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Gewand für bett heutigen Abend gewählt. Wüßte sie doch nur zu gut, wie vortrefflich es sie Neidete. Das hatte ja sogar der Kammerherr von Veltlingen noch bemerkt, der doch sonst neuerdings nur Augen für Dagmar Rolfsen zu haben schien, diese kühl hochmütige Blonde, die auS ihr'er marmornen Ruhe zu bringen der nervösen, aufgeregten Gräfin bisher zu ihrem Aerger nie gelungen war. O wie fie die haßte, mit der ganzen Glut ihres leidenschaftlichen Herzens. Diese Dagmar, die unter 100 Fällen 99 mal siegte, wenn sie mit ihr absichtlich oder unabsichtlich in die Schranken triat, sei es, um die Huldigung der Herren oder irgend einen Einfluß bei maßgebenden Persönlichkeiten zn gewinnen. —
Zornig faltete die Sinnende die Brauen. O, sie hatte es nicht vergessen, in welcher auffallenden Weise der Kammerherr von Veltlingen Dagmiar plötzlich den Hof zu machen begann, als wenn er gar nicht ahne wie weitgehende Hoffnungen die Unbemittelte Gräfin auf die Auszeichnungen setzen zu können glaubte, mit denen er sie bisher so ausschließlich bedacht hatte! Was in aller Welt uwchte ihn zu der Aenderung seines Be- aichmcns veranlaßt haben?
Um dieselbe Stande ging der, dent ihre Gedanken galten, in nervöser Unruhe in seinem luxuriös ausgestatteten Arbeitszimmer auf und pb. Er war bereits völlig für den Hofball angekleidet. Leise klirrten bei dem hastigen Umhergcheu die Orden durcheinander, die üt langer Reihe die Brust des noch iurmer stattlichen Miannes zierten. Wohl hatten die Zeit und eine stürmisch verlebte Jugend mit unauslöschlichem Griffel sein Antlitz gezeichnet, aber wer ihn jetzt sah, wie er mit leichten elastischen Schritten umherging, das Gesicht vor innerer Erregung belebt, der gab ihm sicherlich nicht fünfundfünfzig Jahre. Freilich zeigte das imbarmherzige Tageslicht allemal deutlicher die vielen Falten und Fältchen, welche der gewandte Kammerdiener, für Wendbeleuchtung, mit soviel Geschick fort zu — täuschest wußte.
Geräuschlos trat er jetzt ein, Hut und Pelz seines Gebieters! über dem Arm. In strammer Haltung blieb er an der Tür stehen und während er den unruhig Umhergehenden verstohlen beobachtete, glitt ein spöttischer Zug über sein glattrasiertes Gesicht. Na, der Herr Baron schien ja in hier netten Aufregung zu sein. Wenn das' nicht wieder mit dem Bukett zusammen hing, wsts er, Franz Meier, vorhin im Schloß abgeben mußte, dann wollte e r Hans heißen! Warum sein Herr grade heut so aufgeregt war? Das Vlumenschicken war dem doch grade nichts Neues! Wer mit der Baroneß Rolfsen schien ja nun wirklich ernst werden zu sollen. Na, ihm, Franz, war das jedenfalls tausendmal lieber, ivenn die Frau Baronin wurde, als die hochnäsige Gräfin Lindstrom.
Wenn die Baroneß übrigens glaubte, einen besonders ruhigen Gemahl zu erhalten, so irrte sie sich gewaltig. Das ernste, 'gemessene Wesen des Kämmerherrn konnte zuweilen in recht Überraschende Lebhaftigkeit ausarten. Davon hatte sein getreuer Franz jerst vorhin wieder einest sehr deutlichen Beweis gehabt. Und wenn der Hektor hätte reden können! Der verkroch sich auch nicht ohne Ursache bei dent Marschtempo seines Herrn unter den breiten eichenen Diplomaten!
