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gelte Ferghanagebiet, am Mittellauf des Syr Darja, gemacht. Gleich «ach der Eroberung hat General Kausfmann die Kultur der langfaserigen, amerikanischen Baumwolle in die Wege geleitet, und es sind damit solche Erfolge erzielt worden, daß Rußland allen Ernstes daran denken kann, sich durch den Ertrag dieses Gebiets in seinem Bedarf an Baurnwolle unabhängig vom Auslande LU stellen. In zwölfstündiger Fahrt bringt die Eisenbahn den Reisenden nach der altberühmten Stadt Dschengis-Chans und Timurs, Samarkand. Durch ausgedehnte Bewässerung mit Hülfe des Serasschan ist die Stadt in einen blühenden Obstgarten umgewandelt worden. Prachtvolle alte Bauten aus Timurs Zeiten, sowie das phantastisch bewegte Bild orientalischen Lebens in einer, selten anzutrefsenden Unberührtheit und Ungeniertheit lassen die Stadt dem Fremdling wie ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht" erscheinen. Als alte Pflegestätte orientalischer Gelehrsamkeit ist Samarkand jetzt noch der Sitz von vier Kollegien, aus denen der Priesterstand, die Mullahs, hervorgeht. Heulende Derwische, die man aus den Straßen sieht, stehen etwa auf der Stufe von Bettelmönchen. Von alten Gebäuden ist 'besonders das Grab Timurs, ein mit Fahencemosaik geschmückter Kuppelbau, berühmt.
Samarkand wird vom Emir von Buchara während des Sommers bewohnt, während ihm seine Hauptstadt Buchara infolge russischer Bevorrnundung verleitet worden ist. Rußland unterhält in Buchara zwar nur eine „Gesandtschaft", die aber jederzeit in ein Gouvernement umgewandelt werden könnte, ohne damit die jetzt herrschende Lage im geringsten zu ändern. Es scheut nur die Höhe d.er entstehenden Berwaltungskosten, um das Emirat endgültig seinem Reiche einzuverleiben. Buchara hat nicht nur Getreide als Ausfuhrartikel, sondern exportiert auch Pferde, Rinder, Kamele und besonders das eigenartige Fettschwanzschaf.
Die Bahn bewegt sich nun längs der persischen Grenze am Nordabfall des iranischen Hochlandes entlang, der wie ein hohes Gebirge erscheint, durch die nur von wenigen Oasen unterbrochene transkaspische Steppe zum kaspifchen Meere. Ursprünglich den besten Hafen, Krasnowodsk, anlaufend, endigt sie nun auf der Insel Ilsun-Ada. Die Bewohner dieser Steppe, die Turkmenen, fallen durch ihren schlanken Wuchs angenehm ins Auge, ein Eindruck, der noch durch die übliche hohe Lammfellmütze verstärkt wird.
Prachtvolle farbige Lichtbilder illustrierten den Vortrag in vortrefflicher Weise.
Silvester im Hngadin.
(Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bk.").
Grauer Himmel und unendlicher Schmutz den ganzen November «und den grüßten Teil des Dezembers hindurch wecken begreiflicherweise die sich immer mehr steigernde Sehnsucht nach Sonne und Licht. Ern klarer Tag, den uns das Weihnachtsfest beschert nmd den Jo fort unfreundliches Schneegestöber ablöst, ist nur geeignet, dieses Berlangen noch zu vermehren. Rasch also den Koffer gepackt und, nachdem man noch den Reiz des heimatlichen Weihnachtsbaumes genossen, aus nach dem Hochgebirge!
