Ausgabe 
21.6.1907
 
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Mcm der Lian db'e wohn er selb ff. Es handelt sich dabei keineswegs um die Landwirtschaft treibende Bevölkerung allein, die Bereinstätigkeit soll auch gelten dem auf dem Lande wohnen­den geiverblichen Arbeiter und deut Dvrfhandwerker. Mr bedürfen also der Mithülfe der ländlichen Einwohnerschaft, insonderheit in erster Linie der Mithülfe der auf dem Laude lebenden Geist­lichen, Lehrer und Beamten. Wir bedürfen aber unbedingt auch der Mithülfe der Freunde unserer Sache in den Städten. Mieviele auf dem Lande Herangewachsene wohnen in den Städten? Mieviele in der Stadt Geborene und Erzogene finden auf dem Lande den Jungbrunnen der Erholung und Erfrischung. Darum haben wir auch die Städte nötig zur Erfüllung unserer Auf­gaben.

In einer vor einiger Zeit versendete«: Drucksache haben wir unter beit Ausgaben, an deren Losung der Verein mitwirken will, folgende hervorgehoben: Erhaltung der Neigung der Land­bevölkerung zum bäuerlichen Berufe. Vorkehrungen gegen den Arbeitermängel. Beseitigmig der Mißstände im Gesindeverding- wesen. Fürsorge für die Landarbeiterfamilie. Förderung der Dorfhandwerker. Pflege guter geselliger Unterhaltung in volks­tümlicher Weise. Einrichtung von Gemeinde- und Bürgerabenden. Jugendfürsorge. Hauswirtschastliche Unterweisung der Mädchen. Verbesserung der Krankenpflege und der Armenpflege. Ver­besserung des Gast- und SchanIwirtschaftswesenI (Beschränkung der Zahl und Beseitigung der Auswüchse). Pflege der heimail, und Dorfgeschichte, des heimatlichen Sprach- und Liederschatzes. Heimat- und Kunffpflege zur Wahrung der Eigenart der Land-, bevölkerung und ihrer Wohnstätten. Betonung dieser Pflege in beit Landschulen. Erhaltung ländlicher -Sitten und Gebräuche. Erhaltung der Volkstrachten. Förderung der Heimatmuseen. Ge­staltung der Bauten und Dorfanlngen in den für das Land passeiu- den Formen. Schutz zur Erhaltung der Naturschönheit der Ge- Nkarlungen; Belebung und Förderung des Verständnisses hierfür, insbesondere auch in der Landbevölkerung selbst. Schutz der Landorte gegen Ueberflutung mit künstlerischem und literarischem Schund.

Einen Teil dieser Ausgaben habe ich mit gütiger Mithülfe einer Anzahl Herren, die gleichzeitig Mitglieder unseres Vereins sind, bei dem ersten Heimatpflege- und Volkstrachtenfest in Butz­bach praktisch zu lösen gesucht. Auch das zweite Heimatpflege- nnd Volkstrachtenfest ist 'einein Teile dieser Aufgaben gewidmet tvordeu. Unsere Feste sollen nicht vorzugsweise der gesellige:: Unterhaltung dienen, sie sollen edle Gesinnungen der ländlichen Bevölkerung stärken, gute Sitten und Gebräuche ihrem Wert Nach erkennen lassen, zum Festhalten an Erprobtem aneifern und das, was an künstlerischen: und dichterischen: Sinn und Gefühl in der ländlichen Bevölkerung, durch die unmittelbare und dauernde Berührung mit den Vorgängen in Gottes weiter Natur und durch die Abhängigkeit von den Naturereignissen, in reichem Maße bei sehr vielen ganz unbewußt vorhanden ist, seinem Werte nach zur Würdigung bringen. Sie sollen mit- helsen, den fite im der Volkskunst, der im Dorfhandtverkerstande, in: Bauernstände verborgen liegt, zu entwickeln, ans Licht zu ziehen und zu kräftigen: Stamme zu entfalten.

So steht unser Verein vor Aufgaben, die viele Zeit und viele Mühe in Anspruch nehmen und die ohne reichliche Geld­mittel nicht durchführbar sind.