Mit, leisem Klingen Hub die Nistbare Bvonzeuhr, ein Geschenk Seiner Hoheit, plötzlich ast zu schlagen. Ter Kantmerherr fuhr erschreckt herum.
„Schon ein halb acht? Ich hatte den Wägen zu ein Viertel bestellt!" herrschte er den Diener an.
„Befehl, Herr Baron," log der mit unbewegtem Gesicht, r,ich habe den Wagen auch um ein Viertel auf acht gemeldet."
> Veltlingen fchlüpste eilig in den bereit gehaltenen Pelz.
-,Die Blumen bestellt?"
Jawohl, Herr Baron. Baroneß ließen bestens danken."
r,Bestens?"
,Lawvhl, Herr Baron."
Aergerlich faltete der Kaminerherr die Stirn, während er hie breitett teppichbelegten Stufen herabschritt.
„Frappierter Sekt!" Die Bezeichnung paßte wirklich für hie blonde TagMar! Er schnalzte leise mit der Zungehm fe aber eine gute Marke wars, etwas für Kenner! —
Behaglich lehnte er sich unter solchen Gedanken in die silber- grauen Polster seines eleganten Coupss zurück. Ter Dienest schloß den Schlag. Fort rollte d,as gutbespannte Gefährt.
Als der Kammerherr bald darauf, noch etwas atemlos von deM schnellen Treppensteigen, in das Vorzimmer der Herzogin^- Mutter trat, fand er das Gefolge schon vollständig versammelt.
Et raschem Blick streiften seine Augen Dagmar, deren Linke käsirg den Strauß gelber Rose» hielt. Ein Zug der Befriedigung tzlitt über sein Antlitz. .Er war grade int Begriff, sich seiner
Auserkorenen zu nähern, als auch schon die Flügeltüren geöffnet ivurden und unter den ehrfurchtsvollen Verbeugungen aller Anwesenden die Herzogin am Arm ihres Sohnes in das Zinlmer trat.
Ter Herzog, dessen vor zwei Jahren durch den Tod getrennten Ehe mit der Fürstin Isabella zu Salm-Hartungg drei reizende Söhne entsprossen, Ivar eine stolze, gebietende Erscheinung, dessen kluge, geistvolle Züge jenen leisen Ausdruck herrischer Strenge trugen, welche den Frauen so oft gefährlich wird. Dazu kant eine gewisse überlegene Ruhe, die nur dazu beitrug, den Reiz seiner Persönlichkeit zu erhöhen. Da ihm drr Ruhnr eines feinen Schönheits- und Frauenkenners eigen war, so wurde naturgemäß schon deshalb seinem Urteil ein besonderer Wert beigelegt.
Verstohlen spähte darum jetzt die Gräfin Lindström unten ihren anscheinend tief gesenkten Lidern zu ihm hin. Ein leiser Triumph fchwellte ihre Brust, als sie den Ausdruck des Erstaunens gewahrte, mit welchem der Herzog einen Augenblick ihre blendende Erscheinung streifte, um gleich darauf mit kaum merk-, barem Lächeln einen Blick des Einverständnisses mit seinem Adjutanten zu tauschen, den die Gräfin, allerdings gänzlich falsch, für Bewunderung hielt. —
Tann begaben sich die hohen Herrschaften in feierlichem' Zug in den Rittersaal, wo die Geladenen bereits ungeduldig auf das Erscheinen des Hofes warteten.
(Fortsetzung folgt.)
«Hessischer Werem für läMiche «Heimaipflege^ Wohlfahrt- und Kunilpfl-ge.
