Ausgabe 
21.1.1907
 
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Führen Sie den Herrn Rittmeister sofort hierher, Franz!"

Ist nicht mehr nötig, bester Oskar!" klang eine Stimme von der Tür hier und unter der mattblauen Portiere erschien der Gemeldete bereits, elegant wie immer, in smokiug und blendendweißer Wäsche und Lackschuhen,

lF-ortiet-ung folgt.).

Aer Spiegel.

Zur fünfzigjährigen Erfindung des S i l b c r s p i e g e l s durch Liebig (1856).

Von Dr. Franz K i t t l e r.

Nachdruck verboten.

Ein geistreicher Geschichtsschreiber der Technik hat vor Jahren den Spiegel nicht mit Unrecht als eine Allegorie ans die engen Beziehungen von Leben und Tod bezeichnet: vorn blickt das frohe, . eitle Leben hinein, und auf der Rückseite, in dem giftigen Belage, ist das. gefährliche Quecksilber enthalten, das alljährlich Tausenden der in der Spiegelindustrie beschäftigten Arbeiter den Tod brachte. Es ließen sich noch viele schöne Be­trachtungen über dieses enge Aneinanderwohnen von Schönheit und Verderben, über glänzende Oberfläche und häßliche Rückseite usw. anstellen, aber die Frage, die vor nunmehr fünfzig Jahren von dem genialen Chemiker Liebig durch die Erfindung des Silber­spiegels gelöst wurde, ist zu ernst, in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht zu tief einschneidend, als daß nian sie mit oberfläch­lichen Bemerkungen nbtun könnte. Wer sie in ihrer ganzen Bedeutung würdigen will, für den ist es unbedingt nötig, sich erst, einen allgemeinen Ueberblick über die Geschichte des Spie­gels und die Art und Welse seiner Herstellung sowie ihrer Ge­fahren zu verschaffen.

Diese Gefahren tauchten erst in verhältnismäßig später Zeit ans, nni dann allerdings Jahrhunderte lang ihre verderbenbringen­den Wirkungen auszuüben. Die ältesten Spiegel besaßen noch nicht den gefährlichen Quccksilberbelag: cs waren sogenannte Metallspiegel, also ebene Platten aus Gold oder Silber, vielfach auch aus Bronze, deren Oberfläche glatt poliert war. Solche Spiegel sind auch heute noch vielfach im Gebrauch und zwar in Instrumenten, die zu wissenschaftlichen Forschungen dienen. Wer die Art und Weise, wie der Glasspiegel das Bild zurückwirft, genauer beachtet, wird bemerken, daß stets zwei Bilder ent­stehen: ein kräftiges, deutlich sichtbares, das von der Rückseite des Glases her reflektiert wird, und daneben ein zweites, viel schwächeres, dessen Entstehung auf den reflektierenden Eigen­schaften der Vorderseite beruht. Derartige Doppelbilder beein­trächtigen wissenschaftliche Forschungen, insbesondere astronomische Beobachtungen usw. sehr, und man benutzt deshalb in Spiegel- seleskopen und vielen anderen Instrumenten ausschließlich den Metallspiegel, der nur eine glattpolierte Vorderseite besitzt, und der deshalb nur ein einziges scharf un-.grcnztes Bild gibt. Auch dunkle polierte Steine wurden im Altertum als Spiegel ver- lvendet.

Die ersten sicheren Nachrichten von Glasspiegeln stammen aus dem Jahre 1250. In diesem wird ihrer von Vincenz von Beauvais Erwähnung getan, der hervorhebt, daß die besten Spie­gel die gläsernen mit Blei überzogenen seien. Man kann daher wohl annehmen, daß die belegten Spiegel in der Mitte deö dreizehnten Jahrhunderts anskamen. Ums Jahr 1308 begann in Murano bei Venedig die erste regelrechte Spiegelfabrikation, das heißt, es wurden geblasene Glasstücke hinten mit einer dünnen Bleischicht belegt. Ein sehr gutes Bild gaben diese Spiegel natür­lich nicht, aber trotzdem verbreiteten sie sich sehr rasch, und viel­fach wurden sie mit kostbaren Fassungen versehen. Diese Art der Fabrikation erhielt sich bis gegen Ende des siebzehnten Jahrhun­derts. , Damals kam dann die Methode der Spiegelherstellung auf, die sich bis in die Neuzeit erhalten hat.

Ihr Erfinder ist der Franzose Abraham Thevart in Paris, der im Jahre 1688 die ersten gegossenen Spiegel fabrizierte. Der Guß bot gegenüber dem Blasen erhebliche Vorteile. Man konnte eine viel dünnere und vor allem gleichmäßigere Glas- schrcht Hersteller!, wodurch Zerrbilder, !vie sie in allen alten ge­blasenen Spiegeln entstanden, vermieden wurden. Infolge der hervorragenden Eigenschaften der neuen gegossenen Spiegel sanden sie schnell Anklang, und bereits 1697 erstand zu Neustadt an der Dosse Deutschlands erste Spiegelfabrik.

Die Art und Weise, wie der Guß vorgenommen wird, ist zremsich einfach. Der Glassatz wird im Ofen geschmolzen und dann aus Häfen, die zum Gießtisch hingefahren werden, aus diesem ausgegossen. Dieser Gießtisch war früher eine sehr kost­bare Einrichtung. Er mußte nämlich absolut glatt und eben

sein und man stellte ihn deshalb bis in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus einer sorgfältig polierten Bronzeplatte her. Jetzt nimmt nian eine nbgehobelte, gußeiserne Platte, auf der man das ausgegössene Glas mit einer hohlen Gußeisenwalze auswalzt. Die Glasplatte erkaltet allmählich auf bem in einen Kühlofen geschobenen Gußtisch und wird dann geschliffen und poliert.

