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diesjährigen Mode immer mehr Geltung gewinnt, ein sogenanntes Auslandspapier, ganz durchsichtig, sehr leicht, japanisch, das be­sonders auf Reisen benutzt wird, wo man mehr zu schreiben hat und doch keine dicken Briefpakete schicken will. Für den gewöhn­lichen Gesellschaftsverkehr ist jedoch immer noch das harte, dicke, die einzigschicke" Form. Die Mode, eine bestimmte ausgedruckte Adresse an den Kopf zu setzen, hat man wieder aufgegeben,' sie war bei dem unruhigen Wanderleben der eleganten Welt, dem beständigen Wechsel des Aufenthalts zu unpraktisch. Heute ziert nur noch eine einfache Chiffre, ein stilvolles Monogramm, künst­lerisch in einer Zierschrift entworfen, aber auffällig und diskret den Brief. Den Gipfelpunkt in der Briefmode aber erklimmt der Glückliche, der eine Devise, einen Merkspruch auf sein Briefpapier zu setzen versteht. Es ist dies ein Zurückgreifen auf die geist­reichen Spiele in den Salons der Preciösen des Hotels Rambouillet aus dem 17. Jahrhundert, die in vieldeutigen Sprüchen und Sym- bolen ihre geheimenen Empsindungen ausdrückten. Eine gelungene Briesdevise ist mich heute wieder ein gesellschaftlicher Erfolg; sie muß kurz, bedeutungsvoll, dunkel und inhaltreich sein, dabei die Persönlichkeit des Schreibers oder der Schreiberin widerspiegeln. So zeigt, um nur ein Beispiel zu geben, das Briefpapier einer schön­geistigen und exzentrischen Pariser Modedame, einen gefiederten Pfeil mit der lleberschrift:Fliege; ich folge dir." Das Format des Briefbogens ist breit und fast viereckig, so daß das Papier zweimal leicht gefaltet in ein rechteckiges Kouvert gleitet. Die Briefhüllen, die dieselbe Farbentönung wie das Papier haben ein sehr blasses Graublau ist augenblicklich modern sind im Innern mit einem dünnen goldenen oder silbernen Schutzpapier versehen, das das Hindurchdringen aller indiskreten Blicke un­möglich macht. Sie sind mit der gleichen Chiffre und Devise geziert wie das Briefpapier. Eine besonders elegante Brief­schreiberin hat für ihre Briefe eine individuelle Färbung,ihre Nuance", die nicht nur auf allen ihren Briefen und Karten und Kärtchen erscheint, sondern auch an ihren Toiletten, Bändern und Möbeln oder Gerätschaften, ja selbst im Haar zu finden ist. Ein eigenartiges persönliches Lieblingskolorit, konsequent durch­geführt, wird nie den Zweck, Aussehen zu erregen, verfehlen! Siegel sind an den Briefen unerläßlich. Man verwendet viel Sorgfalt darauf, mit einem farbigen, zum' Briefpapier passenden Siegellack die Schreiben zu schließen und das mit Monogramm und Devise geschmückte Petschaft daraufzudrücken. Statt der Siegel sind auch besondere gummierte Marken im Gebrauch, die man sich zum Verschließen der Küverts anfertigen läßt. Sie zeigen auf goldenem, silbernem und farbigem Grund Chiffre und Devise. Die glücklichen Besitzer von großen Schlössern, die ein .wenig abgelegen sind, haben auf ihren Landsitzen Briefpapier, auf dem init großer Genauigkeit die Postadresse, die Telegrammadresse, Telephonnummer, Eisenbahnstation usw. angegeben sind. Hier gilt es für erlaubt undchic", was in Paris unpassend wäre. Seine Privatbriefe schreibt der Kaiser von Rußland auf ein starkes bläuliches Papier, das die Insignien des St. Andreas- Kreuzes trägt. Der deutsche Kaiser verwendet ein dickes, milchweißes Papier, mit der Kaiserkrone verziert. Die Brief­bogen König Eduards bestehen aus einem feinen, kostbaren Japanpapier und sind mit einem Löwenwappm versehen. Die Devise zeigt den alten Wahlspruch des HosenbandordensHonni sott que mal h Peuse."

Die Heimatausstellung, die der Ausschuß für Volksvorlesungen unter Leitung des Professors Dr. Kobelt in Schwanheim a. M. eingerichtet hat, erfreut sich, wie mau uns schreibt, des steigenden Interesses der einheimischen Be­völkerung und auswärtiger Interessenten. Das stille Dorf, das man sonst mit der Waldbahn von Frankfurt aus um seiner land­schaftlichen Reize willen besucht, zeigt hier in systematisch geordneten Gruppen, aus altem Familienbesitzstande die Geschichte seines Werdens, seiner Arbeit und seiner Freuden, seines Könnens und seines Strebens. Wir finden zwei alte Bauernstuben mit vollständiger Einrichtung, eine Küche mit allerlei Gerät, wie es früher in Gebrauch war, daneben altes Werkzeug des A ck e r b a ue s und des Haushalts, Kleidungsstücke, namentlich Kopfbedeckungen, Spinnräder und Erzeugnisse der Handweberei, Zinngerät, alten Wandschmuck, Porzellan einheimischer Manu­fakturen, alte Waffen nsw. Neben dieser hochinteressanten volks­kundlichen Abteilung stellen die im Künstgewerbe tätigen Schwan­heimer Erzeugnisse ihres Fleißes aus, während die literarischen Veröffentlichungen des in Schwanheim ansässigen Naturforschers Prof. Dr. Kobelt und die künstlerischen Ausstellungen des Bildhauers Franz Gastell und Johann Belz Beweise für hervor­ragende wissenschaftliche und künstlerische Betätigungen in unserem' Ausstellungsorte erbringen. Von ganz besonderem Werte er­scheinen uns die von Autodidakten ausgestellten wertvollen natur­wissenschaftlichen Sammlungen und Präparate als Beweis für die Erfolge der Volksbildungsarbeit, wie sie der Rhein-Main. Verband für Volksbildung (mit dem Sitz in Frankfurt a. M.) zu erzielen vermag. Auch die im Turnhallengarten begonnene Anlage eines botanischen Gartens und einer Mineraliensamm­lung tn Gestalt von aufgestellten Blöcken findet viele Bewun- derer. .Alles in allem müssen wir sagen, daß diese Aus­stellung nicht allein von großem kulturhistorischem, sondern

