Ausgabe 
21.10.1907
 
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mir wohl sagen, wann etwa Sie die Sclkenbachsche Villa ver­ließen ?"

Nun schaute der Maler ihn doch leicht befremdet an.Wie kommen Sie darauf, Herr Rat?"

Auch Hermine vermochte mit ihrem Erstaunen nicht länger zurückzuhalteu.Du hörst doch, Papa, daß Herr Witte noch anderweitige Verpflichtungen hat", mahnte sie unmutig.

Doch der Rat winkte ihr ungeduldig zu, sich zu bescheiden. Meine Frage ist nur darum gestellt, weil die Selkenbachsche Billa in der Tiergartenstraße liegt. Ich vermute nur, daß Sie den Nachhauseweg durch die Straße genommen haben."

Sogar bis zum Potsdamer Platz, bestätigte Witte.

Um welche Zeit war das?"

Es durfte stark auf drei gegangen sein", lautete die un­befangene Antwort.

Haben Sie da auf ihrem Nachhauseweg nicht etwas wahr­genommen oder gar selbst ein kleines Abenteuer erlebt?" forschte der Rat mit jovialem Lächeln; doch seine Miene wurde im selben Augenblick verdrossen, als er die Hand seiner Tochter mahnend auf dem Arm spürte; fast heftig schüttelte er ihre Berührung ab. Zugleich entging es ihm nicht, daß seine Frage oen Maler befangen machte. Ihm kam es vor, als suchte dieser seinem Blicke auszuweichen.

Verzeihen Sie, wenn ich mich lieber darauf nicht äußere", Hub Witte dann an.Ich hatte allerdings ein kleines Renkontre, doch da es sich um eine Privatangelegenheit handelt, und es mir ohnehin widerwärtig ist, nur daran erinnert zn werden so" sein freimütiges Antlitz hatte sich völlig verfinstert; seine Augen blickten eben abstoßend böse.

Vermutlich lasen Sie einen Betrunkenen unterwegs auf und brachten ihn nach einer Droschke am Potsdamer Platz?"

Aber woher wissen Sie In großer, jäher, an Be­stürzung gemahnender Ueberraschung trat der Maler einen Schritt zurück und starrte den Fragenden an.

Wir von der Polizei müssen allwissend sein", suchte Hanse­mann zn scherzen.Nun, habe ich's erraten?" fuhr er jovial fort.

Doch Witte schüttelte unmutig den Kopf.Herr Rat, meine Zeit ist wirklich um", sagte er gepreßt.Ich wiederhole, selbst wenu ich heute nacht etwas erlebt hätte, sehe ich mich nicht ver­anlaßt, darüber zu sprechen wenigstens nicht ohne zwingen­den Grund, denn ich mag niemand kompromittieren".

Sie geben aber doch zu, am Potsdamer Platz eine Droschke genommen zu haben?" warf der Rat ein.

Sie irren sich" lautete die in förmlichem Tone gegebene Antwort. -Ich benutzte keine Droschke."

Und doch wurde in einer solchen ein Taschentuch gefunden, das genau ihrem eigenen entspricht, und sogar dasselbe Mono­gramm aufweist!" platzte der Rat hervor.

Jedenfalls kein Taschentuch von mir!" Miene und Haltung des jungen Malers wurden immer förmlicher. Jetzt wandte sich dieser an die befangen dastehende Hermine, um sich von dieser artig zu verabschieden.

Rat Hansemann stand wie zuwartend, während hinter seiner Stirn blitzschnell die Erwägungen sich kreuzten. Da war plötzlich ein handgreiflicher Verdacht in ihm aufgetaucht, dem er Wohl vorschnell Ausdruck verliehen hatte. Sollte er fortfahren! Ein Schritt in der betretenen Richtung weiter und er sah sich genötigt, seinem Besucher den Verdacht ans den Kopf zuzusagcn. Das hieß eine Anschuldigung erheben und zur Verhaftung schreiten! Dabei setzte sich sein Verdacht nur aus Vermutungen zusammen, und diese erschienen ihm, je länger er in die offenen Mienen, die schönen, kunstbegeisterten Augen des jungen Mannes geschaut; selbst so ungeheuerlich zu sein, daß er sich nicht auf seine kriminalistische Witterung zu verlassen wagte. So lenkte er vorsichtig ein, indem er dem sich Verabschiedenden herzlich die Hand hinstreckte.

Viel Vergnügen noch heute abend !" meinte er unbefangen. Im übrigen keine Feindschaft ... es fuhr mir so durch den Kopf, den Zufall zu nützen und Sie auszusragen . . . wir haben da eine ärgerliche Geschichte mit einem Kutscher, der einen Be­trunkenen fuhr und einen falschen Namen angab . . . doch da läutet es schon wieder!" unterbrach er sich.Sieh doch einmal nach, Minchen, wer's ist!"

Er stand am Tische und war dem Maler beim Zusammen­raffen der Skizzenbücher behilflich.