Nun erfolgt das Belegen, das früher eine der gefährlichsten Arbeiten war, die aber durch die vor nunmehr fünfzig Jahren erfolgte Erfindung des Silberbelags durch. Liebig ihrer Schrecken beraubt worden ist. Die Gefahr bestand darin, daß beim Be­legen mit Quecksilber gearbeitet werden mußte, dessen giftige Dämpfe dabei natürlich in großen Massen eingeatmet wurden. Auf einem horizontalen steinernen Tisch ivurbe ein Staniolblatt, also ein Blatt von dünn gewalztem Zinn ausgebreitet, auf dieses wurde dann mittels eines Filzbausches Quecksilber aufgerieben, wobei immer neue Massen aufgegossen und fo lange gerieben werden mußten, bis sich eine etwa 2 bis 3 Millimeter hohe Schicht einer Quecksilberzinnverbindung, das sogenannteZsiiu- amalgain" gebildet hatte. Auf das Quecksilber wurde die sorg­fältig gereinigte Glasplatte aufgeschoben und mit Gewichten be­schwert, um den Rest des Quecksilbers herauszupressen. War die Platte etwa 24 Stunden laug auf die Amalgamschicht auf- ' gepreßt, so blieb an ihr ein dünner Belag hängen, der etwa 25 Prozent Quecksilber enthielt. Der Rest des Quecksilbers floß im Laufe von ungefähr drei Wochen ab, wenn man den Spiegel aufrecht auf die Kante stellte. Nach dieser Zeit war er zum Versand bereit.

Aus dieser Beschreibung ist zu ersehen, daß die Arbeiter der Spiegelfabriken fortwährend mit Quecksilber zu tun hatten, und daß auch alle Räume einer Spiegelfabrik ständig mit den schon bei gewöhnlicher Temperatur reichlich sich bildenden Quecksilber- dnmpfen erfüllt waren. Nun ist aber das Quecksilber gerade in der Form seiner Dämpfe ein furchtbares Gift, und jeder Arbeiter, der in einer Spiegelfabrik alten Stils beschäftigt war, war ohne weiteres als Todeskandidat anzusehen. Schon nach kurzer Be­schäftigung stellten sich die ersten Symptome der Vergiftung ein: Mund- und Rachenentzündung und Zerfall der Mundschleimhaut, sowie des Zahnfleisches; die Zähne lockerten sich und fielen bald von selbst aus. Der ganze Körper verlor an Kraft, die Hautfarbe wurde blaß, die Augen trübe und infolge ständiger Appetitlosig­keit und heftigen Magen- und Darmkatarrhs trat rasche Abmage­rung verbunden mit Kräfteverfall ein. Hierzu kamen Schlaflosig­keit, Kopfschmerzen, Herzklopfen usw. usw. Infolge allgemeiner Schwäche mußte zwar die Beschäftigung in der Spiegelfabrik bald eingestellt werden, aber damit trat keine Gesundung ein: der erkrankte Arbeiter schleppte bis zu seinem frühen Tode einen siechen Körper dahin.

Bedenkt man, daß in der Spiegelfabrikation Tausende von Arbeitern beschäftigt sind, von denen früher aus das Jahr ge­rechnet fast sämtliche erkrankten, so wird mau die Bedeutung der Erfindung des Silberspiegels durch Liebig in ihrem vollen Werte zu ermessen vermögen. Im Jahre 1856 beobachtete dieser Alt­meister der Chemie, daß eine natronhaltige ammoniakalische Silberlösung, wenn man sie mit einer zuckerhaltigen Lösung von weinsleinsaurem Kupfer zusammenbrachte, einen wunderbar glän­zenden Silberüberzug an den Glaswänden des Kolbens, in dein die Mischung beider Flüssigkeiten vorgenommen wurde, absetzte. Er erkannte sofort die Bedeutung dieser Entdeckung und arbeitete sie zu einem Verfahren aus, bei dem die Platte des Spiegelglases anstatt mit dem giftigen Zinkamalgam, mit dem vollständig un­schädlichen Silber überzogen wurde. Eingeführt hat sich seine Methode aber deswegen noch lange nicht: sie wurde zu einer Zeit erfunden, wo man sozialen Fragen noch sehr wenig oder gar kein Verständnis entgegenbrachte, wo das Leben und die Gesundheit des Arbeiters noch wenig galten und wo viele Fabrikanten lieber ihre Arbeiter elend zugrunde gehen ließen, ehe sie auch nur einen Pfennig für die Einführung einer neuen Methode ausgaben, die ihnen keinen erhöhten Gewinn versprach. Man hat jene Zeiten oft alspatriarchalische" bezeichnet, ein Begriff, der, wie man sieht, nicht immer einen besseren Zustand deckt. Hierzu kam, daß der Glanz der Silberspiegel etwas geringer ist, als der der Quecksilberspiegel und auch dieses mag dazu beigetragen habens die Spiegelfabrikanten von ihrer Einführung absehen zu lassen.

So wären also trotz der Liebigschen Erfindung die Zustände in der Spiegelindustrie wahrscheinlich die alten geblieben, wenn sich nicht die Gesetzgebung ins Mittel gelegt hätte. Als die Fortschritte der Hygiene ihren Einfluß auf die Gesetze in erhöhtem Maße als früher geltend zu machen begannen, da wurde auch das Belegen der Spiegel mit Quecksilber im Gebiete des deutschen Reiches durch einen Gesetzesakt verboten. Dieses in sozialer und