicht nächstens einen Luftballon anschasfen?" sagte Erna, die ihnen u-nten entgegentrat.Mich wundert in Zukunft nichts mehr."

Jetzt stand auch die Mama auf der Veranda. Sie hatte, etwas Ungewöhnliches und Schreckliches ahnend, aufgeregt nach allerlei Umhüllungen gesucht, und in der Verwirrung ihre Mantille ver­kehrt umgebunden.Was ist geschehen? Wo ist sie?" rief sie in den Tönen großer Angst.

Beruhige dich, Mama", erwiderte Erna gelassen,dein Lieb­ling ist einstweilen mit heilen Gliedern unten. Sie hat dort oben bitte, sieh dorthin auf der obersten Galerie ein Luftbad genommen. Wenn es etwas hülfe, möchte es geraten sein, daß du ihr in Zukunft dergleichen untersagtest." Erna ordnete dabei mit geschickter Hand die verdrehte Mantille und legte sie behutsam um der .Mutter bebende Schultern.

Die Kommerzienrätin eilte mit ausgebreiteten Annen auf Sylvia zu.

Sylvia, mein geliebtes Kind, was war das? Was tatest du? Warst du in Gefahr?"

Sylvia hing an der Mutter Hals.

Da bin ich ja, heil und gesund, was wollt ihr denn eigent­lich? Es ist ja nichts; wie konntest du dich nur so ausregen, mein Mütterchen!"

Sylvia, Herr Grudinsky wartet seit einer guten halben Stunde mindestens!" rief Erna in mahnenden: Ton dazwischen. Er hat sich in Roderichs Opernpartitur vertieft, sonst wäre er längst gegangen."

Sylvia gähnte imb dehnte sich.Ach, Herr Grudinsky, heu hatte ich ganz vergessen!" erklärte sie.

Die Stunden sind sehr teuer, Sylvia, du weißt, wie schwer Papa sich zu der Ausgabe beguernte, laß ihn nicht merken, daß du der Sache schvn wieder überdrüssig bist", meinte Erna.

Was sagtest du, er beschäftige sich mit meiner Opern­partitur?" rief Roderich aufbrausend dazwischen.Wer hat ihm Erlaubnis gegeben, die anzurühren?"

Erna zuckte die Achseln.Er stiehlt dir nichts daraus", bemerkte sie mit einem deutlichen Anflug von Ironie.

Roderich eilte zornig ins Hans und Sylvia folgte ihm.

Ich denke, es ist jetzt schön hier draußen", sagte Erna, zur Mutter gewendet,ich will dir Kissen und Schal holen, die Lust wird dir gut tun."

Danke, Kind, danke aber sage einmal, Sylvia wird doch jetzt ihre Singstunde nicht nehmen können, das Kind ist ja auf­geregt von der eben erlebten Szene?"

Aufgeregt? Wodurch? Sie ist zu ihrem Vergnügen auf den Turm gestiegen und mit heilen Gliedern heruntergekommen. Sie hat durch ihre Torheiten nur uns wieder in Auftegung ver­setzt."

Hm dir scheint die Gefahr, in der sie geschwebt hat, keine Aufregung verursacht zu haben", bemerkte die Mama in gereiztem Ton.Sylvia ist ein besonderes Wesen, ihr beiden versteht euch nie."

Dergleichen unverständige Dinge verstehe ich nicht, da hast du recht, Mama".

Guten abend", sagte eine markige Stimme dicht neben ihnen.

Die Kommerzienrätin fuhr zusammen.

Heinrich, wie du uns wieder erschreckst!" rief sie mit klagender Stimme.

Der stämmige alte Herr, welcher aus dem Gartensalon auf die Veranda trat, mit dem behäbigen, jovialen Gesicht, pustete. Er sah rot und erhitzt aus, denn er hatte den Weg von der Stadt heraus zu Fuß gemacht, sein Arzt riet ihm viel Bewegung.

Wenn dein Ehegatte dir guten abend bietet, erschrickst du, Rieke", sagte er vorwurfsvoll.

Wir sprachen von Sylvia", bemerkte seine Gattin.

Das brauchst du mir nicht erst zu sagen, Fran. Sylvia b'ichäftigt deine Gedanken zu aller Zeit."

Die Komurerzienrätin wandte sich gekränkt ab, erzählte aber doch in einem künstlich ruhigen Ton, wie es eben nahe daran

gewesen sei, daß Sylvia ein Unglück zugestoßen wäre.Das Kind wird sichtlich von Engeln gehütet", setzte sie hinzu.

Auf den Zügen des Hausherrn malte sich ingrimmige Ent-? rüstung.

Was, Engel hin, Engel her, das ist ja ganz verrückter Un­sinn, sie soll solche alberne Tinge hübsch unterlassen, aber ich habe es immer gesagt, mit dem Mädel haben wir noch unsere Not, sie sie"

Er wandte sich jählings und ging mit wuchtigen Schritten quer durch beit Salon in sein daranstoßendes Gemach und be­hielt seine weiteren Gedanken einstweilen für sich.

