Ausgabe 
21.9.1907
 
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Arbeiter zumeist ihre Sachen kaufen, sicher nicht'. Und anderwärts auch kaum, es sei denn, daß hier und da ein Kleinmeister einmal einen einfachen Schrank oder Tisch der genannten Art baut, der natürlich im Preise mit dem üblichen Massensabrikat, und im Aussehen mit dem ver­lockend polierten Fourniersachen nicht konkurrieren kann. Einmal hat man einen Anlauf dazu genommen, das Pro­blem billiger und doch künstlerisch wertvoller Möbel für den einfachsten Haushalt zur Lösung zu bringen. Es ist bei diesem Anlauf geblieben, weil man es handelt sich um das Preisausschreiben des Rheinischen Wohnungs­vereins es nicht verstanden hatte, sich auf das Mveau, das hier in Betracht kommen mußte, herabzusenken. Es kamen in Preis und Ausführung Möbel zur Erscheinung, die allenfalls für den besser situierten Mittelstand, aber nicht für einfachste Wohnverhältnisse brauchbar waren. Darin liegt der größte Teil des Wohnungselends, soweit es selbstverschuldet ist, daß unsere Arbeiter nirgends eine Stätte haben, wo das Solide, Einfache und Billige gekauft werden kann. Sie sind dazu verurteilt, Unbrauchbares zu erwerben und ihre bescheidenen Wohnräume damit zu verunzieren. Vielleicht erleben wir es noch, daß sich Ab­zahlungsgeschäfte bilden, die den eben gekennzeichneten Uebelständen abzuhelfen gewillt sind. Das wäre wirklich ein wirtschaftlicher Fortschritt, eine soziale Tat. Bonein­facher Wohnungskunst" reden gar viele. Mer sie ermög­lichen helfen da beginnt erst das eigentliche Problem.

Vermochte«.

Mehr Heimatskunde. In denBlättern für deutsche Erziehung" stößt Archivar'Dr. Brüning aus Aachen folgenden Schmerzensschrei aus:Ich bin in Danzig auf dem Gymnasium gewesen, aber niemals habe ich im Unterricht etwas von der bedeutenden mittelalterlichen Geschichte und von den Kunstwerken dieser Stadt gehört; ich bin in Allenstein auf dem Gymnasium gewesen, aber niemals wurden wir Schüler auf die dortige prächtige Stadtkirche und bischöfliche Burg aus dem 14. Jahrhundert hingewiesen; ich bin in Hohenstein auf dem Gymnasium gewesen, aber kein Lehrer machte uns darauf aufmerksam, daß man sich in den Mauern der alten Ordensburg befinde, und daß wir Altpreußen dem deutschen Ritterorden so un­endlich viel zu verdanken haben, und dessen Geschichte so ruhmvoll und herrlich sei, wie nur irgendeine. Das galt alles nichts. Aber der geringfügigste griechische oder römische Quark wurde uns jeden Vormittag aufs Früh­stücksbrot geschmiert. Ja, es ist mir bei einer Fahrt an Marienburg vorbei passiert, daß einer der Mitreisenden den Kopf durchs Fenster steckte und beim Anblick der Burg fragte:Was is denn das fürn oller Kasten?" Ich fuhr nicht vierter, sondern zweiter Klasse, und der Fragesteller war ein Gutsbesitzer aus Litauen, der mit dem Einjührigen- zeugnis das Gymnasium zu Insterburg verlassen hatte. Bon der Geschichte der Burg, von Tannenberg und Heinrich von Plauen . . . keinen Schimmer! Als ich dann die Vor­lesung des Professors Lohmeyer in Königsberg über Hei­matsgeschichte besuchte, war es immer nur ein kleines Häuf­lein, das sich Bei* dem ausgezeichneten Lehrer zusammen­fand; niemals sah ich einen von einer anderen Fakultät.

In Rom, Athen und bei den Lappen, Da späh'n wir jeden Winkel aus. Dieweil wir wie die Blinden tappen Umher im eigenen Baterhaus;

Ist das nicht eine Schmach und Schande Dem ganzen deutschen Baterlande!

Das hat Karl Simrock gesagt."