Vergessen Sie ihr Zigarettenetui nicht!" scherzte er. Da­mit schloß er den geöffnet auf teilt Tische liegenden Behälter und händigte ihn Witte ein.Sie sind übrigens ein starker Raucher in der kurzen Zeit haben Sie vier von diesen Gift­nudeln vergualmt!" Er wies auf den Aschenbecher.An Ihrer Stelle rauchte ich Zigarren oder Pfeife, das ist entschieden gesünder

. . . hier liegt noch Ihr Taschentuch!" Auch dieses wollte er dem Aufbrechenden einhändigen, doch er besann sich anders. Würde es Ihnen viel ausmachen, das Tuch ein paar Tage in meinen Händen zu lassen?" fragte er.

Obwohl ihn das Ansinnen ersichtlich befremdete, verneigte sich Witte doch unverzüglich zustimmend.Ganz nach Gutdünken, Herr Rat. Sie haben mich hoffentlich nicht in irgend einem kriminalistischen Verdacht?" Er lachte kurz auf. Mein Gewissen ist zwar ruhig, doch euch Herren von der Polizei ist nicht über den Weg zu trauen."

Ei was, warum nicht gar! Wir sind nicht halb so schlimm, als man uns macht!" scherzte nun auch Hansemann, die Hand seines Besuchers zum Abschied schüttelnd.

Eben öffnete Hermine die Tür für einen neuen Abendgast. Papa, Herr Walden ist gekommen." Es sag ein förmlicher Klang in ihrer Stimme.

Spät kommt er, doch er kommt!" rief der Rat und winkte dem rasch ins Zimmer Tretenden gut gelaunt zu:Na, hat Sie Kollege Kneift überhaupt noch losgelassen? Nun aber 'ran, Mann Gottes, und seien Sie mir willkommen."

Ich nahm, eigentlich Anstand, so spät noch Ihren Abend­frieden zu stören, Herr Rat . . . doch da Sie mich noch zu sehen verlangten"

Walden hatte indessen mit seinem Vorgesetzten einen Hände­druck ausgetauscht. Wie er sich nun notgedrungen auch vor Witte verbeugen mußte, tat er dies frostig zurückhaltend, einen ab­weisend finsteren Ausdruck um die rasch aufeinander gepreßten^ Lippen.

Auch Witte war offenbar über das Zusammentreffen nicht erbaut; sein Gegcngruß siel womöglich noch kürzer und ge­messener aus. Er wendete auch sofort dem Detektiv wieder die Rückenseite, verneigte sich noch ein letzets Mal stumm vor dem Hausherrn und trat mit dessen Tochter auf den Korridor hinaus. Die int Zimmer Zurückgebliebenen hörten ihn dort sich in herz­lichen Worten von dem Mädchen verabschieden. Dann fiel die Korridortür ins Schloß; doch Hermine kehrte nicht ins Zimmer zurück. Sie streifte nur an der Tür vorüber und klinkte sie von außen zu.

Hansemann gewahrte mit innerlichem Bedauern'die gefurchte Miene seines Gastes. Er glaubte deren Herkunft zu kennen und zürnte tm Herzensgründe Hermine ihres beleidigend zurückhal­tenden Benehmens halber. Sie sehen ja förmlich verdurstet aus, lieber Walden. So setzen Sie sich doch. Ich werde Stoff holen. Inzwischen zünden Sie sich eine von den Zigarren dort /ins der Kiste an. Dann werden wir noch ein Viertclstündchen! miteinander fachsimpeln müssen!"

(Fortsetzung folgt.)

AüS Iugerldspiet in gesundheitlicher unb crzüWcher Kinstcht, (Fortsetzung.)

Vergegenwärtigen wir uns als Beispiel unser deutsches Schlagballspiel oder den englischen Fußball. Beide Spiele sind, könnte man sagen, die Bewegung selbst. Die Spieler müssen bald laufen von einem Ende des Spielfeldes zum andern, bald den Ball schlagen, werfen, fangen oder stoßen, bald sich bücken, bald in anderer Stellung den Ball er­warten, vor allem aber immer wieder in raschestem Laus über das Feld dahinstürmen.

Was wird nun durch solche Bewegung in freier Luft erreicht? Zunächst dehnt sich die Lunge bei dem eilenden Lauf, beim lauten Rufen und dem sonstigen Treiben des Spiels und wird dadurch zu kräftigstem Atmen angeregt; besonders wichtig ist die durch denatemlosen" Laus hervorgebrachte Tiefatmung, wodurch die Lunge bis in die äußersten Spitzen hinein durchgearbeitet wird und sich reinigt. Die Stubenluft mit ihren oft schädlichen Beimengungen wird hinaus- und die Draußenluft hineingepumpt. Das ist aber besonders wich­tig, da wir für gewöhnlich nur mit einem Teil unserer Atemfläche, bei Körperruhe sogar nur mit einem Siebentel atmen. Man mag ja auch, wie öfters geraten wird, durch künstliche Tiefatmung beim Spazierengehen diese Lungenreinigung in frischer Luft erreichen können, aber nicht in so einfacher, natürlicher Weise wie beim Jugendspiel. Durch die starke Bewegung wird der Herz­schlag kräftiger, und das Blut wird in rascheren Kreislauf versetzt. Die Ermüdungsstoffe werden fortgespielt, und dem Körper wird in allen seinen Teilen reichlicher Sauerstoff zugeführt. Mit der Zeit werden dadurch alle Organe ge­kräftigt, vor allem das Herz. Es ist ja in der vergleichenden!