Unser Verein steht glücklicher Weise nicht allein, er wächst heran unter dein Schutze eines mächtigen Ahnendes deutschen Vereins für ländliche Heimat- und Wohlsahrtpflege". Wir wollen nur ein Zweigverein dieses Vereins sein, und Hand in Hand mit ihn: unsere Ausgaben lösen. Wir wissen alle und werden nie ver- gefsen, was wir diesem Ahnen verdanken.^ Unsere Beziehungen zu ihn: stehen unter der DeviseIn Treue fest".

Wer unser Verein besitzt noch weitere sehr nahe Berwaichte, er besitzt noch eine jüngere Schwester, das ist dieBereinigung der Frauen und Mädchen zur Förderimg ländlicher Einrichtungen, Gebräuche und Volkstrachten". Bei Gründung dieses Vereins! ging man von der Ansicht aus, daß Einrichtungen, Gebräuche und Sitten, insbesondere auch die Tracht, welche wesentlich vorn weiblichen Geschlechte seither in dem Sturnte der Zeiten treu bewahrt und gepflegt worden sind, auch ferner durch dieses selbst geschützt und gepflegt werden sollen, daß der Schutz dieser Güter deut Verständnisse der Frauen näher liege ass dem der Männer.

Tie Erhaltung der Trachten, die Gestaltung der so­genannte!: Spinnstuben gehört in die H ä n d e d e r F r a u e n .und nicht in die der Männer. Sowohl die Tracht, als die Sitten Und Gebräuche in den Spinnstuben bedürfen bei allent Fest­halten «an dem Althergebrachten Aenderungen im Lause der Zeiten, für welche die Frauen besseres Verständnis haben als! die Männer. Deshalb sollen die sogen. Trachtenvereine bei uns nicht aus Männern sondern aus Frauen bestehen/ zumal auch die Männer die Tracht bei uns nicht inehr tragen, ja ihr mitunter nicht freundlich gesinnt Ivaren. Das ist allerdings durch unsere Trachten­feste anders geworden. Sie haben den fiünstwert, den Schön­heitswert der Tracht wieder ins rechte Licht gerückt- Wenn wir bei allen Kreisen der Bevölkerung die richtige Unterstützung und Verständnis finden, dann wird die Tracht, bleiben. Die Erfolge zeigen sich jetzt sclwn in Erfreulicher Weise.

lieber unsere Vereinswirksamkert tf$ kurz Folgendes zu berichten:

Unsere Tätigkeit konnten wir erst beginnen, als wir Geld hatten, als der Ueberschuß des ersten Heinratpflege- und Ä trachtenfestes feststand. Wir haben nähere Verbindung mit dem Deutschen Verein für ländliche Wohlfahrt- und Heimatpflege in Berlin" angeknüpft und uns auch mit unseren Nachbarvereinen ins Benehmen gesetzt zunächst mit den: badischen Verein. An diesen: sowohl, wie auch am dem württembergischen und'dem thüringischen Heinmtpflegeverein haben mir treffliche, uns wohl­gesinnte Freunde. Es handelt sich für uns in Hessen nur darum, den: Verein, der in Oberhessen bereits über eine erfreuliche Mit­gliederzahl verfügt, auch in den anderen Provinzen weitere Aus­breitung zu schassen. Die Gründung von Bezirksgruppen ist in Aussicht genommen. Zu der im Dezember v. I. in Darmstadt unter den: Vorsitze des Kämmerpräsidenten Haas tagenden General- versannnlung des hessischen Verbands ländlicher DarlehnskasseN und Konsumvereine, bei der die Verwendung von Mitteln der länd­lichen Darlehnskasscn und Konsumvereine für einzelne Wohl- sahrtszwecke zur Besprechung stand, war der Vereinsvorsitzende eingeladen und beteiligte sich bei den Verhandlungen. Der Jahresversammlung des deutschen Vereins in Berlin wohnte der stellvertretende Vcrcinsvorsitzende Graf Oriola an. Im J:u- terefse der Ortsgeschichte haben mir uns an den Landesbcrbandi der KriegervereineHassia" wegen einer Sammlung beson­derer Erlebnisse der Veteranen von 185p und 1870/71 aus den einzelnen Orten, soweit solche noch nicht niedergeschrieben sind, und nur mündlich überliesert werden, gewendet und unsere Mitwirkung hierbei zur Verfügung gestellt. Ter He raus gäbe eines Hessischen Trachtenbuches und der Ver- besserüug der Bauweise auf den Dörfern sind w:v näher getreten. Zwei Preisausschreiben unseres! Vereins, das eine zur Förderung ländlicher Dichtkunst und Erzäh­lung s k u n st, das andere zur Pflege und Besserung länd­licher Musik haben eine sehr lebhafte Beteiligung und besten Erfolg gefunden.

