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ohne Zweifel stark hysterisch veranlagte Persönlichkeiten ■— zur Kennzeichnung der ehemaligen Lehrerin sei hier angeführt, daß sie auch in der Schule zuweilen in Zungen redete und deshalb ihre Stelle aufgeben mußte — kamen in Gemeinschaft mit dem ebenfalls „durch den Geist getauften" Evangelisten Dallmeyer nach Kassel, wo ein Bruder Dallmehers als Stadtmissionar das „Blaue Kreuz" leitete. Der Vorstand des Kasseler Vereins vom Blauen Kreuz gab nun bedauerlicherweise, wie der „Köln. Ztg." geschrieben wird, den Saal seines Bereinshauses zu den Versammlungen der Erweckten her, die dreimal am Tage, vormittags, nachmittags und abends, stattfanden; in christlichen Vereinen der Stadt wurde zum Besuch der Versammlungen angeregt; Besucher erzählten von den Wunderdingen, die sich zutragen, und so war es denn nur zu natürlich, daß der Saal schon lange vor Beginn der Hauptversammlung am Abend überfüllt war. Tie Besucher setzten sich in der Hauptsache aus Angehörigen der untersten Kreise, namentlich aus Frauen und Mädchen, zusammen. Die Mystik mit ihrem starken, benebelnden Gefühlskultus hat zu allen Zeiten unter dem weiblichen Geschlechte ihre meisten und getreuesten Anhänger gehabt, unter denen Zustände von Ekstase, wobei die Verzückten in den lang ersehnten Gnadenzustand sich versetzt, Gott und Christum zu sehen, den heiligen Geist und sein Wirken zu spüren glaubten, nichts Seltenes waren. Sehr ,viele der Besucher waren jedoch nichts weniger als Erweckte; sie gingen hin, um den „Zauber" auch gesehen zu haben und dann darüber lachen zu können. Sehr bezeichnend war die vom Volkswitz dafür erfundene Bezeichnung: „Variete zum hl. Geist."
In den Versammlungen hielt in der Regel der schon genannte Evangelist Dallmeyer eine Ansprache; alsdann wurden die „Ungläubigen" aufgefordcrt, den Saal zu verlassen, und nun kniete die Menge zum Gebet nieder, dabei den „Geist" erwartend. Hier und da schrie einer auf; man hörte Seufzen und Weinen, Lachen und Schreien, Stöhnen und Keuchen. Manchmal fing einer an zu zittern und merkwürdige Bewegungen auszusühren, ein Beweis, dafür, daß „der Geist in ihm wirke" und ihn dann zum Zungenreden trieb, das günstigenfalls später auch ausgelegt wurde. Daß bei solchen Vorgängen psychische Ansteckung eine Hauptrolle spielt, ist jedem Gebildeten bekannt. Welcher große Geist sich in diesem Zungenreden offenbarte, mögen einige der „Offenbarungen" dartun: „Ich will euch ein Pfingsten geben; seid einmütig; seid wartend; ich will euch bewahren; Jesu, erbarme dich meiner; alle, die sich verwirren lassen, gehören zu den törichten Jungfrauen; er hat euch frei gemacht, frei gemacht von allem; mein Helfer ist Gott; o Jesu, wie schön bist du; ihr singt, aber ihr glaubt nicht; raus; ich wollte segnen, und ihr seid zerstreut; ihr wollt die Gaben, aber nicht Jesus; Sünder heraus; Kreaturenliebe heraus; seid still; der Staub soll leuchten in Ewigkeit; der Herr befiehlt nur, hinauszugehen in die Stille". Doch genug des wirren Zeugs! Alle diese „Offenbarungen" wurden von salbungsvollem Geschwätz Dallmehers und von dem Gebet der Menge begleitet. Sünden wurden gebeichtet, Gebetsheilungen von Kranken in Aussicht gestellt, die man in Norwegen schon vollzogen haben will. Gerade hieraus ergibt sich sehr deutlich der Zusammenhang der Bewegung mit dem Scientismus und seinen Gebetsheilungen. Wie dieser durch Mrs. Mary Baker Glover Eddy in Amerika ins Leben gerufen wurde, so entstand auch neben der Bewegung des Zungenredens in Norwegen eine solche in der kalifornischen Stadt Los Angeles, und zwar in starkem Umfange. Daß die „Erweckten" diese „Gabe des Geistes" in Zusammenhang zu bringen wußten mit der durch das Erdbeben in San Francisco angerichteten Zerstörung, braucht nicht zu überraschen.