* Aus fürstlichen Toilettengeheimnissen. Königin Wilhelmina von Holland ist eine leiden­schaftliche Freundin des Kölnischen Wassers, das überhaupt in den vornehmen Frauenkreisen Hollands besonders be­vorzugt wird. Sie pflegt das Wasser ihrer Morgentoilette

regelmäßig mit Kölnischem Wasser zu parfümieren, dessen Reinheit sie, wie erzählt wird, vorher selbst über der Lampe Prüft. Königin Wilhelmina ist übrigens die glückliche Be­sitzerin eines besonders lieblichen und zarten Teints, und sie schreibt diesen Vorzug selbst der spartanischen Lebens­weise und dem reichlichen Aufenthalt in frischer Luft zu, den sie in ihrer Kindheit genoß. Auf ihrem Ankleide­tische findet sich kein anderes Parfüm, als Rosenwafser, und nur dies, mit etwas Glyzerin gemischt, verwendet sie zur Erhaltung ihrer guten Gesichtsfarbe. Diese gut ver­bürgte Tatsache hindert übrigens nicht, daß in den Hof­kreisen das Gerücht umgeht, die Königin gebrauche eine ganze Batterie Pariser Schönheitswässer zur Pflege ihrer Haut. Noch enthaltsamer im Punkte der Parfüme ist die Königin von Spanien. Sie glaubt nicht an den Nutzen der Verwendung von Parfümen zur Ver­schönerung der Hautfarbe und begnügt sich gleichfalls mit sparsamer Verwendung von Kölnischem Wasser. Ein Ver­wandter der damaligen Prinzessin Ena bezeichnete daher ihren Toilettentisch als recht uninteressant, da von den tausend Geheimnissen und Niedlichkeiten, die sonst den An­kleidetisch einer Dame zu zieren pflegen, nichts zu entdecken war. Ganz anders steht es um die Zarin, die eine raffinierte Toilettenkünstlerin ist und, wie es heißt, jährlich 80 000 Mk. allein bei einem großen Pariser Parfümeriehause zu bezahlen hat. Ihr Lieblingsparfüm aber ist Veilchen. Es wird Flasche für Flasche von Chemikern der Peters­burger Akademie nachgeprüft, bevor er für die Zarin auf Vorrat gelegt wird. Findet sich auch nur die geringste Fälschung, so ist der Vertrag der Zarin mit der Fabrik ohne weiteres hinfällig. Die Seife der Zarin wird von einer anderen Pariser Firma hergestellt, und zwar nach einem Rezepte, das geheim gehalten werden muß und für keinen anderen Kunden verwandt werden darf. Auch die deutsche Kaiserin gebraucht eine eigene Seife, die sie für die Hautpflege für wohltätig hält, und der Erfolg scheint das insofern zu bestätigen, als die Kaiserin um ihrer schönen Schultern willen bekannt ist.

Literarisches.

Die Bedeutung des Stichwortes für den Schauspieler, das ihn mit einem Schlage auf die Bühne ruft und in das gespannte Seelenleben der darzustellenden Per­sönlichkeit hineinreißt, ist außerordentlich. . Schon die Erwartung dieses Wortes übt die stärkste Wirkung, indem sie die Bühnen­künstler mit Kulisfenangst, Erregung oder Ungeduld erfüllt. lieber solche Szenen hinter den Kulissen inet6 Mbert Vorsee im 1. Hefte des Jahrgangs der ZeitschriftModerne S'u tt ft" (Verlag Rich. Bong, Berlin W. $7, Preis des Vierzehntagesheftes^ 60 Pfg.) mit Humor zu plaudern. Ferner sei ans dem Hefte noch hervor­gehoben der Aufsatz Künstlerische Zimmereinrichtungen von Bruno Paul. ____________

Goldene Worte.

Als ob wir ewig auf dieser Welt blieben, so ernst und schwer und griesgrämig nehmen wir alle Dinge und berauben uns der Freude und des Glücks und die andern des Anblicks eines frohen Gesichts. Und doch sind wir nur einen Augenblick hier, einen so winzigen Augenblick, daß es nichts Großes wäre, wenn er durch den Gedanken mt_ die Ewigkeit mit einem einzigen ununterbrochenen Lächeln angefüllt würde. Paul Garinr

Tauschrätsel.

Magd

Band

Die Anfangsbuchstaben nebenstehender Wörter sind mit anderen Buchstaben

Enkel

tyittqt

Mund Elba

Sichel Saul Raub Asche Gabe

derart zu vertauschen, daß man eben- soviele nette Wörter erhält, deren An­

Base Tiger Alster

fangsbuchstaben den Nameit eines Astro­nomen ergeben.

(Auflösung in nächster Nummer.'

Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer: Nie stirbt ein großer menschlicher Gedanke, Wie tief ihn auch des Lebens Wust begräbt, Stets kann er brechen seines Lebens Schranke, Weint er nur noch in einer Seele lebt. Raupach.

Redaktion: P. Witt ko. Rotationsdruck und, Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.