Ausgabe 
21.8.1907
 
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Mittwoch den 21. August

1907

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Steuermann Worringer.

Novelle von Luise Schulze-Brück.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Tas' Kind plapperte in der Wohnstube- Sie erstickte cs säst mit Zärtlichkeiten und Schmeichelnamen-Mei lieb Herzbubche, mei Herzkäferche! Wann ich dich net hält! Heit middag fahre mer u'ff der Reitschul, und heit awend geht's Bubche bei Oma, und Mamma geht danze!" Ter Junge jauchzte-

Mit 'm Babba!"

Na, net mit 'm Babba! Babba is sortgefahre mit 'm Schiff- Awwer mit 'm Onkel Georg."

Und Onkel setzt mich uff Gaula- Und hält mich fest."

Sie tanzte mit ihm in der Stube herum-Ja! Und dann geht die Musik- Lalalalalala!"

Nun räumte sie iwch das letzte auf- Blitzblank war das ganze Haus' schon- Ein großes Strauß dickköpfiger, sattroter! Pfingstrosen stand auf dem Tisch er leuchtete förmlich in der kleinen Stube- Sie stand davor.Ach, wann m'r sich so ään asteche könnt! So ä dicke rohde- In die Hoor odder in'n Geriet! Tes ständ schee." Dann packte sie in der Küche zusammen, Fleisch u'nd sonst noch allerlei- Sie kochte heute nicht, brachte alles ihrer Mutter, die mochte für sie alle kochen- Ter alten Frau tat auch ein ordentliches Stück Braten wohl- Sie ging mit dem Kind derweil spazieren- Gott, was für ein Pfingst- wetter! Ta mochten wohl wieder die Fremden sich am Rhein drängen. Sie sah gern die geputzten Damen und freute sich, wenn sie selbst von den Touristen mit bewundernden Augen angesehen wurde- Tann vergaß sie alles, was sie sonst drückte.

Sie schloß das Haus zu und ging mit dem Jungen weg- Ter Georg war noch zu Haus- Der machte sich lange schön. Eitel war er wie ein Mädchen auf seinen Krauswpf und seine schöne Figur- Sie würden ein hübsches Paar gewesen sein, sie beide- Dann wohnte sic mit ihm in dem andern Haus, und der Worringer saß allein mit einer anderen Frau, die er drang- salieren konnte, nebenan. Gott, wie sonderbar das wäre!

Sie ging schneller und wurde rot bis unter die Haarwurzeln- Nein, so was nicht denken! Wozu auch- Nendern konnte man ja doch nichts, da mußte man das Leben genießen, sich freuen, solange man konnte.

Es läutete mit allen Glocken zur Kirche. Himmel, sie mußte sich beeilen. Sie hatte die Kirche ganz vergessen. Tas kam von den dummen, unnützen Gedanken- Hastig brachte sie das Kind zn ihrer Mutters lief heims tat ihre ehrbare Jacke an und setzte den Hut ctuf-, Ter war freilich so, wie ihr Mann ihn wollte- Ganz schwarz, nur mit schwarzen Federn geputzt. Aber sie setzte ihn wenigstens keck auf und zauste die krausen Stirnhaare Hervor- Dann ging sie im Schwarm der Kirchen­gänger durch die engen Straßen mit den kleinen Giebclhäuschcn, in denen es noch schattenkühl war, während hoch in den Lüften der Glockenruf brauste und die Sonne schien-

Sie betete mit bei den allgemeinen Gebeten, laut im Chor- Und sie Jtörte der Predigt zu, kniete zur Messe nieder und schlua

Beim Klingeln zur Opferung und Wandlung an die Brust- Abev in ihr Gebet drängte sich der jauchzende Gedanke an den Nach^ mittag an Musik und Lichterglanz, an Tanz und Lust, an den Georg Hessemer-

Und sie konnte cs kaum erwarten, bis die Messe zu Ende war und das Tedeum mit Orgelschall und unter Blasmusik­begleitung mächtig angestimmt wurde- Es war ihr, als habe sie schon Wein getrunken am frühen Morgen. Und dann drängte sie hinaus mit den andern aus der dumpfen Kirche, hinaus in Himmelsblau und Sonne, hinunter an den Rhein ins lustige Leben-

Ter Nachmittag war schon weit vorgerückt. Am Rheinuser war das gleiche Leben wie gestern, nur noch lustiger, lärmender-

Aus der ganzen Pfalz waren die Vereine gekommen, Sänger und Krieger, Feuerwehren, Junggesellenklubs- Sie lärmten sin­gend und ulkend auf und ab- In den Wirtsgärten strömte es aus und ein wie ein Bienenfchwarm, die fremden Touristen saßen mit erstannten Angen in dem bunten Treiben-

Tie Schiffe kamen und gingen, stießen mit einem schweren Krachen an die Landebrücken, daß die dichtgedrängten Menschen aufkreischten, und rauschten wieder stolz hinweg, wenn sie Hun­derte abgegeben und wieder Hunderte ausgenommen hatten. Die hübschen Bingerinnen, weiß gekleidet, mit funkelnden Augen und lebhaften Farben, spazierten kokettierend in dem Gewühl- Am Budenplatz war's gedrängt voll- Hunderte fuhren da Karussell, würfelten an den Glücksbuden, versuchten ihr Glück in den Schießzelten- Tas dumpfe Brüllen des Löwen oder das Tuten einer Trompete machte es weithin hörbar, wenn ein geschickter Schütze eine der Scheiben getroffen hatte- Es mischte sich mit der Musik vom Karussell, die von Minute zu Minute durch ein grelles Trompetengeschmetter verstärkt wurde, das die Orgel über­tönte- Krin Platz auf dem Karussell war frei. Mädchen und Burschen drängten sich in den kleinen Wagen dicht aneinander, mit glühenden Backen und funkelnden Augen- Tie Dämmerung brach an, die Lampen wurden angezündet- Nun wurde es erst schön- Tas Lampenlicht funkelte in den Goldstickereien und Spiegeln, die überreichlich angebracht waren, von den Waffel­buden roch es angenehm nach frischem Gebäck, und das Glücksrad knarrte immer lauter- Ter Ausrufer war schon ganz heiser: Noch ein Los, noch eine Nummer! Lauter hochfeine Gewinne! Immer ran, meine Herrschaften! Gleich wird die Glücksnummer gezogen!"

Greta Worringer saß in einer der kleinen Gondeln, die sich beim Fahren auch noch für sich auf- und äöschaukelten-. Sie hatte ihren Jungen im Arm und drückte sich oben in die eine Gondelspitze. In der anderen saß Georg Hessemer. Er schaukelte mit Feuereifer- Manchmal hielt er die Gondel fest, so daß Greta hoch in der Luft schwebte- Sie lachte dann hell und laut, und der Junge kreischte vor Vergnügen!

Schaukeln, Onkel, schankeln!"

Jnrmer schneller, immer schneller schnurrte die Maschinerie- Immer rasender schaukelte die Gondel- Greta glühte. Mit denl Kind kreischte sie selbst vor Lust- Ach, da ging's schon langsamer. Schade, zu schade-

Noch cinnial rum! Noch Mal weiter, Und wieder das Wiegen,