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entspricht — niemals desinfiziert werden. Die Möglichkeit einer Uebertragung von Tuberkulose, Syphilis und anderen ansteckenden Krankheiten ist dabei nicht von der Hand zu weisen — ganz abgesehen von der Unappetitlichkeit dieser Unsitte. Dr. Saalfeld empfiehlt, dem Uebelstande durch Aufklärung des Publikums und durch entsprechende Plakate in den Zigarrenläden abzuhelfen. Es versteht sich, daß die gerügte Unsitte auch in kleinem Kreise bei gemeinschaftlich benutztem Zigarrenabschneider vermieden werden sott.
Mrrsik.
— Johann Sebastian Bach, dem großen Thomas- kantor, ist das neueste Heft der „Musik für Alle" geweiht. In die Weihnachtsstimmung führt uns zunächst das gerstüche Schlummerlied aus dem Weihnachtsoratorium. Einen starken Gegensatz zu dieser Arie bildet der kraftvolle Chorsatz aus der Kantate: „Bringet dem Herrn Ehre seines Namens". Wir können uns ferner in zwei herrlichen Stücken aus der H-moll-Messe, vielleicht das bedeutendste Werk des Schöpfers, erbauen. Der tiefe Schmerz des „Jncarnatus" und die Klagen des „Cruxifixus" ist wohl nie in stärkerer Ueberzeugung gesungen worden. Zwei geistliche und zwei weltliche Lieder geben uns Beweis, wie groß Bach auch auf diesem Gebiet war. Wohl am bekanntesten find die beiden Kompositionen, das „erste Präludium" des „wohltemperierten Klaviers", die Unterlage zu der Meditation von Gounod und das Air für Violine und Klavier. In einem fast modern zu ueuneuden Humor zeigt sich der Meister in feinen Tanzen, von denen vier der graziösesten, charakteristischsten znm Abdruck gelangt sind. Den Abschluß des Heftes bilden drei Stücke aus einer der lustigsten Kantate: „Mer Hahn en neue Oberkeet", die zum Empfang irgend eines neuen ländlichen Vorgesetzten geschrieben tvnrde. Das Heft der „Musik für Alle" ist durch jede Buch- und Musikalienhandlung zu beziehen. (Verlag lut» stein u. Co., Berlin SW. 68.)
Weihrrachtsliteratur.
— Oskar Wilde, Werke in deutscher Sprache. Wien und Leipzig. Wiener Verlag. 12 Bände. — Der erste Baud enthält die Gedichte in der Uebersetzung von Otto Ganser, der zweite das „Bildnis des Dorian Gray", deutsch von W. Fred, der dritte deu „Glücklichen Prinzen" mit vier anderen Parabeln, die Gedichte in Prosa, „Die geheimnisvolle Sphinx", den „Geist von Canterville" und „Modell und Millionär", deutsch von R. Lothar, der vierte „Ein Haus aus Aepselu der Granate", „Das Bild des Herrn W. G." und „Lord Arthur Savills Verbrechen", deutsch von Frieda Uhl, der fünfte „Betrachtungen" (Vorlesung über englische Renaissance, Anfänge der historischen Praktik, Kinder im Gefängnis, Rosenblatt und Apfelblatt, Sätze und Lehren znm Gebrauch für die Jugend, Die Seele des Menschen und der Sozialismus), deutsch von verschiedenen, der sechste „Ziele", deutsch von Paul Wertheimer (Wahrheit der Masken, Kritiker als Künstler, Verfall des Lügens, Feder, Pinsel und Gift). Mit dem 7. Bande beginnen die Dramen. Sie leitet ein dramaturgischer Essay von F. P. Greve vorbereitend ein. Es folgt das in Deutschland bisher noch ganz unbekannte Drama „Vera oder die Nihilisten". Baud 8 bringt die viel umstrittene „Salome", übersetzt von Frieda Uhl, und die Tragödie. „Die Herzogin von Padua", übersetzt von dem Gießener M a x M e y e r- f e l d; Band 9 die Schauspiele „Lady Windermeres Fächer" und „Eine Frau ohne Bedeutung"; Band 10 den auch in Gießen wiederholt gegebenen geistreichen „IdealenGatten" und die Komödie „Vunbury". Die beiden letzten Bände enthalten bie mit vielen Illustrativ mm geschmückte, von hinreißender Liebe zum Dichter diktierte Biographie Wildes von R. H. Sherard. Jeder Baud ist auch einzeln znm Preise von 2 Mark käuflich. Tie Inhaltsangabe zeigt, daß die Ausgabe ausgenommen hat, was bis auf „De Profundis" aufzunehmen war (die „Ballade vom Zuchthaus zu Reading" steht unter den Gedichten). Tie Gedichte sind wohl vollständig. Bei dem Wetteifer der deutschen Verleger haben tvir keinen Mangel an Uebertragungen einzelner Werk^ Wildes, und es gibt schlechthin klassische darunter. Die Kritik wird aber gern anerkennen, daß die Uebertragungen dieser neuen Gesamt-Ausgabe des Engländers würdig sind, und da auch als Buch betrachtet die Ausgabe recht angenehm wirkt, so wird man sie empfehlen können. Bei der Gesamtbetrachtung dieser zwölf Bände stellt sich heraus, daß man sich in Wilde mit außerordentlichem Vergnügen hineinliest und daß er im Verlaus der. Bände nicht ermüdet, sondern gewinnt. Es gibt Leute, denen Wilde absolut unsympathisch ist und nach ihres Wesens 'Art unsympathisch sein muß, aber es muß auch seinen Freunden unbe- uommen bleiben, in ihm einen der packendsten und glänzendsten Künstler sehen zu dürfen. Es schien in der letzten Zeit, als sei mit dem „Salomerummel", an dem Wilde unschuldig war, auch sein Stern verblichen — jedoch geht von ein paar Seiten, ein paar Sätzen seiner Hand immer noch der alte Zauber aus.