Zürich wird spät abends mit der üblichen Feiertagsverspätung erreicht und dort wird Nachtquartier genommen. Am folgenden Morgen bedecken enorme Schneemassen die Straßen. Es ist trüb und kalt. Die Fahrt längs der Südseite des Sees geht durch dichten Nebel und nur da, wo die. Bahnlinie unmittelbar! am User herführt,, sieht man, wie die dampfenden und wallenden Nebel dem Wasser entsteigen. Nach etwa einer Stunde siegt allmählich die Sonne. Das gegenüberliegende Seeuser wird hier und da in seinem strahlenden Schneekleide sichtbar und als der Zug den lieblichen Walensee erreicht hat, sind die Nebel verjagt und klarer blauer Himmel wölbt sich über den weißglänzenden Bergriesen, die das lange schmale Seebecken umschließen. Durch das von Sargans ab ziemlich weite Rheintal wird Chur um die Mittagszeit erreicht, und hier beginnt die schmalspurige rhätischc Bahn, die über Reichenau, dem Vereinigungspunkt des Borderund Hinterrheins, in dem engen Tal des wildflutenden Hinterrheins nach Thusis führt und dann dem Laus der brausenden Albula folgt.
Seit Eröffnung der Albula-Bahn vor wenigen Jahren fährt der Postschlitten nicht mehr auf der alten, ins Engadin führenden Paßstraße. Der Vahnbau ist einer der kühnsten der Schweiz. Langsam arbeitet sich die mit dem Schneepflug bewehrte Maschine in die Höhe, oft überschreitet sie den Fluß auf schwindelnder Brücke, oder verschwindet in einem der zahlreichen Tunnel, deren etwa 40 in der Zeit von vier Stundest durchfahren werden. An den engsten und steilsten Stellen des Tales wird die Steigung durch eine Reihe von Kehr-Tunnel gewonnen. Uns neu ist die Eigentümlichkeit, daß die Tunneleingänge durch große Vorhänge verschlossen sind, die beim Herannahen des Zuges zurückgezogen werden. Der Zweck dieser Einrichtung ist, große Eisbildungen an diesen Stellen zu vermeiden.
Nach dem Verlassen des großen, säst 6000 Meter langen Albula-Tunnels, in dem die Bahn den höchsten Punkt überschritten hat, wird bald Samaden und damit die Talsohle des 1800 Meter hohen Engadins erreicht. Wenige Minuten später
läuft der Zug an dem lieblichen Celerina vorbei und daun, nach einem letzten Tunnel, in den Bahnhof von St. Moritz ein.
Die Sonne ist schon ziemlich tief gesunken und wird bald hinter den westlichen Bergriesen verschwinden. Noch überflutet sie den tiefblauen Himmel, die weite, aus dem See ausgebreitete Schneefläche und die Hänge der gewaltigen Berge mit lichtem Glanz. Bald weicht das blendende Weiß einem zarten Rot, das immer tiefere, sattere Töne annimnit, um schließlich in ein lvarines Violett oder tiefes leuchtendes Blau überzugehen, während vom Tal ans bereits die Schatten an den Hängen in die Höhe eilen, die endlich auch am höchsten Kamm den letzten Sounenreflcx verjagen, und nun liegt ein bleiches kaltes Licht auf der ganzen Gegend. Kurz darauf erscheint der Vollmond im Osten und an Stelle des kalten Lichtes tritt ein helles Glitzern. Das Spiel der Farben auf den zackigen Riefen macht einen überwältigenden Eindruck.
St. Moritz ist von Fremden überfüllt; vorzugsweise sind es Deutsche ptbtb Engländer, die die Freude des Wintersports hier genießen wollen. Alles dreht sich um den Sport, der große Manigfaltigke.it bietet.
Fast. jedes der größeren Hotels hat seine eigene künstliche Schlittschuhbahn. Sie ist aufs sorgfältigste gepflegt, wird jeden Morgen mit einem Schabeisen geglättet und mehrmals anr Tag mit Besen gefegt. Etlvaige Risse im Eis werden abends mit Hülfe von Schöpflöffeln ausgegossen oder die ^auze Fläche wird frisch überschwemmt. Außerdem stehen große Eisbahnen auf dem St. Moritzer See zur Verfügung. Eine erhebliche Anzahl hervorragender Kunstläufer und Kunstläuferinnen lockt stets Zuschauer an.