Als nun schließlich zuviel der „Ungläubigen" in die Versammlungen kamen, ließ man nur noch „Erweckte" zu. Von da an nahmen die Versammlungen des Mob in der Nähe der Versammlungshauses großen Umfang an. Unfug wurde dabei in einer öffentliches Aergernis erregenden Weise verübt. Starke Aufgebote von Schutzleuten vermochten die mitunter fast 1000 Menschen zählende Menge nur mit Mühe im Schach zu halten; die öffentliche Meinung wandte sich in erregter Weise gegen den Vorstand des Vereins vom Blauen Kreuz (an dessen Spitze ein Kasseler Geistlicher steht), so daß sich dieser genötigt sah, öffentlich zu erklären, daß er mit der Sache nichts zu tun, sondern nur den Saal dazu vermietet habe. Die .Versammlungen hatten damit 41t Kassel ihr Ende erreicht; aber die Sache selbst war damit noch lange nicht am Ende angekommen; sie blühte im Gegenteil in anderen Teilen des Bezirks Kassel fröhlich weiter. Namentlich wurde nun das durch seine Tonwarenindustrie berühmte Städtchen Großalmerode der Mittelpunkt der Bewegung. Infolge des in G. herrschenden muckerischen Gemeinschaftslebens bestehen dort seit Jahren die denkbar traurig-- sten kirchlichen Verhältnisse. Ein großer Teil der Bewohner des Städtchens hat nun, da die Zungenrederei — ein schulpflichtiger Knabe und ein geheilter Trinker sollen die bedeutendsten Redner sein — und alles, was drum und dran hängt, noch hinzugekommen ist, beschlossen, aus der Landeskirche auszutreten, da sie auf Abhülfe durch die kirchlichen Behörden nicht mehr rechneten: An der Spitze der Gemeinschaftsbewegung in Großalmerode steht nämlich ein Geistlicher.
Auch aus anderen Teilen des Bezirks wurde von dem Auftreten der „Zungenredner", ihren Verzückungen und den seltsamen Erscheinungen, die in ihren oft bis zur Mitternacht sich Hinziehenden Versammlungen zutage traten, berichtet. Die
öffentliche Meinung forderte immer stärker ein Einschreiten des. Konsistoriums in Kassel, das denn nun auch am Sonntag, den 11. ds., folgende Ansprache von den Kanzeln der von der Bewegung berührten Gemeinden hat verlesen lassen:
In manchen Teilen unseres Hessenlandes herrscht zurzeit eine hochgradige, nicht immer gesunde, religiöse Erregtheit. Unberufen wendet man sich an die Glieder unserer Gemeinden. Tie vorgebrachtcn Lehren gründen sich in ihrer Darbietung nicht immer auf den gesunden Schriftsinn, und die oft geübte Art, Sünder und Seelen zu gewinnen, entspricht nicht dem Verfahren und Verhalten unseres Heilandes Sündern gegenüber.
Daher bitten wir alle Glieder unserer Gemeinde herzlich, jede ihnen außerhalb der Kirche von Unberufenen gebotene Seelenspeise an dem geofsenbarten Wort der heiligen Schrift in ruhiger Sammlung zu prüfen, gegenüber allen Anreizungen zum Begehren besonderer Geistesgaben auf dem wohlbewährten Heilsweg, in dem Glauben an die Gnade Gottes in Christo Jesu, treu zu verharren und ja nicht, wozu die Gefahr groß ist, Knechte unnüchterner Eiferer und ihrer jeweiligen Lieblingsneigungen zu werden.
Einer ist unser Meister, Jesus Christus, der Herr. und das Haupt seiner Gemeinde und unserer evangelischen Kirche. Er erwecke einen Hunger und Durst nach seinem lautern, kräftigen Wort in allen unseren Gemeinden, daß jeder wohl erkenne und mit allem Ernst nütze die Zeit, darinnen er heimgesucht ist. Er bewahre uns alle in seinem Frieden um- seiner Liebe willen!
