Ausgabe 
21.10.1907
 
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Anatomie oft darauf hingewiesen worden, daß die laufen­den Tiere, wie Hirsche, Hasen usw., ein stärkeres Herz und eine verhältnismäßig größere Lunge haben, als die Tiere, deren Bewegung sich in langsamerem Zeitmaß vollzieht, und es ist mit Recht gesagt worden, daß wir mehr mit den Lungen und mit dem Herzen laufen wie mit den Beinen. Deshalb sollten wir, um eine möglichst kräftige Entwicklung des Herzens und der Lungen zu erzielen, unsere Jugend viel mehr Laufübungen machen lassen, als gemeinhin geschieht. In einer anscheinend wahrheitsgetreuen Schil­derung las ich, daß der Zuluhäuptling Ketschewayo seine Soldaten durch anhaltende Uebungen daran gewöhnt hatte, daß sie mit voller Waffenausrüstung im glühendsten Sonnenbrände eine ganze Stunde und länger in raschem Tempo lausen konnten, ohne eine wesentliche Ermüdung zu zeigen, und auch von den Japanern wird berichtet, daß die dort in allen, niederen und höheren, Schulen allgemein verbindlichen körperlichen Uebungen der männ- lichen Jugend, auch der studierenden, zum Teil in anhalten­den Laufübungen auch in heißer Sonne ohne Kopfbedeckung bestehen. Ich glaube, daß der durchschnittliche Brustumfang eines Volkes mit der Zeit weiter wird, wenn man die Jugend an konsequent durchgeführte Laufübungen ge­wöhnt, die auch im späteren Lebensalter in anderer Form fortgesetzt werden könnten. Nun werden reine Laufübungen ja auf die Länge langweilig und sind nicht für jedermann. Durch die Volks- und Jugendspiele erreichen wir Aehn- liches in anmutiger uud anziehender Art.

Der schon genannte Dr. Schmidt sagt darüber:Noch ein anderes macht den Lauf beim Spiel besonders wert­voll. Das ist der Umstand, daß die Lustgefühle der Spiel- sreude und des Spielinteresses die Bewegungszentren des Gehirns in erhöhte Erregung versetzen und dadurch den Ablauf aller Bewegungsvorgänge in Nerven und Muskeln erleichtern und weniger ermüdend gestalten. Alles drängt dazu, bei den Leibesübungen der Heranwachsenden Schul­jugend die Lungenübung zunächst und an erster Stelle zu pflegen, und zwar in der Form von Schnelligkeitsübungen beim Spiel. Denn durch keine Art willkürlicher Atemübung kann eine derartige Zunahme des Atemumfanges erreicht werden, als durch unwillkürliche Atemsteigerung, welche bei den Schnelligkeits- und Dauerübungen statt hat. Mit größe­ren und kräftigeren Lungen und Herzen steigt aber im allgemeinen wenigstens auch die Gesamtgesundheit nicht nur des einzelneu, sondern mit der Zeit des ganzen Volkes.

Der Einfluß von Luft und Sonne bei starker Körper- bewegung auf den Stoffwechsel und die Blutbildung kann durch nichts anderes ersetzt werden.

Ganz besonders wohltuend wirkt das Jugendspiel in freier Luft auf das Nervensystem, und das ist für uns wieder­um von größter Bedeutung, da ja in unserer Zeit Nerven­leiden viel mehr an der Tagesordnung sind wie früher. Bei unserer Jugend hängt die oft gerügte Lässigkeit im ganzen Wesen, körperlich wie geistig genommen, mit den kranken Nerven zusammen. Da, meine ich, hilft nichts besser, als das Jugeudspiel, das man mit vollem Recht alsNervengymna­stik" bezeichnet hat. Mit solchen Knaben und Mädchen womöglich täglich hinaus auf den grünen Spielplatz unter das lustige Getümmel der Genossen! Das frohe, ungebun­dene Tummeln auf dem Spielplatz bedeutet an und für sich schon für die Jugend eine segensvolle Nervenstärkung. Die gelinde Spannung, die jedes Ziel durchzieht, regt die Nerven nicht auf, wie so viele sogenannten Erholungen unserer Zeit, sondern sie erfrischt die erschöpften Nerven in wohltuendster Art. Frisch aber und froh sollen die Jüng­linge und Mädchen sein, das ist ihr Teil. Nichts ist wider­licher, als eine blasierte, schlaffe Jugend. Möge der Turner­spruchFrisch, fromm, fröhlich, frei!" wieder mehr und mehr zur Wahrheit bei unserer deutschen Jugend werden!