Ein ausschließlich von Engländern betriebener Eissport ist das Curling und das Bandy-Spiel. Ersteres ist ein ruhiges Spiel, das meist von älteren Herren gespielt wird, die sich zu einem Klub zusammengetan haben, in dem wohl auch um Geld gespielt werden mag. In dem eigens für dieses Spiel reservierten und gepflegten Eisring sind um einen Kegel MS Mittelpunkt konzentrische Kreise gezogen. Ausgabe des Spiels ist es, schwere runde, mit Griffen versehene Marmorsteine, die in ihrem Aussehen lebhaft an Wärmeflaschen erinnern, so zu werfen, daß sie über die Eisbahn gleitend innerhalb der Ringe zum Stillstand kommen. Die Spieler sind sämtlich mit Kehrbesen ausgerüstet, mit denen sie eifrig vor etwa zu schwach geworfenen Steinen herfegen, um eine Gleitbahn mit möglichst geringer Reibung zu schaffen.
Das Bandy-Spiel wird auf Schlittschuhen gespielt und erfordert sehr flinke und gewandte Läufer. Die Spieler teilen sich in zwei durch farbige Schärpen kenntliche Parteien von je 8 bis 15 Personen und sind mit einem am Ende abgebogenen Swck ausgerüstet, mit den» ein schwarzer Ball von der Größe eines Tennisballes über die große Eisfläche geschlagen wird. An beiden Enden der Bahn steht ein kleines, auf einer Seite offenes Hüttchen als Ziel, und die Aufgabe der Parteien ist es, mit den Stöcken den Ball auf dem Eis hin ins Ziel des Gegners zu jagen. Es gilt also mit großer Gewandtheit und Schnelligkeit den über das Eis fliegenden Ball auszuhalten und durch die Reihen der Gegner dem Ziele der feindlichen Partei zuzujagen. Das Spiel wird mit einem Eifer und Ernst betrieben, als hinge davon das Wohl und Wehe des großen britannischen Reiches ad.
Ebenso zahlreich wie die aus der glatten Eisbahn sich ab- spielenden Vergnügungen sind die auf der Schnees lache sich entfaltenden. Groß und Klein rodelt auf kleinen Schlittchen. Für Kinder und Ungeübte sind leichte und bequeme Bahnen geschaffen. Geübte Rodler benutzen aber die mehrere Kilometer langen, stellen und an schwer zu nehmenden Kurven reichen Schlittelbahnen, ans denen die flachen, mit 1, 2 oder 3 Personell besetzten Schlitten hinuntersaufen. Viele, Männer wie Frauen, fahren ^auf dem Bauch liegend, ben Kopf voran, mit einer unheimlichen Schnelligkeit zu Tal; dabei haben sie meift an den Fußspitzen einen mehr- zinkigen eisernen Kamm angeschnallt, mit dem gesteuert und im Notfälle gebremst wird. An den scharfen Kurven der Bahn müssen die äußeren Seitenwande hoch aufgeschauselt sein, da die schlitten wohl fast bis zu 2 Meter an ihnen in die Höhe fliegen.
Besondere, zu anderen Zwecken nicht benutzte Bahnen werden mit großer Mühe und großem Zeitaufwand für die^ sogenannten Bobsleighs' gebaut. Diese fiito ganz niedere lange Schlitten, auf denen 4 bis 6 Personen, dicht hintereinander sitzend, Platz finden. Der gewandteste Fahrer sitzt an der Spitze und führt die Steuervorrichtung des Fahrzeuges, ein anderer, am Ettde, hat dle Bremse in der Hand. Zwischen beiden sitzen fröhliche Gruppen von Männern und Mädchen, und die mehrere Kilometer lange, steile und an Kurveli reiche Bahn wird mit Schnellzugsgeschwindig- ieit durchfahren. .
Am heitersten ist wohl das Treiben an den sanften Berghängen, an denen der Skilauf geübt wird. Für den aus der Tiefebene und der Stadt Kommenden ist es verlockend, einmal einen Versuch zu wagen unfr, da der Ungeübte ebenso leicht wie sanft in dem weichen Schnee zu Falle kommt, so fehlt es nicht an belustigenden ©selten. Zumal der Versuch der Gestürzten, sich mit dem langen Ski aus dem tiefen Schnee wieder herauszuarbeiten und auf die Beine zu stellen, ist von einer herz er freiten- den Komik. Daneben kann man indesselt auch die Kunst ge-.