Tas ist zwar wenig ■— man hatte kräftigere Worte gegen den groben Unfug erwartet —, aber es ist doch etwas. , Und wenn man bedenkt, daß solch unsinnige Bewegungen, wie die des Zungenredens, stets von einzelnen Schwarmgeistern, niemals aber von einer großen, begeisterten Volksmenge hervorgerufen und getragen werden; wenn man ferner erwägt, daß diese Führer meist in irgend einem Abhängigkeitsverhültnis zur Kirche und ihren Organen stehen, so wird man wohl hoffen dürfen, daß auch die kraft- und saftlose „Ansprache" des Konsistoriums doch zur Eindämmung der Bewegung beitragen wird.
Die ganze Bewegung hat gezeigt, daß es noch Pastoren gebt, die an der Verbal-Inspiration der Bibel festhalten, die glauben, daß an dem Tage des ersten Pfingstfestes von den 120 Jüngern, die versammelt waren, jeder, ihm selbst unbewußt, in einer fremden Sprache, von der er früher auch nicht einmal eine Vokabel kannte, geredet habe, also daß der Lydier einen der Jünger lydisch, der Kappadozier einen andern kappadvzncb, der Perther einen tritt n parthisch pred g n hörte; sha .gezeigt, daß es Leute gibt, die an das Zungenreden in unseren Tag-n glauben, ohne sich die Frage vorzulegen: Was sollen denn diese Verkündigungen ost mehr als kindischer Art? hat sich denn Gott ■ nicht besser und gewisser geoffenbart als in diesem Stammeln Uuzurechnungssähiger? — „Was einem Gläubigen heilig ist, so sagt Henne am Rhyn in einer Betrachtung über den Aberglauben, „sofern nicht sträflicher Schwindel damit getrieben wird, soll es auch (die Rechte der ernsten Kritik Vorbehalten) dem Nichtgläubigen sein. Was aber die Tendenz, Macytgelusten zu dienen und die Menschheit zn verdummen, an der Stirn tragt, verdient an den Pranger gestellt zu werden, und.zwar um so mehr, je mehr das Heilige damit profaniert wird. Solch sträflicher Mißbrauch aber ist es, wenn man hysterfiche oder sonst brüchige Menschen zum „Zungenreden" verführt, und das noch unter dem Deckmantel der Religion. Und darum verdient es die Bewegung, daß sie öffentlich an den Prang.r gestellt wird.
Vermrsch-sr.
* Der moderne Brief. Die Zeit der endlosen Briefe, da jede empfindsame Dame den Morgen, in ihrem Boudoir ein« geschlossen, bei der „Korrespondenz" verbrachte, ist vorbei; vorbei der zärtliche Komplimeiilenaustausch der „Freundschastsbriefes, in denen sich Cleim und I. G. Jacobi anhimmelten, und mit dem Inhalt des Briefes hat sich auch sein Aussehen geändert. Verschwunden sind die blassen rosa nnb himmelblauen Tonungen, daS weiche, leicht gefaltete Papier, die sich schnäbelnden rauben als zart in Kupfer gestochenes „cnl-de-lamp" und die von Amoretten umspiegelie Rosenvignette. Ach, und auch Kranen der Rührung, der Schwärmerei, der Sehnsucht zierten damals reichlich die' Briefe und sie boten einen vielsagenden, melancholisch süßen Schmuck, daß man wohl auf den Gedanken kommen mochte, sie schon vorher auf dem Papier durch einen zarten Tondruck anzudeuten. Wie anders sind doch imiere „modernen Briefe als die matten, sinnig lieblichen Blättchen, von denen em stiller Lawendelduft ausströmte und die eng und dicht nut langen Ge- fühlsergüsscn und poetischen Hymnen bedeckt waren! Bor allem hat der „moderne" Bries das stärkste, steifste Papier, das man sich nur denken kann, möglichst Karton, englisches Fabrikat, wie das mondäne „Papier Bristol" in stumpfen Färbungen vielfach gerippt, so daß es mit jener steilen großen eckigen Handschrift beschrieben werden kann, die sich der Elegant von heute unbedingt angewöhnen muß. Doch wollen wir nicht ganz, unerwähnt Iahen, daß auch ein ganz dünnes, festes Papier in der


