Ausgabe 
21.8.1907
 
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die rasende Fahrt, das herrliche GefüM'vom Fliegen und Schweben- Tie Lichter blendeten ihre Äugen, sie mutzte sie schließen- Aber nur für einen Augenblick- Sie mutzte wieder sehen, sich freuen an den bunten Farben, an dem Glanz und der Helle-

Nu hawwe ich awwer Dorscht, Greta", lachte zuletzt Georg Hessemer-Tu kriegscht jo gar net genug. Und das Bübche is auch mied-"

Der Kleine nickte-Heimgehe schlafe."

Greta nahm ihn auf den Ärm wie eine Feder-

Bubche geht bei Oma schlafe- Gleich bring ich dich! Nur ä Schluck trinke-"

Sie trank hastig in tiefen Zügen aus dem großen Glas, das ihr der Georg reichte- Dann lief sie mit dem Jungen zu ihrer Mutter- Da war er gut aufgehoben. Morgen früh holte sie ihn- Mocht' ihr Mann brummen oder schelten. Nur heute sich freuen, nur heute toll sein!

Sie war schon wieder unten am Budenplatz und drängte sich durch die Menge, die immer dichter wurde- Kecke Scherzworte flogen ihr zu, der Arm eines etwas angeheiterten fremden Menschen griff nach ihr- Sie stieß ihn energisch fort. Ein halb Dutzend junge Mädchen und Frauen mit ihren Männern und jungen Burschen hatte sich zusammengefunden. Sie wollten tanzen gehen.

Durch die dunkle laue Sommernacht gingS nach dem Tanzsaal in einem dichten Trupp unter Scherzen und Kichern- Auch da Menschen und Lichter und Musik, ach, herrliche Musik- Und der Georg walzte mit ihr, immerzu, immerzu- Vom ersten Takt des Walzers bis zum letzten- Sic konnte kaum mehr atmen, aber er schwenkte sie noch hoch, als die Musik aufhörtc-

Und dann wieder zum Karussell- Es war schon spät. Es dauerte nicht mehr lange- Sie erstürmten das Karussell- In dem engen Wtschchen drückten sich vier, fünf- Greta saß neben dem Georg, dicht an ihn gepreßt, von seinem Arm gehalten- Er d-tückte sie fest an sich, o, so fest- Und sie sangen alle laut mit zur Musik, die spielte:Ich weiß nicht, was soll es bedeuten." Beim letzten Vers setzte dann die Trompete ein, schmetternd überlaut:Tas will mir nicht aus dem Sinn-"

Bor Greta Worringers Augen schwammen die Lichter zu einem einzigen gewaltigen Lichtmeer zusammen- Es funkelte golden, rot und blau- Sie flog, sie flog immerzu, weit, weit in den Himmel hinein- Sie spürte ein starkes Klopfen, das war Georg Hessemers Herz oder vielleicht auch ihr eigenes oder beide zusammen- Und sie schmiegte sich eng an ihn, ganz eng-

Hinter den Buden, wo grüne und blaue Wagen der fahrenden Leute zusammengerückt waren, war es stockdunkel und still- Nur manchmal strich ein Pärchen dicht aneinandergedrückt da vorbei, weiter im Dunkel des Ufers- Zwei blieben stehen, gerade vor den Wagen- Sie flüsterten zusammen und küßten sich, bis das Mädchen erschrocken zurückfuhr-To is was! Do lauert einer! Und 's Hot gestehnt do drin! Komm fort, ich fercht mich-"

Ter Bursche blickte scharf in das Dunkel- Aber er sah nichts, hörte nichts-

Als sie schon lange fort waren, regte sich's drinnen- Eine massive Gestalt löste sich aus dem Tunkel, ein schwerer Tritt wurde laut- Der Mann, der da gestanden hatte, warf noch einen letzten Blick auf die Buden, auf die Menschen, die sich da am Wirtshaus trinkend und schwatzend an den Tischen drängten- Zwanzig Schritte vor ihm schwang sich das lichtfunkelnde Karussell im Kreis- Tie Fahnen schwebten vorüber blitzschnell, wie ein lebendes Bild- Immer wieder das gleiche, immer wieder unter den vielen das eine Paar, das da ganz dicht nebeneinander- saß, ganz dicht!

Ter Mann stieß einen schweren Fluch aus- Dann ging er mit unsicheren Schritten hinaus, dem User zu- Im Schein der Laternen sah man sein Gesicht, rot, glühendrot, finster, mit blutunterlaufenen Augen- Er ging am Ufer aufwärts, an der ganzen Häuserreihe vorbei, die im Licht schwamm, wo Leben und Lachen war- Oben, wo der alte Kran gespenstisch feine Arme in die Höhe streckte blieb er stehen- Eine Weile schaute er stumm auf das Wasser- Ter Mond war schon hinunter, die weite Flüche lag schwarz, nur das leise Rauschen tourift: laut, mit dem das Wasser ans Ufer schlug- Aber sein scharfes Auge sah. die Nachen, die da unten angekettet lagen- Und er nickte böse lachend, als er das kleine Boot bemerkte, das da an seiner Kette ganz leise schaukelte. Es Ivar sein Boot. Er stieg hinunter ans: Wasser und zog es hinauf- Mit Leichtigkeit kehrte er das schwere Ting um, daß der Boden frei nach oben lag- Er suchte in seiner Tasche und holte einen Gegenstand heraus- Dann begann er zu arbeiten- Es splitterte und krachte im Holz. Er fühlte mit den Händen, er stemmte sich gegen das Boot mit aller Kraft- Tann hob er lauschend den Kopf. Alles still, nur

das Glucksen des Wassers und von fern das Plätschern eines Ruders- Und daun wieder das Krachen und Splittern. Er wollte ein Streichholz anzünden, aber er hielt mitten darin ein- Nein, kein Licht. Er riß sich au einem Splitter, daß das Blut warm über die Finger lies- Aber das machte nichts, er zog und stemmte, es krachte und krachte-