Erna und die Mutter blieben allein aus der Veranda. Sylvia nahm ihre Singstunde nicht mehr. Sie stand mit ihrem rei­zendsten Lächeln aus den Lippen vor Herrn Grudinsky und ent­schuldigte sich. Wer hätte ihr da zürnen können! Herr Gru­dinsky jedenfalls nicht. Er berechnete sich die Stunde natürlich zu dem vereinbarten Preise, denn seine Zeit war ihm Geld, unterdessen hatte er sich ganz gut damit unterhalten, dieses Dilettantenmachwerk, welches da vor ihm gelegen, durchzublättern. Herr Roderich Walldorf, der einzige Sohn des reichen Kommerzien­rats, war nicht, wie sein Vater, ein Börsengenie, dünkte sich dagegen ein Kunstgenie. Er komponierte Opern und schrieb Dramen, er verkehrte nur mit Künstlern, Literaten, Musikern und konnte sich das ja leisten, wie einige überlegen Lächelnde meinten, als Sohn des Millionärs.

Herr Grudinsky hatte einige Partien probiert und auch über­legen gelächelt.Ha, Schumann, Schubert, Wagner ein recht hübsches Gemengsel, wird Furore machen, das Ding. Auch eine Ballade mit selbstgedichtetenr Text, großartig ha, ha!"

In dem Moment war Sylvia eingetreten, und bald dar­nach auch Roderich, der sich seines Rudcrkostüms inmittelst entledigt hatte. Herr Grudinsky entschuldigte sich jetzt ob seiner Indiskretion die Partitur habe osfen dagelcgeu ihn na­türlich aufs mächtigste interessiert prächtige Stellen darin Ersolg sicher, so weit es ihm fmieine und Roderich saß bald ohne eine einzige Unmutsfalte ans seiner Stirn neben dem Musiker, in eingehende Besprechung seines Werkes vertieft.

Sylvia störte im Augenblick, durch sie wurde Herrn Gru- dinskys Aufmerksamkeit abgelenkt, er sühlte sich verpflichtet, einige verbindliche Worte an sie zu richten, und jetzt erhob er sich und sah zu seinem Schrecken, daß seine Zeit abgelaufen sei.

Es war schade, daß ich ihn nicht allein hatte", sagte Ro­derich zu Sylvia, als er gegangen,der Grudinsky ist doch ein ganz tüchtiger Musiker, er war sehr erbaut von der Ballade."

Die Ballade ist großartig", erklärte Sylvia mit der Sicher­heit eines erprobten Kunstkritikers, worauf Roderich vorschlug, daß sie sie noch einmal dnrchprobierten. Sylvia war sofort bereit dazu.

Unterdessen saßen die Mutter und Erna zietnlich schweigsam draußen aus der Veranda. Erna arbeitete a>: einer feinen Stickerei und die Mama lehnte müßig in ihrem Lehnstuhl mit int Schoß gesafteten Händen. Es war ein wundervoller Sommerabend. Unten auf dem Elbstrom glitten die Dampfschiffe hin und her, voll befrachtet mit Ausslüglern in die schöne Umgebung des lieb­lichen Elbslorenz. Der dicke Turm der Frauenkirche blickte, in blauen Dunst gehüllt, hinter den Brücken herüber, in den Fuß- pfaden auf dem grünen Wiesenvorland wimmelte cs von Spazier­gängern.

Erna schaute zuweilen von ihrer Arbeit auf und hinab auf das bunte Bild, spähend, als ob sie jeutand erwarte. Die Mutter lwrchte dem Spiel und Gesang, die aus dem Musik­zimmer tönten, wo die Fensterflügel geöffnet waren. Roderich begleitete, Sylvia sang. Ihre Stimme lvar frisch und klang- voll, aber ganz ungeschult. In Pausen und Absätzen wurden die Partien wiederholt, Roderich markierte ungeduldig einige Töne. Mein Gott, Sylvia, crescendo, crescendo! Dieses gefühllose Einerlei ist ja entsetzlich, Ha, was ist es für eine Qual, wenn die Gewalt dieser Tonsprache in jedem Nerv zuckt, wenn die Großartigkeit des Geschaffenen die ganze Seele füllt und man abhängig bleibt von dem, der cs zum Ausdruck bringen soll!" Roderichs Stimme klang heftig, leidenschaftlich, klagend.

Roderich ist doch zu schwer zu befriedigen", bemerkte d:e Kommerzienrätin draußen,Sylvia singt die Ballade reizend, aber er hört mit seinen Ohren eben Ueberirdisches".

In Ernas ausdrucksvollen Zügen zuckte es wie Spott.

(Fortsetzung folgt.)

Km MKsschauspieL aus KSeryessen.

Mit dem Namen Volksstück oder Volksschauspiel will man ausdrücken, daß der darin behandelte Stoff dem Volks-