— Ridea m u s, der unter diesem lateinischen Teckworte sich verbergende lachende Berliner Poet, hat „Hugdietrichs Braut fahrt", die bekannte Heldendichtung des 13. Jahrhunderts, sozusagen hypermodernisiert. Seine ebenso betitelte, von der Berliner Verlagsgesellschaft Harmonie mit grotesk komischen Illustrationen reich bedachte „romantische Licbesge- schichte in sieben Gesängen" hat, ivie die mittelalterliche Dichtung, einen hochgeborenen Jüngling zum Helden, der als Mädchen verkleidet an den Hof des Königs Walm-und (im mittelalterlichen Gedichte heißt er Walgunt) zieht und dessen Tochter gewinnt. Diese Travestie ist m natürlich, gleich berühmten Mustern — man denke nur an Blumauers Aeneis — nicht gerade sehr feine Marke. Doch man läßt sich den Ulk lachend oder lächelnd gefallen. Enthüllt sich doch schließlich ein „tieferer" Sinn. Hugdietrichs Liebchen, die Prinzessin Mikl von Thessalonich, hird in ihrem Unschuldshaftturm von entern. Drachen bewacht, der so etwas' ivie die Polizei eines Feudalstaates' versinnbildlicht. Von dem heißt es ziim Schluß:
„Er will das Gute jahrein und jahraus, Und es kommt immer ein Blödsinn heraus.
Tie Hauptsache ist, daß, wenn es endet. Sich alles wieder ziim Guten ivendet. Denn es ist böse und einer tut es. Und es endet gut, so ist cs was Gutes.
Tas ist so etivas wie eine Philosophie des unbewußt ®.tten> eine Philosophie, die nach dem Vorgänge größerer Geister lehrt, daß auch das Böse moralische Werte besitzt, daß allewig ist dm Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Zudem sind die Verse von ausgelassener Munterkeit und keckent Witz und dürften manchem helle Freude machen.
Träumer.
Von Ed. v. d. Becke.
Mein Kind, belächle die Träumer nicht, Tie Träumer mit dem blassen Gesicht, Tie pbseils vom breiten Wege steh'n. Mit Kinderaugen in'§ Leben seh'n. Sie schauen im Dunkel — Sonnenschein, Und Elend und Kummer, Schmerz und Pein Ertragen sie still — und klagen nicht. — Mein Kind, belächle die Träumer nicht!
Goldene Worte.
Es ist nicht der Himmel, der durch seine Höhe die Berge »iedrig macht, sondern die Berge sind es, die durch ihre Höhe die Hohe des Himmels zeigen. .
Der Charakter eines ganzen Volkes tst der treueste Abdruck seiner Gesetze, und also auch der sicherste Richter ihres Wertes oder Unwertes. ‘ Schiller.
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Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte, in ihrem Kreise liegt die ganze moralische Welt. Schuler.
Wer hat über Resormaioren mehr geschrieen als der Haiste der Brotgelehrten ? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen (Umwälzungen) im Reiche des Wisseiis mehr auf, als eben diese l Schiller.
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Die Winkel, die der Körper bei der Verbeugung bildet, sind für Individuen und Völker, für einzelne Unistände und ganze Zeiten gleich bezeichnend. Lichtenberg.
Logogriph.
Tu lustiger Voael im Nadelwald, Nun hab' ich dich endlich geiangen; Ten Kops und deii Fuß reiß' ich ab nut Gewalt, Am Rest bleib' ich klebeii und haiigen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer:
Die Einsendung hübscher Rätsel, von treuen Lesern unserer „Familienblätter" versaßt, an die Redaktion der „Familienblätter" ist sehr erwünscht.
Redaktion: P. W i 11 k o. — Rotationsdruck und Vertag der Brühl 'scheu Universitäts-Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.


