Ilrettag den 32. Matz
1807
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DeM IrrlichL nach.
Roman von Alexander Römer.
Nachdruck verboten.
1. Kapitel.
„Mama, weißt du, wo Sylvia ist?"
Ein junges, schlankes Mädchen öffnete die Tür und rief die Frage herein. Drinnen war es beinahe dunkel, noch kein Fenster geöffnet worden an dem herrlichen Sommerabend. Die schweren Damastgardinen mit den Spitzenvorhängen dahinter sperrten alles Licht aus.
Die Mama lag auf der Chaiselongue in losenl Gewände von himmelblauem Stoff mit weiten, offenen Aermeln, die den Boden streiften, und las.
Erna trat ein. Sie faßte einen der Vorhänge mit energischem Griff und zog ihn zurück.
„Ich darf ein Fenster öffnen, nicht wahr?" sagte sie. „Es ist hier eine erstickende Lust, und du kannst sicher nicht mehr zum Lesen sehen."
Die Dame breitete schützend die Hand über die Augen, als das goldige Sonnenlicht in das elegant eingerichtete Gemach flutete.
„Ha, wie grell, wie blendet das!" sagte sie verdrießlich. „Erna, du bist gerade wie der Papa, so derb, so rücksichtslos in all deinem Tun."
Erna stand am Fenster, wo sie auch die Spitzenjalousien lüstete, und spähte hinaus in den wohlgepflegten Blumengarten, der sich in Terrassen bis zur Elbe hinabzog. Der Laubengang unten und die steinerne Mauer jenseits desselben trennte ihn von der Fahrstraße, die am Flußufer entlang führte.
Erna war eine einfache, aber sehr angenehme Erscheinung, ihre Augen blickten etwas nüchtern, aber hell und klar in die Welt, sie trug ihr volles blondes Haar schlicht gescheitelt und in einer mächtigen Flechtenkrone um den Kopf gelegt, ihr Teint war von köstlicher Frische und Reinheit, in ihren Mienen drückte sich ruhige Verständigkeit aus. Wenn die Mutter sie eben derb schalt, so war das Wort nicht richtig gewählt. Ernas Bewegungen waren rasch und energisch, aber sie entbehrten nicht der Annuit.
„Sei nicht böse, Mama", sagte sie jetzt, sich freundlich um- wendend, „es war hier wirklich sehr schwüle Luft. Ich kam übrigens, um dich zu stagen, ob du weißt, wo Sylvia sich be- findet."
„Sylvia? Nein — sie war hier bei mir vor einer Stunde etwa — aber — was willst du von ihr? Weshalb suchst du sic?"
„Weil Herr Grudinsky, ihr Gesanglehrer, schon seit einer Viertelstunde auf sie wartet."
Die Kommerzienrätin seufzte. „Läßt sie wieder warten?" Meinte sie. „Ja, das liebe Kind kann sich nun einmal an keinerlei Zwang gewöhnen, alle genialen Naturen sind so, sie wird die Stunde vergessen haben."
„Sagen wir nur einfach, Sylvia kann sich an keinerlei Ordnung gewöhnen, Mama", entgegnete Erna trocken. „Uebrigens, wo mag sie nur fein? Ansgegangeil ist sie nicht, ihr Hut und ihre Handschuhe liegen auf ihrem Zimmer, im Garten suchte ich sic vergebens' ich glaube bestimmt, sie fei bei dir."
Die Kommerzienrätin hatte fisch langsam erhoben. Sie wär eine zarte, schmächtige Frau mit welkem, verblühtem Gesicht. Die Züge waren fein, aber unbedeutend, die in wässerigem Glanz schimmernden Augen hatten einen schmachtenden Ausdruck, sie richtete sie meist nach oben, als suche sic dort die Schätze, die sie auf der Erde nicht gefunden. Sicher war sie hübsch gewesen ist der Jugend, aber eine von den zarten Schönheiten, welche rasch verblühen.
„Mein Gott, ihr wird doch nichts zugestoßen sein — das Kind ist so impulsiv! Hast du Roderich gefragt?" rief sie jetzt in ängstlichem Ton.
„Roderich ist nicht zu Hause." Erna schickte sich au, das Zimmer wieder zu verlassen und ihre Nachforschungen nach der Verlorenen fortzusetzen, als sie hastige Schritte draußen auf dem Altan hörte. Sie öffnete eine hinter den schweren Vorhängen verborgene Tür, welche hinausführte und rief: „Roderich, Roderich !"
Der Angeruseue, ein kräftig gebauter junger Mann, der, von einer Bootfahrt heim kehrend, in englischer Rudertracht, rot gestreiftem Wollanzug, der den Nacken und einen Teil der muskulösen Arme frei ließ, eine breite farbige Schärpe um die Hüften gegürtet, langsam die Stufen emporstieg, blickte mit hochmütigem, blasiertem Ausdruck auf. „Hast du Sylvia gesehen?" rief auch ihm die Schwester zu.
„N—n—nein — ist sie verloren gegangen?" entgegnete er lässig, gedehnt, wandte sich aber doch um und blickte, die Augen mit der Hand beschattend, die Terrassengästge des Gartens hinunter. Dann ließ er einen hellen Pfiff ertönen, es klang wie der Schlag einer Wachtel, und in der nächsten Minute antwortete ihm ein ähnlicher Ton von oben, aus der Höhe über ihm. „Ha, ha, ha! Uu sitzt sie — auf der höchsten Galerie des Turmes. Sylvia! Um Gottes willen — bist du toll — du bist ja ist Gefahr, herabzustürzen!" Roderich sah erst lachend, daun bestürzt nach oben, und Cumas Blicke folgten den seinen. Sie schlug die Hände zusammen und schüttelte den Kopf, auch aus ihren Zügen malte sich Erschrecken.
Sylvia stand, von der Glut der rmtergehenden Sonne beleuchtet, die ihr eine Aureole von goldigen Strahlen um das Haupt wob, oben, wo an dem Turm, der die rechte Seite des Landhauses zierte, eine schmale Galerie mit sehr niedriger Balustrade entlang lief. Sie winkte jetzt und beugte den zierlichen Oberkörper so weit abwärts, daß mau den Atem anhielt vor Angst bei dem Anblick.
„Sie hat doch ganz wahnsinnige Einfälle", Jagte Erna vor sich hin, als sie, aufatmend, gewahrte, daß Sylvia zurückgetreten war und sich anschickte, herunterzukommen.
Roderich war in das Haus geeilt, er brummte auch allerlei von „albernen Geschichten" und „Todesschrecken" in den Bart, sprang aber, immer drei Stufen auf einmal nehmend, der kleinen Waghalsigen die Treppe hinauf entgegen, um sie auf der obersten in seinen Armen aufzufangen. „Für die Zukunft unterläßt du solche Narrenspossen", sagte er streng, als sie lachend sich auf ihn stützte. „Diese oberste Galerie ist nur zum Zierat und kaum für menschliche Füße zu betreten, wenigstens nur für ganz schwindelfreie."


