Ar. 189
1907
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WeilmachismärEen.
Von Kur d Laß Witz.*)
Nachdruck verboten.
Vor der künstlichen Grotte inr winterlichen Park stand die junge Tanne. Die Sterne leuchteten durch die stille Luft. Klar hatte sich der Abend herabgesenkt — der Weihnachtsabend.
lieber die beschneite Wiese und den gefrorenen Teich, zwischen den kahlen Aesten der hohen Buchen, strahlten Helle Fenster einzelner .Häuser, und ein undeutlicher Lichtschimmer hinter ihnen verriet die belebte Stadt. Aber verlassen lagen die Wege des Parks.
„Da prangen sie wieder im Festschmuck," murrte die Tanne, „all die grünen Schwestern, die man hereingebracht hat von: Lande, vom rauhen Walde. Mit silbernen Streifen sind sie geschmückt ititb mit funkelnden Kerzen, den Tag des Lichtes zu feiern. Und ich, die ich hier stehe im fürstlichen Park, ich, an der morgen so viele geputzte Menschen vorüberwandeln werden, ich bleibe ungeschmückt und verlassen."
„Gräm dich nicht," tönte es leise in der Luft. „Ich schmücke dich."
„Wer bist du?" fragte die Tanne.
„Fühlst du es nicht an den Spitzen deiner Blätter, wie meine kühle .Hand dich streichelt? Der Ranhreif bin ich. Schon schimmern an deinen Zweigen kleine blitzende Kristalle."
„Aber es sind keine Lichter," sagte die Tanne mürrisch. „Ich will drüben in dem stattlichen .Hause auf der großen Diele stehen, wo die Menschen mich anstaunen und nur huldigen."
„Dir huldigen? O nein, du ständest nur dort, ihnen zu dienen zum Glanze ihres Festes. Denn die Menschen sind es, die dieses Fest feiern, die heilige Nacht. Ihnen ist sie heilig; ihnen wiederholt sie das befreiende Bewußtsein, daß sie alle zusammengehören, daß sie füreinander stehen im gemeinsamen Dienste der Arbeit imb der Liebe. Und solches Heil kommt nur den Menschen zu."
„Belehre mich doch nicht, weiser Rauhreif. Ich weiß es besser. Ich habe die Vorträge der klugen Eule gehört, die hinten in der Grotte wohnt und manche Sommernacht auf meinen Aesten ausrnhte. Es ist das große Fest der Wiederkehr des Lichts, das sie begehen. Und mit ihnen feiert cs alle Natur hier draußen. Vorüber ist der kürzeste Tag. 9hut mehrt sich wieder der Sonnenschein über dem Lande. Bald saug' ich neu und kräftiger die Luft durch
*) Aus des Verfassers unlängst in stark vermehrter Auflage (3. und 4. Tausend) bei B. Elischcr Nächst in Leipzig erschienenen teils ziemlich poesievollen, teils naturwissenschaftlich phantastischen Märchen „Traum kristalle". Prof. Dr. Lastwitz erhielt bekanntlich vor kurzem mit Wilhelm Raabe den Bauern- ieldpreis.
meine Nadeln ititb bereite die jungen Triebe zum Ergrünen' vor. Neues Leben lvird durch die Welt flirten. In dieser Erwartung freuen wir uns alle. Es ist kein Fest nur für die Menschen, mtb ich sehe nicht ein, warum ich's nicht- für mich feiern soll."
„Ganz recht," sagte der Rauhreif. „Das bestreite ich dir nicht. Aber du siehst mir die eine Seite der Sache, den äußeren Anlaß. Die ganze'Tiefe dieser Wiedergeburt vermagst du nicht zu durchschauen, iveil du kein Mensch bist."
„Bist du es vielleicht?"
„Ich bin es nicht, aber ich bin etwas, das allen Menschen gemeinsam ist wie das heilige Gefühl, das ihnen iw dieser Nacht lebendig ward. Ich bin die lebendige Luft/ ich bin der Atem. Psyche nannten mich die Alten, denn ich bin die Seele, die durch die ganze Menschheit atmet Ich ziehe durch die Körper der Menschen, solange sie leben, und ströme uni das Rund der Erde und verbinde Mensch mit Mensch. Sie atmen mich ein und aus. Durch die Menschheit lauf' ich meinen belebenden Kreis. Und so weiß ich alles, was ihnen allen zukommt. Und siehe, in dieser Nacht wird es ihnen belvußt, was jeder als Mensch dem andern schuldig ist, iveil der eine nichts ist ohne den, andern. Wie ich sie umschlinge mit dem gemeinsanren Hauch' meines Atems, so sind auch ihre Herzen zusammenge-- schlossen durch ein unsichtbares Band, ohne das sie nichts weiter wären als die lichtdurstenden Teile der Natur. Und in dieser Nacht erglüht dieses Band warm in den Menschen-, herzen, daß sie es spüren als eine weltzwiugende Macht, als Menschenliebe. Und darum können sie dieses Fest nur feiern in der Gemeinsamkeit. Wer heute einsam ist, der ist nicht froh in seiner Menschenart, dem glühen die Lichter nichl am Baum."
„Noch glaub' ich's nicht, was du sagst. Aber sieh, dck näht ein einzelner Mensch. Ich sah ihn oft am Abend hier ivandeln mit einem andern Wesen. Seit einiger Zeit kommt er allein. Und du glaubst, daß er das Fest nicht feiern könne?"
„Laß uns hören. Er ist ein Dichter. Und Dichter können wir Naturgeister vernehmen, auch wenn nur ihre Seele spricht." —
Der einsame Wanderer blieb unter der Tanne stehen' und blickte hinüber nach dem Lichtschimmer der Stadt. Und der Nauhsrost und die Tanne hörten, was in ihm spracht
„Tag der Freude, - .
Weltbeglückender x _______•»
Bote der segnenden ,r
Allumfassenden Menschenliebe! ' Bebende Hoffnung
Späht aus glanzenden Kinderangen • ' Selig entgegen dir.
Und die einsame Träne •<-
Auf der Wange der Armut rinnt 1 '
Dir in zitterndem Danke."