Durch das Jugendspiel werden Auge, Ohr und Hand in einer Weise geübt, wie durch kein anderes unserer Er­ziehungsmittel, und der ganze Körper erlangt eine für das Leben. sehr wertvolle Gewandtheit und Geschmeidigkeit. Ich möchte hier einen Punkt etwas weiter ausführen, das ist die Wirkung auf das Auge. Es hat mich während meiner Studienreise durch die englischen Public Schools immer gefreut, so sehr wenigen Brillen zu begegne«. IN. der Tat bleibt der Satz der Kurzsichtigen bei den englischen Schülern noch unter 1 Prozent. Dabei wird drüben viel weniger Gewicht auf richtige Lichtverhältnisse in den Schulen die sind in einigen älteren Lehranstalten sogar recht mäßig

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auf deutlichen Druck und dergleichen gelegt, als bei uns. Bedenkt man, daß die Kinder Kurzsichtiger wieder die Anlage zur Kurzsichtigkeit mehr besitzen, als die Kinder Normal' sichtiger, so ist klar, daß das liebel in steigender Progression unter gleichen Verhältnissen zunimmt, und daß die Schul­behörden nicht nur der augenblicklichen Jugend, sondern der kommenden Generationen wegen die Pflicht haben, alles zu verhüten, was zur Vermehrung der Kurzsichtigkeit bei­tragen kann, und alles zu tun, was bei der Jugend das Auge zu kräftigen imstande ist. Sehr bemerkenswerte Erfolge mit der Stärkung des Auges durch Orientierungsübungen im Gelände, Jugendspiele, Schulmärsche uud ähnliches hat der Direktor der Guts Muths-Oberrealschule zu Quedlin­burg, Dr. Lorenz, erzielt.

(Schluß folgt.)

Neber das Arbeiterwohmmgsweferr auf dem Laude hielt neulich in Kreuznach Dr. Mewes, Mitglied des Vor­standes der Landesversichernngsanstalt in Düsseldorf, einen Vortrag, der für weitere Kreise interessante Anregungen enthält. Das Wohnungswesen auf dem Lande sei nach mehr als einer Richtung hin verbesserungsbedürftig, und darum sei ein Grund für die Abwanderung vom Lande in den Verhältnissen der Wohnung zu suchen. Er bezeichnet es als durchaus auch im Interesse der Landwirtschaft liegend, die gewerblichen Arbeiter, die in der Stadt ihre Beschäftigung finden, aber draußen wohnen, auf dem Lande festzuhalten und daher auch auf sie die Förderung des Wohnungswesens auszudehnen. Daß dabei verhütet werden muß, daß sich auf dem Laude Bauspekulation breit mache, die ihren Vorteil in der Herstellung von Miethäusern und einer intensiven Ausnutzung des Bodens findet, daß gewisse altaugestammte Eigentümlichkeiten der Bauweise gepflegt und überhaupt der architektonischen Behandlung der ländlichen Häuser Sorgfalt geschenkt werde, sind Forde­rungen, die wohl allgemein unterschrieben werden.

Den Kernpunkt der Darlegungen von Dr. Mewes bildete die Behandlung der Frage der Beschaffung der Geld­mittel, deren befriedigende Lösung für die Forderung des Arbeiterwohnungswesens ja von ausschlaggebender Be­deutung ist. Die Ausführungen des Referenten seien in folgendem zusammengefaßt: Lediglich bei den Anstalten kann Kredit gesucht werden, die ganz gemeinnützige Geld­geschäfte machen, das sind bei uns die Rentenbank, die Landesversicherungsanstalt und vielleicht gewerbliche Be­rufsgenossenschaften, die letztern allerdings vorerst in ganz geringen! Umfange. Die Gründung bäuerlicher Renten stellen wird für die Förderung des Arbeiter­wohnungswesens kaum von Bedeutung sein können, die Ansiedlung industrieller Arbeiter dagegen, für die eine Mindestgröße des Rentengutes von 1/2 Morgen zugelassen worden ist, wird in -einzelnen Gegenden durchzuführen sein. Das Verfahren der ostpreuhischen Versicherungs­anstalt, an einzelne Landwirte zu leihen, wenn auf dem Gute eine jährliche Geldrente in Höhe der Zins- und Til­gungsannuität mit besonderem Vorrang eingetragen wird, läßt sich wegen der anders gearteten Verhältnisse des Westens nicht ohne weiteres übertragen. Geeignet ist die Bildung besonderer Baugenossenschaften oder -Gesellschaf­ten auf gemeinnütziger Grundlage, die Arbeiterhäuser bauen, die unter geeigneten Voraussetzungen von den Tagelöhnern usw. als Eigenturn erworben werden können. Wo das Bedürfnis nach neuen Arbeiterhäusern nicht so stark und so andauernd auftritt, daß eine besondere Baugenossen­schaft dauernde Arbeit findet, können Kreditgenossenschaften, Spar- und Darlehnskassen usw. ihre Hilfe leihen. Tue Bürgschaftsleistung von Gemeinden für Darlehen, die ent zelne Arbeiter, Tagelöhner, kleine Ackerer von der Landes­versicherung aufnehmen, verdient besondere Empfehlung. Auch durch die Mithilfe der Sparkassen können Mettel aufs Land gebracht werden, wenngleich auch einzelne Grunde gegen diese Art sprechen.

Der Landrat Limbourg-Mefeld legte bei der Besprechung des sehr beifällig aufgenommenen Vortrags seine Ersah-