Der Verein will jede Gelegenheit benutzen, um die Rich­tung seiner Bestrebungen durch einzelne Beispiele zu ertönten:. Diesen: Willen verdankt die Veranstaltung der heutigen öffent­lichen Vorträge ihre Entstehung.

Leider konnten wir ein weiteres Gebiet, dessen Erörterung deut Vorstände sehr an: Herzen lag, nicht mehr behandeln, das istdie Fänge der Leutenot auf dem Lande. Wir wissen es wohl, daß gerade diese Frage überaus wichtig ist, wir sind uns klar darüber, in welcher Weise die Arbeitgeber» auf dem Lande unter der Landflucht und Arbeiterknappheit zu leiden haben. Jusosen: unser Verein auf die Schönheit und den Wert des Landlebens aufmerksam macht, wird er dadurch ja wohl an sich schon dazu beitragen, die ländliche Bevölkerung meyr an das Land zu fesseln. Aber es müssen auch positive Mittel ergriffen werden, und über diese sich klar zu werden, soll die nächste Ausgabe des Vereinsvorstandesi sein. Wir schätzen die . Städte, mir sind überzeugt, daß Shadt und Land aufeinander atm gewiesen sind, wir sind mit unseren Freuichen in den Städten der Ansicht, daß die städtische Bevölkerung Zuzug und Ersatz haben muß durch die ländliche Bevölkerung, aber wir huldigen hier dem. Grundsätzeleben und lebenhassen"! Es dürfen nicht städtische Einrichtungen, Ivie z. B. die Verbreitung massenhafter Arbecks- flellenangebote auf dem Lande durch sehr exakt arbeitende znrn tralisierte städtische Arbeitsnachweise getroffen werden, welche d:e Landflucht aufs kräftigste zu fördern verinögen. Wie dieser städtische zentralisierte Arbeitsnachweis überhaupt gestaltet wer­den muß, damit er dem Lande nicht auf die Dauer recht schäd­lich werde, das zu ermessen ist keine leichte Aufgabe. Ich glaube mir ein Urteil hierüber aus folgenden Gründen erlaubet: zu können: Ich hatte seinerzeit Gelegenheit in Darinstadt mit Hülfe zahlreicher Vereine die jetzt noch bestehendeZentralanstalt! für Arbeits- und Wohnungsnachweis" ins Leben zu rufen Tantals bestanden in Deutschland überhaupt erst wenige (ca. 6) zentralisierte ArbeitsnaHweise und im Wohnungsnachweis waren wir, glaube ich, die ersten, die diese Angelegenheit mit dem Arbeitsnachweis verschmolzen. In einem rein ländlichen Kvetse, den: K'reise Erbach, habe ich später ebenfalls, einen Arbeits­nachweis ins Leben gerufen und diesen nun mit dem von mir gegründeten zentralisiertet: Arbeitsnachweise in Verbindung ge­bracht. Da hatte ich genügei:d Gelegenheit, mich darüber zu vev- geivissern, welche Folgen die unvermittelte Berbreckung der Stellen­angebote des zentralisierten Arbeitsnachweises auf d«N Land« haben kann. Diese Verbreitung muß sehr nach Prüfung und Wahl erfolge::.

Wer unser Verein ist überzeugt, wir werden uns mit den Städten in dieser Frage einigen können, w:r wessen, baß an der Spitze dieser Städte verständige und erfahrene Soz:alpol:t:ker stehen, die dem Lande, auf dessen Produkte d:e städtische Bevol-- keruug angewiesen ist, keine Wunoen schlage::, sotwen: Wunden heilen wollen. Wir wissen, daß d:e Städte en:ci: BevolkerungA, Nachschub von dem Lande nie werden ganz entbehren können, möge aber auch gerade unser Verein dazu beitragen, das Verstund- nis für ländliche Dinge bei der städtische:: Bevölkerung mehr z» verbreiten und zu vertiefen. Die städtische Bevölkerung! ist uns deshalb alSMitg lieb er unseres Vereins ebenso willkommen wie nötig, sie gehört sozusagen zum Gleichge-