Jetzt richtete er sich auf- Er tastete vorsichtig die Stelle ab. Tas war genug- So würde es gehen. Ein Pfeifen, ein Stöhnen kam aus seiner Brust- Und ein Fluch. Daun drehte er das Boot um und zog es vorsichtig hoch, daß es auf dem Sande lag- Mit den Händen scharrte er die Holzsplitter auf dem Saud und warf sie in den Rhein- Dann kletterte er schwerfällig die Ufermauer hoch.

Oben stand er und sah noch einmal hinunter-

Gelacht hoschte iwwer mich, guhde Rat hoschte mer gewwe wolle, wie ich mei Fraa behannele soll! Halunk verdammter! Scherzejäger! Weiwerverfichrer, elendiger! Mei Hand mach ich mer net blutig au dir! Laß annerleits Sach in Ruh, do bassiert dir nix! Annerleits Rache un annerleits Weiwer!"

Er schüttelte die geballten Fäuste nach dem Lichteralanz Bingens-

Fahr Reitschul, solang se noch erumlääft! Danz solang de Musik geht! Marge is ausgefahrn un ausgedanzt! To wärd's sich net so warm und mollig sitze wie heil awend!"

Der Sand knirschte unter seinen schweren Schritten- Er hatte noch kaum etwas getrunken heute abend, aber in seinem Kvpf sauste es, und in seinen Ohren klang es- Manchmal drehte sich alles um ihn, und er sah Feuerflammen und Kugeln- Ach, wenn er die Frau jetzt holen könnte, wegreißen von bent Ver­haßten, ihm die Kehle zusammcudrücken- Nur ein Griff, ein einziger Truck wie einen Hund wollte er ihn schütteln, daß er elendig zugrunde ging-

Und seine Frau! Sein Herz preßte sich zusammen! Leicht­sinnig war sie und gedankenlos, und junges, heißes Blut hatte sie! Wenn er auch schwenzeln und scharwenzeln könnte wie der andere, der wenn er noch einmal jung wäre! Ach, er kannte sie gut genug, die Weiber! Ein. war wie die andere, einent Paar blanker Augen und einem ausgewichsten Schnurrbart liefere sie nach, das zog sie an wie Sirup die Fliegen- Aber vor ihm, da fürchtete sich seine Frau in bösen Stunden, und sür alle Tage ging sie neben ihm wortlos, gleichgültig, immer nur be­strebt, ihm aus den Augen äu fonunen- Er konnte sie nicht zwingen zur Liebe, er, fc er Worringer, der sonst alles konnte, der sich seiner Kraft und Stärke voll bewußt war-

Sie holen! Sollte er sie holen? Daß sie hinter ihm her­lachten und zischelten:Ter Worringer muß sich sei junge Fraa heimhole, von selwer kommt se net-" Daß sie alle merkten, wie es um ihn stand- Daß der Georg Hessemer wieder lacht, daß seine weißen Zähne blitzten und er sich wiegte in dem Gedanken, daß die Greta ihn gern hatte, ihn ganz allein!

Er fühlte, wie seine Zähne zusammenschlugen! Nein! Ev schleicht sich wieder auf seinen Lauschcrposteu, er läßt sie nicht aus den Augen, keinen Augenblick lang-

(Fortsetzung folgt.)

Aon der neuen A wegung desZungenrederls".

Von eigentümlichen Formen religiöser Uebung in Kassel wird berichtet, die viel Staunen und Kopfschüttelu hervorgerufcn, bei nicht wenigen auch starkes Aegernis erregt haben. Es handelt sich dabei in der Hauptsache um die Gabe desZungenredens", wie es nach den biblischen Berichten in der Zeit des Urchristen­tums geübt worden sein soll und wie es später unter den ver­schiedenartigsten,Formen bei manchen Sekten in Uebung kam. Der Ursprung der neuen Bewegung ist in Norwegen, der Heimat Björnsons, zu suchen, dessen DramaUeber die Kraft" deutlich zeigt, daß dort eiu geeigneter Boden für derartige Erscheinungen vor­handen ist. Hervorgerufen wurde sie durch den Pastor Barcat in Christiania, der, nachdem erdie Taufe durch den heiligen Geist" erhalten hatte,in Zungen redete" und durch seine Veröffent­lichungen die Aufmerksamkeit der in der mystischen Gemein- schaftsbewcgung in Deutschland Stehenden auf die Augclegen- hcit zu lenken wußte. Pastor Paul in Breslau, der nach Nor­wegen gereist war, um die neue Bewegung kenneu zu lernen, äußerte sich nach seiner Rückkehr in begeisterter SBcife. darüber. Zwei Norwegerinnen, eine ehemalige Lehrerin und eine Putz­macherin, die beide, nach ihrem Bekenntnis,in der Geistestause" sie war ihnen auf ihr Gebet bei einem Sonntagsschulausflug im Wald zuteil geworden die Gabe des Zungenredens, die eine auch die der Auslegung, erhalten haben, kamen nach Hamburg und wußten dort bei den geistig für eine Erweckung Gestimmten für die Sache zu werben.

Aber nicht von Hamburg, sondern von Kassel aus kam drd AnZelegenheit an die Oeffentlichkeit. Die beiden Norwegerinnen,