Bei der in Butzbach laut 17. l. Mts. abgehaltenen Hauptversammlung dieses, seit einem Jahre in Hessen bestehenden Vereins machte der Vorsitzende Kveisvat Fey-Friedberg folgende Mitteilungen über Zweck und Bedeutung, sowie seitherige Wirksamkeit des Vereins, die im ganzen Lande Interesse finden dürften:
„Vor kurzem, vor einigen Tagen ist unser Verein ein Jahr alt geworden. Er ist also noch ein Knabe. Aber er hat in der Zwischenzeit doch schon erfreuliches Wachstum gezeigt und wenn es so weiter geht, so kann er ein recht kräftiger Bursche und, da er im Wettertal geboren ist, ein echter Wetterauer werden. Allerdings gehört er zu den ruhigen Knaben, er hat bis jetzt iwch wenig sich vernehmen lassen. Er besitzt auch noch t?in eigenes Bereiusorgan. Aber wir hoffen, daß, wenn es erst dem Vereinst Vorstände möglich geworden ist, mehr dauernde Mittel zu beschaffen, iuentt die Zahl der Verwandten und Freunde, die sich für beit Knaben dauernd interessieren, erst größer geworden ist, daß wir dann in irgend einer Form' auch zu einem be- fonberen Blatte kommen. Wir hoffen, baß das für uns fein Nachteil ist, wir glauben, auch ohne Bereinsorgan vorwärts zu kommen, da wir auf "die Unterstützung der gesamten vaterländisch gesinnten Presse in Hessen für unsere Bestrebungen hoffen. Möge, sie dem! Knaben freundlich und wohlwollend gegenübersiehcu.
Nun wirft sich die Frage auf: Was soll der KNabe werden/ welchen Beruf soll er erfüllen? Die Satzungen sagen über den Zweck des Vereins, daß der Verein dazu dienen soll, die auf die Förderung der ländlichen Bevölkerung gerichteten Bestrebungen in Hessen zu unterstützen nnb zu pflegen und für sie einen geq meinsamen Mittelpunkt zu schaffen. 1
Unser Verein ist 'ins Leben gerufen worden, nm mancherlei Schwierigkeiten, unter denen die ländlichen Verhältnisse undj die ländliche Bevölkerung leiben, mildern und, wenn mögliche beseitigen zu helfen. Er will Freude und Glück, Zufriedenheit; und Wohlergehen auf deut Laude zu seinem Teil fördern, er, will diejenigen, welche gleichen Sinnes sind und Gleiches anstreben/ sammeln, damit sie ihre Kräfte gemeinsam in den Dienst der! Sache stellen können. Ter Verein will gleichsam einen Aus- stellungs- und Austauschmarkt schaffen für die zahlreichen idealen und großen Werte, welche einzelne Vereine entweder auf einzelueN Gebieten und in bestimmten Richtungen bereits geschaffen haben/ er will aber fauch auf den, von anderen Vereinen nicht ge-. pflegten Gebieten nützliche Einrichtungen füv die ländliche Be-- völkerung, für ihre Wohnstätten, für ihre Felder und Wälder; anregen und fördern, er will auf Schäden aufmerksam machen/, die eiitgetreten sind oder drohen, damit die nötige Whülfe —i sei es von Stapt aber Gemleinde — ernteten kann und er will die/ seines Erachtens nötigen Mittel zur Whülfe jn Erwägung ziehest und in Anregung bringen. Er will helfen durch werktätige! Arbeit nicht durch unfruchtbare Kritik. In den Vereinen, bti einzelne Gegenstände der ländlichen Heimatpflege, Wohlfahrt- undl Küustpflege fördern, erblickt der Verein liebe Verwandte, die hoffentlich das neu Heranwachsende Kind in Gnaden ausnehmen werdest.^ Ein solcher Verwandter, der Historische Verein zu Butzbach, hat seine Beziehungen zu uns gewiß nicht zu beklagen gehabt, wav es doch gerade unser Verein, der bei der Beschaffung der Mittel für das schöne Heimat- und Trachtenmuseum zu Butzbach wesentlich! mitgewirkt hat. . I
Bei unserer Arbeit aber bedürfest wir der MithUlfe vor


