AreiLag de» 22. Aeömar
1907
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Menschenleöen, die Lügen.
Novum von H. Ehrhardt, Verfasserin von „Diittellose Mädchen"
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Daß Schmieder Hauptmann geworden und gleich in den Generalstab versetzt wurde, wissen Sie natürlich!" meinte die kleine Frau ein wenig neidisch, ,cher bringt's noch zu was, so ein kolossaler Streber wie der ist. Ob er wohl in Berlin eine Frau finden wird, die sein Herz und seinen Ehrgeiz zugleich, besriedigt?"
Der Rittmeister lachte leise auf.
„Da kennen Sie den Schnrieder schlecht, der heiratet im Leben nur, wenn's mal seine Karriere unbedingt erfordert. Sonst hangt sich kein Mann, der strebt, an eine Frau."
„Sehr liebenswürdig!" meinte Frau von Klast gereizt und kauerte sich im Sessel zusammen, wie ein zum Sprung bereites Kätzchen, „es gibt doch auch Frauen, die den Ehrgeiz ihrer Männer anfachen, anstatt ihn zu hemmen, wie Sie zu denken scheinem"
„Trösten Sie sich, gnädigste Frau!" kam Tressenberg ihr zu Hülfe, „das ist es nicht. Streber sind immer große Egoisten, an denen keine Frau etwas verliert. Ein ehrgeiziger ManU aber braucht noch lange kein Streber zu sein, der rücksichtslos alles zu Boden tritt, was sich ihm in den Weg stellt, er kann und muß streben und ich denke, gerade eine liebende Frau kann ihn nur dazu anspornen."
Der Rittmeister kniff ein Auge zu und zog ein spöttisches Gesicht.
„Raspeln Sie nur nicht Süßholz, Baron, dann bin rch verloren, damit kann ich nicht konkurrieren, höchstens Graf Delow müßte mir Helsen."
Der schöne Offizier wirbelte unternehmend das dunkle Bärtchen empor.
„Immer los!" meinte er nachlässig und heftete einen vorwurfsvollen Blick auf die schöne Frau an seiner Seite, die chn so auffallend schlecht behandelte.
Hanna machte ein ganz entsetztes Gesicht.
„Um Gottes willen, fangen Sie nicht an, Graf. Auch noch auf Kommando! Man verdirbt sich ohnehin schon den Magen an all den Süßigkeiten."
Alle lachten über ihre naive Offenherzigkeit, nur der Graf spielte den Gekränkten. Er klemmte sein Monokel ins Auge Und begann eine der flachshaarigen Oberstentöchter zu fixieren.
Dann war die Zeit zum allgemeinen Ausbruch gekommen. Ein seltsames Empfinden hatte sich Joachims bemächtigt. Es drängte ihn mit magischer Gewalt zu der geliebten Frau, und doch atmete er jedesmal befreit auf, wenn eine dritte Person sich störend zwischen ihn und sie schob und ein verständigendes Wort vereitelte. Ihre leidenschaftlichen, fragenden Augen rüttelten an seiner Standhaftigkeit. Er hatte die alte Angst vor dem Unterliegen. Beinah schien es, als solle er wirklich gehen, ohne ihr ein Zeichen seiner unveränderten Gesinnung gegeben zu haben, als Hanna rasch auf ihn zutrrt.
„Ich habe eine Bitte an Sie, Baron!" sagte sie ganz laut, „Ihre Schwester--", sie war nun dicht neben ihm und fuhr,
mit gedämpfter Stimme, fort: „Gar keine Sehnsucht nach mir?"
Auch er hatte sein Gesicht völlig in der Gewalt, so ruhig höflich wie sie blieb er, als er erwiderte:
„Sehr, ich zähle die Stunden, bis ich ungestört mit dir sprechen kann."
„Bei dir?"
„Nein!" sagte er fast rauh, „fonim noch nicht, es geht jetzt nicht
Sie musterte ihn betroffen, aber Zeit zu näherer Erklärung gab es nicht.
„An dem ersten schönen Tage werde ich ausreiten, und dich bitten lassen, mich zu begleiten." Und laut setzte sie hinzu! „Vielen Dank, Baron, aber verraten Sie mich nicht."
Er verbeugte sich mit dem Schimmer eines Lächelns auf dem ernsten Gesicht.
,-,Jch werde schweigen, gnädige Frau."
Abends sagte Hanna ihrem Mann, daß sie beabsichtige, in nächster Zeit einmal nach Loßwitz zu fahren, weil Marga auf keinen ihrer Briefe mehr antwortete und sie sich selbst überzeugen wolle, was das eigentlich bedeute.
„Ich habe Tressenberg vorhin gefragt, ob ich es wagen dürfte, und er meinte, sie würde sich gewiß sehr freuen. Sie sei wohl noch immer nicht völlig erholt und deshalb so schreibfaul. Ich darf doch fahren, Schatz?"
„Aber gewiß, Frauchen! Folge nur deiuem guten Herzen!"
IX.
Hanna Gerhardt war wirklich ein Schoßkind des Glücks. Sobald sie etwas dringend wünschte, räumte das Schicksal ihr selbst alle Hindernisse aus dem Wege und es karn so, wie sie sich's gedacht hatte. Auch der geplante Ausritt mit Tressenberg, der gar nicht so leicht zu veranstalten gewesen, kam zustande.
Am ersten schönen Tage, der ohnehin fiinf Tage hatte auf sich warten' lassen, mußte der Landrat zu einem Termin über Land, von dem er erst gegen halb fünf Uhr zurück sein konnte, und er redete selber seiner Frau aufs dringlichste zu, den herrlichen Oktobertag noch zu einem Ritt ins Freie zu benutzen.
Hanna heuchelte zuerst große Unlust, ließ aber endlich doch zu, daß ihr Mann den Diener beauftragte, zu Rittmeister von Klast, zu Eppen und zum Grafen Delow zu gehen, ob sie gnädige Frau begleiten wollten. Als er zurückkehrte nahm Hamm sehr ruhig, doch innerlich zitternd, seine Meldung entgegen:
„Die Herrschaften sind vor einer Stunde sämtlich nach Schloß Wroschen gefahren, um dort den Tag über zu bleiben."
„Das ist wirklich ärgerlich!" meinte der Landrat nachdenklich, ,choch halt, Franz, gehen Sie doch zum Herrn Baron Tressenberg --"
Hanna wollte auffahren, aber der diensteifrige Franz war bereits strahlend verschwunden.
„Ich konnte ebensogut zu Hause bleiben!" schmollte sie, „ho, nun ist's vorbei. Vielleicht sagt er auch ab!"