auch von v'olksbildendem Wert ist. Was man in Schwanheim geleistet hat, kann auch in anderen Orten geschehen, und schon aus diesem Grunde sollten Freunde des Volkslebens auch von außerhalb sich den Besuch dieser Ausstellung nicht entgehen lassen. Sie ist bis zum 20. August täglich geöffnet.

SMie ein Abgeordneter si ch populär in a L Im PariserGil Blas" lesen wir: Die Herren Abgeord­neten unseres Landes schwimmen gegenwärtig in eitel Lust und Wonne, weil sie ihre Wähler wiedersehen können. Sie ziehen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, überall redend, versprechend, umarmend , . . Väter, Mütter, Kinder es fällt für jeden etwas ab. Und es war schon immer so. Dickens erzählt uns in seinen unsterblichenPickwick Papers", wie um 1830 in dem alten und grauen England die Kandidaten ihre Wähler singen. Ein Whig-Kandidat weiß nicht, was er tun soll, um seinen Gegner von der Tory- partei an Popularität zu übertreffen. Ein alter geriebener Wahlmacher gibt ihm gute Ratschläge:Lieber Herr, wenn Sie den Bankettsaal verlassen werden, werden Sie auf den Treppenstufen zehn Männer finden, die sich die Hände ge­waschen haben ..."Ach! ..."Ja! weil Sie jedem von ihnen die Hand drücken müssen."Allen zehn?" Natürlich I . . . Und dann werden auch noch zehn Mamas mit je einem Säugling auf dem Arme dastehen . . . Vergessen Sie nicht, den Kleinen die Wangen zu streicheln." Und wenn Sie daun gar ..."Was denn noch?" Durchaus notwendig ist es ja nicht . . . aber wenn Sie eines von den Kindchen küssen würden, wäre die Wirkung großartig."Glauben Sie?"Ihr Gegner kam nicht auf den Gedanken, die Kinder zu küssen."-Hurra! der Sieg ist unser." So sprach Dickens. Das könnte aber auch heute oder gestern geschrieben sein.

Hermen. Essays und Studien von Heinrich SPiero. Hamburg und Leipzig, Verlag von Leopold Voß. Der Ver­fasser, als Mitarbeiter derZukunft" Hardens und anderer Zeit­schriften bekannt, gibt in diesem Sammelwerk Proben seines feinen Verständnisses für literarische Dinge und seines treffen­den Urteils über Dichter und Schriftsteller. Er weiß Maß zu halten, hütet sich vor lieber, chwenglichkeit und scheut sich nicht, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Seine Essays zeugen von einer genügenden Vertrautheit des Verfassers mit dem jeweiligen Gegenstand seiner Darstellung. In seinem Auf­satzDas literarische Hamburg der Gegenwart" gibt er eine er­schöpfende Schilderung des literarischen Lebens der deutschen Seehandelsmetropole. Aus dem reichhaltigen Material, das Heinr. Spiero bearbeitet hat, mögen sonst nur noch die im ganzen zutreffenden Charakteristiken Wilhelm Jordans, Wilhelm Raabes, Paul Heyfes, Friedrich Spielhagens, Rudolf Lindaus und die beiden Essays über Liliencron hervorgehoben werden. Interessant sind auch einige kulturhistorische Abhandlungen, u. a. der Aufsatz über das Friedrichs-Kollegium zu Königsberg, dem der Verfasser die Grundlagen seines Wissens verdankt.

Was ist das Leben?

: Aphorismen-

Das Leben ist ein Spiel; Würfeln gleich rollt es, ohne daß' män weiß, wo und wie es liegen bleibt-

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Das Leben ist eine Bllume; erst die Knospe, dann die Blüte und schließlich das Welken- In der vollsten Blüte kann es ge­knickt werden-

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Das Leben ist ein Tanz; bald langsam', bald gleitend, bald stürmisch geht's nach der Musik der Welt dahin- Es kann auch zum Geister- oder Totentanz werden-

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; Das Leben ist eine Welt; es ist unermeßlich und nnerforschbar-; *

Tas Leben ist der Güter höchstes; denn ohne das Leben können wir auch «Lies das, was' wir höher zu schätzen pflegen als das Leben, nicht erkennen-

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Tas Leben ist die Liebe; ohne Liebe kein Leben, ohn'. Leben keine Liebe-

* r ! Das Leben ist ein Gott; es schafft, 'es wird angebetet, es gibt,; eS wird gefürchtet, es richtet- Ob es aufhört, weiß niemand.

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'Das Leben ist doch schön", rufen viele, wenn sie cs er-i kannt haben. O. R.

Redaktiöm;^P« W i t tko.. Rotationsdruck und Brrlag der,Brff hk 'schcn.Universttäts-Buch- und Steindruckereß R, Lange-, Gießen.